Geschichten. Überall und Jederzeit

Schlagwort: Schnee

Erdbeerschnee

von Carmen, Lesezeit 1-2 Minuten

„Wie Erdbeerschnee“, erklärte ich noch dem Polizisten, „genau so sieht es aus!“ Appetitlich rot hat es tatsächlich ausgesehen, richtig zum reinbeißen. Manche Stellen waren heller, doch je näher man zur Leiche hinschaute, desto dunkler wurde die Farbe. Den Polizisten hat meine Beschreibung freilich nicht interessiert, er hatte sich längst selbst ein Bild gemacht.
Den toten Körper des älteren Nachbarn mit seiner für alle Ewigkeit verzerrten Fratze hatte ich mich nicht mehr getraut, anzuschauen. Ein kurzer Blick hatte genügt und es lief mir eiskalt den Rücken hinunter. Ich sehe das Bild immer noch, wenn ich die Augen schließe.
Ich versuchte, mich auf den Schnee zu konzentrieren. Am Morgen hatte er noch so wundervoll silbern geglitzert. Friedlich, unberührt, edel. Man hatte den Drang, sich hineinzuwerfen und darin einzutauchen. Ich musste an Schneeengel denken. Tja.

Als ich später Herrn Hofmann gefunden hatte, lag er nicht so, wie Schneeengel gewöhnlich liegen. Der Schnee hatte dafür aber auch die falsche Farbe. Er war nicht göttlich silbern, sondern fruchtig rot. So wie die süßen Erdbeeren, die mir Herr Hofmann immer aus seinem Garten mitgebracht hatte. Das wird er jetzt wohl nicht mehr tun, fiel mir ein. Erdbeerschnee. Herr Hofmann lag in Erdbeerschnee. Wie passend, dachte ich, aber das sagte ich lieber nicht dem Polizisten. Der hätte das wohl nicht verstanden.

Drachentöterin

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

„Papa, wenn ich groß bin, möchte ich Schwertkämpferin werden.“
Thomas sieht überrascht vom Tischdecken auf, hin zu dem großen Teppich in der Mitte des Wohnzimmers, der aktuell große Ähnlichkeit mit der Barbie-Produkte-Ausstellung im hiesigen Spielzeugladen hat. Zwischen Barbie-Haus, Barbie-Auto, diversen Puppen und Bergen von Barbie-Kleidern sitzt die sechsjährige Sara und verpasst Barbie Nr. 17 mit blauem Edding eine neue Haarfarbe. Alles normal eigentlich. Er wirft einen Blick auf die große Schwester, doch Kati grinst ihn nur breit an. Sie liegt auf dem Sofa und aus ihren Kopfhörern dringt Rockmusik, die verdächtig nach ACDC klingt. Er hat offensichtlich wenigstens bei einer von beiden etwas richtig gemacht.
„Aha“, stellt er neutral fest, „und wie kommst du darauf?“
„Wir haben heute im Kindergarten einen Film darüber gesehen.“
„Über Schwertkämpfer?“ Im letzten Film, der seiner Tochter gefallen hat, ging es noch um ein flauschiges Einhorn. Allerdings spielte auch ein Superschurke mit, wenn er sich richtig erinnert.

„Nein, nicht so richtig. Aber der Prinz hat die Prinzessin vor dem Drachen gerettet, weil er voll gut mit dem Schwert umgehen konnte. Ich will auch mit dem Schwert kämpfen und Prinzen retten können. Oder Prinzessinnen.“

Kati gibt ein schnaubendes Geräusch von sich, was ihre kleine Schwester huldvoll ignoriert.
„Aber hättest du keine Angst vor so einem großen Drachen?“, fragt Thomas und Sara legt den Edding zur Seite (offen natürlich, aber der Teppich ist anthrazitfarben, er ist seiner Mutter für immer dafür dankbar) und schüttelt vehement den Kopf.
„Nö, ich habe ja dann ein riesiges Schwert, da hat doch der Drache Angst vor mir.“

Kati nickt im Takt der Musik und grinst weiter vor sich hin.

Durch das angekippte Küchenfenster hört Thomas das Knirschen von Schnee. Luisa ist heimgekommen, lässt jedoch die Vordertür links liegen und schleicht sich am Haus vorbei zur Terrasse. Sie klopft an die große Scheibe der Terrassentür und als sie die Aufmerksamkeit von ihnen allen hat, zieht sie wilde Fratzen. Sara quiekt vor Freude und Kati verdreht die Augen. Luisa scheint damit völlig zufrieden. Sie winkt Thomas zu, er solle nach draußen kommen.
Er hat eigentlich keine Lust auf die Kälte, doch Luisa hüpft auf und ab, rudert weiter mit den Armen und er gibt auf. Er schlüpft in den Mantel und stapft in den Vorgarten.
In der Einfahrt steht ein Wagen, der nicht ihm gehört. Und auch nicht Luisa. Es ist auch nicht wirklich ein Auto, sondern eher ein kleiner Panzer. Die Scheinwerfer sind noch an. Das seltsame neue Licht, das Autos jetzt haben, taucht den niederrieselnden Schneeflockentanz in einen mystischen Silberschein.

„Was ist das?“, fragt Thomas. Luisa hüpft noch immer auf und ab.

„Mercedes, G-Klasse“, erklärt sie stolz und atemlos.

„Willst du in den Krieg ziehen?“

„Nein, aber wir wollten doch morgen in die Berge und es liegt doch Schnee und Matthias schuldete mir noch einen Gefallen. Er gehört das ganze Wochenende uns!“

„Aha.“

Luisa knufft ihn in den Arm. „Ach, komm schon, Thomas, sieh es als Geburtstagsgeschenk!“

„Ich habe im Juli Geburtstag.“ Außerdem besitzt er nicht mal einen Führerschein.

„Ich meine doch meinen!“

„Du hast im September.“

„Eben!“

Thomas schüttelt den Kopf. Er kann Luisas Faszination keinesfalls nachvollziehen, aber er wird ihr nicht den Spaß verderben.

„Sara will Drachen töten, wenn sie groß ist“, sagt er schließlich und Luisa strahlt ihn an.

„Unsere Tochter!“, verkündet sie stolz und dann fällt sie ihm um den Hals und küsst ihn. Es ertönt ein leises Piepen und die Scheinwerfer gehen aus.

Luisa nimmt seine Hand und sie gehen zurück zum Haus. Hinter der hohen Terrassentür, aus der warmes Licht in den Vorgarten fällt, erkennt Thomas Sara, die gerade mit Edding etwas auf die Scheibe malt, das einem Drachen verdammt ähnlich sieht.

´Vielleicht besteht doch noch Hoffnung für das arme Tier`, denkt er.

Übung: Geschichte, in der folgende Wörter vorkommen mussten:

Rockmusik, Silberschein, Schwertkämpfer, Schneeknirschen, Flockentanz, flauschig

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