Geschichten. Überall und Jederzeit

Schlagwort: Vergessen

Erinnerung

von Jana, Lesezeit ca. 5 Minuten

Dieser Text war eine Aufwärmübung und ich habe mich von zwei Sätzen aus Christoph Ransmayrs „Die letzte Welt“ inspirieren lassen:
„Und Echo kannte viele Geheimnisse der eisernen Stadt, […].“
„Nun senkte sich der Blick, wandte sich ab, dorthin, wo eine Frau an eine Tür gelehnt stand.“


Er war wie einer von vielen in diese Stadt gekommen – ohne Habseligkeiten, ohne Bleibe, ohne Erinnerung an eine Zeit davor. Natürlich hatte es ein Leben davor gegeben. Ein Leben außerhalb dieser rußgeschwärzten Mauern, dieses stinkenden, erdrückenden Daseins, ohne eine Ahnung von Sonnenlicht, klarer Luft und der Weite schneebedeckter Felder. Doch dieses Leben, dieses Davor, war zu schmerzhaft, als das Echo wagte, sich daran zu erinnern. Und deswegen hatte er das Davor abgestreift wie einen abgetragenen Mantel, hatte alles aus seinen Erinnerungen gelöscht, auch das kleinste Fitzelchen von Andenken vergraben, wortwörtlich, in einer schlammigen Kuhle am Wegesrand, bevor er seinen Fuß in diese Stadt gesetzt hatte. Nur seinen Namen hatte er behalten und er bereute es immer häufiger. Denn sein Name war mittlerweile bekannt in der Stadt unter den Leuten, besonders den armen Schluckern, die auf Straßenecken hockten und auf den Gehsteigen vor den Tavernen, in der Hoffnung, zu Ladenschluss etwas abzukommen. Einen halben Becher Wein, ein übrig gelassenes Stück Brot. Diese Menschen waren es, die Echos Namen nunmehr kannten und sie trugen ihn weiter und weiter durch die Straßen der Verlierer. Auch die Dirnen kannten ihn und sie riefen ihn, wenn er an ihnen vorbeiging. Riefen ihn mit ihren kehligen, kratzigen Stimmen, aber manchmal auch lieblich und sanft, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Und dann war es wie ein Windhauch an seiner Wange, wie zarte kühle Finger, die seinen Nacken entlang streiften, wie der Duft von Rosen. Dann war es, dass er bereute, seinen Namen behalten zu haben, denn die Erinnerung verschluckte ihn plötzlich wie ein unergründliches schwarzes Loch.

 

Heimkehr

von Jana, Lesezeit ca. 2 Minuten

Er war zu lange nicht mehr hier gewesen. Die niedrigen grauen Häuser, gedrängt und zerknittert wie ein zusammengeknülltes Taschentuch. Weggeworfen. Vergessen mit all ihren Erinnerungen. War da etwas gewesen? Etwas, das „gut“ sagte? Etwas, das nach Kindheit schmeckte? Nach Geborgenheit roch? Sich wie Ankommen anfühlte? Vertraut im Inneren nachhallte? Nein, nichts.
Keine Szene, die ein Lächeln in sein Gesicht zauberte. Auch keine, die Schmerz, Verzweiflung oder Wut mit sich brachte.
Könnte er nur hier oben stehen, auf die verlassene, weggeworfene Heimat eines Mannes schauen, der er selbst gewesen war und seine Wut hinausschreien: Laut, roh, verzweifelt.
Könnte er mit heraufbeschworenen Bildern glücklicher Tage den sterbenden Heimstätten Leben einhauchen, nur für einen sinnlosen, vergänglichen Moment.
Alles wäre besser als dieses Nichts, das sie einander spiegelten und das sich fortsetzte, bis ein Abgrund in einen anderen schaute. Selbst Schmerz wäre besser. Nein, nicht besser. Anders. Echter. Klarer. Fassbarer. Ein fassbarer Schmerz, ein Stachel, den er benennen und herausziehen könnte.
Er starrte in den Abgrund, der Abgrund starrte zurück. Ein zusammengeknülltes Taschentuch ohne strategische Bedeutung. Er wandte sich um.
„Brennt es nieder!“, befahl er.

P.S. Dieser Text ist entstanden, während ich „White Noise White Heat“ von Elbow in Dauerschleife gehört habe.

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