Geschichten. Überall und Jederzeit

Schlagwort: Schreibexperiment

von Jana, Lesezeit ca. 3 Minuten

Es ist nicht völlig dunkel im Innenbad. Licht scheint durch den Lüftungsschlitz in der Tür, genau wie durch den Rahmen. Die Tür schließt nicht komplett ab. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit und ich kann das Innenleben meines Bads erkennen. Den Heizkörper, die Toilette, Waschbecken, Wäscheständer. Endlich auch den Block auf meinen Knien. Die Schrift vermutlich nie, auch später nicht im Hellen [Anmerkung: Doch, war überraschend gut zu lesen!]. Was wollte ich hiermit beweisen? Schreiben im Dunkeln?!
Dunkelheit ist gleich Unendlichkeit. Zumindest in meinem Kopf liegen diese zwei Begriffe so nah beieinander. (Liegt vermutlich an Star Trek.) Da ist so viel, was wir nicht sehen. Es macht Angst und doch auch nicht. In der Dunkelheit verschwinde ich selbst auch, zusammen mit den Sorgen und Schrecken. Zumindest in dieser Dunkelheit. Liegt es am Licht, das nur wenige Meter entfernt ist? Das Wissen, dass dort Leben und Alltag ist, während ich nur kurz Pause mache hinter dieser Tür. Eine Auszeit, eine Art innere Einkehr, denn wirklich sehen tue ich gerade ja nur mein Selbst (und ein Stück roten Teppich direkt unter dem Lüftungsschlitz).
Es gibt noch die andere, umfassendere Dunkelheit. Nachts habe ich mich noch nie sicher und neugierig für die Geheimnisse in den Schatten gefühlt, im Gegenteil. Nachts finden mich immer die Monster. Die Dämonen, die sich tagsüber in verborgenen Winkeln meines Kopfes verstecken. Aber auch da hilft das Schreiben. Sind die Ängste erstmal auf dem Papier, werden aus den Dämonen bellende Hunde und im Licht des Tages lästige Mücken. Zumindest meistens.
Es kommt eben doch darauf an, wie hell das Licht ist, das mich am Ende der Dunkelheit erwartet.

 

Hiermit endet die Reihe „Schreiben überall“ erstmal. Auf mittendrin.blog geht es natürlich weiter. Alles Neue erfahrt ihr auf Instagram! Stay tuned, stay safe.

von Jana, Lesezeit < 5 Minuten

„Wir schließen in dreißig Minuten.“ Wie oft sie diesen Satz schon gehört hat. Sie gibt immer die gleiche Antwort („Das macht nichts.“), reicht die Jahreskarte über den Tresen und bekommt sie mit dem Papierticket zurück. Dann an den restlichen Kassen vorbei, geradeaus und nach rechts. Die Sonderausstellung. Letzter Tag.
Sie hat geglaubt, sich lange genug darauf vorbereitet zu haben, auf das Loslassen und doch gibt ihr das rot leuchtende Hinweisschild einen Stich. Sie nickt der Aufsicht kurz zu, geht in die Räume. Im letzten Saal ist die Wand mit den Fotografien. Er ist leer, wie immer um diese Zeit und sie setzt sich auf die mittlere Bank. Von hier aus hat sie den besten Blick.
„Der Künstler begann mit Fotografien.“ Einmal war sie zu einer Führung hier gewesen. „Sie sehen eine Auswahl von Motiven seiner Heimatstadt. Man kann schon an diesen Fotos seinen außergewöhnlichen Blick für Perspektive erkennen. Wenn Sie genau hinsehen…“
Sie hat es sofort erkannt. Das windschiefe Dach, die schmale Regenrinne, die die Vorderfront in der Mitte teilt und auf der Rückseite der Walnussbaum, majestätisch und ausladend überragt er das Hexenhäuschen. So hatten sie es getauft, Hexenhäuschen. Wenn sie die Augen schließt, dringt der Geruch der Küche zu ihr, nach Äpfeln und Moder, tanzen Staubflocken vor ihren Augen im Sonnenlicht, das durch die blankgeputzten Scheiben fällt. Sie fühlt die Stille auf ihren Schultern, die in der guten Stube einzuhalten war, wo ihr Großvater mit der Pfeife im Sessel saß und vor sich hin dachte. Sie spürt das Gras unter ihren Fußsohlen, schmeckt die frisch geknackten Walnüsse auf der Zunge.
Wenn Sie genau hinsehen. Steht dort hinter dem Fenster im ersten Stock nicht jemand? Das Schlafzimmer ihrer Großeltern. Winkt die Person ihr nicht gerade zu? Vielleicht ihre Großmutter als junges Mädchen?
Vielleicht nur ein Schatten, eine optische Täuschung. Das Hexenhäuschen gibt es schon lange nicht mehr.
„Verzeihung, aber wir schließen jetzt.“ Sie hätte das Bild kaufen sollen, vielleicht war das sogar möglich. Oder wenigstens den Ausstellungskatalog, aber sie weiß, sie wird es nicht tun. Sie will die Erinnerungen nicht mitnehmen, zwölf Wochen Ausstellung waren genug.
„Ist gut, danke.“ Sie steht auf und fragt den Aufseher, welches Bild ihm am besten gefällt. Es ist ein Gemälde vom Meer.
„Ein Klassiker, ich weiß, aber es erinnert mich an zu Hause, verstehen Sie?“
Nur zu gut.

 

Diesen Text habe ich auch zu Hause fertig geschrieben. Ich hatte tatsächlich nur dreißig Minuten bis Schließung und habe in dieser Zeit lieber die Atmosphäre mehr auf mich wirken lassen.

von Jana, Lesezeit < 5 Min.

Freiheit ist Musik, laut und frei unter einem sich langsam verdunkelnden Himmel.
Menschen sind anders auf Festivals. Zugänglicher. Vielleicht liegt das aber auch an mir. Ich fühle mich dort immer daheim.
Ich bin dann in einem Garten hinter einer Villa und die ganze Welt der Musik öffnet sich für mich. Ich bin wieder 13, 14, 15, das Herz voller Schmerz und Verwirrung. Die Welt grausam und kalt, nur nicht hier. In diesem Garten ist die Welt für drei Tage in Ordnung. Trotz Dauerregen, brennender Sonne, müffelnden Toitois, halbgarem Döner und ab und an musikalischen Fernwelten.
Es ist ein wunderbarer Ort, für eine Weile bin ich sicher und aufgehoben. Zuhause warten Mitschüler, unter denen ich auffalle wie ein Panda in buntem Karomuster. Und wir wissen, was passiert, wenn man 13, 14, 15 ist und partout nicht dazupassen will.
Im Garten kennt man sich. Im Garten ist man einer von vielen.
Dieses Gefühl überkommt mich immer, wenn ich an ähnlichen Orten bin. Eine kleine Bühne, Himmel, ein bisschen Grün. Auch wenn es hier nur Sträucher sind, die sich tapfer gegen die städtische Versiegelung wehren. Bunte Lichter, buntes Graffiti und dieser Schlag Menschen, den man immer dort findet, wo gute Musik gespielt wird.
Man kennt sich, selbst wenn man sich noch nie gesehen hat.
Vielleicht bilde ich mir das alles aber auch nur ein. Auf jeden Fall bin ich jetzt hier und irgendwie auch dort. Und ganz bestimmt Daheim.

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

Tom hasste die Höhe. Er liebte Geisterbahnen, doch in ein Riesenrad hätte er nie einen Fuß gesetzt. Sie dagegen schaute sehnsüchtig auf die Gondeln, die hoch in die Lüfte stiegen und egal wie klein oder albern das jeweilige Fahrgeschäft tatsächlich war, jedes Mal sprang ihr die Liedzeile in den Kopf. „Über den Wolken…“ Wenn sie wenigstens das hätte tun können. Die Ängste und Sorgen in die nächste Kabine packen und mitfahren lassen, wieder und wieder im Kreis. Noch vor der letzten Runde hätte sie sich davon gestohlen und sie dort gelassen. Doch Tom zog sie weiter.
Sie hasste Geisterbahnen. Sie konnte nicht verstehen, warum man sich freiwillig fürchten wollte. Er sagte, das wäre nur Spaß und sie müsste lockerer werden. Sie kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Er lachte und schoss ihr später einen Teddybären mit Herzstickerei. Er war niedlich und flauschig und nicht das, was sie wollte.
Sie steht allein vor dem Riesenrad, zögert. Es ist klein, voller bunter Leuchtdioden und alberner Bemalung. Soll sie wirklich? Die blondgelockte Frau im Kassenhäuschen winkt ihr auffordernd zu.
Das Rad setzt sich in Bewegung, sie mit ihm, hoch hinaus. Die Sonne blendet und im ersten Moment sieht sie nichts. Doch nach und nach gewöhnen sich die Augen an das Licht, werden die Häuser unter ihr kleiner, die Autos zu Spielzeugen, die Menschen zu Schachfiguren. Der Boden der Tatsachen schwindet. Sie will die Augen schließen, um den Moment zu genießen und schüttelt selbst den Kopf über sich. Nicht eine Sekunde wird sie verpassen. Nicht eine Sekunde Höhenflug. Als sie sich dem Boden nähert, schallt laute Musik zu ihr. „Somewhere over the rainbow“. Fast so schön wie über den Wolken.
Sie darf lange in der Kabine sitzen bleiben. Oben fällt das ihr das Atmen leichter. Oben fühlt sie sich beinahe frei.
Als sie aussteigt und die Türen sich hinter ihr schließen, sitzt der Teddybär mit Herzstickerei noch immer auf der Holzbank. Er wird einige Runden allein bleiben, bis er einen neuen Besitzer gefunden hat.
Bevor sie den Ausgang erreicht, dringt Frank Sinatra aus den Boxen. „I did it my way.“ Ganz genau.

 

Bei diesem Text habe ich minimal geschummelt: Idee und erste Sätze sind während der Riesenrad-Fahrt entstanden. Fertig geschrieben habe ich ihn dann an meinem Schreibtisch…

von Jana, Lesezeit < 5 Min.

Montags kauft niemand Möbel. Die sorgsam platzierten Dekogegenstände stauben ein, in den eingerichteten Muster-Wohnungen lebt heute kein Mensch. Verlassen liegt die Fundgrube da, ein Sammelsurium vergessener, leicht angeschlagener Möbelstücke, die niemand will. Heute nicht. Morgen nicht. Nie mehr.
Das rote Sofa in der Ecke sieht aus, als stünde es nicht erst seit gestern hier. Genau genommen sieht es nicht mal aus, als wäre es neu, eher so, als hätte es schon viele Leben begleitet, viele Besitzer getragen. Als hätte es Jeansstoff und Seidenkleider und müffelnde Socken ertragen, Hundehaare und verkippten Kakao. Setzte ich die Maske ab und röche daran, würde es nach gefärbten Stoff und Holzverkleidung riechen oder nach Wohnen, nach Leben?
Wie riecht Leben? Ein bisschen muffig vielleicht und nach den Blumen auf dem Tisch, nach angebratenen Zwiebeln, nach Seife, Waschmittel, nach Staub und Schweiß, nach dir und mir.
Ich habe Mitleid mit diesem Sofa, es ist für Menschen gemacht und nicht für diese dunkle Ecke am Ende des Möbelhauses, in die sich heute niemand außer mir verirrt. Wo es gespenstisch still ist, abgesehen von den halb verschluckten Tönen der ewig-nervigen Werbejingles, nur unterbrochen durch ein paar völlig überhörte Dauerhits.
Das ist kein Ort zum Bleiben. Doch ich kann es nicht mitnehmen.
Ich wünsche ihm eine Familie. Ich wünsche ihm das Leben oder die vielen Leben, nach denen es jetzt bereits aussieht. Ich wünsche ihm, dass jemand es betrachtet und nicht die ramponierten Stellen sieht, sondern die Schönheit darunter. Die Schönheit, die sagt: Ich bin kein Möbelstück, ich bin ein Stück Leben.

von Jana, Lesezeit < 5 min.

It`s quite perfect here. Er wirkt perfekt, mit sich im Reinen. Entspannt zurückgelehnt, träumend, die Augen geschlossen, sunday-morning-mood. Nichts muss, keine Termine, keine Verpflichtungen, nur sein. Ein Ruhepol, umgeben von hellen, schmucklosen Mauern, kühl gegen die Hitze des schwülen Sommers.
Die Stimmen der Besucher hallen durch die Gänge, zurückgeworfen von den nackten Mauern, vielfach verstärkt. Wie in einer Bahnhofshalle am Sonntagabend kurz vor Abfahrt des letzten Zuges, im Aufbruch befindlich zurück nach wer weiß wohin. Hektisch, eilig, alle müssen, niemand will. Streit und Zorn und Abschiedsschmerz.
Ihn kümmert das alles nicht. Nicht die Welt, nicht ihr Schmerz. Ein Monument aus Stein. Blind, taub und schön. Makellos.
Er ist nicht allein. Sie tanzt um ihn herum, unablässig, Runde für Runde, eine eifersüchtige Beschützerin. Nur wovor? Die Welt kann ihm nichts anhaben. Und ich, ich sitze nur hier, beobachtend, neidisch auf seine gelassene Ignoranz, von der ich so gerne etwas abhaben möchte. Von der Haut aus Stein, von dem nach innen gerichteten Blick, auf ewig der Welt entrückt.
Der nächste Schwall von Stimmen, eine unaufhaltsame Welle Lärm und Hektik und Aufbruch. So fehl an diesem Ort.
Und wieder eine Runde der Beschützerin, die fragenden, ungeduldigen Blicke, die mich treffen. Was tut sie da?
Immer noch innehalten. Immer noch beobachten.
Und dann ehrfürchtig unter der strahlenden Kuppel die Erkenntnis: Du bleibst hier, für immer. Fern von dieser Welt in deinem kleinen Kosmos, blind und taub für uns. Der immer gleiche Raum, nur du, sonst nichts. Ich kann gehen, kommen und gehen wie die hallenden Stimmen, nur Besucher in deinem Stückchen Ewigkeit.
It´s quite perfect here. Doch bist du glücklich?
Ich jedenfalls gehe. Zurück in die schwüle Hitze des Sommers.

Der Text entstand im Rahmen eines Schreibexperiments „Schreiben überall“, das der Frage nachgeht, ob und wie sich der Ort, an dem man schreibt, auf den Text auswirkt.

„Abschalten und Tee trinken“ – ein Achtsamkeits-Schreibexperiment (Stand 20.12.)

Noch ein Hinweis, bevor es losgeht: Ich wollte gerne mit Euch teilen, welchen Tee ich zu den Schreibmomenten trinke und nenne daher Sorte und Marke. Die Produktnennung erfolgt dabei unaufgefordert und ich werde auch nicht dafür bezahlt. Es ist also keine Werbung, sondern wirklich nur Tee trinken 😉

Tee trinken und schreiben passt sehr gut zusammen. Über das Tee trinken schreiben klingt erstmal nicht so spannend. Trotzdem möchte ich es wagen. Jeden Tag ein neuer Tee. Duft, Geschmack, Assoziationen, Erinnerungen – mal sehen, was dabei herauskommt. Ich lade Euch ein auf eine gemeinsame Tasse Tee, eine kurze Auszeit vom Alltag.

Pfeffer, Zitrone, Zimt. Liebe ich alle drei. Zimt habe ich allerdings nie da, was mich immer dann ärgert, wenn mich die Lust auf Griesbrei überfällt. Griesbrei kaufe ich dann (ja, den fertigen, zum mit Milch anrühren, nein, ich schäme mich nicht dafür), aber Zimt vergesse ich immer. Griesbrei mit Zimt, das ist Kindheit und Wohlfühlen, wie eine Umarmung. Mit Kirschkompott. Oder Mandarinen. Oder einfach pur. Griesbrei gab es auch in der Schulkantine freitags. Der war nicht so gut, für den Wohlfühleffekt hat es aber gereicht. Man geht in der Fremde im Notfall Kompromisse ein. Mit Pfeffer kann man vieles retten, was geschmacklich fad daher kommt. Ich habe auch den bunten, weil mich die Auswahl schlicht überfordert hat. Bunt passt zu allem und das tut er tatsächlich. Zitrone ist auch ein Allheilmittel und sauer macht bekanntlich glücklich. Dieser Tee schmeckt für mich tatsächlich nach Glück, irgendwie. Nach Fröhlich-sein und Nicht-so-viel nachdenken. Er ist weich im Mund und gleichzeitig brennt die Pfeffernote ein bisschen nach. Er macht definitiv wach. Apropos wach: Ich und ungefähr fünfzig Krähen beobachen gerade einen traumhaften Sonnenaufgang. Rosa-violett-orange färbt sich der Himmel. Guten Morgen und vergesst nicht, unseren Adventskalender zu besuchen!

Himbeere! Schon der Beutel, den ich aus der Packung nehme, verströmt einen intensiven Duft nach Himbeere. Himbeer-Eis, Himbeer-Marmelade, Himbeeren pur, Vanilleeis mit heißen Himbeeren! Als Kind musste ich zu meinem ersten Vanilleeis mit heißen Himbeeren überredet werden. Nein, dafür habe ich im Nachhinein keine Entschuldigung.
Aufgebrüht überströmt der Himbeerduft des Tees sogar den Kaffee in der zweiten Tasse. Noch ein, zwei Mal pusten, dann kann ich probieren. Der erste Schluck ist hauptsächlich heiß. Aber bei der Kälte ist die Wärme durch die Tasse, die Wärme im Mund und der fruchtige Duft schon genug, um ein wohliges Gefühl auszulösen. Im Abgang schmecke ich dann die Himbeere und jetzt glaube ich auch, die kräftigere Cranberry herauszuschmecken. Beide Fruchtnoten ergänzen sich fabelhaft. Noch ein bisschen Orange und Zimt und der Weihnachtspunsch ist perfekt.
Früchte schmecken nach Sommer, nach Leichtigkeit. Fruchtiges Vergnügen würde ich den Tee nennen. Ich schwelge noch ein bisschen. Für die Fensterblick-Vermisser: Heute sieht man noch nicht mal eine Ahnung von Sonnenaufgang. Nur dunkles Blau.

Heute habe ich mich entschieden, erst zu trinken und dann nachzulesen, welcher Tee es ist. Auch auf die Gefahr hin, dass ich von Kakaonoten fasel und es eigentlich Pfefferminztee ist. Ist dann halt so.
Im Beutel verströmt der Tee einen intensiv Duft nach Kräutern. Vielleicht Brennnessel? Vielleicht Fenchel? Und da ist noch eine Note, die an Sommerwiesen mit Löwenzahn erinnert.
Aufgebrüht riecht der Tee süßlich und gar nicht mehr vordergründig kräutrig. Er ist sehr weich im Mund und hat eine gewisse Süße. Aber da ist auch etwas fruchtiges dabei. Zitronengras und ??? Ein sehr angenehmer Kräutertee, den ich mir mit extra Minze, Limette und Eiswürfeln auch gut als Sommerbowle vorstellen kann. Mittlerweile bilde ich mir auch einen gewissen Mentholgeschmack ein, also doch auch Minze? Jetzt habe ich so wild fabuliert, dass ich schon Angst habe, nachzuschauen. Die Blamage droht 😉
Wonderful Morning also, na, das klingt doch schon mal gut. Kräutertee ist es auch. Zitronengras und Mate ist drin, Süßholzwurzel und noch ein paar andere Dinge. Weder Minze noch Brennnessel, aber es hätte peinlicher für mich werden können. Bin eigentlich ganz zufrieden.
Zum Schluss noch der kurze Blick nach draußen: Graues Wolkenband zieht über den Himmel. Krähenparty im Innenhof, alles wie immer 🙂

Was für ein Himmel! Ich weiß, der Fensterblick war letzten Monat, aber man sieht heute unglaublich weit und da am Horizont färbt sich der Himmel gerade feurig rot. Hier, direkt vor meinem Fenster, ist es immer noch grau, fast farblos mit dunklen Wolkenbändern, die vorüberziehen. Vor dem erwachenden Himmel drohen die Türme von St. Benno. Ich schwöre, würde Caspar David Friedrich gerade an meinem Küchentisch sitzen, er würde diese Szene malen. Und wie immer schauen meine Krähen im Baum dem Schauspiel zu und verleihen dem Ganzen einen Hauch von Apokalypse.
Leider fällt mir kein sinnvoller Bogen zum Tee ein. Ich habe wieder nicht nachgeschaut, aber der Beutel roch schon nach Erdbeer-Sahne und der aufgebrühte Tee tut es auch. Erdbeer-Sahne – das war der Tee, den es in meiner Kindheit in der kalten Jahreszeit zum Abendbrot gab. Aus einer dicken bauchigen blauen Kanne, die auf ein Glasstövchen gestellt wurde, damit der Tee lange warm blieb. Erdbeer-Sahne ist also Vertrautheit, Familie, gemeinsame Zeit – so wichtig, das merken wir in diesem Jahr besonders! Geschmacklich bin ich eher bei Hagebutte gemischt mit irgendeiner Süße und es fühlt sich etwas sperrig im Mund an, so ein trockenes Gefühl, das ich mit Rooibusch verbinde. Ja, der Geruch gefällt mir besser als der Geschmack, aber da beides zusammen kommt, trinkt es sich trotzdem ganz wunderbar.
Zeit für die Auflösung: Skinni Vanilli mit (!) Hagebutte, Rooibusch und Erdbeeraroma 🙂 Dann noch Hibiskus, Süßholzwurzel und Vanille. Diese Blindverkostung gefällt mir immer besser.

Als ich den Beutel aus der Packung nehme, denke ich an Brombeere. Aufgebrüht ist die Orange aber deutlich. Orange und sonst nicht viel, auch geschmacklich nicht, daher tippe ich mal auf Grünen Tee mit Orange. Ich kann nicht sagen, dass er schlecht schmeckt, er schmeckt halt ein bisschen nach Nichts mit Orangennote. Man hat warme Flüssigkeit im Mund, weich und angenehm und im Abgang fruchtig. Ich habe eine Weile früh immer Grünen Tee getrunken, um mir das Kaffee trinken abzugewöhnen. Der Erfolg war mäßig. Ich liebe Tee und je öfter ich gerade diesen grünen Tee mit Orange trinke, desto besser finde ich ihn, warum auch immer. Aber Kaffee hat eben die unumstößliche Eigenschaft, Kaffee zu sein: Schmeckt so, macht wach und verknüpft im limbischen System Dinge, die Tee nicht verknüpfen kann. Kaffee tröstet, wenn es morgens noch dunkel und kalt ist. Kaffee erinnert an ausgedehnte Sonntagsfrühstücke, wenn endlich mal nichts zu tun ist. Tee kann Dinge, die Kaffee nicht kann. Tee wärmt, wenn man von einem plötzlichen Regenschauer durchnässt nach Hause kommt. Tee kombiniert sich perfekt mit Buch und Kuscheldecke. Tee hilft, wenn man sich besch* fühlt. Das ist zumindest bei mir so.
Die Tasse ist leer, was sagt die Auflösung? Huch, war gar kein Grüner Tee, sondern Orange & Lemon. Angeblich ist da auch Süßholzwurzel und Hagebutte mit drin, aber wo haben sie die denn versteckt? Ich trinke jetzt erstmal einen Kaffee…

Ein ganzer Kräutergarten begrüßt mich, als ich den Beutel aus der Packung nehme. Auch jetzt aufgebrüht ist der Geruch intensiv. Ein Kräutergarten in einem fernen, fremden Land. Es ist heiß und staubig, die Sonne brennt unerbittlich vom Himmel. Ich stehe im Schatten vom Wind gebeutelter Mauern voller Geschichte und blicke über den Garten auf die Stadt, die sich den Hügel hinab erstreckt, in der Ferne das blaue Glitzern des Meers. Goldbemalte Kuppeln heben sich vom Gewirr der eng zusammenstehenden Häuser ab. Ein Muezzin ruft zum Abdngebet, die Sonne geht unter. Endlich lässt die Hitze nach, der Garten verstörmt einen betörenden Geruch, der mich einhüllt, beruhigt. Ich bin zu Hause. Zu Hause in der Fremde. So riecht der Tee, so schmeckt er, vertraut und fremd zugleich. Intensiv, ein bisschen süß, ein bisschen bitter. Was immer herauskommt, es wird mein neuer Lieblingstee: Love me truly – na, wenn das nicht passt. Chai-Gewürz-Tee mit Zimt, Ingwer und Nelke. Orange und Fenchel ist auch dabei. Ich hätte mehr Kräuter vermutet, aber vermutlich übernimmt die Nelke den Job des Gartenfeelings. Spannend.

Pfefferminztee. Ich bin mir ziemlich sicher. Als ich Tasse abgestellt habe, dachte ich, ich würde auch Honig riechen, diese Note ist aber irgendwie weg. Pfefferminztee. Das ist so Kindheit, zu Hause, Vertrautheit, ich weiß gar nicht, wie ich das in Worte fassen kann. Ich habe das Gefühl, er war schon immer da und auch wenn ich ihn die letzten Jahre vernachlässigt habe, wird er sich vermutlich immer wieder in mein Leben schleichen. Nicht nur wenn ich krank war und bin. Ich war nie der Frühaufsteher, morgens aus dem Bett zu kommen war und ist für mich hart, aber dann auch noch frühstücken – unmöglich. Aber meine Mutter hat darauf bestanden, dass ich morgens vor der Schule etwas im Magen brauche. Ich ließ mich zu einem Keks überreden – und eine Tasse Pfefferminztee. Trotz des frühen Rituals ist mir der Tee nicht verhasst. Er war lange Zeit eine Art Grundnahrungsmittel. Vielleicht entdecke ich ihn jetzt wieder.
Schauen wir mal, ob ich überhaupt richtig lag: Okay, es ist passiert. Eine halbe Seite über den falschen Tee philosophiert, na herzlichen Glückwunsch, Jana. Little Dreamer heißt er und er besteht hauptsächlich aus Kamille, Zitronenmelisse und Lavendel (ausgerechnet, jetzt, wo ich es weiß, rieche ich ihn auch, verrückt). Aber zur Ehrenrettung: Ganz am Ende ist auch Grüne Minze aufgeführt.
Um die Peinlichkeit vergessen zu machen: Sonnenaufgänge im Dezember sind so wunderschön! Es sieht wieder märchenhaft wunderbar aus 🙂

Der Tee riecht frisch und fruchtig nach guter Laune, was gut ist, denn meine ist gerade im Keller. Keine Ahnung, warum. Es ist dunkel und kalt und ich bin wach und in meiner Küche, anstatt unter einer warmen, weichen Bettdecke noch zu träumen. Wobei ich heute Nacht eher Albträume hatte, aber darum geht es ja jetzt gar nicht, sondern um Tee. Tee: Fruchtig, zitronig, für meinen Geschmack ein bisschen zu zitroniges Aroma strömt mir entgegen. Er schmeckt etwas bitter, während in der Zitrusnote eher eine Süße liegt. Alles etwas verwirrend im Mund. Hätte ich mich gestern nicht so arg blamiert, würde ich ja Grüner Tee sagen. Grüner Tee mit Zitrone und definitiv nicht mein Lieblingstee in Zukunft. Aber riechen tut er gut, vielleicht ja als Duftstäbchen.
Okay, meine Laune wird nicht besser, ich hänge meine Nase noch ein bisschen in den Tee, vielleicht hilft es. Tatsächlich Green Tea Lemon. Draußen ist es immer noch stockdunkel, kein Sonnenaufgang, dabei sind ein paar Krähen schon da. Dunkle Sillouetten vor dunkelblauem Grund. Mir fehlt die Sonne.

Undefinierbar. Nicht, dass der Tee nach Nichts riecht, aber so tief ich meine Nase auch in die Tasse stecke, da will kein Kraut in meinen Kopf kommen, das dazu passt. Im Beutel roch es nach milden Kräutern, in der Tasse einen Hauch muffig, auch wenn das komisch klingt. Geschmacklich ist es auch schwierig. Streng ist das erste Wort, das mir in den Sinn kommt. Herb. Pfeife und Whiskey-Glas und altmodische Strickjacken. Dunkle Lederbezüge und hohe Bücherregale aus Eichenholz. Ein Feuer im Kamin und lange Nachmittag des Nichtstuns. Klingt gar nicht mehr so streng. Jetzt bin ich aber gespannt: Zen Balance mit Eukalyptus, Zitronengras und Ginkgo. Ginkgo ist auf jeden Fall gut fürs Gedächtnis, damit es sich lohnt, die ganzen Bücher in meiner imaginären Bibliothek zu lesen – oder halt in der eigenen. Einen schönen Tag wünsche ich!

Als ich am Beutel schnuppere, kitzelt meine Nase, daher tippe ich mal vorsichtig auf Pfeffer. Es riecht sehr kräftig, mit dem Versprechen nach spritzig. Aufgebrüht ist da auf jeden Fall eine blumige Note und beim ersten Schluck weiß ich, dass ich den Tee kenne. Diesmal wirklich… also hoffentlich. Tee-Sommelier werde ich so oder so nicht, aber noch so eine Blamage… egal. Der Tee schmeckt auf jeden Fall nach Sommer, nach Blumenwiese. Es ist süßlich und auch ein bisschen kräftig. Er hat ein hohen Wohlfühl-Wärme-Faktor. Ich finde, er ist ein guter Freitagstee. Man wird nochmal ins Geschehen geworfen, aber der Kopf ist schon halb im Wochenende. Die Welt soll einem heute nicht zu nah kommen, denn mental ist man irgendwie schon auf der Blumenwiese, beim Trampolinspringen und Wolken schauen. Ich wünsche Euch heute viele Wolken-Schauen-Momente. Ich löse nicht auf, ich lag nämlich schon wieder voll daneben. Ingwer statt Pfeffer. Und Zitrone statt Blumenwiese. Aber hey, es ist Freitag, also lächeln 🙂

Ein traumhafter Sonnenaufgang und etwas am Horizont, das wie ein sehr langsamer Komet oder eine seeehr langsam Sternschnuppe aussieht. Habt Ihr letzte Nacht Sternschnuppen beobachtet? Habt Ihr Euch etwas gewünscht? Meine Krähen befinden das Schauspiel am Himmel auch als hochinteressant, sie sind wieder zahlreich versammelt.
Aber es geht ja um Tee! Fencheltee ist es heute. Ich habe extra darauf geachtet, nicht den Namen auf der Packung gelesen, habe aber nicht an das kleine Schildchen gedacht, sodass es heute Morgen kein Ratespiel wird.
Fencheltee. Solide. Fast etwas langweilig. Love me truly oder Happiness klingen da deutlich aufregender. Dabei ist Fenchel alles andere als langweilig. Zumindest nicht für mich, da ich erst dieses Jahr zum ersten Mal in meinem Leben welchen gegessen habe (mein Papa hat ihn als „unessbar“ deklariert, deswegen gab es bei uns zu Hause keinen). Als Tee mag ich ihn zusammen mit Anis und Kümmel schon länger. Jeder Schluck zieht bei mir sofort in den Bauch und gibt mir ein wohliges, beruhigendes Gefühl. Ein Magen im Gleichgewicht kann Wunder wirken an schlechten Tagen. Einfach mal ausprobieren.

Ich habe meinen Ablauf morgens umgestellt und bin jetzt früher dran. Es ist noch stockdunkel und ich kann – neben meiner Tageslichtlampe – draußen – abgesehen von vereinzelter leuchtender Weihnachtsdeko auf den Balkons meiner Nachbarn – absolut nichts erkennen. Ist ein komisches Gefühl. Und ich bin noch todmüde und habe Schwierigkeiten, Wörter zu formulieren. Bin nicht sicher, dass ich diesen Ablauf beibehalte 😉
Tee. Es ist Kräutertee, viel mehr kann ich nicht sagen. Es war ziemlich umständlich, die Sorte geheimzuhalten. Warmer Duft, vertraut und würzig und ein bisschen bitter. Die Tasse ist fast zu heiß, um sie anzufassen. Beim ersten Schluck kommt hauptsächlich die Wärme im Mund an. Dann das Kräuterbett, das nach mehr schmeckt. Ein schönes Gefühl im Mund. Honig würde gut zu diesem Tee passen. Er tritt selbstsicher auf, nimmt die Geschmacksnerven ein. Kein leichtes Anklopfen, sondern rein in die Tür. Ein Tee, der weiß, was er will und schwer, aber angenehm im Mund liegt. Ich kenne das Kraut, aber früh um sieben fällt meinem Hirn wie immer nur Minze ein, was es – glaube ich – nicht ist. Vielleicht sollte ich diese Übung echt mal nach dem ersten Kaffee machen. Es ist Salbei Tee. Weiter zum Kaffee.

Es gibt Sweet Chai Tee. Habe schlicht vergessen, darauf zu achten, nicht auf die Packung zu schauen. Er riecht nach Sonne und orientalischen Klängen. Und da ist eine angenehme Schärfe im Mund. Ein Basar voll und laut und voller fremder Gerüche. Es ist erdrückend heiß, aber ich bin trotzdem mitten im Gewimmel. Ich suche etwas Bestimmtes und schiebe mich durchs Gedränge. Laute Stimmen, Hände, die nach mir greifen, um mich auf etwas aufmerksam zu machen, aber ich weiche ihnen geschickt und souverän aus. Bunte Tücher, Klangschalen, Teppiche, alles lasse ich ohne genauen Blick links liegen. Ich will zu den Gewürzen, da wo sich Kardamom, Zimt und Nelken um den intensivsten, vielversprechendsten Geruch streiten. Hier ist es ruhiger und von irgendwoher weht ein Lüftchen. Ich lasse mir Zeit. Rieche so lange an allem, bis meine Nase kapituliert. Aber die Gerüche haben sich längst auf meine Zunge geschlichen, wo ich sie voll auskosten kann.

Heute habe ich einen Guten Abend Tee erwischt. Diesmal habe ich den Lavendelduft erkannt 😉 na, hoffentlich wirkt er nicht allzu gut, denn schlafen habe ich in den nächsten Stunden eigentlich nicht vor. Abgesehen von Lavendel schmecke ich auch nicht anderes, er ist eben sehr intensiv. Und ich finde auch beruhigend, ich habe ein Lavendelspray, dass ich als Einschlafhilfe auf mein Kissen sprühe. Ich habe den Blick auf die Lavendelfelder in Südfrankreich im Kopf und schon fange ich an zu träumen. Sehnsuchtsorte, kleine Dörfer, Ruhe, fast Einsamkeit, Sonne, gutes Essen, guter Wein, besondere Gerüche und leuchtende Farben. Ja, träumen… aber jetzt geht es erstmal hinaus in die Welt!

Kräutertee. Und hiermit erschöpft sich meine Analyse auch schon. Danke fürs Lesen und einen schönen Tag noch 😉 Der Tee riecht und schmeckt ein wenig süßlich. Er liegt sehr angenehm im Mund. Ich denke an Natur, an Weite. Eine Wanderung durch Wald und Wiesen, vielleicht im Frühling. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Ich habe Zeit, niemand drängt mich, ich muss nicht irgendwo hin, kann einfach gehen, so schnell ich will, wohin ich will. Ein langer Spaziergang, weg wohin. Schöne Orte finden. Eine kleine Aussicht, ein Bank im Schatten, einen schönen Stein, einen knorrigen, seltsam verzweigten Baum. Kleine Geschichten, märchenhafte Wunder direkt vor meiner Nase. Ich bekomme richtig Lust auf einen Spaziergang zum Geschichten entdecken. Die Welt da draußen verspricht allerdings heute nur grau. Na ja, vielleicht findet sich ja doch noch etwas, das mich inspiriert, man soll nie nie sagen.
Achso, die Auflösung: Bergkräuter-Tee. War ich doch na dran ;), was allerdings Orangenblätter im Bergkräuter-Tee machen…?

Heute habe ich wieder das Schildchen vorab gelesen. Es ist echt schwer, nicht drauf zu schauen, wenn man den Teebeutel in die Tasse hängt. Kamillentee. Ich kenne mindestens eine Person, die diese Tasse Tee nicht trinken würde, gäbe man ihr dafür Geld. Auch nicht gegen viel Geld. Ich persönlich mag Kamillentee. Er riecht angenehm mild und schmeckt weich und ein bisschen kräutrig. Nicht wirklich süß oder scharf oder irgendwie. Er fordert nicht, er gibt auch nicht viel, aber deswegen passt er ja gut zu Tagen, an denen man sich genauso fühlt. Lass mich in Ruhe, mir geht es nicht gut – die perfekte Stimmung für Kamillentee. (Selbstverständlich nur, wenn es einem so schlecht geht, das Schokolade keine Option mehr ist. Sonst ist Schokolade Kamillentee immer vorzuziehen!) Mir geht es heute zwar nicht schlecht, aber eine Tasse vorsorglicher Kamillentee schadet auch nicht. Es ist so grau draußen, vielleicht wird das mit Kamillentee auch irgendwie besser. Hoffen kann man ja mal.

1

© 2022 mittendrin

Theme von Anders NorénHoch ↑