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Notizbücher – eine Liebeserklärung

Nein, es ist kein Klischee: Autor*innen lieben Notizbücher! Sie haben viele davon. Sie benutzen sie. Auch wenn sie nicht mehr mit Schreibmaschine schreiben, mit einem Stift schreiben Autor*innen immer noch regelmäßig. Das gilt zumindest für die, die wir persönlich kennen.

Zwei Liebeserklärungen:

30.06.2019: 35 Grad, die Sonne im Zenit. Kein Schatten weit und breit auf der Ludwigstraße in München. Die Straße und die Fassaden der Gebäude spiegeln die Hitze wider und erhöhen die Temperatur um weitere 1-2 Grad. Die Helfer des Münchener Stadtlaufs verteilen verzweifelt die Getränke, zwingen sie Teilnehmer*innen und Zuschauer*innen geradezu auf. Die  Sanitäter arbeiten im Akkord. An mehreren Stellen der Strecke hat die Feuerwehr Wasserwände aufgebaut, Zuschauer*innen benetzen die Läufer*innen mit Wasserspritzpistolen. Inmitten dieser Hölle warte ich auf meinen Einsatz. Zu erkennen an dem extra Rucksack auf dem Rücken, leer bis auf Stift und Notizbuch. Ich schaffte es nicht, den Lauf ohne meinen wichtigsten Begleiter, mein Notizbuch, anzutreten. Ich könnte es ja brauchen…!

2020: Der Lockdown war gerade erst beschlossene Sache, die Geschäfte alle geschlossen, Homeoffice das neue Normal.
Da ruft mich eine Freundin aus Köln an.
„Hallo Carmen, ich bin in München, ich werde den Lockdown hier in der alten Heimat verbringen. Aaaaber ich habe mein Arbeitsnotizheft vergessen und du hast doch immer einen Vorrat…“
Ich war „empört“ über diese Unterstellung des überflüssigen Konsums meinerseits und habe sie natürlich eingeladen, sich eines auszusuchen.

Am Tag vor dem Lockdown war ich losgezogen, um meine persönlichen Hamsterkäufe zu erledigen: Patronen für den Drucker, Druckerpapier, Minen für meinen Lieblingsstift und – natürlich – Notizbücher. Meine Horrorvorstellung war, dass mir eines dieser Dinge ausgehen würde, bevor die Läden wieder öffneten.

Ich kann das Haus kaum verlassen, ohne dieses Büchlein voller Möglichkeiten. Ideen, To-Do-Listen, Reise-Anekdoten, Kurztexte, Buchpassagen, Beobachtungen im Museum, die Organisation meines Romans. Das Notizbuch übernimmt alles, was meinen Kopf überfüllt, ordnet es und gibt dem Wirrwarr eine Form, ein Aussehen, eine Realität. Man kann abhaken, durchstreichen, korrigieren, einkreisen, Lesezeichen setzen, Seitenzahlen notieren, zeichnen, umrahmen, Geschichten schreiben. 

Mein ältestes Notizbuch startete ich mit 14 und schrieb den letzten Eintrag mit 25. Neun Jahre zusammengefasst in einzelnen Zitate, ganzenTextpassagen, Zeitungsartikeln, Postkarten, Fotos, einem Liebesgedicht an meine damalige Schulclique, einem Liebesgedicht an den Einen, dem Datum meines ersten Kusses. Wie sehr sich meine Beobachtungen und die Bewertungen in diesen 9 Jahren veränderten! Wie krass sich meine Schrift veränderte. Und weniger offensichtlich: was ich alles NICHT notiert habe! Am Anfang waren es Zitate von Greenpeace und Winnetou. Am Ende ganze Textpassagen aus Simon Singhs „Fermats letzter Satz“. 

Meine Notizbücher sind mein persönlicher Schatz. Die vielen leeren Seiten, die noch da stehen, sind Versprechen der Zukunft an mich. Ich kann es kaum erwarten, sie zu füllen.

 

Die Sache mit Blanko

Ein leeres Blatt legt nichts fest. Ich kann mich frei darauf bewegen, mal hierhin, mal dorthin, schnuppern, schauen, probieren. Geht es an einer Ecke nicht voran, nehme ich eine andere, breite mich dort aus, weiter und weiter bis nichts mehr da ist zum Entdecken. Ein leeres Blatt ist endlich, irgendwann ist alles vollgekritzelt. Es ist ein Bild entstanden, eine Geschichte und dann: Umblättern, ein neues leeres Blatt! Aber wie ist das mit den Ideen? Sie brauchen Platz zum Entfalten, und es ist tückisch, das leere Blatt, ich darf nicht zu schnell sein. Denn ein leeres Blatt ist nicht mehr leer, wenn ich es beschreibe, es kann zerstört werden, verunreinigt, mit nur einem Strich. Ziehe ich Linien darauf oder Kästchen bekommt es eine Form, Regularien und dann? Müssen die Ideen in Schubladen passen: Eingeengt, platt, langweilig – leer?

Mein Speicher, mein Ideenspeicher ist leer, eine Wüste, ein Nichts, das leere Blatt gähnt mir entgegen, zwei Leeren aufeinander. Oh, sieh doch, ein Strich! Daraus könnte ein Wort entstehen, ein Baum, ein Tier, ein Irgendwas. Und schon hat es Geschichte.

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4 Kommentare

  1. Gaby

    Hallo Carmen
    Schade, dass ich 1. dein Notizbüchlein nie gesehen habe. Notizbücher sind sooo spannend

    • Carmen

      Ja, das stimmt. Und sehr privat 😉

  2. Gaby

    Hallo Jana, deine Geschichte ist fast ein Gedicht. Sie hat Rythmus und fast Reime… Ein schönes Spiel

    • Jana

      Liebe Gaby, dankeschön! War gar keine Absicht, daher spannend, dass es so wirkt.

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