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Lilly schreibt ein Buch (Teil 3)

Wie ist die kleine Lilly auf die Idee gekommen, ein Buch schreiben zu wollen?
Hier beginnt die Geschichte: Teil 1 und Teil 2.


von Carmen

Im Arbeitszimmer nahm Mama ein paar Kissen vom Sofa, das neben dem großen Regal in der Ecke stand, und legte sie auf den Hocker, auf dem es sich Lilly bequem machen sollte. So konnte Lilly neben Mama am Schreibtisch sitzen und war fast so groß wie sie.

Mama verteilte zwei Stapel Schmierpapier, an Lilly und an sich selbst, während Lilly sich schon mal einen Stift aussuchen konnte. Erneut stellte Lilly mit Bedauern fest, dass Mama nur blaue oder schwarze Stifte hatte, und sie überlegte kurz, ob sie nicht doch ihren Glitzerstift aus dem Kinderzimmer holen sollte. Aber wenn sie ehrlich war, konnte sie es gar nicht erwarten, mit dem Schreiben anzufangen. Da war die Farbe des Stiftes fast egal. Außerdem lagen zur Not noch ihre Buntstifte in der obersten Schublade des Schreibtisches. Die bewahrte Mama dort auf, bis Petzi und Lilly das Kinderzimmer fertig aufgeräumt hatten.

Mama ließ sich neben Lilly in ihren großen Bürostuhl fallen, der so herrlich quietschte, wenn man sich hineinsetzte und mit dem man wunderbar Karussell spielen konnte – wenn Mama nicht dabei war.
„Bist du bereit?“, fragte Mama.
Lilly war gespannt auf das Wort ‚Hexe‘. Sie hatte eine gute Wahl getroffen, fand sie. ‚Hexe‘… Lilly dachte an die vielen Hexen, die sie kannte. Es gab gruselige Hexen, alte Hexen, Hexen mit krummen Nasen, langen, grauen Haaren, schrillen Stimmen und spitzen Hüten. Manche konnten auf alten Besen fliegen, manche besaßen Häuser aus Lebkuchen mit Fenstern aus Zucker. Manche hatten Raben als Haustiere, wie die kleine Hexe mit dem Raben Abraxas. Es gab hungrige Hexen, wie die, die Hänsel aufessen wollte. Lilly war immer noch erleichtert, dass Gretel ihren Bruder hatte retten können. Es gab aber auch junge Hexen, wie Bibi Blocksberg, die Jeans trugen und gerne auf Pferden ritten. Und es gab Lillys Hexe, eine listige, kluge, gute Hexe, die im Wald ihren Schatz jedes Mal erneut gegen die Räuber schützen musste.
Ja, Lilly war bereit. Gespannt schaute sie Mama zu, wie Mama die ersten Striche malte.

Mama malte vier Zeichen, alle mit etwas Abstand zueinander, wobei das zweite und das letzte Zeichen gleich aussahen, wie Lilly auffiel.
„Das erste ist ein Ha“, erklärte Mama, „da machst du zwei Striche von oben nach unten, so, und in der Mitte machst du einen Strich, der die beiden verbindet. Schau, sooo.“
Interessiert sah Lilly Mama zu, wie sie dieses ‚Ha‘ malte.
„Das sieht aus, wie im Wald, wenn ein Baum dem anderen ‚Hallo‘ sagt“, fand Lilly.
Mama hielt kurz inne und schaute sich den Buchstaben an.
„Wie meinst du das?“, fragte Mama.
Warum fragte Mama so etwas Merkwürdiges, das war doch offensichtlich. Ohne nachzudenken nahm sich Lilly die Buntstifte aus der obersten Schublade, was ihr eine hochgezogene Augenbraue von Mama einbrachte, und zeigte Mama, was sie meinte. Sie malte das ‚Ha‘ noch einmal auf ihr eigenes Schmierpapier: zwei Bäume, die sich begrüßten.
„Hmm, du hast recht“, sagte Mama nachdenklich, „das ist mir noch nie aufgefallen. Dann bin ich gespannt, an was du denkst, wenn du dir die anderen Buchstaben anschaust. Wie du siehst, gibt es den nächsten Buchstaben gleich zweimal im Wort. Dieser Buchstabe heißt ‚Eh‘. Kannst du mir sagen, an was der dich erinnert?“

Lilly schaute sich das ‚Eh‘ nachdenklich an. Der Buchstabe sah aus, wie eine Schnecke im Schneckenhaus, in die die Hexe die Räuber so oft verwandelte. Mama hatte die beiden ‚Eh’s etwas unterschiedlich gemalt: das vordere ‚Eh‘ schien schüchtern zu sein und ängstlich. Der hintere Buchstabe war neugieriger und bereit, die Welt zu entdecken. Eifrig griff Lilly wieder nach den Buntstiften und malte die zwei Schnecken für Mama, die vordere noch versteckt in ihrem schützenden Panzer, die hintere mit ausgestreckten Fühlern auf Abenteuersuche.
Für die beiden Schnecken benötigte Lilly etwas mehr Zeit, aber Mama wartete geduldig, bis sie fertig war mit Malen und schaute ihr währenddessen interessiert zu. So viel Zeit hatte Lilly schon lange nicht mehr mit Mama alleine verbracht. Wenn Mama und Lilly alleine zuhause waren, musste Mama oft arbeiten. Beim Mittagessen oder Abendessen oder wenn Mama eine Geschichte vorlas, war immer Jakob mit dabei. Das war auch schön, Lilly liebte ihren Bruder sehr, auch wenn Jakob manchmal furchtbar nerven konnte, besonders wenn er sie nicht mitspielen ließ oder wieder einmal sagte, sie sei zu klein für irgendetwas. Aber jetzt, wo Mama nur für sie da war, ohne Jakob und – wie Lilly beschämt zugeben musste – auch ohne Petzi, da wurde Lilly ganz warm ums Herz. Sie war sehr, sehr glücklich.
„Fertig!“, rief sie und hielt Mama das Blatt mit den Bäumen und den zwei Schnecken zur Begutachtung hin. Zwischen den Schnecken hatte sie etwas Platz gelassen, damit noch das letzte Zeichen hinpasste, das bei Mama recht einfach aussah.
„Jetzt fehlt nur noch ein Buchstabe. Der heißt ‚Ix‘ und ist ein einfaches Kreuz“, sagte Mama, während sie nochmal ein Kreuz auf ihr Blatt malte.
Nur noch ein Zeichen? Lilly war verwirrt.
„Aber was ist mit dem Spuckzeichen? Wir haben das Spuckzeichen vergessen!“
Mama lächelte: „Ja, da hast du recht. Es fehlt ein Spuckzeichen. Aber leider wurden Spuckzeichen noch nicht erfunden, so dass wir Erwachsene beim Vorlesen bei jedem Wort aufpassen müssen, nicht zu spucken.“ Dabei betonte Mama ‚jedem‘.
Keine Spuckzeichen? Lilly war schockiert und wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Und vor wirklich jedem Wort aufpassen, nicht zu spucken? Das war ja furchtbar. Furchtbar langweilig. Sie ertappte sich dabei, dass nun ihr die Spucke im Mund zusammenlief. Wenn sie ihr Buch schreiben würde, würde sie auf jeden Fall Spuckzeichen mit einbauen. Auf jeden Fall.

Sie schaute sich wieder den letzten Buchstaben an, dieses Kreuz. Sie musste an die kluge Hexe denken und fragte sich, ob ihre Hexe fliegen konnte. Bis jetzt hatte sie das noch in keiner der Geschichten getan. Doch wie viele neue Möglichkeiten gab es auf einmal, den Räubern ein Schnippchen zu schlagen! Lilly beschloss, dass ihre Hexe fliegen konnte, und malte das ‚Ix‘ zwischen den beiden Schnecken: zwei Hexenbesen über Kreuz.
Als Lilly fertig war, war sie fast etwas enttäuscht. Sie merkte, dass die Zeit mit Mama langsam zu Ende ging. Unwillkürlich kuschelte sie sich etwas enger an Mama. Mama strich ihr über die Haare und drückte ihr einen Kuss auf den Kopf.

„Das war’s. Jetzt kannst du ‚Hexe‘ schreiben. Ganz leicht, oder?“, sagte Mama stolz.
Lilly nickte. Schreiben war gar nicht schwer, aber das wusste sie ja schon. Sie war etwas geknickt, weil es in Wirklichkeit keine Spuckzeichen gab. Das war ein schwerer Mangel, da würde ihr Petzi sicher zustimmen. Petzi würde sehr enttäuscht sein. Lilly war sich sicher, dass Petzi sich still und heimlich auf die vielen Spuckzeichen in den Büchern gefreut hatte, die sie beide noch schreiben würden. Wahrscheinlich hätte er absichtlich viele Wörter mit Spuckzeichen eingebaut, so dass sie sich beim Vorlesen gegenseitig viel anspucken mussten. Sie stellte sich Mama und Jakob mit einem schützenden Regenschirm vor, wenn sie ihnen aus ihrem selbst geschriebenen Buch vorlas mit allen von Petzi eingebauten Spuckwörtern. Lilly musste kichern, wenn sie daran dachte. Oder…oder… vielleicht… Lilly hatte auf einmal eine Idee. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, wenn sie die Leser nicht vorwarnte, dass ein Spuckwort folgte…
Oh, sie musste schnell zu Petzi!

„Mama, ist Petzi jetzt schon wieder sauber?“
Lilly konnte es nicht erwarten, Petzi wiederzusehen und ihm von ihrem Plan zu berichten.


2

Lilly schreibt ein Buch (Teil 2)

In Teil 1 der Geschichte beschließen Lilly und ihr Teddy Petzi, ein Buch zu schreiben.


von Carmen

Petzis Gesicht zeigte keine Regung ob dieser tollkühnen Ankündigung. Vielleicht war er gar nicht überrascht, weil er mit Lilly schon ganz andere Abenteuer erlebt hatte.
„Komm, Petzi“, sagte Lilly. Sie stand auf, packte ihn beim Arm und machte sich auf den Weg zu Mamas Arbeitszimmer, wo immer ein ganzer Vorrat an Stiften und buntem Papier zu finden war.
Mama hatte eine Kiste voller Schmierpapier: alte Briefe oder Texte, die aus einem Gerät namens „Scheiß-Drucker“ herausgekommen waren. Als Lilly Mamas Arbeitszimmer betrat, war Mama dabei, mit einem schwarzen Stift Striche, Kreise und merkwürdige Zeichen auf ein Blatt zu malen, bevor sie das Blatt noch einmal anschaute und es unzufrieden zum restlichen Schmierpapier legte. Lilly hatte Mama einmal gesagt, dass sie wusste, warum Mama so schlecht malte. Mama nutzte nämlich immer die gleichen blauen oder schwarzen Stifte, niemals rote oder grüne oder glitzernde, so wie Lilly es tat. Lilly hatte angeboten, dass Mama ihre Buntstifte benutzen konnte, dann würden die Bilder sicher hübscher werden und sie musste nicht so viele in die Schmierpapier-Kiste entsorgen. Doch Mama hatte Lilly lächelnd erklärt, dass sie gar nicht malen wollte, sondern arbeite. Mama hatte gesagt, dass auch sie bei der Arbeit übe, so wie Lilly auch das Schreiben ihres eigenen Namens hatte üben müssen. Am Anfang klappt es nicht so gut, aber nach und nach wird es immer besser. Das hatte Lilly verstanden und so schaute sie Mama heute interessiert beim Arbeit Üben zu, bevor sie sich entsann, wozu sie hergekommen war.

„Langweilst du dich, mein Schatz?“, fragte Mama, als sie aufblickte und Lilly entdeckte.
„Mama“, platzte es aus Lilly heraus, „Petzi und ich schreiben ein Buch!“
Mama blickte überrascht – und vielleicht ein bisschen stolz. Daher warf Lilly schnell hinterher:
„Ich weiß schon alles übers schreiben! Ich kann Lilly schreiben und der, die und das lesen. Und ich weiß alles über Spuckzeichen, Zeichen für langweilig, wie bei den Rutschbahnen und für gute, wichtige Rutschbahnen.“
„Hmm“, sagte Mama, „dann weißt du ja wirklich schon fast alles. Worüber willst du denn ein Buch schreiben?“
„Über die listige Hexe und die tollpatschigen Räuber. Wie die Räuber immer versuchen, der Hexe den Schatz zu stehlen und wie die Hexe die Räuber am Ende immer in Frösche und Kröten und Blindschleichen und Esel verwandelt.“ Lilly war ganz aufgeregt und musste schon wieder über die dummen Räuber kichern, als sie sich die Geschichte vorstellte.
„Das wird sicher ein lustiges Buch!“, sagte Mama. „Aber ich fürchte, das müssen Petzi und du noch eine Weile aufschieben.“
Lilly bekam große Augen. „Nein! Aber warum denn?“
„Hast du denn vergessen, was heute für ein Tag ist?“
Lilly hat so eine vage Ahnung, aber sie wollte lieber nichts sagen und schob Petzi hinter ihren Rücken.
„Petzi hat heute Waschtag. Je schneller er gewaschen ist, desto schneller könnt ihr mit dem Buch anfangen. Was sagst du?“
„Petzi möchte aber gar nicht in die Waschmaschine!“, sagte Lilly trotzig. Vor allem wollte Lilly so schnell wie möglich anfangen zu schreiben.
„Lilly, dein Teddy ist sehr, sehr dreckig“, erklärte Mama. „Petzi muss gewaschen werden. Da sind sogar noch Flecken von der Schokolade dran, die Oma euch vorgestern mitgebracht hat. So wie du abends baden musst, muss auch Petzi in die Waschmaschine, damit er sich wohl fühlt und gesund bleibt.“
Lilly hatte Tränen in den Augen. Sie wollte doch so gerne sofort mit dem Buch beginnen. Aber Mama hatte recht, da waren wirklich einige dunkelbraune Klumpen in seinem ansonsten hellen, flauschigen Fell. Lilly wollte auf keinen Fall, dass Petzi krank würde.
Mama kniete sich vor ihr hin, nahm sie an den Schultern und schaute sie an.
„Ich mache dir einen Vorschlag, mein Schatz. Wir bringen jetzt Petzi in die Waschmaschine und danach üben wir zusammen, ein paar Wörter zu schreiben. Wenn Petzi wieder sauber und trocken ist, kennst du sogar noch einige Wörter mehr.“
Lilly schluckte kurz. Sie war immer noch sehr enttäuscht, dass sie nicht gleich alles über die Hexe und die Räuberbande aufschreiben konnte, aber sie konnte natürlich nicht ohne Petzi anfangen. Sonst wäre er sehr traurig. Lilly schaute Mama an und nickte.
„Na, dann komm.“

Im Badezimmer, wo die Waschmaschine stand, nahm Mama den kleinen Messbecher, um das Waschpulver in die Maschine zu füllen, während Lilly Petzi beruhigte:
„Keine Angst, Petzi. ich werde nicht ohne dich anfangen. Du wirst jetzt schön sauber und ich hole dich hier wieder ab, wenn du fertig bist.“
Dann gab sie ihm einen dicken Kuss, legte ihn behutsam in die Trommel und schloss das Bullauge.
Mama stellte die Maschine ein und Lilly durfte „Start“ drücken.

„So, Lilly, dann lass uns schreiben“, sagte Mama, während sie zurück zum Arbeitszimmer gingen. „Weißt du schon, welches Wort du zuerst lernen möchtest?“
Lilly hatte noch gar nicht darüber nachgedacht. Es gab so viele spannende Wörter, wie Wald, der je nach Wetter und Jahreszeit immer anders aussah. Im Frühling hatte er so wunderschöne Blüten und es war alles voller Licht. Im Sommer wurde der Wald dunkler und spendete wunderbar Schatten und im Herbst verloren die Bäume Blätter in 1001 Farben, Lilly sammelte Kastanien und Tannenzapfen zum Basteln und Buchecker zum Naschen. Ein anderes schönes Wort war Clown. Lilly mochte Clowns, die konnten jonglieren, hatten riesige Schuhe mit lustigen Beulen an der Spitze und waren genauso tollpatschig wie ihre Räuberbande.
Aber auf einmal kam ihr eine Idee:
„Au ja, ich weiß es!“, rief Lilly. „Ich will ‚Hexe‘ schreiben. Das ist ein Wort mit Spuckzeichen. Die mag Petzi besonders!“

 

Illustration by Karoline Jørgensen
Illustration von Karoline Jørgensen

Schaffen es Lilly und Petzi, tatsächlich ein Buch zu schreiben? Wird Mama die Geschichte lesen können? Seid gespannt auf Teil 3.

Lilly schreibt ein Buch (Teil 1)

von Carmen, Lesezeit ungf. 5 Minuten

Lilly saß auf ihrem selbst gebauten Thron aus dicken Kochbüchern, die Mama ihr zum Spielen geschenkt hatte. Sie hielt sich vier Finger vor die Augen, betrachtete sie eingehend und hielt sie dann etwas tiefer, damit Petzi sie besser sehen konnte. Petzi saß still in ihrem Schoß und schien zu grübeln, genauso wie sie.
Jakob war schon acht und er hatte gesagt, sobald man eine ganze Hand braucht, um zu zeigen, wie alt man ist, ist man groß. Jakob war groß, das stand außer Frage, Lilly brauchte sogar die zweite Hand, um acht Finger zu zeigen. Mama sagte immer Sachen wie „großer Bruder“, wenn sie ihn meinte, oder „Pass auf deine kleine Schwester auf“, wenn sie mit Jakob über Lilly sprach. Ihr Bruder war groß und sie war klein, das war schon immer so. Sie spielte mit dem letzten Finger ihrer ersten Hand. Streckte ihn aus und zog ihn wieder ein. Aus – ein – aus – ein. Sie war noch einen ganzen Finger lang klein. Eine Ewigkeit, die sie sich gar nicht vorstellen konnte. Lilly war frustriert, Petzi teilte das Gefühl.

Jakob konnte so viele wunderbare Dinge machen, er konnte sogar schon schreiben. Wenn er aus der Schule nach Hause kam, machte er sich immer furchtbar wichtig und setzte sich mit dem Heft und einem Stift an den Küchentisch und schaute sehr ernst, während er ein paar Seiten im Heft vollschrieb. Manchmal motzte er Lilly an, wenn sie Lärm machte. Lilly wusste, dass er nur so tat. Jakob hielt die ernste Miene nur kurz durch. Spätestens nach zehn Minuten fing er an, zu kippeln und immer öfter zum Fenster hinauszuschauen. Sobald seine Hausaufgaben fertig waren, schmiss er sein Heft nachlässig in den Ranzen und kümmerte sich nicht mehr darum bis zum nächsten Tag.

Könnte Lilly schreiben, sie würde gar nicht mehr aufhören. Es gab so viele faszinierende Wörter, bei denen sie so gerne gewusst hätte, wie sie aussahen. Rutschbahn zum Beispiel. Sah man dem Wort an, wie viel Spaß es machte, hochzuklettern und hinunterzurutschen? Es gab so viele verschiedene Rutschbahnen, sahen die langweiligen Rutschbahnen geschrieben auch langweiliger aus, als die lustigen? In den Büchern, aus denen Mama ihr abends vorlas, sah Lilly, dass manche Wörter klein und manche groß und manche tiefschwarz mit breiten Strichen und andere ganz dünn und unscheinbar aussahen. Die meisten waren dünn und klein, vermutlich waren das die Unwichtigen. Die meisten Wörter waren ja wirklich unwichtig und doof, so wie Arbeit oder jetzt nicht oder aufräumen.
Etwas, das sich Lilly schon immer gefragt hatte: Gab es im Rutschbahn-Wort eine Warnung, dass man in der Mitte die Möglichkeit hatte, zu spucken, wenn man beim „tsch“-Teil angekommen war. Die Rutschbahn auf der kleinen Wiese direkt gegenüber war langsam und meistens rutschte man gar nicht richtig, sondern musste sich nach unten weiterziehen. Die machte überhaupt keinen Spaß. Wahrscheinlich schrieb man dann ganz klein
„[Zeichen für Spuckwort] [Zeichen für langweilig] Rutschbahn“.
Das war praktisch, fand Petzi. So wusste jeder sofort, mit was für einer
[Zeichen für Spuckwort] Rutschbahn
man es zu tun hatte. Lilly hatte den Verdacht, dass Petzi sich zu sehr für das Spuckwort-Zeichen interessierte und schon dabei war, den Speichel im Mund zu sammeln.
„Nein, Petzi“, belehrte sie ihn mit erhobenem Zeigefinger, „du darfst nicht absichtlich spucken!“
Lilly war nicht sicher, ob sie Petzi überzeugt hatte.

Nachmittags, wenn Mama am Computer arbeitete, langweilte sich Petzi immer ganz furchtbar. Lilly setzte sich dann hin und erzählte ihm eine Geschichte. Petzi mochte am liebsten die Geschichten über die tollpatschige Räuberbande und die kluge Hexe. Die Räuber wollten unbedingt den Schatz der Hexe stehlen, doch die Geschichten endeten meistens, indem die Hexe sie in Frösche oder Esel verwandelte.
Wenn sie Petzi die Geschichten erzählte, kugelte er sich vor Lachen und konnte sich gar nicht mehr halten. Lilly roch den feuchten Waldboden und hörte das unterdrückte Lachen der Hexe, die nur auf einen weiteren Versuch der Räuber wartete, weil sie einen neuen Zauberspruch ausprobieren wollte. Sie spürte die Vorfreude der Räuber darüber, dass der Raubzug diesmal sicher klappen würde und die „Jetzt erst recht“-Einstellung zum Schluss, wenn es wieder nach hinten losgegangen war. Die Puzzlestücke fügten sich und Petzi hörte gebannt zu und lag am Ende völlig erschöpft vor Lachen auf dem Boden.
Wenn Mama abends fragte, was Lilly und Petzi den ganzen Nachmittag gemacht haben, wollte ihr Lilly die Geschichte noch einmal erzählen, aber dann fielen ihr die Details nicht mehr ein. Sie erinnerte sich nicht mehr genau, die Reihenfolge stimmte einfach nicht mehr und die Geschichte erwachte nicht zum Leben. Mama weinte nicht vor Lachen, so wie Petzi es tat. Sie sagte meistens so etwas, wie „schön“ oder „das klingt ja nett, geh und wasch dir die Hände vor dem Abendessen“.
Wie oft hatte sie sich gewünscht, ihre und Petzis Abenteuer im Wald mit der Räuberbande und der Hexe aufschreiben zu können.

Zusammen mit Mama hatte sie schon ein klein wenig lesen gelernt, aus den vielen Büchern, wo die langen Worte mit kleinen Bildern ersetzt worden sind. Lilly konnte schon „und“ und „der“, „die“ und „das“ und „Lilly“ lesen, wobei „Lilly“ nie in einem Buch vorkam, sondern nur von Jakob oder Mama mit großen, fetten Strichen auf ein Schmierpapier aus Mamas Arbeitszimmer geschrieben wurde.

Was würde Lilly dafür geben, groß zu sein und schreiben zu können. Lilly schaute wieder auf ihre vier Finger und  fasste einen Entschluss. So schwer konnte schreiben gar nicht sein, das meiste wusste sie ja ohnehin schon.

 

 „Petzi, hol Papier, wir schreiben ein Buch.“

 

 


Lillys und Petzis Abenteuer, ein Buch zu schreiben, hat begonnen.
Wie es weitergeht?
Schnell weiterlesen – hier gibt es Teil 2!

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