Geschichten. Überall und Jederzeit

Wer hat uns zum Schreiben inspiriert?

Oft wird man gefragt, wen man als Vorbild sieht. Besonders häufig als
Kind: Wie möchtest du mal werden, wenn du groß bist? Wem möchtest du nacheifern? Wer ist dein Vorbild? Shakira? Michael Jordan? Marie Curie? Barack Obama? Malala Yousafzai?
Auch im Erwachsenenleben begegnet einem das Thema. Spätestens bei der Passwortwiederherstellung kommt die Sicherheitsfrage „Wer war dein Idol in Kindheitstagen?“ Die Antwort hat man vor zehn Jahren ausgefüllt und nun sitzt man da und überlegt.
Wer war ich damals, was könnte ich eingetragen haben?
gefolgt von
Würde ich die Frage heute anders beantworten? Was will ich mit meinem Leben anfangen?

Ist es leichter, in der Spur zu bleiben, wenn man klare Vorbilder hat? Oder auf englisch: role models. Leute, die den eigenen Weg vorausgegangen sind und ihn geprägt haben.

Gerade jungen Autor*innen wird die Frage nach den Vorbildern häufig gestellt. Irgendjemand muss uns ja auf die Idee gebracht haben, selbst schreiben zu wollen, oder? Welche Autor*innen haben uns beeinflusst?

Astrid Lindgren! Sie ist die, die mich immer wieder zurück zum Schreiben bringt, wenn ich den Mut verliere.

„Es gibt die Dinge, die muss man tun, [auch wenn man Angst hat]. Sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck.“

Das sagt Krümel so oder so ähnlich in Die Brüder Löwenherz, eins meiner Lieblingsbücher. Ich muss in meinem Leben nicht gegen Tengil oder Katla kämpfen oder auch nur annähernd so viel Mut aufbringen wie Krümel und Jonathan. Aber ich habe eigene Dämonen, die mir gerne einreden, dass ich es lassen soll. Nur der Punkt ist: Es ist zu lassen, nur weil wir Angst haben, ist keine Lösung. Wenn es etwas gibt, was ich gerne hinterlassen möchte, dann ist das diese Botschaft: Du kannst alles werden, was du willst. Du kannst alles schaffen, was du willst. Lass dir nie, niemals einreden, dass du für etwas nicht gut genug bist. Weder von deiner Umgebung noch von dir selbst. Das ist mein Antrieb und meine innerste Motivation und Krümel zerrt mich immer wieder aus meinem Loch, wenn ich das vergessen habe.
Deswegen Astrid Lindgren. Dicht gefolgt von Michael Ende: Gegen die grauen Herren!

Oh ja, es ist kompliziert. Denn meine Vorbilder sind gleichzeitig Autor*innen, von denen ich abrate, sie zu lesen. Lest sie mit Bedacht. Wenn eure Kinder diese Bücher in die Hand nehmen, sprecht mit ihnen darüber. Über Klischees, Vourteile, Liebe und Respekt für sich selbst.

Meine Vorbilder sind Enid Blyton und Karl May.
Warum sie überhaupt meine Vorbilder sind? Beide sind erfolgreiche, auflagenstarke Autor*innen, millionenfach im In- und Ausland verkauft. Sie haben geschrieben, als gäbe es kein Morgen. Seite um Seite gefüllt, meist per Hand. Enid Blyton hat über 700 Werke geschrieben, bei einer Lebenspanne von 71 Jahren macht das … 15 – 20 Schriften pro Jahr??? Hat sie überhaupt geschlafen? Gegessen?
Beide haben meine Kindheit nachhaltig geprägt. Karl Mays Winnetou war „der edle Wilde“ – was heute als Klischee erkannt und verrufen ist, war damals für mich ein erstrebenswertes Leben: tagelang durch die Wildnis reiten, genau wissen, was richtig und falsch ist und trotz Hindernissen danach handeln. Freunde, Schwache beschützen und einen Blutsbruder haben.
Ähnlich war es mit allen Büchern von Enid Blyton: ob bei den Fünf Freunden, in der Abenteuer-Reihe, bei Dolly oder bei Hanni und Nanni – immer ging es um Abenteuer, die mit Hilfe der Freundschaft unter den Protagonisten überstanden werden konnten. Ich habe diese Bücher verschlungen. Wäre mein Leben nur auch so gewesen!

Warum meine Vorbilder mit Vorsicht zu genießen sind: Beide sind die Kinder ihrer Zeit gewesen. Sowohl Karl May als auch Enid Blyton haben sowol rassistische als auch sexistische Stereotype in ihren Büchern untergebracht, diese Stereotype genutzt, um die Geschichte voranzubringen ohne sich die Mühe machen zu müssen, in die Tiefe zu gehen.
Enid Blytons Bücher hatten zudem meist noch gemeinsamen Plot: Ein Neuling kommt in eine bestehende Gruppe: ob das Georg in Fünf Freunde gewesen ist, Dolly in den nach ihr benannten Büchern oder Hanni und Nanni. Um in die Gruppe aufgenommen zu werden, mussten sie sich stark anpassen, zum Teil durch eine Intervention der Gruppe gebrochen werden. Von Akzeptanz oder Toleranz von seiten der Gruppe war nicht die Rede.

Wie sehr habe ich mir als Kind gewünscht, Ziel einer solchen Intervention zu sein. Dass irgendetwas passiert, das mich dazu bringt, so zu werden, dass ich am Ende zu einer Gruppe toller Menschen gehöre.

Ich habe euch vorgewarnt, es ist kompliziert. Enid Blyton und Karl May bleiben meine Vorbilder in Bezug auf ihre Liebe und ihre Leidenschaft zum Schreiben. Aber ich wünsche keinem Kind mehr, diese Bücher unreflektiert lesen zu müssen ohne die Möglichkeit, sich über Stereotype austauschen zu können und ohne jemanden, der dem Kind sagt, was eine gesunde Selbstliebe ist.

Photo by Brett Jordan on Unsplash

3 Kommentare

  1. Gaby

    Man kann vieles, jedoch nicht alles erreichen, wenn man hart arbeitet. „Vieles“ ist ja auch schon ein Erfolg, nicht wahr? Mut, Rückgrat, sich Fehler erlauben und nicht aufgeben ist das was zählt, was Kinder lernen sollten. Dazu sind diese Autoren wunderbar.

    • Jana

      Liebe Gaby, „alles erreichen, wenn man hart arbeitet“ war auch nicht das, was ich sagen wollte. Ich wollte sagen, dass einem alle Wege offen stehen und man sich nicht von vermeintlichen Stopp-Schildern hindern lassen sollte, etwas zu tun.
      Wohin die Wegen einen schließlich führen, wie man sie gestaltet und natürlich auch, welchen Hindernissen man wie begegnet – all das ist der Stoff für viele weitere Geschichten.
      Und weil es gerade so gut zum Thema passt, noch ein (wie ich finde sehr kluges) Zitat von Puh, dem Bären: „Man sagt, nichts sei unmöglich. Aber ich tue den ganzen Tag nichts.“

  2. Gaby

    Eine Superanalyse zu alteingesessenen Autoren. Kinder werden heute allerdings sehr wenig zu kritischem Denken angeregt. Zuviel Internet, zuwenig Zeit der Eltern. Toll, wenn man gerade diese Klischees liest und sich dann die Freiheit nimmt, oder soll ich sagen den Gedankenaufwand angeht, sich der intellektuellen Herausforderung zu stellen, und selber zu entscheiden,

    was gerade für jeder einzelnen Leser annehmbar ist oder eher abzulehnen. Schule sollte dies lehren. Das Internet macht es keinesfalls

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