Geschichten. Überall und Jederzeit

Schlagwort: Depression

Photo by Pim Chu on Unsplash
von Jana, Lesezeit ca. 10 Min.

!Triggerwarnung für depressive Gedanken

Es gibt diese Tage, da ist die Welt um sie herum in bleiernes Grau getaucht. Farben, Geräusche, Wärme erreichen sie nur durch einen Filter, der ihnen jegliche Bedeutung nimmt. Jegliche Wirkung. Sie könnte mitten unter ihren Freunden sein, mit ihnen lachen, trinken, reden – und würde doch nichts spüren. Sie kann arbeiten, funktionieren, ein wertvoller Teil der Gesellschaft sein, aber sie ist es nicht wirklich. Sie spielt es. Die leere Hülle, die sie gerade durch den Tag bringt, gibt eine oscarreife Performance ihrer Selbst ab. Sie hasst es.

Lass dich nicht so gehen.

Reiß dich zusammen.

Manchmal versucht sie darüber zu sprechen, aber irgendwie kommen die Worte nicht an.

‚Du musst mehr unter Leute gehen`, sagen die Leute dann. ‚Ich habe gehört, laufen hilft total`, sagen die Läufer. ‚Du darfst dich nicht verkriechen`, sagen die Extrovertierten. ‚Du bist ja nicht wirklich krank`, sagen die Gesunden.

Manchmal wünscht sie sich, ihr würde an diesen Tagen ein Bein fehlen oder ein Arm. Damit es offensichtlich ist. Aber das ist es nicht. Und nein, sie will nicht laufen oder unter Leute. Sie will sich ihre Decke über den Kopf ziehen und die Welt draußen lassen.

Sie tut es, als sie endlich zu Hause ist. Die Decke hängt zwar nur über ihren Schultern, aber hier auf ihrem Sofa geht es ihr besser. Und gleichzeitig schlechter. Sie hat Hunger und Durst, doch sie kann sich nicht aufraffen, bis in die Küche zu gehen. Alle Energie, die vielleicht heute morgen noch da war, ist für die Performance draufgegangen. Also sitzt sie nur da, die Hände um Legolas geschlungen, eine selbstgenähte Stoffpuppe. Brauner und grüner Samt, abgenutzt und verblichen und eine körnige Füllung, die gegen schwache Nähte drückt, doch noch ist er heil und sie hält ihn in den Händen wie ein Rettungsseil.

Ihre Schwester hat ihn ihr geschenkt vor vielen Jahren, als es noch in Ordnung war, ein Fangirl zu sein. Als sie beide unsterblich in den unsterblichen Elbenprinzen verliebt waren und ihm trotzdem eine Zukunft mit dem Zwerg wünschten. Das selbstgemalte Comic-Heft muss noch in irgendeiner Kiste liegen. All ihre Fantasie hatten sie hineingesteckt in die Irrungen und Wirrungen zwischen Legolas und Gimli bis beide sich endlich ihre Liebe gestanden, heirateten und kleine Zwelblinge bekamen. Und jetzt? Jetzt hält sich ihre Schwester für erwachsen und behauptet, Fandom sei ein Ableger indischer Mythologie und nicht erstrebenswert. Vielleicht hat sie recht.

Ein lauter Knall dringt aus dem Hausflur. Sie erschrickt, presst Legolas zusammen und spürt, wie die Puppe nachgibt. Ein Strom kleiner Perlen dringt aus dem Stoff, fällt auf Sofa, Boden, Tisch.

Wieder ein Knall.

„DU ELENDES ARSCHLOCH!“, keift eine schrille Frauenstimme. „DU HURENSOHN!“

„Ach, sei staad!“, brüllt ein Mann zurück, „Mid dir red i gar ned, du voglwuide Britschn!“

„Scheißkerl!“

Wieder ein Knall und endlich wird es still. Sie spürt die Taubheit in ihrem rechten Arm, das Zittern ihrer Hand, ihr Atem geht schneller. Sie mag es nicht, wenn geschrien wird, aber das sie etwas spürt, ist ein gutes Zeichen.

Sie besieht sich Legolas` Reste. Die gerissene Naht ist ausgefranzt, der Stoff so dünn und abgenutzt, dass eine Reparatur wohl zum Scheitern verurteilt ist. Die Globuli aus seinem Innern haben sich auf Erkundungsreise gemacht, in die Schale mit dem Dominosteinen, die hart wie Kieselsteine sind. Um den Kerzenstumpf, der Docht im getrockneten Wachs ertrunken, die Dekozweige ebenfalls trocken und braun. Über den restlichen Tisch, die Packung Taschentücher umfließend, auf den Boden, wo sie vom Teppich daran gehindert wurden in jede Ecke des Zimmers zu rollen. Sie stellt sich vor, wie sie aufsteht, in die Küche geht und den Staubsauger holt. Weiß schon, welches Bein sie als erstes auf den Boden setzt. Doch dann bleibt sie doch liegen. Sie hat Hunger, doch um sich an die Dominosteine zu wagen, müsste sie Tee kochen, um sie einzuweichen. Sie umfasst die Reste von Legolas noch fester. Sie fühlt sich so schwer, keine Sackkarre könnte sie jetzt bewegen.

Das Telefon klingelt. Sie rührt sich nicht vom Fleck. Vielleicht ist es ihre Schwester, die von ihrem neuen Job erzählen will. Vielleicht ihre Mutter, die doch angeblich immer spürt, wenn es ihren Töchtern nicht gut geht. Vielleicht ihr Vater, der ihr ein Buch empfehlen will, das er gelesen hat. Vielleicht Luisa, die immer noch ihren Toaster hat. Oder Max, der ihr einen Film ausleihen wollte. Sie wird nicht rangehen können, aber vielleicht bringt die Stimme auf dem Anrufbeantworter sie dazu, aufzustehen. Sie überlegt sich, was sie gerne hören würde, was sie dazu bringen könnte, sich zu bewegen.

„Ihr Anruf kann zurzeit nicht angenommen werden, bitte hinterlassen sie eine Nachricht nach dem Signalton.“

Piep.

 

 

Der Text ist im Rahmen einer Schreibübung entstanden, die folgende Vorgaben hatte: Geschichte mit Wörtern: Globuli, Kerzenstumpf, Dominostein, Sackkarre, Comic-Heft, vogelwild

Abschiede

von Jana, Lesezeit < 10 Minuten. 

Der Text ist ziemlich genau am 01. November 2020 entstanden und hängt lose mit der „Morgens vor/während Corona“-Reihe zusammen.

Und wieder ein Abschied, denkt sie, als die neuen Maßnahmen verkündet werden. Ein Abschied von wiedergewonnenen Freiheiten, wiedergewonnener Normalität. Aber was ist schon normal, normal ist längst überholt, normal ist das vorher und zum vorher geht es nicht zurück. Die Welt hat sich verändert, die Menschen haben sich verändert, sie selbst hat sich verändert. Erst schleichend, dann mit Wumms. Der Tag, an dem sie einfach nicht mehr aufstehen konnte, war nicht der Anfang des Problems, sondern das Ende. Ein Zwangsabschied vom Bisher und dann eine lange Pause. Not available at the moment, please call again later. Out of order. Rien ne va plus.
Und jetzt? Jetzt weiß sie langsam wieder, wie sich Sonne auf der Haut anfühlt, ein Lächeln an den Mundwinkeln. Wie sich die Muskeln bewegen beim Spazieren gehen. Wie es sich anfühlt, wenn Atem in den Körper strömt, wenn sich die Augen schließen und man einer inneren Ruhe lauscht und nicht vom lauten und hektischen Brüllen der eigenen Antreiber begrüßt wird. Sie hat ihr Leben wieder, ein kleines Stück davon. Und sie weiß, dass sie den Rest davon, der jetzt frei und offen ist, mit neuen Dingen füllen will. Dinge, die sich gut anfühlen. Dinge, die Sinn ergeben. Alles will, kein Muss. Das ist Luxus, das ist ihr klar, und die Zweifel, ob sie diesen Luxus verdient hat, laufen immer mit. Nur sie hat keine Wahl, sie kann nicht zurück, zurück hat nicht funktioniert.
„Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Der Satz hatte für Wochen die Medien bestimmt. Aktuell ist es ein „Lieber jetzt schlimm, als später schlimmer.“. Sie weiß nicht, was sie davon halten soll und im Moment fällt es ihr ohnehin schwer, dem Alltag zu folgen. Sie ist gerade kein Teil davon. Es ist ein Ausstieg auf Zeit, ein Ausstieg, den sie jeden Tag versucht zu genießen, soweit das eben möglich ist.
„Abschied heißt doch auch weitergehen“ sagt ein Lied, das sich irgendwann mal in ihre Festplatte geprägt hat. Abschied heißt Veränderung. Wenn etwas geht, kann etwas Neues kommen, also warum fühlt sie sich gerade so, als würde die Welt untergehen? Vielleicht sind es gerade zu viele Abschiede. Da ist der funktionierende Alltag, dem genau das Funktionieren zum Verhängnis wurde ist.
Da ist der Freund, der ihr die Freundschaft gekündigt hat. Sie würde still stehen, würde sich nicht genügend verändern. Sie wäre kein Mensch, den er um sich haben will. Nun, still stehen ist gerade alles, was sie kann. Die Veränderung würde kommen, sie will sie, kann sie schon vage riechen. Aber sie wird bestimmt nicht so, wie er es gerne hätte. Also ist es ein Abschied auf immer inklusive des Lochs in ihrem Herzen.
Dann noch der Abschied von der zurückgewonnenen Freiheit: die Freunde, die sie wieder umarmen konnte, der Cappuccino im Lieblingscafé, die Sonnenterrasse beim Italiener, das alles muss sie wieder hergeben, ein Abschied auf Zeit, aber ein Abschied.
Und zuletzt dieses Jahr, das so gute und so furchtbare Momente hatte und das sich in Kälte, Nebel und fallenden Blättern langsam auflöst. Keine Weihnachtsmärkte in diesem Jahr. Keine Lichterinseln, kein gemeinschaftliches Zelebrieren, um dieses Jahr zu einem guten Ende zu bringen. Ein Abschied, der neu inszeniert werden muss. Aber diese Inszenierung hat noch Zeit.
Erstmal ist November mit Allerheiligen und dem Gedenken an jene, die wir längst verabschiedet haben. Grabgestecke und ewige Lichter zwischen Halloween-Kostümen und Kürbissen. Eine seltsame Mischung, findet sie, während sie die Leute in der S-Bahn beobachtet. Ein kleines Mädchen ist da, vielleicht fünf Jahre alt, das laut zu ihrem Begleiter sagt: „Papa, ich bin immer noch traurig wegen der Mama.“ Der Satz könnte alles bedeuten. Doch das Grabgesteck auf ihrem Schoß, die plötzliche Stille im Zug, der Blick ihres Vaters sagen etwas anderes. Ihr Herz krampft sich kurz zusammen.
Abschied, überall, wo sie gerade steht und geht. Aber ihr eigener ist ein Abschied, um weiterzugehen. Welch unverschämtes Glück sie hat.

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