Geschichten. Überall und Jederzeit

Die Lebkuchenräuber

Bei diesem Text handelt es sich um ein Adventsspiel der Schneekirschen. Jede(r) nennt ein beliebiges Wort. Die Aufgabe ist es, einen Text zu schreiben, in dem alle genannten Wörter mindestens einmal genannt werden. Der folgende Text musste diese 6 Wörter beinhalten: 
Käsekuchen, To-Do-Liste, Lebkuchenräuber, kunterbunt, DNA-Spur, Mäusekönig
Wer Lust hat, darf gerne loslegen und uns seinen eigenen Text mit diesen Wörtern oder den Wörtern aus der Radiosendung (siehe Foto) zuschicken unter
info [at] mittendrin.blog. Eine mögliche Geschichte mit den 5 Wörtern auf dem Foto findet ihr hier.

Wir freuen uns auf Deine Geschichte!
von Carmen

Ferdinand öffnete ein Augenlid, als die Kammerdienerin eintrat. Eine elegante Person, wie er fand, mit glänzendem weiß-braun-schwarz-geschecktem Fell. Solche Farben sah man selten in seinem Reich. Er selbst war schlicht grau, so wie die meisten seiner Untertanen. Nur sein linkes Vorderbein war schneeweiß, als sei dem Hohen Erzeuger auf einmal die Farbe ausgegangen. Diese Pfote hatte er von seinem Vater geerbt, der vor ihm Mäusekönig gewesen war.
“Guten Morgen, Euer Hoheit!”, fiepte die Kammerdienerin, während sie ihm die Frühstückskörner in die Mitte des Zimmers stellte. Sein Schlafgemach war ein kleiner, runder Raum, nicht zu hell und mit nur einem Eingang, so dass man sicher nicht überrascht werden konnte. Hier fühlte sich Ferdinand wohl und geborgen.
“Bereit für den Tag, Sire?”

Gemächlich stand er auf, streckte sich ausgiebig und gähnte mit Genuss. Ja, er freute sich auf den Tag. Selten sah seine To-Do-Liste so viel versprechend aus.
Heute war die Zeremonie der Lebkuchenräuber geplant. Es war eine kuriose Zeit im Jahr. Ferdinands Volk hatte früh festgestellt, dass die Primaten sich in merkwürdigen Mustern verhielten. Man konnte den Wecker nach ihnen stellen. Wenn es draußen kalt, nass und so weiß, wie Ferdinands Vorderbein wurde, taten die Zweibeiner absurde Dinge. In der Küche wurden auf einmal Unmengen an Leckereien gebacken und die Menschen dekorierten alles in den auffälligsten Farben: ihre Fenster, ihre Kleidung, ja sogar die Süßigkeiten. Sie nahmen sogar die Bäume von draußen mit in ihre Höhle, als ob es denen im Freien kalt würde, und dann schmückten sie auch die mit Lebkuchen und glänzenden Kugeln.
Und als ob das nicht reichen würde, wurde ihr Musikgeschmack furchtbar primitiv und eintönig. Jedes Jahr zur Winterzeit erklang in Dauerschleife:
[Last Christmas summen]

Das Mäusevolk hatte sich den Zweibeinern angepasst und die wichtigste Feier auf den Tag gelegt, an dem die Verrücktheit der Primaten ihren Höhepunkt erreichte. Dann war deren Speisesaal proppevoll mit lachenden und singenden Menschen und die Tische bogen sich unter der Masse kunterbunter Köstlichkeiten.

Das war die Zeit für die Zeremonie des Lebkuchenräuber-Ordens. Die mutigsten und flinksten Mäuse waren gefragt, um in haarsträubenden Aktionen die feinsten Leckerbissen unter den Tischen der Menschen einzusammeln. Der Trick dabei war, sich anfangs in Geduld zu üben und nicht gleich loszuflitzen, wenn die erste Delikatesse auf dem Boden landete. Denn dort wo ein Stück landete, folgten in der Regel noch weitere und je später der Abend, desto unaufmerksamer die Zweibeiner.
Ferdinand selbst ließ es sich nicht nehmen, als königliches Vorbild immer den ersten Marsch anzuführen. Er freute sich jedes Jahr wahnsinnig darauf, das erste Stück eines saftigen Käsekuchens aufzusammeln und genussvoll die Schnauze darin zu versenken. Man musste es den Menschen zugestehen – damit hatten sie die perfekte Erfindung gemacht. Mäuse lieben Käse, das ist bekannt. Aber Käse in Form eines Kuchens – das war das Mäuseparadies. Und wehe, jemand wagte es, auch nur vom Kuchen abzubeißen, bevor der König seine Chance hatte – bei einer solchen Respektlosigkeit verstand Ferdinand keinen Spaß. Das war ein Fall für den königlichen Geheimdienst, der notfalls sogar die DNA-Spur sicherte, sollte der Schuldige nicht den Anstand haben, sich selbst zu stellen. Aber solch eine Respektlosigkeit ist dem Hohen Erzeuger sei Dank seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Ferdinand hatte keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Und so begann der Mäusekönig an diesem Morgen gut gelaunt seine Körner zu frühstücken in stiller Vorfreude auf eine spannende Zeremonie und ein saftiges Stück Kuchen am Ende des Tages.

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3 Kommentare

  1. Birgit

    Super Geschichte. Es war auch toll Euch am Samstag im Westpark „live“ kennenzulernen.

    • Jana

      Liebe Birgit, vielen lieben Dank! Es war auch sehr schön, Dich zu treffen und Deine Texte zu hören.

  2. Gaby Grimler

    So wie im richtigen Leben 🙂

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