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Schlagwort: Kaffee

Broterwerb

Ein Text von Carmen über ihren Broterwerb.

Als Kind war es mein Traum, mich einmal nachts im Bücherladen einsperren zu lassen. Ich habe mich gefragt, wie ich es am geschicktesten anstellen könnte.
Die offensichtlichste Strategie: mich im Badezimmer verstecken.
Die etwas ausgearbeitetere Strategie: das tiefste Regal suchen oder alternativ die tiefste Schublade, Bücher raus, hineinkrabbeln, Bücher vor mich hinstellen. Tarnung perfekt. Manche Bücherläden haben aber auch so eine Ecke, in die nie jemand schaut, zum Beispiel die staubige Stelle hinter der Treppe. Ein Ort, wo die Kunden nicht hindürfen und die Angestellten nicht hinwollen. Das wäre das ideale Versteck. Ich habe mich nie getraut.
Dabei weiß ich heute, dass Bücherläden nachts wirklich magisch sind.

Mein Broterwerb: Ich leite ein Café in der Münchener Innenstadt inmitten eines Bücherladens – inmitten dreier Leidenschaften: Kaffee, Bücher und … naja, Notizbücher gibt es hier auch.  Wieviele Bücher ich pro Monat kaufe, verrate ich hier lieber nicht, sonst wird es noch peinlich. 🙂 Wenn abends fertig geputzt und die Buchhaltung erledigt ist, bin ich alleine. Der Laden liegt still und ruhig vor mir, das einzige Licht kommt von der Cafézeile. Im Dunkeln warten die Bücher, gespannt, ob ich zu ihnen gehe und nach ihnen greife. Auch jetzt noch wünschte ich mir manchmal, ich könnte hier einfach die Nacht verbringen. Mich in diesen einen, wirklich saubequemen Ohrensessel setzen, die Kaffeemaschine wieder anschmeißen und mich langsam durch den Leseproviant des Ladens durcharbeiten. Aber auch die erwachsene Carmen traut sich nicht.
Aber das ist nicht schlimm, denn die Bücher sind auch tagsüber da.

Und tagsüber passiert die wirkliche, reale Magie.
Das Herz des Cafés sind meine Kolleg*innen und die Kund*innen. Wir haben viele Stammkund*innen, die uns ans Herz gewachsen sind – da gibt es das Paar, das immer samstags direkt in der Früh nach Ladenöffnung kommt – zwei einfache Kaffee, ein Croissant, eine Flasche Wasser und zwei ansehnliche Bücherstapel, die den Rest des Vormittags immer kleiner werden.
Es gibt die Schriftstellerin/Erfinderin – ein kleiner Cappuccino mit einem Glas Wasser dazu – die ein nützliches Tool entwickelt hat, um Wollknötchen zu entfernen und uns zu Weihnachten eine ganze Kiste davon vorbeigebracht hatte. Sie hat gerade erst ihr erstes Buch veröffentlicht und wurde damit sogar zur Leipziger Buchmesse eingeladen. Was für eine Leistung. Wir haben uns riesig gefreut. Als die Buchmesse abgesagt wurde, hat es mir das Herz gebrochen.

Und dann gibt es natürlich noch unseren Lieblingskunden. Lieblingskunde bedeutet nicht, dass uns die anderen Kunden nicht gleichwertig ans Herz gewachsen wären. Aber besonders ist dieser eine doch. Ein großer Cappuccino, Thunfischfocaccia, ein Glas Wasser, manchmal eine Süßigkeit dazu. Er kommt fast jeden Tag vorbei mit seinen über 80 Jahren, läuft am Stock, hat einen schlimmen Husten, muss regelmäßig zur Dialyse und scheint allgemein sehr zerbrechlich. Er hat sich mit der Zeit mit jedem im Laden angefreundet. Wenn keine der Kolleg*innen schnell genug ist, ihm die Bestellung zum Tisch zu bringen, ist schon die Reinigungskraft eingesprungen, die sich gerne 10 Minuten Pause gönnt, um sich mit ihm zu unterhalten. Man hat unwillkürlich das Bedürfnis, sich schützend vor diesen herzlichen Menschen zu stellen, damit niemand auf die Idee kommt, ihm etwas Böses zu wollen. Durch die Gesundheit ist er an die Stadt mit ihren Behandlungsmöglichkeiten gefesselt. Die Familie wohnt weit weg im Ausland, er ist alleine zurückgeblieben. Aber er hat einige gute Freunde, die er ab und zu auch im Café trifft.
Neben den vielen Pflastern am Arm wegen der Dialyse hatte er kurz vor dem Lockdown noch einen größeren Verband – dieser wackelige Mann mit der rebellischen Gesundheit hatte einen Fahrradunfall, er wurde umgefahren. Wir waren geschockt. Das Gedankenkarussell sprang an: Was, wenn…?
Alles nicht weiter schlimm, hat er abgewunken, aber er würde diese gefährliche Straßenecke von nun an meiden. Als wir ihn im März baten, doch zuhause zu bleiben und sich zu schützen,hat er erneut abgewunken. Er muss doch am Freitag seine Bekannte treffen. Und am Samstag hat er diesen anderen Termin in der Kirche. Und danach im Wirtshaus.  Er hatte keine Zeit für Corona.
Es gibt kaum einen Menschen, um den ich mir während des Lockdowns mehr Gedanken gemacht habe.

Regelmäßige Gäste sind auch das freundliche Paar um die 40 – zwei kleine Cappuccino mit laktosefreier Milch -, die meist getrennt kommen und sich hier treffen. Dann gibt es das Altrockerpaar, ich würde sie über 60 schätzen, beide öfter verplant, unglaublich herzlich – ein kleiner Latte Macchiato, ein großer Latte Macchiato, kochend heiß. Der Sachse – Ingwertee. Der Kunde mit einer Milchunverträglichkeit, der trotzdem immer eine homöopathische Dosis Milch in seinen Espresso möchte. Die Kundin, großer Bailey’s Latte Macchiato mit nur einem Shot Espresso anstatt zwei, die uns zu Weihnachten eine komplette Tüte selbstgestrickter Schals vorbeibrachte. Die Kundin, die sich abends nach ihrem Feierabend bei uns einen großen laktosefreien Kakao abholt, auf dem sie sich dann doch eine laktosevolle Sahnehaube gönnt.

Ich könnte noch eine ganze Weile weitermachen. Die Kund*innen sind die Seele des Ladens. Das Lachen, die Sprüche, das Schweigen, das konzentrierte Lesen. Jede*r hat eine eigene Geschichte – manche erfahre ich im Laufe der Zeit, andere versuche ich zu interpretieren. Bislang habe ich meine Kunden nie als Inspiration für meine Geschichten genutzt – ich hatte häufig das Gefühl, ihnen nicht gerecht werden zu können. Jetzt, wo ich angefangen habe, hier über sie zu schreiben, merke ich, wie viel Spaß es mir macht.
Vielleicht… ja vielleicht bastele ich mir doch ein paar Figuren nach ihren Vorbildern.

Während des Lockdowns hatten wir länger geschlossen als viele andere: wir waren ziemlich genau fünf Monate zu. Morgen, Montag 17. August, ist der erste Tag des Neuanfangs. Ich bin wahnsinnig gespannt – gespannt darauf, ob die Atmosphäre im Laden noch die gleiche ist. Gespannt darauf, wie es meinen Kolleg*innen geht. Wie das Arbeiten sein wird. Vor allem aber darauf, ob meine Kund*innen den Weg zu mir zurückfinden. Wie es ihnen geht. Wie sie die Zeit überstanden haben. Und natürlich: ob der Lieblingskunde sich ein neues Fahrrad organisieren konnte.

Die Rückseite der Kaffeemaschine spiegelt – sowohl den Laden als auch die Zeit, in der wir leben.
3

Morgens früh um sechs

von Carmen, Lesezeit 1-2 Minuten

Mit halb geschlossenen Augen greift sie in die Spülmaschine, nimmt eine benutzte Tasse heraus und stellt sie neben die Kaffeemaschine, wo der hoffentlich wach machende Kaffee gemütlich durchtröpfelt. Sie muss wach werden. Es gibt einen Grund, weswegen sie nicht mehr in ihrem Bett liegt. Einen wichtigen Grund! Und zwar … Fest versucht sie sich zu konzentrieren und presst hierfür sogar die Augenlider zusammen. Den Schlaf irgendwie vertreiben – die Nacht ist einfach zu kurz gewesen. Sie muss gähnen. Ausgiebig.

Unter der Dusche schläft sie fast im Stehen wieder ein. Wieder zurück in der Küche, mit einem Handtuch um die noch feuchten Haare, hat sie schon wieder vergessen, was sie nicht vergessen wollte. Warum nochmal musste sie sich eben so feste konzentrieren? Vielleicht fällt es ihr nach dem Kaffee wieder ein. Als sie den frischen Kaffee in die bereit stehende Tasse gießen will, stellt sie verwundert fest, dass diese nicht besonders sauber ist. Kopfschüttelnd stellt sie die Tasse zurück in den Schrank und nimmt sich eine neue heraus. Wenns ihr doch bloß wieder einfiele.

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