Geschichten. Überall und Jederzeit

Schlagwort: Liebe

Tanzen (Meer)

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

Ich stöhne innerlich auf als mir klar wird, dass die Ausstellung noch einen weiteren Raum umfasst. Gerald wird ihn sicher sehen wollen, doch mich langweilen die Ergüsse moderner Kunst bereits. Ein Bild mit einem roten Strich quer, ein Bild mit rotem Strich längs – warum habe ich mich überhaupt dazu überreden lassen?

Ich betrete den nächsten Raum und bleibe stehen. Direkt vor mir hängt es, kein Bild, eine Collage, aufgebaut auf einem Foto vom Meer. Sonnenstrahlen lassen die blassgraue Oberfläche glitzern. Das Licht so hell, dass es dem Ozean die Farbe raubt und ich die Augen abschirmen muss, weil es mich blendet. Ich habe die Füße im Wasser, angenehme Kühle gegen die Hitze. Das Meer ist besonders flach an dieser Stelle, das Wasser geht mir gerade so bis zu den Knöcheln.

Kinder spielen in meiner Nähe, veranstalten Wasserschlachten, drehen sich und hüpfen und kreischen so laut, dass es mir in den Ohren vibriert. Es könnte mich stören, doch stattdessen beneide ich sie. Langsam trete ich mit dem Fuß gegen das Wasser, spritze es nach links, nach rechts, dann stärker und noch stärker. Ich beginne mich im Kreis zu drehen, wieder und wieder und endlich tanze ich, ich tanze im Meer. Anfangs noch vorsichtig, mit angehaltenem Atem habe ich Angst, dass ich nicht hier bin, dass das alles nur ein Traum ist.

Doch der Widerstand gegen meine Füße und Beine ist echt, das Wasser nass auf meiner Haut, die Wärme der Sonne, das Kreischen der Kinder, alles ist echt. Ich lasse los. Ich tanze, drehe mich, springe, hüpfe, versuche jede Bewegung in jeder Faser meines Körpers zu spüren, während meine Seele singt: Ich tanze im Meer!

„´Weite` – was für ein kreativer Titel!“ Gerald ist neben mich getreten, räuspert sich, während er mit schräg geneigtem die Collage und die Beschreibung daneben studiert.

„Ja, ich fand die roten Linien auch besser“, sage ich.

Ich begreife, dass ich ihm nie vom Tanzen im Meer erzählen werde. Es ist der Anfang vom Ende.

Tanzen ist ein wiederkehrendes Motiv in meinen Texten. Es werden sicher noch welche auf diesem Blog erscheinen. Einer ist schon da: Lies los!

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Im Regen der Kirschblütenblätter

von Jana, Lesezeit ca. 15 Minuten

Seit Generationen trennt der Spalt die Bewohner der Stadt, aber Anjan und Leila werden einen Weg finden, zusammen zu sein. Werden sie? Der Text ist 2013 entstanden, aber er passt in eine Zeit, in der wir uns mit Abstand begegnen sollen – körperlicher Abstand, nicht emotionaler!

Es ist nicht genau überliefert, wann es passierte, doch es muss vor langer Zeit gewesen sein. Selbst meine Großmutter kannte nur diese Stadt, zerrissen und verwundet. Sie erzählte mir einmal, dass ihre eigene Großmutter dabei war, als es passierte, doch ob man diese Geschichte glauben kann, weiß ich nicht.

Eines Tages jedoch war er da, einfach so. Über Nacht hatte der Spalt diese Stadt in zwei Hälften geteilt. Eine klaffende Wunde zwischen den Menschen, die am Vortag noch Nachbarn gewesen waren. Tief und breit hatte er sich in den Boden gegraben, zu breit, um übersprungen zu werden. Und auch die Worte, die auf der einen Seite gesprochen wurden, verflüchtigten sich im Wind, bevor sie auf der anderen gehört werden konnten.

Doch so tief die Wunde auch war, die Menschen gewöhnten sich schnell daran. Jede Seite lebte ihr Leben und ihre Bewohner vergaßen bald, dass die Leute auf der anderen Seite einst ihre Freunde gewesen waren. Wer nicht in seiner Nähe wohnte, vergaß bald sogar den Spalt selbst.

Wir jedoch lebten in einer der toten Straßen, so nannte man jene, die von dem Spalt durchschnitten waren. Seit meine Füße mich tragen konnten, lief ich jeden Morgen dorthin, setzte mich an den Rand und ließ mich von der schwarzen Tiefe in den Bann ziehen, bis mir schwindlig wurde. Dann legte ich mich auf den Rücken, die Augen geschlossen, bis mein Körper die Beständigkeit meiner kleinen Welt wieder spüren konnte. Danach wiederholte ich das Spiel, getrieben von der Faszination der Tiefe und der klammernden Furcht vor der Zerstörung, die so unmittelbar und endgültig vor meiner Haustür lag.

Eines Morgens stand er da, auf der anderen Seite. Anjan.

Natürlich hatte er mir seinen Namen nicht sagen können. Doch er malte die Buchstaben solange in die Luft, bis ich verstanden hatte. Und ich malte ihm meinen Namen, wieder und wieder, bis ich ihn von ihm in die Luft gezeichnet lesen konnte: Leila.

Er lächelte als ich nickte und ich lächelte zurück. Von da an sahen wir uns jeden Tag.

Anjan war ein begabter Zeichner. Seine Bilder erzählten mir sein Leben. Er hatte einen großen Bruder und einen Hund namens Billy. Seine Mutter backte den süßesten Kirschkuchen auf der anderen Seite und er fuhr gerne Fahrrad.

Ich brachte meine Bücher mit an den Spalt und spielte ihm aus den fremden Welten vor. Ich war ein Cowboy inmitten feindlicher Indianerstämme, Zauberer in einem mächtigen Königreich oder ich schlug mich als Abenteurer durch einen dichten Dschungel voller giftiger Tiere. Anjan hielt mich für eine große Schauspielerin und ich brachte ihn zum Lachen und zum Weinen.

Eines Tages hatte Anjan keinen Zeichenblock dabei, sondern eine Handvoll Kirschkerne. Ich beobachtete, wie er seine Hand über dem Spalt ausstreckte und sie alle in die Tiefe stürzen ließ. Ich verstand erst nicht, doch Anjan erklärte mir, dass aus einem dieser Kerne ein Baum wachsen würde, groß und kräftig. Seine Äste würden bis über den Spalt reichen und wir könnten an ihnen auf die andere Seite klettern. Es war die wunderbarste Idee, von der ich jemals gehört hatte.

Ich konnte es kaum abwarten und jeden Tag kniete ich nun Stunden vor dem Spalt, meinen Blick in die Tiefe gerichtet in der Hoffnung ein klein wenig Grün zu erhaschen. Doch es dauerte zwei Jahre und viele große Regen bis ich ihn eines Morgens erblickte – unseren Baum. Ich tanzte auf der Stelle und jubelte Anjan zu, der ebenfalls an den Rand trat und in die Tiefe hinabblickte. Als er wieder aufsah, lächelte er und er malte ein Bild von mir und sich selbst, wie wir gemeinsam tanzten.

An diesem Tag dachten wir uns tausend Dinge aus, die wir zusammen tun würden, wenn unser Baum erst groß genug war. Er wollte mir das Fahrrad fahren beibringen und ich überlegte, welches Buch ich ihm zuerst zeigen wollte. Am Ende stellten wir uns vor, ein Straßenfest zu veranstalten, auf dem meine und seine Nachbarn zusammen feiern würden. Zusammen. Die Vorstellung machte mich ganz schwindlig.

Jeden Tag beobachteten wir den Baum, doch er wuchs nicht annähernd schnell genug für unsere Pläne und nach und nach wurde mir bewusst, dass wir lange auf unseren gemeinsamen Tanz würden warten müssen.

Es war an einem Frühlingstag als Billy starb. Anjan brauchte kein Bild, um es mir zu erzählen. Ich sah es an der Traurigkeit in seinen Augen. Trotz unserer düsteren Stimmung strahlte unser Baum im weißen Kleid der Kirschblütenblätter und es kam uns beiden vor wie ein böser Streich. Der Wind trocknete Anjans Tränen und ließ die Kirschblütenblätter aufsteigen und tanzen bis sie müde wieder in den Spalt zurückfielen.

Ich beobachtete den weißen Aufstieg und Fall und war untröstlich. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass wir nicht unsterblich waren.

Die Jahre vergingen und Anjan und ich sahen uns noch immer beinahe jeden Tag. Er kehrte die Straße auf seiner Seite, während ich in unserer Straße die Blumenkübel bepflanzte und pflegte. Wir schafften es fast immer zur gleichen Zeit fertig zu werden und dann setzten wir uns an die Kante des Spalts, baumelten mit den Füßen dem Abgrund entgegen und beobachteten unseren Baum. Die Tiefe hatte für mich längst ihren Reiz verloren. Vielleicht lag es daran, dass der Baum sie mit jedem Jahr mehr ausfüllte, dass sein Grün sich unaufhaltsam dem Licht entgegenstreckte. Er war schon fast bis zur Hälfte des Abgrunds gewachsen und Anjan und ich schmiedeten noch immer Pläne für unsere gemeinsame Zeit. Er würde mir Kirschkuchen backen, seine Mutter war letztes Jahr gestorben. Ich wollte ihm aus meinem Roman vorlesen, wollte, dass er die Worte hörte, in die ich die Geschichte kleidete, für die meine Schauspielkunst nicht ausreichte. Unsere Geschichte.

Es waren die Tage, an denen es uns nicht gelang, uns zu sehen, die mir zu schaffen machten. Der Spalt wirkte plötzlich viel breiter, beinahe unüberwindbar, wenn es niemanden gab, dem man auf der anderen Seite entgegen sehen konnte. An diesen Tagen zog sich mein Blick plötzlich wieder in die Tiefe, die dunkler war als sonst, ein unendlicher Schlund, der Anjans und meine Pläne mühelos verschluckte.

Und dann war Anjan plötzlich verschwunden. Drei Tage lang wartete ich vergeblich am Spalt, drei Tage, an denen mich die unerbittliche Tiefe verhöhnte. Am vierten Tag spiegelte der Himmel den Trübsinn meines Herzens und als ich den letzten Blumenkübel gegossen hatte, ging ich nach Hause ohne den Spalt eines Blickes zu würdigen.

Noch auf dem Heimweg begann der Tag sich unnatürlich schnell zu verdunkeln und ein tiefes drohendes Grollen begleitete meine letzten Schritte zum Haus.

Nur Minuten später hatte der Himmel sich pechschwarz gefärbt. Ein aufziehender Sturm ließ die Fensterscheiben klirren und der drohende Donner holte immer wieder zu mächtigen Schlägen aus. Für Sekunden wurde es taghell, dann versank die Welt wieder in Finsternis.

Ich stand am Fenster und sah zu, wie sich das Draußen dem Sturm beugte. Die Bäume vor meinem Fenster reckten dem Wind ihre Äste entgegen, der sich gedankenlos daran bediente. Blätter und Zweige wurden abgerissen und wirbelten davon. Es erinnerte mich an den Tanz der Kirschblütenblätter, nur ohne jede Leichtigkeit eines Traums, für den sie tanzen. Es war vielmehr der schlichte Lauf der Natur und plötzlich spürte ich etwas Kaltes tief in mir und für einen Augenblick war die Welt totenstill.

Ein heller Strahl und ein Krachen zerrissen den Moment, so laut, dass ich leise aufschrie. Ich wusste sofort, das etwas geschehen war, doch es dauerte eine Weile bis ich begriff, was sich verändert hatte. Die Dunkelheit war verschwunden und statt ihrer schimmerte eine diffuse Helligkeit durch mein Fenster.

Feuer.

Meine Füßen liefen den gewohnten Weg von allein, meine Augen mussten erst sehen, was mein Kopf sich wehrte zu verstehen, doch jedes Leugnen war zwecklos: Unser Baum stand in Flammen. Mit unstillbarem Hunger fraßen sie sich von Ast zu Ast und ließen von dem satten Grün nur Asche übrig.

„Hör auf!“, schrie ich, „hör auf!“

Der Wind riss an meinem Haar und meinem Kleid, der Donner grollte unversöhnlich und immer wieder tauchten Blitze das Schauspiel in schmerzhaft gleißendes Licht, doch nichts davon hielt mich zurück, mit dem Feuer zu streiten.

Ich schrie so laut ich konnte, übertönte die knisternden Flammen. Meine Wangen wurden nass und ich begriff, dass ich weinte. Die Tränen wurden mehr und mehr und endlich spürte ich sie auf den Armen und in meinem Nacken. Es regnete. Der Himmel weinte mit mir.

Der Regen ließ sich Zeit. Ich blieb bei unserem Baum, ignorierte die Nässe meines Kleides und die Kälte, die mit der Nacht kam. Als der Morgen sich zögernd zeigte, starrte ich ungläubig auf die schwarzen Stummel, die mir aus dem Spalt entgegen ragten.

´Er ist tot`, dachte ich. ´Unser Baum ist gestorben.` Und ich fragte mich, was nun aus uns werden würde. Und ob ich jemals wieder ohne Angst in die Tiefe würde schauen können.

Ich sah auf und erblickte Anjan auf der anderen Seite. Sein Augen sahen mich nicht, sie waren starr ins Leere gerichtet. Ich wusste nicht, ob er meinen Verrat gesehen hatte. Ich habe nie gewagt, danach zu fragen.

Am nächsten Tag ging ich nach der Arbeit wieder zum Spalt. Anjan war da und wir versuchten so zu tun, als wäre alles in Ordnung, als wäre unser Baum noch grün und lebendig und würde nur darauf warten uns eines Tages auf die andere Seite zu bringen. So war es auch am Tag darauf und an dem folgenden und dem danach. Und dann passierte es. Eines Tages sah ich Anjan schon von weitem am Spalt stehen und mir zu winken. Ich war noch auf der Mitte der Straße, doch ich ließ meine Arbeit stehen und lief zu ihm. Er deutete auf eine Stelle in der Mitte unseres Baumes, wo ein schwarzer Stumpf an die ehemals kräftigen Äste erinnerte. Ein grüner Schimmer wehrte sich gegen die Schwärze, die ihn umschlungen hatte und nur Tage später brach ein junger Zweig hervor.

Er würde leben, unser Baum würde wachsen und er wuchs schneller und grüner als je zuvor und doch hatten wir bereits verloren.

Mit jedem Zentimeter, den unser Baum dem Himmel entgegenkletterte, verrann Anjans und meine Zeit weiter, unwiederbringlich, wie durch ein zerbrochenes Stundenglas. Längst wussten wir beide, dass sie nicht reichen würde. Als die ersten Zweige den Rand des Spaltes berührten, noch viel zu schwach, um einen Menschen zu tragen, war mein Haar vollständig ergraut und Anjan brauchte einen Stock. Ich zog ihn auf, wie schlecht er würde damit tanzen können. Er lächelte ungetrübt und meinte, dass er mir ohnehin nur auf die Füße getreten wäre. Anjans Hand zitterte jetzt, wenn er seine Bilder malte und seine Striche verschwammen vor meinen schwächer-werdenden Augen.

Wir sahen uns nicht mehr jeden Tag, besonders im Winter erwiesen sich Eis und Schnee für Anjans Beine als unüberwindbares Hindernis. Meine Augen wurden schlechter und trotz der bald schon fingerdicken Gläser, konnte ich seinen Geschichten immer schwerer folgen. Ich fürchtete den Tag, an dem seine Gesichtszüge für mich unlesbar werden würden und Lächeln und Trauern das gleiche Bild wären.

Der Winter war hart und zäh in diesem Jahr. Und als er besiegt schien und das erste Grün an den Zweigspitzen unseres Baums schimmerte, kehrte er mit vernichtender Grausamkeit zurück. Ich beweinte die erfrorenen Knospen und starrte in den undurchdringlichen Nebel, der sich über dem Spalt zusammengezogen hatte. Ich wusste, dass Anjan auf der anderen Seite stand, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte. Doch ich hätte gern gewusst, ob seine Augen mich noch ausmachen konnten. So also würde es bald sein, wenn die Welt um mich endgültig im Nebel meiner blinden Augen verschwand.

Es war einige Nächte später, als ich das Rufen hörte. Obwohl ich seine Stimme nie vernommen hatte, wusste ich, dass es Anjan war. Sie war hell und klar wie ein sonniger Wintertag, der einem den Frühling verspricht. Schwerfällig trugen mich meine Beine zum Spalt und da sah ich ihn. Überrascht über die Kraft meiner Augen erblickte ich seine von einer einzelnen Straßenlaterne erleuchtete Gestalt auf der anderen Seite. Er sah gut aus, viel jünger als ich ihn zuletzt in Erinnerung hatte. Sein Stock fehlte und er wippte auf seinen Fußspitzen auf und ab.

„Ich komme jetzt zu dir, Leila“, rief er und trat leichtfüßig bis vor an den Rand.

„Nein, Anjan, pass auf!“ Ich konnte kaum hinsehen, als seine Füße einen der kleineren Äste betraten. Ich war mir sicher, er würde nachgeben. Doch er hielt sein Gewicht und Anjan kletterte weiter und weiter. Immer wieder fürchtete ich, die Äste brechen zu sehen und wie Anjan in die Tiefe stürzte, doch am Ende hechtete er sich mit einem Sprung auf meine Seite. Und da war er. Ein junger strahlender Anjan, das Abbild eines wunderbaren Traumes.

„Darf ich bitten?“, flüsterte er und griff nach meiner Hand. Seine Haut auf meiner war warm und rau, genau so, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte. Ich nickte, Worte hatten wir nie gebraucht.

Und plötzlich war es Tag, ein warmer, duftender Frühlingstag. Der Wind durchwirbelte mein Haar und schüttelte die Äste unseres Baumes.

Und dann tanzten wir im Regen der Kirschblütenblätter.

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Trilogie des Liebens – Teil 2

von Gastautorin Verena Zelger

Wie begann nochmal die Geschichte zwischen Silke und Tom?
Lies nach! Hier geht’s zu Teil 1.

Silke

Alleine hat sich Silke niemals gefühlt. Sie war sich selbst immer genug. Und kam doch mal Einsamkeit über sie, dann hat sie sich wen gesucht. Einen Franz, Peter oder Andi. Doch jetzt, all die Franzes, Peters, Andis & Co., die helfen nicht gegen dieses Gefühl, gegen das unerfüllte Lieben auf Distanz.

Nach monateandauerndem Selbstversuch ohne ihn, den Tom, da liebt sie ihn noch immer. Auf Weltreise ist sie, allein, erkundet Land um Land, per Auto, Bus, Zug und Flug. Ihre Freunde sagen, wiederholt: Der Tom, der hat dich doch vergessen. Sicher ist er längst verlobt mit einer Summer, Britney oder gar einer Amber. Doch Silke, sie glaubt: Der Tom, so schnell, vergisst sie nicht. In der Mongolei, in der Nähe des Khövgöl Sees, da besucht sie ein Rentiervolk. Sie trifft auf eine Schamanin, die in einer Zeremonie einen Ahnen, Großväterchen, anruft. Und Silke, sie bittet um Rat. In Trance verfallen ist sie, die Nomadin, und Großväterchen, er spricht durch sie: „Jeder Schritt ist vorbestimmt, höre gut zu und deute die Zeichen.“

Jeden Tag der Woche träumt Silke von Tom. Er könne es nicht mehr lange ertragen, ohne sie, ja, die Silke, zu sein. Die Träume weisen ihr einen Weg. Zurück in die Stadt will sie, nach Ulan Batar. Und dann nach Chicago fliegen, den Tom wieder sehen. Den Plänen folgen Taten, so ist sie, die Silke und so kennt man sie. Sie bucht ein Ticket in seine Stadt. Überraschen will sie ihn, den Tom, der immer noch der Ihre ist.

Am Flughafen von Ulan Batar sieht sie sich um. Ihre Reise um die Welt, die ist erstmal vorbei. Vielleicht wird sie von jetzt an nicht alleine wandeln, sondern mit Tom. Sesshaft werden, mit ihm, dem Geliebten, oder mit ihm die Welt erkunden.

Vom alten Leben verabschieden, so leicht ist das nicht. Doch Silke, sie weiß genau wofür. Für sie und ihn. Für Silke und Tom. Auf nach Chicago, in seine Stadt.

Tom

Chicago. Grau, verregnet. Düster und matt. Farbig und lustig, so fehlt sie ihm. Hier in der Stadt, ist er scheinbar zu Haus‘. Er fühlt den Regen mehr denn je, ein Schleier, so grau, wie grauer Star. Ohne sie, die Silke, fühlt er sich allein.

Die Summers, Britneys, Ambers, sie kommen und geh‘n. Kaum rein zur Tür, schon wieder draußen. Toms Mutter, bei der er nun wieder wohnt, sie rollt mit den Augen. „Lass ihn doch machen“, so sein Vater. „Das geht doch sicher wieder vorbei.“

Nachts fühlt er sich traurig, einsam, krank. Die Summers, Britneys, Ambers, sie können nichts tun, gegen Leere, Kummer, gegen Sehnsucht, nach ihr, nach Silke, nach seiner Frau.

Da schreibt er einen Brief in ihr Wohnheim, an sie, die Silke, die er so vermisst. Ein paar Wochen später kommt der Brief zurück – unzustellbar. Der Stempel so rot wie die Augen von Tom.

Silke

In Chicago, am Flughafen, steigt sie in den Bus. Sie läuft zur Adresse, die er ihr gab – damals, als er Deutschland verließ und Silke zurück blieb und danach auch weg wollte, so wie er. Sich nicht vorstellen konnte, warum er eingestiegen war, in das Flugzeug, und es zuließ, dass sie auseinander gerissen, voneinander getrennt wurden. Und aus Trotz nicht die USA wählte auf ihrer Weltreise, sondern Maui, Thailand, Bali, Indonesien, Australien, Neuseeland, Japan, China, Korea, die Mongolei. Versucht ihn zu vergessen, wird von ihm verfolgt.

Silke steht vor dem Haus von Toms Eltern und sie klingelt und stellt sich ihr vor, der Frau, die Tom geboren hat. Bridget hebt die Schultern, und lässt sie wieder fallen. Tom, der ist weg, auf der Suche nach ihr, nach Silke, der Frau, die er liebt.

Bridget bittet Silke ins Haus. Dort, da umarmen sie sich. Sie essen und trinken, sie lachen und weinen. Sie unterhalten sich, und verstehn‘ sich gut. Und Silke, die bleibt in Chicago, eine Weile und schreibt eine Karte an ihre Mutter, nach Dreitausendseelendorf. Vielleicht ist Tom bei ihr. Wo sonst sollte er sein?

Tom

Drei Jahreszeiten lang hält er, Tom, durch. Im Sommer, da macht er sich auf, nach Europa, nach Dreitausendseelendorf. Dort hält sich Silke sicher nicht auf. Das weiß Tom, fährt trotzdem hin. Es sieht dort aus wie vor einem Jahr. Doch für ihn, Tom, fühlt‘s sich anders an, ohne sie, die Silke, ohne sie. Er macht sich auf und er sucht nach Silkes Mutters Haus und er findet es. Er findet sie. Sie blickt erstaunt, verwirrt. Umarmt ihn, führt ihn ins Haus. Und bringt eine Karte, die war von der Silke. Maui. Die letzte, die die Mutter bekommen hat, zwei Monate ist es schon her. Silke, die Seine, auf Weltreise. Ein Schmunzeln huscht über Toms Gesicht.

Tom, er bleibt ein paar Tage lang. Dreitausendseelendorf, die Verbindung zu ihr. Ihr Kinderzimmer, das er bewohnt. Sechs Tage sind um, da klingelt es. Tom, der ist allein zu Haus. Geht zur Tür, halb wach, frischer Kaffee in seiner Hand. Die Postbotin bringt einen Brief und eine Postkarte. Das Bild – Chicago, seine Stadt. Tom dreht sie um, die Karte, sieht Silkes Schrift. Seine Augen flackern, sein Körper hüpft. Er liest die Karte aufmerksam. Dort ist sie, und er ist hier. Er hier, in Dreitausendseelendorf, sie dort, in seiner Stadt.

Das Schicksal, es ist nicht synchron.

Wie endet die Geschichte von Silke und Tom? Hier geht’s zu Teil 3.

Trilogie des Liebens – Teil 3

Was?!? Die ersten zwei Teile verpasst?
Den Anfang von Silke und Tom gibt es
hier (Teil 1) und hier (Teil 2).

von Gastautorin Verena Zelger 

Silke und Tom

Tom, der kann es kaum erwarten. Läuft auf und ab, geht raus in den Garten und wieder ins Haus. Wartet, bis die Mutter kommt. Doch Elke, die Mutter ist noch unterwegs, sie ist einkaufen für den Abend, will ihm ein schönes Abendessen bereiten, ihm, dem Tom, der ihre Tochter so sehr liebt.

Die Zeit vergeht nicht, und Tom, der schaut auf die Uhr, immer wieder. Nach ein paar Stunden, da hört er den Schlüssel in der Tür und er rennt hin und öffnet sie. Und Elke, die steht da mit ihren vollen Einkaufstüten und sie sieht die Postkarte in Toms Hand und seine Aufregung und dann lächelt sie. Und sie stellt ihre Einkaufstüten ab, mitten im Flur, nimmt die Postkarte und liest. Führt dann den Tom zum Telefon und sagt:

„Na los!“

Er wählt und plötzlich, da weiß er nicht, was er sagen soll, wenn er mit ihr spricht, mit Silke, die er fast ein Jahr nicht gesehen hat. Warten… Rufzeichen, einmal, zweimal, klingeln, ins Leere? Da geht seine Mutter ran:

„Hello?“

„Mum, it’s me!“

Ihr Sohn, der ruft sie niemals an.

„Wait, Tom, she’s already here.“

Silke, sie nimmt das Telefon, ganz aufgeregt, und dennoch klar. Schweigend halten sie die Hörer in ihren Händen, an ihre Ohren.

„Hi“, flüstert er, ihr Tom.

„Hi“, sagt sie, seine Silke.

Erleichtert sind sie, die beiden Mütter. Seelig sind sie, Silke und Tom.

Warten

von Jana, Lesezeit < 5 Min.

Sie sitzt auf der Lehne der Bank. Die Füße auf die Sitzfläche gestellt, das Gesicht der Sonne zugewandt. Es ist still im Park, bis auf das Zwitschern der Vögel. Die Luft ist klar und kühl, wie an einem Frühlingsmorgen, doch es ist schon fast Mittag und außerdem Januar. Die Sonne mag strahlen, doch sie wärmt sie kaum und sie beginnt zu frösteln.
Sie wirft einen Blick auf die Uhr. Er verspätet sich.
Die Tauben fliegen auf mit protestierendem Kreischen. Sie sieht zu, wie sie sich in den blauen Himmel erheben, alle gemeinsam und doch geordnet, als hätte jede von ihnen ihre ganz genaue Position. Es sieht aus wie ein fliegender Teppich, der erst dorthin, dann dahin schwebt, bis er sich wieder dem Boden nähert.
Sie reißt sich los und blickt zum Weg, den er entlang kommen muss. Sie ist sich sicher, dass er die Vögel aufgescheucht hat. Doch den Mann auf dem Fahrrad kennt sie nicht.
Die Tauben fliegen wieder auf, drei Mal noch. Dann gesteht sie sich ein, dass er nicht kommen wird.
Nie wieder.

 

Abendstille

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min. 

Sie betrachtete ihn durch die Terrassentür. Er hatte sich an das Spalier gelehnt, das obligatorische Glas Rotwein in der Hand. Der Mond stand in seinem Rücken und beleuchtete den Kranz lichten Haares. Er starrte vor sich hin, alles und nichts sehend, tiefe Falten um seinen Mund zeichneten sich im farblosen Mondlicht ab. Zum ersten Mal fand sie, dass er alt wirkte. Alt und müde. Sie wusste nicht, ob das die Sache leichter oder schwerer machen würde.

Sie schlüpfte aus ihrem Kleid, ließ es achtlos zu Boden fallen, dann ihren Slip und den BH. Sie überlegte ihr Haar zu öffnen, sie wusste, er mochte das. Doch noch ging es nicht darum. Sie ließ es zusammen gebunden und trat nach draußen.

Das Geräusch der Tür ließ ihn aufblicken, sein Mund verzog sich zu einem Lächeln.

„Guten Abend“, sagte sie.

„Du bist schön“, sagte er und streckte die freie Hand aus. Sie nahm sie und führte ihn vom Spalier weg zu einer Bank aus schwarzem Marmor am Rand der Terrasse. Der Stein war noch aufgeheizt von der Hitze des Tages. Sie befürchtete nicht, gesehen zu werden, nicht mal im Licht des Vollmondes. Das Haus lag soweit abseits der Stadt, dass die nächsten Nachbarn zu Fuß eine halbe Stunde entfernt wohnten. Deswegen trafen sie sich hier, immer hier, wo sie ungestört waren. Nur sie beide und die Liebe zwischen ihnen.

Sie konnte sich ihn beim besten Willen nicht in ihrer Studenten-WG vorstellen. Ein Saftglas mit Sangria in der Hand am Küchentresen lehnend, der voll mit Stapeln schmutzigen Geschirrs war, während Leo auf dem Boden hockend Gitarre spielte und traurige Lieder sang. Sie musste lachen.

„Was ist?“, fragte er, doch sie verriet es nicht. Er mochte es nicht, wenn er das Gefühl hatte, nicht mehr jung zu sein. Sie nahm das Weinglas, doch dann dachte sie wieder daran, warum sie hier war. Sie roch den fruchtigen Duft und stellte es auf dem Boden ab. Er zog ihre Hände in seinen Schoß, lehnte sich vor.

„Ich bin schwanger“, sagte sie, bevor er sie küssen konnte.

Er erstarrte, lehnte sich zurück, starrte weiter. Es war sicher selten vorgekommen, dass der Professor eine Situation so ratlos betrachtet hatte.

„Ich…“, begann er.

„Nicht du. Ich bin schwanger. Von dir, falls das in Frage stehen sollte.“

„Tut es nicht.“

Tat es doch. Es schmerzte sie, doch sie kannte ihn. Vielleicht verbot ihm sein Stolz gerade, darüber nachzudenken, wie viele Verehrer sie tatsächlich hatte, doch das würde er. In Kürze. Es war ein fruchtloses Unterfangen, sie hatte ihn nicht betrogen, warum sollte sie?

„Dann ist ja alles gut“, sagte sie.

Er nickte. „Du bekommst es nicht.“

Was? Nein, nein, das kam nicht in Frage, das konnte er nicht verlangen. Sie wollte das Kind. Sie musste.

„Wenn es das Geld ist, kein Problem. Ich zahle es dir. Doch du kannst es nicht bekommen, das ist ja wohl klar.“

Klar? Was war daran klar? Sie liebte ihn und er sie. Die Studentin und der Professor. Ein bisschen wie aus einem Kitschroman. Herzschmerz vorprogrammiert, aber eben auch das Happy End. Das musste er doch sehen! Er musste!

„Denk doch nur an dich, deine Karriere. Du kannst es zu etwas bringen. Aber doch nicht, wenn du…“

„Du willst es nicht?“, fragte sie.

„Nein, nein! Warum auch? Ich habe drei Kinder. Gott sei Dank sind die erwachsen! Wieso sollte ich mir das noch einmal antun?“

Wieso sollte er? Eine gute Frage.

„Du willst es nicht“, murmelte sie. Er hatte weitergesprochen, doch sie hörte ihm nicht mehr zu. Er wollte nicht. Nicht das Kind, nicht sie. Sie sprang auf, sie konnte nicht sitzen bleiben, nicht hier bleiben. Er folgte ihr, griff nach ihr, wollte sie festhalten, doch auch das war eine Lüge. Er wollte sie nicht. Sie stieß ihn mit aller Kraft von sich und er schlug mit dem Kopf an die steinerne Bank, bevor er mit einem seltsamen dumpfen Laut auf dem Boden aufkam und still liegen blieb.

Valentin am See (Romanauszug)

von Gastautorin Nathalie Heil

Valentin machte sich auf den Weg zum See. Es hatte den ganzen Vormittag geregnet und auch wenn die Sonne nun schien, war der Boden matschig. Das senfgelbe Dekor seiner schwarzen Kuhmaulschuhe war nicht mehr zu erkennen, sie waren nahezu völlig braun. Valentin wollte nicht aufsehen, wollte kein Gesicht, keine Menschenseele sehen. Er müsste noch früh genug wieder lächeln. Allein bei dem Gedanken schmerzten seine Wangen. Gelbes und rotes Laub, brauner Matsch. Warum wollte man so einen Nachmittag am See verbringen? Was immer dem Gast gefiel. Wen interessierte schon, was dem Lustknaben gefiel? Am Steg blieb Valentin nichts anderes übrig, als zu warten. Er umklammerte sich selbst. Es war frisch. Warum wollte man so einen Nachmittag am See verbringen? Er sah nicht auf. Rostrote Nebelschwaden über hellglitzerndem Kobalt. Früh genug würde er wieder lächeln müssen. Er ließ seinen Blick in den See fallen in der Hoffnung, er würde darin verschwinden, zu den Kieselsteinen sinken, die sich am Grund befanden. Nicht wieder auftauchen. In Ruhe treiben. Entschlafen. Doch das dunkle Gewässer griff nicht nach ihm, um ihn in die Tiefe zu ziehen. Unnachgiebig hielt es ihm einen Spiegel vor. Einen wabernden, gleißenden Spiegel. Ein blonder, junger Mann, soweit so gut. Glattrasiert, damit er noch jünger wirkte, als er ohnehin schon war. Müde, entsetzlich müde.

Ein so junger Mann sollte nicht so müde sein, nicht zu dieser Stunde. Dafür würde niemand bezahlen.

Kleine Narbe am Auge, verheilte nicht, würde ewig bleiben. Wertlos. Niemand würde dafür bezahlen.

Hängende Mundwinkel. Trauer, bloß nicht weinen, das bringt nichts, hat es noch nie. Müde, kleine Narbe, traurig. Dafür würde niemand bezahlen. Aber sie zahlten, Gott sei Dank. Valentin seufzte. Er wusste, wie er davon ablenken konnte. Er setzte sich sein reizendes Lächeln auf. Verführerisch rot gefärbt vom reflektierenden Laub leuchtete es ihm entgegen. Wellen von der Seite. Es huschte scheußlich verzogen, waberte hin und her.

Grässliches, vernarrtes Funkeln in den Augen. Warum zahlte man dafür? Valentin hätte dafür nicht gezahlt. Reizendes Lächeln. Reizend wie ein Brechreiz.

Ein brauner Leberfleck auf der linken Wange. Wie seine Mutter. Seit Jahren schon konnte er nicht mehr auf ihren Schoß. Ihr Leberfleck war inzwischen bestimmt verwest.

Noch einmal kurz die Muskeln entspannen. Müde, kleine Narbe, traurig, Leberfleck.

Das bin ich.

Der müde, junge Mann sprach Valentin an, mehr als das vernarrt grinsende Zerrbild seiner Selbst, und er wäre gerne zu ihm herabgestiegen, um ihn zu umarmen, in sich aufzunehmen und zu entschlafen. Welch amüsanter Gedanke. Wen interessierte es schon, was er wollte? Das Leben war anstrengend, aber sterben war auch keine Lösung. Was immer dem Gast gefiel. Valentin fuhr sich durchs lange blonde Haar, um es aufzulockern.

Höhnendes Lachen. „Du bist schön genug. Dein Gast ist da.“

Valentin setzte wieder das Lächeln auf und wandte sich um. Manchmal vergaß er, dass der Schläger da war. Leibwache nannte es der Hausherr, Valentin nannte es Schläger. Nur zu seiner Sicherheit. Zur Sicherheit der Investition. Diese war sicher gefährdet. Von außen gefährdet behauptete der Hausherr, aber das war albern. Der Schläger deutete nur ein paar Schritte von Valentin entfernt auf den Steg. Der widerliche Gast reichte ihm die Hand und holte ihn zu sich ins Boot. Valentins unnatürliches Lächeln wurde breiter, als er den Gast anblickte. Er kniff sanft die Augen zusammen, um den Eindruck zu erwecken, sie würden mitlachen.

„Ich liebe dein Lächeln“, sagte der Gast.

Valentin öffnete die Augen. Es war ein Traum gewesen. Seit Jahrhunderten hatte er nicht geträumt. Er war überzeugt gewesen, dass das als Anverwandter gar nicht möglich war. Vielleicht war es aber auch eher eine Wahnvorstellung. So wie die nebelhaften Wachträume seiner Vergangenheit, von denen er genau wusste, dass sie nicht real waren. Gott sei Dank, kam das nur selten vor. Häufig hatte er sich zu Lebzeiten so gefühlt, wie in seinem Traum. Hätte am liebsten sein Leben gegen ewige Ruhe getauscht. Aber der Traum war nie passiert. Es hatte gar keinen See in der Nähe des Etablissements gegeben und der Hausherr hätte ihn niemals unbeaufsichtigt mit einem Gast mitgeschickt. Wer weiß, ob der Gast ihn zurückgebracht hätte. Wer weiß, vielleicht wäre es dem feingliedrigen und doch für damalige Verhältnisse großen Lustknaben ja auch gelungen zu entfliehen? Hätte Valentin überhaupt entfliehen wollen. Er hatte nichts anderes gekonnt. Das Einzige, dass er gelernt hatte, war gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Dem Gast vorzuspielen, was immer dieser sehen wollte. Inzwischen war das anders.

Nie wieder werde ich lächeln, obwohl mir nicht danach ist.

Neben ihm lag das leere Kissen. Er blickte auf sein Smartphone. Keine Nachricht. Benedikt war noch nicht zurückgekommen. Würde er wahrscheinlich auch nicht mehr. Offenkundig war der letzte Ausraster einer zu viel gewesen.

Warum habe ich ihn nur herausgeworfen? Er hat gesagt, dass er mich liebt. Ich wollte es nicht glauben. Ich war so wütend. Warum habe ich nicht mit ihm geredet? Er wollte immer meine Gefühle sehen.

Valentin nahm das Kissen und drückte es fest an sich. Es roch noch nach Benedikts Aftershave. Das wohlduftende Aftershave mit der anziehenden Bergamotte-Note, das Benedikt immer noch auftrug, obwohl er sich inzwischen nicht mehr rasieren musste. Er tat es bestimmt nur, weil er wusste, wie sehr Valentin diesen Duft liebte.

Wir hätten die Ewigkeit gehabt, das zu klären, und ich habe nur ein paar Minuten gebraucht, um es zu zerstören.

Die blutigroten Tränen tropften auf den Bezug. Sie ruinierten das wohlduftende Kissen. Der Verfall hätte es ohnehin bald vernichtet. Wie er es unerbittlich seit Jahrhunderten tat. Das Einzige, das er verschonte, waren die Anverwandten. Wobei sich sicherlich darüber streiten ließ, ob das wirklich eine Gnade war.

Trilogie des Liebens – Teil 1

von Gastautorin Verena Zelger

Silke und Tom trafen sich zum ersten Mal in der Wohnheimbar. Der Raum war ganz in schwarz gehalten. Schwarze Räume waren damals ein Ausdruck jugendlicher Auflehnung gegen den Staat, die Eltern, gegen das Sein. Die 80er. 

Wild und ungestüm fühlten sich Silke und Tom, als sie abstürzten. Als sie am selben Abend ihres Kennenlernens in sein Zimmer verschwanden und miteinander schliefen. Als sie sich am nächsten Tag verstohlen trennten. Silke sich raus schlich aus dem Zimmer und sich ein bisschen ordinär fühlte, hemmungslos. Und feststellte, dass sie diese Seite an sich mochte. Und Tom in seinem Zimmer zufrieden weiter schlief und erkannte, dass er Deutschland mochte. Und die Deutschen.

Silke und Tom sahen sich eine Woche später wieder in der Bar. Und unterhielten sich. Und Silke erkannte, dass Tom ein guter Kerl war, wie man sagte. Und Tom erkannte, dass Silke sein Typ war. Da verabredeten sie sich und gingen raus, auf einen Spaziergang und setzten sich in den Park ins Gras und redeten und erkannten, dass sie sich mochten.

Sie erzähten sich viel, Silke und Tom. Tom erzählte Silke von Chicago, der Stadt, in der er geboren wurde, in der er studierte und wohin er in fünf Monaten zurückkehren würde. Und Silke erzählte Tom von ihrer Mutter, von ihrem Kater und dem 3.000 Seelendorf, aus dem sie kam und in dem sie nie wieder leben wollte.

Ein Treffen folgte auf das nächste und eines Tages, zwei Monate waren nun um, da entschieden Silke und Tom, sie wären ein Paar, von nun an. Und Silke war glücklich und lehnte sich an Tom. Und Tom umarmte Silke und fühlte sich frei.

„Tom?“

„Ja?“

„Liebst du mich?“

„Yes, darling, I love you.“

Tom fuhr mit Silke nach 3.000 Seelendorf und war begeistert. Und sie war begeistert, dass er begeistert war. Ihre Mutter war begeistert, dass beide begeistert waren. Das ganze Dorf war überrascht und aufgeregt, ein Amerikaner und eine von uns, das war ungewöhnlich. Die Silke war ja immer schon eine gewesen, die raus wollte in die Welt.

Deswegen studierte sie. Sie hatte ihren eigenen Kopf. Einen Kopf, der Tom gefiel.

Sie fuhren zurück nach Leipzig. Tom spürte es, und trotzdem fragte er:

„Do you love me?“

„Ja, ich liebe dich!“

Und während sie es genossen zu wissen, dass sie sich liebten – denn das taten sie – vergingen die Monate, einer nach dem anderen. Und da sie sich liebten und die Zeit gern miteinander verbrachten, vergingen die Monate schnell.

„Wer sagt, dass du zurück musst?“

Tom wollte etwas sagen, doch was, das wusste er nicht.

„Bleib“, sagte sie, während sie mit ihm zum Flughafen fuhr.

Er stieg in das Flugzeug, Airbus A310, seit drei Monaten in Betrieb. Das wusste er, der Ingenieur. Silke interessierte sich nicht für den Flugzeugtypen, sondern für den Einen, der gleich auf 8A Platz nehmen würde. Sie schaute zu, wie das Flugzeug abhob und er sich von ihr entfernte.

„Bye“, flüsterte sie.

Wie geht es weiter mit Silke und Tom?
Hier geht es zu Teil 2.

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