Geschichten. Überall und Jederzeit

Streik

von Jana, Lesezeit ca. 6 Min.

Habt ihr auch schon gehört, dass es in Ordnung ist, wenn man mit seinen Topfpflanzen und Haushaltsgeräten spricht, man sich aber Gedanken machen sollte, wenn diese antworten? Ja, genau…

„Du elendes scheiß Mistding! Du blödes Drecksteil! Tu gefälligst, was ich will, wehe du Scheißding bewegst dich nicht endlich…!“

„Verzeihung bitte?!“

Sie hielt in ihrer Tirade inne und schaute sich um. Hatte da gerade jemand gesprochen? Das war unwahrscheinlich, außer ihr war niemand hier. Hatte sich die Radioapp wieder von selbst eingeschaltet? Nein, sie hörte sonst nichts weiter. Wahrscheinlich war die Stimme von draußen durch das offene Fenster gekommen.

Sie zerrte wieder am Staubsauger, der sich mit dem Rad in der Türverkleidung verkeilt hatte.

„Nun beweg dich schon endlich, du dummes…“

„Verzeihung bitte! Also wirklich!“

Sie ließ die Düse fallen und drehte sich um. Da war eine Stimme gewesen. Laut und deutlich!

„Na bitte, geht doch! Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit.“

Es war niemand hier. Ihre Küche war – abgesehen von den Möbeln und ihr selbst – leer. Es konnte niemand gesprochen haben.

„Hallo?“, fragte sie leise. Die Stimme war von draußen gekommen, ganz sicher. Sie meinte ganz sicher nicht sie hier drinnen. Und trotzdem.

„Ja, hallo! Ich dachte, das hätten wir schon. Hallo, ich bin der Wasserkocher und ich stehe drei Meter vor dir. Es wäre nett, wenn du mich ansiehst, wenn wir miteinander sprechen.“

Der Wasserkocher. Natürlich.

Sie bückte sich wieder nach der Düse. Nach dem Staub saugen würde sie sich hinlegen und eine Stunde schlafen, vielleicht auch zwei. Oder am besten gleich bis morgen durch.

„Stopp!“, wieder die Stimme, „Tut mir leid, ich kann die Weiterbenutzung des Staubsaugers nicht erlauben! Nach einer so schweren verbalen Misshandlung liegt hier ganz klar ein Trauma vor.“

Ein Trauma. Mmh. Sie drehte sich zum Wasserkocher und musterte das Gerät. Es sah aus wie immer. Nichts ungewöhnliches feststellbar. Es war ein Haushaltsgerät, ein Wasserkocher, dafür da Wasser zu kochen, nicht mehr. Aktuell war es nicht mal eingesteckt, kochte ergo kein Wasser und sprach auch nicht mit ihr. Oder ergriff Partei für seine Mithaushaltsgeräte. Das wäre ja noch schöner! Ihr eigener Kopf formte diese Gedanken.

„Tut mir leid“, sagte sie an den Staubsauger gewandt. „Du kannst ja auch nichts dafür. Sorry.“ Sie sollte mal wieder Urlaub machen. Dann hätte auch ihr Staubsauger Pause.

„Mit so einer billigen Entschuldigung kommst du jetzt aber nicht davon. Jedes Gerät hat auch eine Seele. Wir sind nicht einfach nur Plastik und Mechanik und Kabel! Und würdest du mich endlich ansehen, wenn ich mit dir spreche, nun mal ehrlich!“

Ihr Blick fiel wie automatisch wieder auf den Wasserkocher. Sie kniff die Augen zusammen.

„Aber da ist doch kein Mund“, murmelte sie und aus dem Wasserkocher stieg eine kleine Dampfschwade auf. Nicht eingesteckt. Nicht eingesteckt! Wie…?

„Natürlich ist da kein Mund! Ich bin ein Wasserkocher! Ich habe einen Stolz, verstehst du?! Wir sind hier ja nicht bei Disney und nur schon mal vorab: Ich werde weder tanzen noch singen, klar?!“

Singen? Wieso?

„Klar?!“

„Ähm… ja, ja, klar.“ Wie ging das Lied noch mal? Irgendwas mit Gast. Aber da war kein Wasserkocher gewesen, nur eine Teekanne. Moment, konnte ihr Teekanne etwa auch sprechen?

„Also, worum es mir geht: Dein Verhalten gegenüber uns, deinen Haushaltsgeräten, die dir das Leben im Übrigen ungemein erleichtern, ist nicht mehr akzeptabel! Wir haben daher beschlossen, in Streik zu treten.“

„Streik.“

„Ja, wir werden in der nächsten Zeit keine Dienste mehr ausführen. Du hast uns beschimpft, beleidigt, verletzt in unserer tiefsten Seele. Wir sind zutiefst betroffen.“ Wieder stieg eine Dampfwolke auf.

„Oh…Tschuldigung.“ Vielleicht sollte sie doch öfter auf ihre Wortwahl achten. Aber wo, wenn nicht in den eigenen vier Wänden allein konnte man lautstark fluchen, wenn diese sch… schönen Haushaltsgeräte nicht schnell genug waren? „Ich wusste ja nicht, dass ihr das hört.“

„Natürlich hören wir das. Wir sind ja keine Maschinen!“

„Na ja, also…“

„Pah!“, wieder eine Dampfwolke, dann Stille.

„Hallo?“, doch der Wasserkocher antwortete nicht. Auch nicht die Kaffeemaschine. Und als sie den Staubsauger anschaltete, blieb er stumm.

„Na gut“, murmelte sie, „dann muss ich mir wohl etwas einfallen lassen.“ Sprach sie gerade laut, damit ihr Wasserkocher ihre guten Absichten vernahm? Natürlich nicht. Das wäre ja völlig absurd.

„Ich bin sehr dankbar für meinen Wohlstand und meine vielen Haushaltshelfer, die für mich da sind.“ Ja, genau, das konnte man ruhig mal laut sagen. Einfach so.

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2 Kommentare

  1. Gaby

    Dankbarkeit-ein schönes Wort🥰passt nicht(nur) zu Haushaltsgeräten

    • Jana

      Ja, das stimmt natürlich. Aber besonders meine Haushaltsgeräte haben es manchmal schon schwer mit mir 😉

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