Geschichten. Überall und Jederzeit

Lilly schreibt ein Buch (Teil 1)

von Carmen, Lesezeit ungf. 5 Minuten

Lilly saß auf ihrem selbst gebauten Thron aus dicken Kochbüchern, die Mama ihr zum Spielen geschenkt hatte. Sie hielt sich vier Finger vor die Augen, betrachtete sie eingehend und hielt sie dann etwas tiefer, damit Petzi sie besser sehen konnte. Petzi saß still in ihrem Schoß und schien zu grübeln, genauso wie sie.
Jakob war schon acht und er hatte gesagt, sobald man eine ganze Hand braucht, um zu zeigen, wie alt man ist, ist man groß. Jakob war groß, das stand außer Frage, Lilly brauchte sogar die zweite Hand, um acht Finger zu zeigen. Mama sagte immer Sachen wie „großer Bruder“, wenn sie ihn meinte, oder „Pass auf deine kleine Schwester auf“, wenn sie mit Jakob über Lilly sprach. Ihr Bruder war groß und sie war klein, das war schon immer so. Sie spielte mit dem letzten Finger ihrer ersten Hand. Streckte ihn aus und zog ihn wieder ein. Aus – ein – aus – ein. Sie war noch einen ganzen Finger lang klein. Eine Ewigkeit, die sie sich gar nicht vorstellen konnte. Lilly war frustriert, Petzi teilte das Gefühl.

Jakob konnte so viele wunderbare Dinge machen, er konnte sogar schon schreiben. Wenn er aus der Schule nach Hause kam, machte er sich immer furchtbar wichtig und setzte sich mit dem Heft und einem Stift an den Küchentisch und schaute sehr ernst, während er ein paar Seiten im Heft vollschrieb. Manchmal motzte er Lilly an, wenn sie Lärm machte. Lilly wusste, dass er nur so tat. Jakob hielt die ernste Miene nur kurz durch. Spätestens nach zehn Minuten fing er an, zu kippeln und immer öfter zum Fenster hinauszuschauen. Sobald seine Hausaufgaben fertig waren, schmiss er sein Heft nachlässig in den Ranzen und kümmerte sich nicht mehr darum bis zum nächsten Tag.

Könnte Lilly schreiben, sie würde gar nicht mehr aufhören. Es gab so viele faszinierende Wörter, bei denen sie so gerne gewusst hätte, wie sie aussahen. Rutschbahn zum Beispiel. Sah man dem Wort an, wie viel Spaß es machte, hochzuklettern und hinunterzurutschen? Es gab so viele verschiedene Rutschbahnen, sahen die langweiligen Rutschbahnen geschrieben auch langweiliger aus, als die lustigen? In den Büchern, aus denen Mama ihr abends vorlas, sah Lilly, dass manche Wörter klein und manche groß und manche tiefschwarz mit breiten Strichen und andere ganz dünn und unscheinbar aussahen. Die meisten waren dünn und klein, vermutlich waren das die Unwichtigen. Die meisten Wörter waren ja wirklich unwichtig und doof, so wie Arbeit oder jetzt nicht oder aufräumen.
Etwas, das sich Lilly schon immer gefragt hatte: Gab es im Rutschbahn-Wort eine Warnung, dass man in der Mitte die Möglichkeit hatte, zu spucken, wenn man beim „tsch“-Teil angekommen war. Die Rutschbahn auf der kleinen Wiese direkt gegenüber war langsam und meistens rutschte man gar nicht richtig, sondern musste sich nach unten weiterziehen. Die machte überhaupt keinen Spaß. Wahrscheinlich schrieb man dann ganz klein
„[Zeichen für Spuckwort] [Zeichen für langweilig] Rutschbahn“.
Das war praktisch, fand Petzi. So wusste jeder sofort, mit was für einer
[Zeichen für Spuckwort] Rutschbahn
man es zu tun hatte. Lilly hatte den Verdacht, dass Petzi sich zu sehr für das Spuckwort-Zeichen interessierte und schon dabei war, den Speichel im Mund zu sammeln.
„Nein, Petzi“, belehrte sie ihn mit erhobenem Zeigefinger, „du darfst nicht absichtlich spucken!“
Lilly war nicht sicher, ob sie Petzi überzeugt hatte.

Nachmittags, wenn Mama am Computer arbeitete, langweilte sich Petzi immer ganz furchtbar. Lilly setzte sich dann hin und erzählte ihm eine Geschichte. Petzi mochte am liebsten die Geschichten über die tollpatschige Räuberbande und die kluge Hexe. Die Räuber wollten unbedingt den Schatz der Hexe stehlen, doch die Geschichten endeten meistens, indem die Hexe sie in Frösche oder Esel verwandelte.
Wenn sie Petzi die Geschichten erzählte, kugelte er sich vor Lachen und konnte sich gar nicht mehr halten. Lilly roch den feuchten Waldboden und hörte das unterdrückte Lachen der Hexe, die nur auf einen weiteren Versuch der Räuber wartete, weil sie einen neuen Zauberspruch ausprobieren wollte. Sie spürte die Vorfreude der Räuber darüber, dass der Raubzug diesmal sicher klappen würde und die „Jetzt erst recht“-Einstellung zum Schluss, wenn es wieder nach hinten losgegangen war. Die Puzzlestücke fügten sich und Petzi hörte gebannt zu und lag am Ende völlig erschöpft vor Lachen auf dem Boden.
Wenn Mama abends fragte, was Lilly und Petzi den ganzen Nachmittag gemacht haben, wollte ihr Lilly die Geschichte noch einmal erzählen, aber dann fielen ihr die Details nicht mehr ein. Sie erinnerte sich nicht mehr genau, die Reihenfolge stimmte einfach nicht mehr und die Geschichte erwachte nicht zum Leben. Mama weinte nicht vor Lachen, so wie Petzi es tat. Sie sagte meistens so etwas, wie „schön“ oder „das klingt ja nett, geh und wasch dir die Hände vor dem Abendessen“.
Wie oft hatte sie sich gewünscht, ihre und Petzis Abenteuer im Wald mit der Räuberbande und der Hexe aufschreiben zu können.

Zusammen mit Mama hatte sie schon ein klein wenig lesen gelernt, aus den vielen Büchern, wo die langen Worte mit kleinen Bildern ersetzt worden sind. Lilly konnte schon „und“ und „der“, „die“ und „das“ und „Lilly“ lesen, wobei „Lilly“ nie in einem Buch vorkam, sondern nur von Jakob oder Mama mit großen, fetten Strichen auf ein Schmierpapier aus Mamas Arbeitszimmer geschrieben wurde.

Was würde Lilly dafür geben, groß zu sein und schreiben zu können. Lilly schaute wieder auf ihre vier Finger und  fasste einen Entschluss. So schwer konnte schreiben gar nicht sein, das meiste wusste sie ja ohnehin schon.

 

 „Petzi, hol Papier, wir schreiben ein Buch.“

 

 


Lillys und Petzis Abenteuer, ein Buch zu schreiben, hat begonnen.
Wie es weitergeht?
Schnell weiterlesen – hier gibt es Teil 2!

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1 Kommentar

  1. Gaby

    Sie wunderbar.
    Diese Geschichte müsste Pflichtlektüre bei den Kleinen in der Grundschule sein😊.

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