Verloren in den Gängen

Tragikfaktor 3/5

Ihr braucht: Fantastisches Element, Archiv oder Registratur

„Holen Sie mir bitte die Akte aus Regal E-7965-21-I, Fach 45. Das ist irgendwo da hinten. Die Regale sind nummeriert, das finden sie leicht.“

Jule hatte damit gerechnet. Erste Arbeitstage sind ja irgendwie prädestiniert dafür, die neue Kollegin erstmal in die Irre zu führen. „Holen Sie mal einen Kaffee da und dort.“ – „Da war nur ein Blumenladen.“ – „Oh, wirklich, tut mir leid, mussten Sie weit laufen?“ Oder „Fragen Sie mal den Kollegen Schneider.“ – „Es gibt nur den Hausmeister namens Schneider.“ – „Ach stimmt, ich meinte Schmidt.“ Und sicherlich gab es tausend Varianten davon. Eine Akte zu suchen, die es nicht gab, war vielleicht nicht die kreativste, aber zeigte doch einen gewissen Humor. So gesehen war Jule zunächst nicht besonders irritiert gewesen, als sie in die vorgegebene Richtung ging und die Ziffern auf den Regalen so gar nicht zu dem gesuchten passen wollten. Da waren A- und B-, plötzlich stand da ein X, dann ein Z. Sie fand auch ein E-Regal, allerdings mit der Nummer E-67-9-A. Vielleicht hätte sie fragen sollen, was genau die Nummern bedeuteten. Sie entschied, sich noch ein bisschen umzusehen und dann mit leeren Händen zurückzugehen, sich einen Lacher abzuholen und gute Miene zu bösem Spiel zu machen. Erste Arbeitstage sind immer scheiße.

Sie war fasziniert von den Ausmaßen der Registratur. Regal um Regal soweit das Auge reichte. Es schien kein Ende zu nehmen.

„Hallo?“, fragte sie. Vielleicht gab es einen Mitarbeiter, der ihr weiterhelfen konnte. Irgendjemand musste hier arbeiten und die Akten einsortieren und wieder heraussuchen. „Hallo?“

Keine Antwort. Es war Zeit zurückzukehren. Sie drehte sich um, doch auch hinter lagen Regalreihe um Regalreihe, es sah genau so aus wie vor ihr. War sie wirklich von dort gekommen? Sie drehte sich um sich selbst, jede Richtung sah gleich aus.

„Hallo?“

Sie griff nach ihrem Smartphone, bereit einen Kollegen anzurufen und sich der Peinlichkeit auszusetzen, sich verlaufen zu haben, doch dann fiel ihr auf, dass sie es auf ihrem neuen Schreibtisch hatte liegen lassen. Aber der Raum konnte ja nicht unendlich sein, irgendwo musste sie auf eine Wand oder eine Tür treffen, nicht wahr? Sie entschied sich für eine Richtung und ging los.

Viele Meter von ihr entfernt schloss sich die Tür zur Registratur. Ein Schlüssel wurde gedreht und einige erleichterte Atemzüge ausgestoßen. Das Opfer war in die Falle gegangen. Das Böse war für eine Zeit lang wieder besänftigt.

Zurück zum Adventskalender.
Zurück zur letzten Tür.
Weiter zur nächsten Tür.