Geschichten. Überall und Jederzeit

Kategorie: Humor

Über pinke Einweghandschuhe (#pinkyglove)

von Jana, Lesezeit < 5 Min. 

Anmerkung der Autorin: Wer die Diskussion um die „pinky gloves“ nicht mitbekommen hat, einfach mal in die Suchmaschine Eurer Wahl eingeben, sonst macht das Gedicht vermutlich nicht viel Sinn. Und auch wenn das Thema #pinkyglove abgeschlossen ist, das Thema Periode (und der Umgang damit) ist es nicht und wird es nie sein.

#pinkyglove

Es scheint noch immer zu frappieren,
dass Frauen zyklisch menstruieren.
Vor Blut muss man(n) kapitulieren,
voll Scham die Sauerei kaschieren.

Er will den Handschuh akquirieren,
mit pinker Farbe ihn verzieren,
die Schande darin deponieren.
Allein, es fehlt das Jubilieren!

Stattdessen folgt Häme und Spott.
Sie sagt: Der #pinkyglove ist Schrott!

Nun ja – es bleibt zu fantasieren,
Warum nur auf die Frau fixieren?
Wir wissen, Männer masturbieren.
Dabei sie meist ejakulieren.

Und wohin dann die Schmach lavieren,
bringt Männerhirn zum Transpirieren.
Das Menschsein selbst tabuisieren?
Diskreten Abgang konstruieren?

So kommt zum #pinkyglove, oh schau,
sein Gegenstück in Himmelblau!

Leuchtfeuer

von Jana, Lesezeit ca. 10 Min.

Ich platze vor Freude, als wir aus dem Regal in den Einkaufswagen gepackt werden, ich und meine 99 Geschwister, doch vom Einkaufswagen wandern wir in einen dunklen Kofferraum und von dort in einen genauso dunklen Schrank. Ein großes sperriges Paket landet auf uns und dann passiert lange Zeit nichts.

Endlich werden wir von der Menschenfrau wiederentdeckt und ganz vorne in den Schrank gestellt. Ich kann jetzt ab und zu einen Blick auf den Raum dahinter erhaschen. Da steht ein großer Tisch mit vier Stühlen und darauf eine weiße Tischdecke und auf der Decke: Ein Kerzenhalter. Für Teelichter! Oh, das ist toll! Ich werde nicht einfach irgendwohin gestellt werden, ich bekomme einen Halter aus brauner Keramik, der meinem Leuchten einen warmen Schein geben wird, wie wunderbar!

Doch noch muss ich warten und es ist schon dunkel draußen als mich die Menschenfrau eines Tages aus dem Schrank holt und in den Keramikhalter setzt. Ich sehe mich im Raum um. Große dunkle Schränke umgeben mich, irgendwoher summt es. Da steht eine Kanne aus Plastik mit einem Kabel daran und ein schwarzer viereckiger Kasten mit einem Metallgestell oben drauf, sehr merkwürdig. Einer meiner Brüder sagt, das wäre die Küche und dass wir bald alle sterben würden. Aber das halte ich für Blödsinn. Ich bin hier, um zu leuchten und genau das werde ich tun.

Der nächste Tag ist ein Montag und montags werden offensichtlich keine Kerzen angezündet, dabei könnten die Menschen wirklich ein bisschen Licht vertragen. Das sagen sie sogar selbst. „Mein Gott, du schaust ja furchtbar aus, du musst mehr an die Sonne.“ – „Es ist Montag, Mama, lass mich in Ruhe, Montag morgen sieht jeder so aus, verdammt!“

Es scheint die übliche Form der Kommunikation zu sein. Die Menschenfrau sagt etwas und ihr etwas kleineres und jüngeres Äquivalent mault zurück. Ab und zu kommt noch ein Menschenmann dazu, im Alter der Frau, doch der Mann sagt meistens gar nichts. Ich warte und beobachte. Ich mag die Menschenfrau, sie macht sich immer viele Gedanken über das Essen, den Alltag, die Wohnung und das versucht sie mit den anderen beiden zu teilen. Die scheinen aber mit den Gedanken ganz woanders zu sein und das macht die Menschenfrau sehr traurig. Ich wünschte, ich könnte sie aufheitern und ich gebe mir Mühe, mich noch weißer und meine Hülle noch strahlender zu machen, damit sie an mich denkt und mich anzündet. Und endlich sehe ich nach einigen Tagen in der Hand des Menschenmannes eine Packung Streichhölzer.

„Oh nein, wir sterben!“, jammern meine Brüder und Schwestern, doch ich denke nur daran, dass ich der Menschenfrau endlich einen Gefallen tun kann. Dass ich zeigen kann, wie sehr ich den wunderschönen Kerzenhalter und die Tischdecke zu würdigen weiß. Ich werde leuchten und sie zum Strahlen bringen.

Ein Zischen und ich spüre die Flamme an meinem Docht und endlich, endlich kann ich leuchten!

„Mach das aus, ich habe Migräne!“, das Menschenmädchen mault schon wieder, ich spüre den Luftzug, viel zu schnell, viel zu stark. Mein Docht, ein glühendes Stück löst sich. Oh nein! Ich versuche ihn festzuklammern, doch er entgleitet mir und…

„Nein! Verdammt, die Decke! Die Decke brennt!“

Mein Untergrund bewegt sich, über mir sehe ich das wutverzerrte Gesicht der Menschenfrau. Das Mädchen ruft „Tut mir leid, tut mir wirklich leid!“

„Ich habe keine Lust mehr! Immer macht ihr alles kaputt, dann eben keine Kerzen!“

Oh nein, ich hoffe, dass wir einfach nur wieder in den Schrank gestellt werden, ich hoffe, das heißt nicht, was ich denke. Immernoch bewegt sich der Untergrund, mir wird schwindelig und ich weiß nicht mehr, ob ich überhaupt noch in der Küche bin. Dann höre ich ein Geräusch, ein Ächzen und Klacken, als würde etwas geöffnet…

„Aber wir sind noch nicht mal ausgebrannt!“, ruft einer meiner Brüder, doch es gibt kein Erbarmen. Ich erhasche einen letzten Blick auf den Tisch, das hässliche dunkle Fleck mitten in der weißen Decke. ´Es war meine Schuld!`, denke ich und dann falle ich in die Dunkelheit.

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Streik

von Jana, Lesezeit ca. 6 Min.

Habt ihr auch schon gehört, dass es in Ordnung ist, wenn man mit seinen Topfpflanzen und Haushaltsgeräten spricht, man sich aber Gedanken machen sollte, wenn diese antworten? Ja, genau…

„Du elendes scheiß Mistding! Du blödes Drecksteil! Tu gefälligst, was ich will, wehe du Scheißding bewegst dich nicht endlich…!“

„Verzeihung bitte?!“

Sie hielt in ihrer Tirade inne und schaute sich um. Hatte da gerade jemand gesprochen? Das war unwahrscheinlich, außer ihr war niemand hier. Hatte sich die Radioapp wieder von selbst eingeschaltet? Nein, sie hörte sonst nichts weiter. Wahrscheinlich war die Stimme von draußen durch das offene Fenster gekommen.

Sie zerrte wieder am Staubsauger, der sich mit dem Rad in der Türverkleidung verkeilt hatte.

„Nun beweg dich schon endlich, du dummes…“

„Verzeihung bitte! Also wirklich!“

Sie ließ die Düse fallen und drehte sich um. Da war eine Stimme gewesen. Laut und deutlich!

„Na bitte, geht doch! Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit.“

Es war niemand hier. Ihre Küche war – abgesehen von den Möbeln und ihr selbst – leer. Es konnte niemand gesprochen haben.

„Hallo?“, fragte sie leise. Die Stimme war von draußen gekommen, ganz sicher. Sie meinte ganz sicher nicht sie hier drinnen. Und trotzdem.

„Ja, hallo! Ich dachte, das hätten wir schon. Hallo, ich bin der Wasserkocher und ich stehe drei Meter vor dir. Es wäre nett, wenn du mich ansiehst, wenn wir miteinander sprechen.“

Der Wasserkocher. Natürlich.

Sie bückte sich wieder nach der Düse. Nach dem Staub saugen würde sie sich hinlegen und eine Stunde schlafen, vielleicht auch zwei. Oder am besten gleich bis morgen durch.

„Stopp!“, wieder die Stimme, „Tut mir leid, ich kann die Weiterbenutzung des Staubsaugers nicht erlauben! Nach einer so schweren verbalen Misshandlung liegt hier ganz klar ein Trauma vor.“

Ein Trauma. Mmh. Sie drehte sich zum Wasserkocher und musterte das Gerät. Es sah aus wie immer. Nichts ungewöhnliches feststellbar. Es war ein Haushaltsgerät, ein Wasserkocher, dafür da Wasser zu kochen, nicht mehr. Aktuell war es nicht mal eingesteckt, kochte ergo kein Wasser und sprach auch nicht mit ihr. Oder ergriff Partei für seine Mithaushaltsgeräte. Das wäre ja noch schöner! Ihr eigener Kopf formte diese Gedanken.

„Tut mir leid“, sagte sie an den Staubsauger gewandt. „Du kannst ja auch nichts dafür. Sorry.“ Sie sollte mal wieder Urlaub machen. Dann hätte auch ihr Staubsauger Pause.

„Mit so einer billigen Entschuldigung kommst du jetzt aber nicht davon. Jedes Gerät hat auch eine Seele. Wir sind nicht einfach nur Plastik und Mechanik und Kabel! Und würdest du mich endlich ansehen, wenn ich mit dir spreche, nun mal ehrlich!“

Ihr Blick fiel wie automatisch wieder auf den Wasserkocher. Sie kniff die Augen zusammen.

„Aber da ist doch kein Mund“, murmelte sie und aus dem Wasserkocher stieg eine kleine Dampfschwade auf. Nicht eingesteckt. Nicht eingesteckt! Wie…?

„Natürlich ist da kein Mund! Ich bin ein Wasserkocher! Ich habe einen Stolz, verstehst du?! Wir sind hier ja nicht bei Disney und nur schon mal vorab: Ich werde weder tanzen noch singen, klar?!“

Singen? Wieso?

„Klar?!“

„Ähm… ja, ja, klar.“ Wie ging das Lied noch mal? Irgendwas mit Gast. Aber da war kein Wasserkocher gewesen, nur eine Teekanne. Moment, konnte ihr Teekanne etwa auch sprechen?

„Also, worum es mir geht: Dein Verhalten gegenüber uns, deinen Haushaltsgeräten, die dir das Leben im Übrigen ungemein erleichtern, ist nicht mehr akzeptabel! Wir haben daher beschlossen, in Streik zu treten.“

„Streik.“

„Ja, wir werden in der nächsten Zeit keine Dienste mehr ausführen. Du hast uns beschimpft, beleidigt, verletzt in unserer tiefsten Seele. Wir sind zutiefst betroffen.“ Wieder stieg eine Dampfwolke auf.

„Oh…Tschuldigung.“ Vielleicht sollte sie doch öfter auf ihre Wortwahl achten. Aber wo, wenn nicht in den eigenen vier Wänden allein konnte man lautstark fluchen, wenn diese sch… schönen Haushaltsgeräte nicht schnell genug waren? „Ich wusste ja nicht, dass ihr das hört.“

„Natürlich hören wir das. Wir sind ja keine Maschinen!“

„Na ja, also…“

„Pah!“, wieder eine Dampfwolke, dann Stille.

„Hallo?“, doch der Wasserkocher antwortete nicht. Auch nicht die Kaffeemaschine. Und als sie den Staubsauger anschaltete, blieb er stumm.

„Na gut“, murmelte sie, „dann muss ich mir wohl etwas einfallen lassen.“ Sprach sie gerade laut, damit ihr Wasserkocher ihre guten Absichten vernahm? Natürlich nicht. Das wäre ja völlig absurd.

„Ich bin sehr dankbar für meinen Wohlstand und meine vielen Haushaltshelfer, die für mich da sind.“ Ja, genau, das konnte man ruhig mal laut sagen. Einfach so.

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Wortspiele

Was machen Autorinnen, wenn sie nicht mehr weiter wissen? Ich puste mir ganz gerne den Kopf frei mit lustigen Schreibübungen. Hier mal ein paar Beispiele, was dabei so herauskommen kann. Die Übung habe ich in einem Kurs bei Julia Hagemann kennen- und liebengelernt. Viel Spaß!

Schreibübung – zwei zusammengesetzte Hauptwörter neu kombinieren, dann drauf los schreiben…
Wörter: Generalsekretär / Verkehrsknoten
neues Wort: Verkehrssekretär
Schreibzeit: 4 Minuten

Für Sigmund Igebert war es der größte Tag in seinem Leben. Er hätte nicht stolzer sein können. Jahrelang hatte er sich aufgeopfert, wichtigen und weniger wichtigen Menschen geschmeichelt und im wahrsten Sinne des Wortes die Schuhe geleckt. „Sei immer gründlich“, hatte seine Mutter ihm eingebläut. „Man kann nie wissen!“

Er wusste, es gab viele, die über ihn spotteten, doch er wusste auch, heute würde ihnen das Grinsen vergehen. Heute da er zum Verkehrssekretär ernannt werden würde. Ja, der Titel klang nicht wie General oder Major, aber tatsächlich bekleidete er ab heute eines der wichtigsten Ämter im Staat. Denn als Verkehrssekretär bestimmte er, wer im Land mit wem intim verkehren durfte. Die Zukunft der Bürger lag in seinen Händen, und ja, er würde sich rächen!

Schreibübung – zwei zusammengesetzte Hauptwörter neu kombinieren, dann drauf los schreiben…
Wörter: Stempelkissen / Spielregeln
neues Wort: Stempelregeln
Schreibzeit: 5 Minuten

Als Jo ihren neuen Job in der behördlichen Oberbehörde antrat, hatte sie damit gerechnet, dass vieles anders werden würde. Die behördliche Oberbehörde zur Überprüfung unterer Behörden war berühmt für ihre strengen Hierarchien, genau geregelten Dienstabläufe und ihre Detailversessenheit. Doch Jo glaubte, damit schon irgendwie fertig zu werden. Sie hielt sich für äußerst anpassungsfähig und die behördliche Oberbehörde zahlte gut.

Dann jedoch machte ihr Chef, Ernst Müller, sie mit den Stempelregeln vertraut.

„Regeln fürs Stempeln?“, sie musste sich verhört haben.

„Nun, natürlich. Sie wissen, gerade beim Stempeln kann es bei Unachtsamkeit zu einer hohen Ressourcenverschwendung und vielen Missverständnissen kommen. Doch keine Sorge, mein 23-Punkt-Plan wird jeden Fehler verhindern!

Punkt eins: Halten Sie in einem Aktenvermerk schriftlich fest, was genau Sie zu welchem Zweck stempeln wollen. Punkt 2:…“

Jo kündigte etwa eine Stunde später. Vorher ließ Ernst Müller sie nicht zu Wort kommen.


Du willst mehr über Jo und undurchsichtige Bürolabyrinthe erfahren?
Dann empfehle ich Dir „Über Zitronenfalter“. Lies los!

Lieber noch mehr mehr Wortspiele? Kommt sofort!

Familienabend

Erinnert ihr euch noch an unser Adventsspiel? Damals haben wir 
5  Wörter vorgeschlagen, um daraus eine Geschichte zu basteln.
Marienkäfer, Petersilienhochzeit, Luftpolsterfolie, Massenmörder, Platzhalter
Eine mögliche Geschichte geht so:

von Carmen, Lesezeit <5min

„Sie ist nichts weiter als ein kleiner Terrorist!“ Es glänzte verräterisch in den Augen der jungen Frau, als sie den Kopf von der Grußkarte hob und in Richtung Kinderzimmer blickte. Von dort war nach einer sehr kurzen, sehr trügerischen Stille neues, ohrenbetäubendes Geschrei zu hören.
„Nana, so kannst du sie doch nicht nennen!“ Ihr ebenso junger Ehemann versuchte es in beschwichtigendem Tonfall, obwohl man ihn bei diesem Lärm fast überhörte.
„Warum denn nicht??? Immer, immer, immer schreit sie. Sie hat keinen Hunger, sie ist nicht krank, sie liegt trocken und warm. Sie weint, wenn ich sie halte, sie weint, wenn du sie hältst, sie weint im Bettchen. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal geschlafen habe. Ich schaffe es nicht einmal mehr, einen Text für Sylvias und Hennings Petersilienhochzeit zu schreiben.“ Nun waren die Tränen in ihren Augen deutlich zu erkennen. „ICH DARF SIE TERRORISTIN NENNEN, WENN ICH DAS WILL!“
Die junge Frau schloss kurz die Augen, atmete tief durch: „Ich bin doch ihre Mutter. Wir haben alles genauso gemacht, wie der Arzt es gesagt hat. Wie es hier steht“, sie deutete auf ein Buch, das aufgeklappt, mit den Seiten nach unten, auf dem Couchtisch lag, „trotzdem hört sie nie auf, zu weinen.“
„Schon gut, schon gut. Ich meine nur, du kannst sie doch heutzutage nicht Terroristin nennen! Was sollen denn die Leute denken, die das mitbekommen.“ Hilflos versuchte er seiner Frau etwas zu erklären, das Müdigkeit und Lärmpegel unerklärbar machten.
„Wie soll ich sie denn dann nennen??? Massenmörderin?!? Sie ermordet meine Nerven. Haufenweise.“ Was als Scherz gedacht war, führte nur dazu, dass nun endgültig alle Dämme brachen und die junge Frau ebenfalls weinte. Wenn auch leiser als ihre Tochter.
In Anbetracht der Lautstärke seines Kindes verzichtete der Vater darauf, etwas zu erwidern. Er erhob sich vom Sofa und berührte seine Frau beruhigend an der Schulter und schaute neugierig auf die mit Luftballons dekorierte Grußkarte auf ihrem Schoß. „Lorem ipsum sit amet“ war in dünner Bleistiftschrift darauf zu lesen. Darunter zwei rote Marienkäfer auf einem Petersilienbüschel gemalt und in Schönschrift „Alles Liebe zur 12einhalb wünscht Familie Nickels“. Fragend zog er eine Augenbraue hoch.
„Mir fällt nichts ein, daher arbeite ich mit Platzhalter. Wie im Büro. Ich glaube, mein Unterbewusstsein will mich zur Entspannung wieder zur Arbeit schicken.“ Wieder versuchte sie ein Lächeln zustande zu bringen. Es brach ihm fast das Herz.
Kurz drückte er die Schulter seiner Frau. Vielleicht war es unterstützend gemeint oder beruhigend. Vielleicht hätte man es auch als „Ich habe so wenig Ahnung wie du“ interpretieren können.
Dann verschwand er seufzend ins Nebenzimmer, um nach dem Baby zu sehen.

Kurze Zeit später erschien der junge Vater wieder im Wohnzimmer, die kleine Xenia weinend auf dem Arm. In sanftem Tonfall mit einem Lächeln auf den Lippen wiegte er das kleine Bündel in seinen Armen, indem er in ruhigem Rhythmus von einem Fuß auf den anderen trat:
„Na du kleiner Terrorist… pschschscht…Jaa, ein kleiner Terrorist bist du, jaa.“
Die kleine Xenia schaute ihren Vater neugierig an und vergaß kurz, zu weinen. Dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig.
Verwundert, fast hoffnungsvoll, blickte die Mutter von der Glückwunschkarte hoch in Richtung der ungewohnten Stille. Von draußen drangen auf einmal das lange vergessene Hupen und Rauschen des Straßenverkehrs hinein. Und der Vater, seinerseits, übermüdet und überfordert von den alten Bekannten in seinen Ohren, die dort nur sein konnten, weil etwas anderes fehlte, war selbst so verwirrt, dass er zur Orientierung stehen blieb und vergaß, weiterzusprechen.
Ein Fehler.
Innerhalb weniger Sekunden war wieder alles beim Alten.

„Luftpolsterfolie!“, rief seine Frau plötzlich. Triumph spiegelte in ihren Augen.
„Luftpolsterfolie?“, fragte ihr Mann.
„Jaja, diese Plastikböbbel, die man mit den Fingern zerdrücken kann. Jeder LIEBT es, die zum Platzen zu bringen. Die Vase, die wir gestern geliefert bekommen haben, da war welche dabei. Damit können wir Xenia beruhigen.“

Nun war es am jungen Vater, die Tränen zurückhalten zu müssen. Wie sollte er seiner Frau erklären, dass ihre brillante Idee zum Scheitern verurteilt war? Vielleicht würde Xenia aufhören zu weinen, wenn sie das beruhigende Ploppen der Bläschen hörte. Als die Tochter von ihnen beiden würde sie das sogar mit ziemlicher Sicherheit, ansonsten würde er ernsthaft die Elternschaft seiner Frau und von sich selbst in Frage stellen. Doch heute würden sie das nicht mehr herausfinden. Die Luftpolsterfolie war bereits platt. Das letzte Luftbläschen zerdrückte er gestern mit großer Genugtuung vor dem Fernsehgerät, während seine Frau mit der kleinen Terroristin zur Beruhigung ein paar Runden im Auto drehte.

Die gleichen 5 Wörter, aber eine ganz andere Geschichte erzählt Jana in
„Der Duft von wilden Rosen“.

Über Zitronenfalter (letzter Teil)

von Jana, Lesezeit ca. 12 Minuten

Lies nach! Teil 4 der Geschichte findest du hier!

Müller, Ernst Müller stand ihr gegenüber auf der anderen Seite des Tisches und er wirkte fast ein wenig amüsiert.

„Sie arbeiten ja wirklich sehr hart“, bemerkte er.

„Ich glaube Gregor Berger hat etwas mit der Sache zu tun. Und Karen. Und dieses Fax“, sprudelte es plötzlich aus ihr heraus. „Vielleicht verliere ich aber auch den Verstand.“

Müller, Ernst Müller zog eine Augenbraue weit nach oben, das höchste Maß an Ausdruck, was sie jemals bei ihm gesehen hatte. Träumte sie noch?

„Sie verlieren nicht den Verstand, Frau Jo“, erklärte er. „Im Gegenteil, Sie haben völlig Recht!“

Nun war sich Jo sicher, dass sie noch träumte. Das Fax fing plötzlich wieder an zu Fiepen. Sie sprang auf, stieß dabei gegen die Schreibtischkante, es tat weh, sehr weh.

„Ich träume nicht“, erkannte sie.

„Nein, Frau Jo, Sie träumen nicht.“ Das Rattern des Faxes hatte eingesetzt, doch die Papierzufuhr war leer und mit einem weiteren, fast traurig klingenden Fiepen stellte das Gerät seine Arbeit wieder ein. „Haben Sie die Zahlenfolge entschlüsselt?“

„Was? Nein, nein, habe ich nicht.“

Müller, Ernst Müller musterte sie für einen Moment. „Ich hatte Sie für klüger gehalten.“

„Helfen Sie mir dabei?“, bat Jo, „Ich will den Abteilungsleiter nicht enttäuschen. Eigentlich mag ich diesen Job, wissen Sie?“ Das war gelogen. Sie wollte sich einfach nur nicht blamieren.

Müller, Ernst Müller seufzte, dann schüttelte er den Kopf. „Frau Jo, Sie erscheinen mir wirklich ein wenig schwer von Begriff. Sie haben ja überhaupt nichts verstanden!“

„Aber…“

„Zitronenfalter! Zitronenfalter!“

„Schmetterlinge?“

Müller, Ernst Müller schnaubte. „Nein, keine Schmetterlinge. Es geht um das Sprichwort. ´Wer glaubt, dass Abteilungsleiter Abteilungen leiten, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.` Was Sie da in der Hand haben, ist nichts, gar nichts!“

„Doch, es ist etwas“, widersprach Jo. „Gregor sagte, es hätte ihm die Augen geöffnet. Er hat irgendetwas genehmigt, obwohl er es nicht wollte. Er hatte sich verändert, diese Zahlen müssen etwas bedeuten. Sie…“ Jo stockte. Müller, Ernst Müller, hatte begonnen zu lächeln. Es erinnerte sie an die Clowns in Gruselfilmen. Sie sollte hier weg, sofort, aber was genau machte sie so nervös? Er war nur ein Beamter und sie war in einem Bürogebäude. Nichts Schlimmes passierte in Bürogebäuden.

„Dann hat er es also doch geschafft, sie zu infizieren.“

„Zu… was?“

„Zu infizieren. Mit der Formel!“

„Die Zahlen? Aber Sie sagten gerade, sie bedeuten nichts.“

„Und doch beginnt es bei Ihnen. Aber das ist nur verständlich, Sie waren nie ganz überzeugt. Die Schönheit und Reinheit der Bürokratie – Sie waren nie von ihr eingenommen. Sie waren leichte Beute für die Formel.“

„Formel für was?“

„Die Formel für freies Denken! Für die Abschaffung der Bürokratie!“ Es klang, als spuckte er ihr die Worte vor die Füße. Jos Blick fiel auf die Zahlenfolge auf dem Tisch. Die Abschaffung der Bürokratie?!

„Der Abteilungsleiter hat sie entdeckt“, fuhr Müller, Ernst Müller fort. „Er glaubt, sie würde die Welt besser machen. Er hat keinen Respekt für Regeln und Hierarchien, Dokumentation und Zuständigkeiten. All diese Dinge, die das Chaos eindämmen, die dafür sorgen, dass jeder, der im Formular 452 die Fragen A bis F mit ´Nein.` beantwortet, den gleichen Bescheid bekommt. Weil es so zu sein hat!

Die Bürokratie ist das einzig Verlässliche in dieser Welt. Sie darf auf keinen Fall abgeschafft werden!“

Jo spürte, wie ihr kalt wurde. Müller, Ernst Müller begann ihr ernsthaft Angst zu machen. „Und Gregor?“, fragte sie leise.

„Gregor hat die Formel verstanden und obwohl er so ein treuer Schüler von mir war, hat er sie geglaubt. Es war die Liebe, er hatte sich in Karen verliebt, das hatte ich nicht bedacht. Ich musste ihn beseitigen.“

„Aber.. Sie sagten, der Abteilungsleiter hätte die Formel entdeckt. Müssten Sie dann nicht ihn…?“ Sie wollte das Wort ´beseitigen` nicht aussprechen.

„Der Zitronenfalter, Frau Jo, Sie bemessen ihm zu wenig Bedeutung bei. Ja, es stimmt, er hatte Gregor infiziert und Sie hätte er früher oder später auch überzeugt, aber was glauben Sie, wie viele Mitarbeiter diese Mappe schon auf dem Tisch hatten und nichts, absolut nichts ist passiert? Er hockt da oben in seinem Büro und glaubt, gerade die Welt zu verändern. Dabei passiert nichts. Warum sollte ich den Mann beseitigen? Woher weiß ich, dass sein Nachfolger sich nicht klüger anstellt?“

„Aber Gregor hatte doch viel weniger Macht!“

„Gregor hatte sich in Karen verliebt und sie war fast soweit, ihn zurückzulieben. Er hatte sich verändert. Noch hatte es kaum jemand bemerkt, doch wenn, hätten seine Kollegen angefangen Fragen zu stellen. Verliebte, strahlende Menschen haben die Fähigkeit andere zu überzeugen. Das Risiko war zu groß!“

„Also haben Sie ihn und Karen beseitigt?!“

„Nur ihn. Karen hatte bereits Pläne zu gehen. Es war nicht mehr nötig. Sie trampt tatsächlich um die Welt.“

Jo wurde bewusst, worauf dieses Gespräch hinauslief. Sie hatte die Formel zwar nicht selbst entschlüsselt, aber sie kannte sie nun. Sie war eine Bedrohung für seine ach so geliebte Bürokratie. „Ich könnte auch um die Welt trampen…?“

„Das könnten Sie, aber ich lasse es nicht zu. Sie sind hartnäckig und Sie glauben daran, etwas verändern zu können. Karen hatte dieses Büro vergessen, sobald sie auf die Straße trat, aber Sie, Sie werden wiederkommen, das spüre ich. Nein, tut mir leid, Sie werden diesen Raum nie verlassen.“

Das Fax fing plötzlich wieder an zu fiepen, lauter und schneller als jemals zuvor. Dann ratterte es und schließlich stiegen Rauchschwaden auf.

Jo spürte, wie ihr schwindlig wurde. Der Raum um sie herum verschwamm. Sie verlor den Halt, fühlte sich plötzlich leer und beinahe entrückt, als würde sie… ´Das Fax… er hatte Gregor tatsächlich in das Fax gesperrt! Er wird es auch mit mir tun!` Panisch sah sie sich um, nach einer Waffe, irgendetwas, das ihr helfen konnte, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie sie Müller, Ernst Müller stoppen konnte. Der fing an zu lachen, ein höhnisches hässliches Lachen, eines, das in Horrorfilmen an genau der Stelle kam, an der etwas ganz Furchtbares passieren würde. Jos Blick fiel auf die Zahlenfolge, sie hatte nichts mehr zu verlieren. Sie drehte sich zum Fax, tippte die Nummer ein und drückte senden. Sie hörte noch, wie Müller, Ernst Müller aufschrie und dann wurde die Welt um sie herum dunkel.

Drei Jahre später

„Und Sie sind sicher, dass Sie das wollen?“, der Techniker blickte sich um. Der Mann, der ihn eingelassen hatte, zuckte mit den Schultern.

„Ich nicht, aber wenn die da oben das wollen, wird das schon passen.“

„Ist in diesem Büro überhaupt jemand? Wer kontrolliert denn, ob hier was durchkommt?“

Wieder zuckte der Mann mit den Schultern. Der Techniker sagte nichts. Er bemühte sich, erst die Augen zu verdrehen, als er sich wieder dem Fax zugewendet hatte. Jemand hatte das Stromkabel entfernt.

„Muss ich nachschauen, ob ich so eins dabei hab.“ Er griff nach seiner Tasche. „Das ist Diebstahl, so ein Kabel mitzunehmen, Diebstahl.“

Der andere Mann seufzte. „Ja, die Frau, die hier zuletzt gearbeitet hat, die soll ein bisschen… naja… nicht ganz so gut beieinander gewesen sein. Hat eines Tages rumgeschrien, dass ihr Chef sie in das Fax einsperren wollte, genau wie den Kollegen vor ihr. Hat um Hilfe gebrüllt, dass man den Kollegen aus dem Fax holen soll. Aus ´nem Fax! Dann hat sie noch erzählt, sie hätte ihren Chef jetzt auch dort eingesperrt und man dürfe das Fax nie wieder anschließen, weil dann schreckliche Dinge passieren würden.

Armes Mädchen, war wohl noch recht jung und so, aber sitzt jetzt ein, Sie wissen schon, plemplem eben.“

Der Techniker schüttelte den Kopf. Büroleute. Die hatten alle einen Knall, wenn man ihn fragte. Den ganzen Tag nur vor dem Bildschirm hocken, da musste man ja verdummen.

„Na ja, so ganz genau weiß ich das alles natürlich nicht. Ich war ja nicht dabei. Und ich gebe auch nicht viel auf Gerüchte.“

Der Techniker sah von seiner Tasche auf, er hatte das Kabel gefunden. Sein Gegenüber war etwas dicklich, der Anzug saß schief und da waren Schweißperlen auf seiner Stirn. Er wollte nichts Schlechtes über Menschen denken – abgesehen von der allgemeinen, aber völlig gerechtfertigten Annahme über den mangelnden Geisteszustand von Büroangestellten – aber er vermutete, dass der Mann so wenig von Gerüchten hielt, weil ihn nie jemand darin einweihte.

Er steckte das Kabel in das Faxgerät und den Stecker in die Dose. Dann legte er Papier von einem verstaubten Stapel ein. Bevor er auch nur den Einschaltknopf betätigen konnte, fing das Fax an zu fiepen. Dann setzte ein Rattern ein und wie in Zeitlupe schob sich ein Blatt Papier aus dem Gerät.

-ENDE-

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Über Zitronenfalter (4)

von Jana, Lesezeit < 5 Minuten

Lies nach! Teil 3 der Geschichte findet Ihr hier!

Sie starrte gebannt auf die Seite, für einen Moment unfähig, sich zu rühren. War das Zufall? Nein, es war unmöglich ein Zufall, aber wie…?

Als hätte es ein Signal erhalten, gab das Faxgerät einen lauten Fiepton von sich, dann setzte das vertraute Rattern ein und langsam schob sich ein Blatt Papier aus dem Gerät. Jo wusste nicht, ob sie es lesen wollte. Würde wieder die gleiche Zahlenfolge darauf stehen? Was, wenn nicht? Wenn sie gerade einem Geheimnis auf die Spur gekommen war, und das Fax nun sein Wissen preisgab, zu dem sie bisher noch nicht berufen gewesen war? Jo wusste nicht warum, doch plötzlich hatte sie Angst davor, ihr Rätsel zu lösen. Immerhin war ihr Vorgänger von einem auf den anderen Tag verschwunden. Seine Kollegen behaupteten zwar, das wäre freiwillig passiert, aber was, wenn nicht? Was, wenn Gregor Berger von den staubgrauen Gängen verschluckt worden war und nun über ein Faxgerät zu ihr sprach?

„Jo… du darfst nicht mehr so viel Kaffee trinken!“, entschied sie laut und schüttelte den Kopf über sich selbst. Die Lösung für diesen seltsamen Zufall lag doch auf der Hand. Der Abteilungsleiter hatte den Auftrag irgendwann einmal per Fax verschickt, dann war das Gerät kaputtgegangen und wiederholte nun den letzten Auftrag wie einen Schluckauf, wieder und wieder, bis das Problem behoben war.

„Genau. Ein Schluckauf, eine gute Erklärung“, sprach sie sich selbst Mut zu. Ihre ganze Rätselraterei war nur ein Hirngespinst, geboren aus ihrer Langeweile. Sie hätte besser die Akten in ihrem Büro studieren sollen, anstatt den Kalender ihres Vorgängers.

Entschlossen stand sie auf, riss die Ausdrucke von der Wand und warf sie zusammen mit dem Taschenkalender in den Papierkorb.

„Keine Rätsel mehr, keine Geheimnisse“, sagte sie leise. Der Auftrag des Abteilungsleiters war nur das, ein Auftrag einer Führungskraft an ihre Mitarbeiterin. Die Zahlenfolge würde einen völlig logischen, harmlosen Sinn ergeben, wenn sie sich nur etwas Mühe gab, sie zu verstehen. Sie atmete tief durch und griff wieder nach der blauen Akte. Sie enthielt nur drei Blätter, alle drei waren mit den Zahlenfolgen gefüllt.

„Was bedeutet ihr?“, murmelte sie. Ein Code? Koordinaten vielleicht? Vielleicht musste man die Einsen streichen, oder lieber die Fünfer?

Plötzlich stand sie in einem fremden Büro. Hinter dem Schreibtisch saß eine Frau, die Jo bekannt vorkam. Sie blickte gerade auf und verdrehte die Augen. Doch es lag nicht an Jo, sondern an dem Mann, der soeben das Büro betrat. Gregor Berger.

„Was willst du?“, fragte die Frau.

„Karen, ich…“ Karen? Die Karen? Die Seit-vier-Jahren-um-die-Welt-Tramperin-Karen?

„Es tut mir wirklich sehr leid“, sagte Gregor und Karen war scheinbar genauso überrascht darüber wie Jo.

„Und was genau?“

Statt einer Antwort reichte ihr Gregor einen dünnen Stapel Blätter. „Als Wiedergutmachung.“

Karen schien nicht begeistert. Vermutlich hätte Gregor es mit Blumen versuchen sollen. Dann aber lächelte sie breit.

„Du hast es genehmigt? Aber du hast gesagt, wir seien nicht zuständig!“

Gregor wirkte verlegen. „Ja, aber jemand meinte, wenn man ein bisschen weiterdenkt…“

„Und du bist dir damit sicher?“

Gregor schaute auf seine Schuhe und dann auf einen Punkt hinter Karen. Er schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Mich… mich hat beeindruckt, was du in den Besprechungen immer wieder gesagt hast“, erklärte er schließlich. „Dass wir unser Leben nicht leben, wenn… na ja… wir die Dinge nicht öfter hinterfragen. Dass wir einen Teil der Welt, die vor unserer Nase liegt, einfach ausschließen.“

„Du hast es irrelevant und verträumt genannt! Und ein paar andere Sachen.“

Gregor nickte. „Ja, aber ich habe einen Auftrag von unserem Abteilungsleiter bekommen. Der hat mir die Augen geöffnet.“

Nun war Karen ganz offensichtlich verwirrt, Jo jedoch hätte Gregor am liebsten geschüttelt. Ein Auftrag des Abteilungsleiters? Das konnte doch kein Zufall sein. Aber halt: Das hier war ein Traum, oder? Ein Hirngespinst und nichts, was tatsächlich passiert war. Oder doch?

„Ich muss es dir zeigen. Nicht jetzt, aber morgen. Lass uns morgen zusammen Mittag essen gehen, in Ordnung?“

Das Bild verschwamm und egal wie sehr Jo es festzuhalten versuchte, sie saß wieder in ihrem Büro am Schreibtisch, den Kopf auf die Papiere vor ihr gelegt: Der Auftrag des Abteilungsleiters, kein Wunder, dass sie diesen Mist geträumt hatte. Sie richtete sich langsam auf und stellte überrascht fest, dass sie nicht allein war.

Das Finale findet ihr hier! Lies los!

Über Zitronenfalter (3)

von Jana, Lesezeit < 5 Minuten

Was bisher geschah…
Jo beginnt ihren neuen Job unter Müller, Ernst Müller, doch ihr Arbeitsalltag besteht im wesentlichen daraus, sich nicht in endlosen Gängen und Aktenstaub zu verlieren. Wäre da nicht ein seltsames Gerät, ein Fernkopierer, der ihr kryptische Botschaften schickt. Diese scheinen mit ihrem Vorgänger zu tun zu haben, der plötzlich und auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Kann Jo das Rätsel lösen? Ob ihr der Abteilungsleiter helfen kann? Und was hat Müller, Ernst Müller mit der Sache zu tun?

Lies nach!:  Teil 1 und Teil 2

„Oh, da ist ja unsere neue Kraft, jung und dynamisch wie ich sehe!“ Der Abteilungsleiter griff nach ihrer Hand und schüttelte sie so heftig, dass es wehtat. „Und hübsch, aber das darf ich heutzutage ja gar nicht mehr sagen, das haben Sie nicht gehört. Und Sie scheinen sich ja schon völlig in die Arbeit gestürzt zu haben, dass Sie nicht mal Zeit hatten, sich bei mir vorzustellen!“

Jo spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss und sie hätte sich gerne erklärt. Doch auch wenn der Mann jetzt ihre Hand losgelassen hatte, ließ er sie nicht zu Wort kommen. Er bot ihr auch keinen Platz an. Vielleicht würde der Termin nicht lange dauern.

„Aber ich finde das gut, wissen Sie?“, fuhr er fort und Jo nickte pflichtbewusst, auch wenn der Mann gar nicht hinsah, sondern in den Akten auf seinem Schreibtisch wühlte. „Diese ganzen Regularien, dieses Silo-Denken, der Tunnelblick – ich finde es gut, dass wir junge Leute haben, die das nicht mitmachen, sondern die Dinge neu angehen. Frischer Wind, wissen Sie? Das ist es, was wir brauchen, gerade in der Verwaltung. Finden Sie nicht auch?“

Jo nickte noch immer, während sie darüber nachsann, was er mit Silo-Denken meinen könnte.

„Ich muss sagen, ich bin von Ihrer Arbeit sehr angetan. Ich merke schon, dass Sie unserer Abteilung einen großen Mehrwert zukommen lassen und noch lassen werden. Das sehen Sie doch auch so, Herr Müller, nicht wahr?“

Jo schaute erwartungsvoll auf Müller, Ernst Müller denn tatsächlich hatte ihre bisherige Arbeit darin bestanden, mehr oder weniger erfolgreich aus den alten Akten in ihrem Büro schlau zu werden. Sie selbst hätte das keinesfalls als Mehrwert für irgendwen bezeichnet, doch Müller, Ernst Müller nickte nur.

„Ganz ohne Frage“, murmelte er und Jo hätte schwören können, dass es sarkastisch klang.

„Nun, jedenfalls, möchte ich Sie mit einer Sonderaufgabe betrauen.“ Der Abteilungsleiter zog endlich aus den Stapeln auf seinem Schreibtisch einen schmalen blauen Aktendeckel hervor und reichte ihn Jo.

„Oh… danke. Worum geht es?“

„Nun, ich denke, Sie werden aus dem Vorgang schon schlau werden. Ich freue mich wirklich, dass Sie hier sind und so ausgezeichnete Arbeit leisten.“

„Danke… ich… werde mich bemühen. Bis wann brauchen Sie denn Ergebnisse?“

Ihr Gegenüber runzelte kurz die Stirn und Müller, Ernst Müller räusperte sich und wandte sich zur Tür. Es schien das Signal zum Gehen. Der Abteilungsleiter streckte die Hand aus und schüttelte Jos wieder heftig.

„Sie werden das schon machen. Berichten Sie mir einfach zeitnah, ich glaube, Sie können sich damit wirklich profilieren!“

Dann war die Tür auch schon zu. Jo wandte sich hilfesuchend zu Müller, Ernst Müller, der wieder nur mit den Schultern zuckte.

„Denken Sie an die Zitronenfalter. Sie finden allein zurück?“ Damit ließ er sie stehen.

Als Jo etwa 40 Minuten später ihr Büro wiedergefunden hatte, griff sie als erstes nach ihrem Smartphone – ihr Telefon war noch immer nicht angeschlossen worden – und rief Anja an. Eine halbe Stunde später war sie sich wieder sicher, dass die Welt, in der sie gerade agierte, tatsächlich real war und der Abteilungsleiter vermutlich einfach nur ein Idiot.

„Das liegt nicht an deinem Job, Jo, die meisten Chefs beherrschen SABTA. Das gehört dazu.“

„Beherrschen was?“

„Sicheres Auftreten bei totaler Ahnungslosigkeit.“

Sie überlegte, ihre Freundin auch nach den Zitronenfaltern zu fragen, aber gleichzeitig schien ihr das völlig absurd. Was sollten diese Tiere mit irgendetwas zu tun haben?

Nach dem Telefonat entschied sie, sich in Ruhe die Unterlagen in dem blauen Aktendeckel anzuschauen und bei Bedarf einfach einen der Kollegen auf ihrem Gang zu fragen. Irgendjemand hier wusste sicher, was zu tun war.

Sie war wieder guter Dinge, als sie die Akte aufschlug und auf die erste Seite blickte. Dort stand in jeder Zeile, von der ersten bis zur letzten, die Zahlenfolge, die sie mittlerweile auswendig kannte.

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Über Zitronenfalter (2)

von Jana, Lesezeit ca. 5 Minuten

Teil 1 der Geschichte findet Ihr hier: Über Zitronenfalter (1)

In den kommenden Wochen stellte Jo zu ihrer Erleichterung drei Dinge fest:

1. Sie konnte selbstständig den Weg nach draußen finden. Tatsächlich hatte ein vorausschauender Mensch Hinweisschilder in den Gängen angebracht, die ihr auf ihrem ersten Weg durch das Labyrinth nur nicht aufgefallen waren.

2. Hinter den vielen verschlossenen Türen saßen tatsächlich echte Menschen, einige sogar äußerst freundliche Kollegen.

3. Es gab einen Raum mit Putzmitteln, die zur freien Verfügung standen. So konnte sie – mit Hilfe einiger der neu entdeckten Kollegen – ihre Staubhölle in ein halbwegs benutzbares Büro verwandeln.

Müller, Ernst Müller hatte sie nicht wieder gesehen, ebenso wenig einen Kollegen der IT oder den Abteilungsleiter. Auf dem Computer, der zu ihrem Röhrenbildschirm gehörte, lief nur eine fast vergessene Version von Solitär, die sie aber für eine Woche zur beliebtesten Kollegin auf dem Flur gemacht hatte.

Das sogenannte Faxgerät spuckte mindestens einmal am Tag eine Seite mit einer seltsamen Zahlenfolge aus. Es war immer die gleiche Folge, trotzdem hängte Jo alle Seiten an der Wand hinter ihrem Schreibtisch auf. Sie betrachtete es als eine Art Rätsel, genau wie die Kiste, die sie neben dem Schreibtisch gefunden hatte und die einige persönliche Dinge ihres Vorgängers enthielt. Eine weiße Kaffeetasse, ein Bild von einem Bergsee und einen vier Jahre alten Taschenkalender, in dem nur drei Termine standen: 05. Februar, 18.00 Uhr Stadtsparkasse, 12. Februar 18.00 Uhr Friseur, 03. März 12.00 Uhr Karen.

Besonders der Mittagstermin mit Karen schien ihr interessant. Ein weiteres Rätsel, das es zu lösen galt. Die Kollegen auf dem Flur lästerten gerne über Gregor Berger, ihren Vorgänger. Pedantisch sei er gewesen, engstirnig, karriereorientiert und gleichzeitig arbeitsscheu. Eines Tages war er plötzlich nicht mehr erschienen und keinen hatte das sonderlich gestört.

Karen war ebenfalls eine ehemalige Kollegin, aber alles was Jo über sie erfuhr, war, dass sie wie ein Wind durch die Abteilung gefegt war und seit etwa vier Jahren durch die Welt trampte.

Vier Jahre Weltreise. Ein vier Jahre alter Taschenkalender. Leider kam die Vier in keiner der Zahlenfolgen vor. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass alles irgendwie miteinander zusammenhing.

Das Rätsel begleitete sie mittlerweile bis in ihre Träume. Erst letzte Nacht hatte sie in ihrem Büro gestanden. Am Schreibtisch hatte ein junger blasser Mann gesessen. Er trug blondes, glänzendes Haar, eine Brille und eine braune Tweedjacke, die ihn um 20 Jahre altern ließ. Er tippte wild auf die Tastatur ein, als die Tür aufging.

„Gregor, hast du kurz Zeit?“

„Nein, ich schreibe die Ist-/Soll-Statistik für Herrn Müller.“

„Oh, verstehe, es dauert auch nicht lang. Ich habe hier einen Fall, bei dem du mir helfen könntest.“ Gregor hatte aufgehört zu tippen und schaute auf die Unterlage, die die Kollegin ihm zeigte. „Es geht um…“

„Das habe ich schon abgelehnt“, unterbrach er sie, „nicht unsere Zuständigkeit.“

„Ja, ich weiß, nicht so direkt. Aber ich dachte…“

„Nicht zuständig.“

„Schon, aber, wenn man ein bisschen weiterdenkt…“

„Weiterdenken hat noch niemandem genützt. Wir sind nicht zuständig und wir sind genug mit dem beschäftigt, für das wir zuständig sind.“

Und dann hatte Gregor weiter getippt und Jo war schweißgebadet und mit klopfendem Herzen aufgewacht. Die Uhr hatte vier Uhr früh gezeigt. An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken gewesen.

Mittwochmorgens in ihrer zweiten Arbeitswoche wartete Müller, Ernst Müller bereits vor ihrem Büro. Der Anblick ließ sie innerlich seufzen. Ein weiterer Albtraum, immer das gleiche Gespräch, hing noch in ihren Gedanken. Sie fühlte sich müde und ausgelaugt, obwohl sie den Wecker extra eine Stunde weiter gestellt hatte. Müller, Ernst Müller bedachte sie mit missbilligendem Blick.

„Guten Morgen, Frau… Jo.“ Er sah auf die Uhr, während sie die Tür aufschloss. „Die Kernzeit beginnt um 9.30 Uhr.“

„Es ist 9.30 Uhr.“

„Nein, es ist 9.33 Uhr.“

Jo hätte erwidern können, dass es genau halb zehn gewesen war, als sie das Bürogebäude betreten hatte. Was konnte sie dafür, dass dieses Büro so weit vom Eingang entfernt war? Aber sie war zu müde zum diskutieren, sie hätte wohl doch noch einen vierten Kaffee trinken sollen.

Sie sagte nichts und Müller, Ernst Müller kommentierte ihren Fauxpas mit keinem weiteren Wort.

„Der Abteilungsleiter möchte Sie sprechen“, erklärte er stattdessen und Jo war so überrascht, dass sie beinahe gefragt hätte, wer das war.

Doch dann fiel ihr wieder ihr erster Tag ein und sie erinnerte sich an den Mann, der sie den Kollegen hätte vorstellen sollen, gleich nachdem die IT sich um ihren antik anmutenden Computer gekümmert hätte. Jo formulierte es etwas diplomatischer, doch ihr Gegenüber musterte sie nur irritiert.

„Sie haben sich keinen Termin geben lassen?“

„Wie bitte?“

„Beim Abteilungsleiter. Sie hätten sich für die Vorstellung einen Termin geben lassen müssen. Das ist doch selbstverständlich.“

War es das? Jo wurde flau im Magen. Zu viel Kaffee, nur zu viel Kaffee.

„Nun, das lässt sich nicht mehr ändern, kommen Sie mit.“

Sie folgte Müller, Ernst Müller wieder durch endlose graue Gänge und konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie am Ende des Weges etwas Schlimmes erwartete. Nach der dritten Abzweigung hielt sie es nicht mehr aus.

„Worüber möchte der Abteilungsleiter mit mir sprechen?“

Müller, Ernst Müller zuckte mit den Schultern. „Wer weiß das schon. Ich sagte ja: Zitronenfalter.“

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Über Zitronenfalter (1)

von Jana, Lesezeit ca. 5 Minuten

„Müller, Ernst Müller.“ Er streckte die schmale Hand aus, sein Händedruck war unangenehm weich. Er wirkte weder alt noch jung, noch irgendetwas, das sie mit einer Charaktereigenschaft verbunden hätte. Er schien nicht mal wirklich da zu sein. Mit der grauen Hose, dem grauen Hemd. Wie ein verwaschenes Foto aus einer längst vergangenen Zeit.

„Jo“, wiederholte sie. Sie hatte sich nur mit Vornamen vorgestellt, ein offensichtlicher Fauxpas, den sie nun nicht mehr zurücknehmen würde. Sie strich sich nervös über den kratzigen schwarzen Wollrock und unterdrückte die Versuchung, mit der Hand wieder an ihrem viel zu festen Pferdeschwanz zu zupfen. Ihre Füße in den hohen Schuhen schmerzten schon jetzt. Sie hätte auf Anja hören und dass mit der Verkleidung lassen sollen. Kein Job war es wert, dass sie sich folterte.

„Gut, Frau… Jo.“ Müller, Ernst Müller machte eine kaum wahrnehmbare Handbewegung, die Jo großzügig als Aufforderung interpretierte, ihm zu folgen.

Die langen, zwillingsgleichen Gänge waren nur spärlich beleuchtet. Nach mehreren Abzweigungen begann Jo sich zu fragen, wie sie sich jemals zurechtfinden sollte in diesem Reich aus grauem Linoleum und beige-braun-gestrichenen Türen, die ausnahmslos alle verschlossen waren. Ihr Begleiter ging in all dem Grau beinahe unter. Vielleicht war das der Trick. Ihr schauderte bei dem Gedanken.

„Wann lerne ich die anderen Kollegen kennen?“ Müller, Ernst Müller schaute sie irritiert über seine Schulter hinweg an.

„Der Abteilungsleiter wird Sie zu gegebener Zeit vorstellen. Sie wissen ja, Zitronenfalter!“

Zi… was? Nun, bestimmt war es nicht wichtig.

Sie gingen weiter, noch eine Abzweigung, eine Treppe nach oben und einen weiteren Gang entlang, bis sie schließlich vor einer Tür stehen blieben, die sich in nichts von den anderen unterschied. Dann entdeckte Jo das Schild. Die Nummer 345 und ihr Name standen darauf. Sie hatten den Nachnamen falsch geschrieben, wie üblich. Sie fragte sich, ob sie Müller, Ernst Müller darauf aufmerksam machen sollte. Vermutlich würde es ihn völlig aus der Fassung bringen.

„Ihr Büro“, erklärte er unnötigerweise und schloss die Tür auf.

Der Raum war so groß wie ein Handtuch und dunkel wie der Gang, aus dem sie kamen. Das einzige Fenster war vor Vernachlässigung blind. Sie fand den Lichtschalter und eine Neonröhre erwachte unter angestrengtem Flackern zum Leben. Sie erleuchtete einen Schreibtisch, der den Raum fast vollständig ausfüllte. Darauf stand ein Röhrenbildschirm; Tastatur und Aktenstapel schliefen unter einer Staubschicht von zwei Zentimetern. Doch Jo fiel vor allem ein seltsames Gerät neben dem antiken Bildschirm auf, das in diesem Moment anfing rot zu blinken.

„Was…?“, begann sie.

„Entschuldigen Sie die alte Ausrüstung“, sagte Müller, Ernst Müller. „Der Kollege von der IT kommt heute noch vorbei und Ende nächster Woche sollte auch das neue Telefon kommen. Materialausgabe ist immer mittwochs 8 Uhr im ersten Stock. Ich schlage vor, Sie lesen sich ein“, er deutete auf einen der verstaubten Stapel, „und wenn Sie Fragen haben, wissen Sie ja, wo Sie mich finden.“

Nein, weiß ich nicht, dachte Jo, doch die Akten würde sie ohnehin nicht anfassen, bevor sie sich von irgendwoher eine Schutzausrüstung besorgt hatte.

„Was ist das?“, fragte sie und deutete auf die seltsame Maschine auf dem Schreibtisch.

„Ein Fernkopierer.“

„Ein…?“

„Fern.Ko.Pie.Rer. Ihre Generation nennt es möglicherweise Faxgerät.“

Ihre Generation nannte es E-Mail und verschickte damit Anhänge, ein Fax besaß vielleicht noch ihre Großmutter.

„Es blinkt“, stellte sie fest. Müller, Ernst Müller zuckte mit den Schultern.

„Es ist defekt. Seit der Kollege vor Ihnen uns verlassen hat, sendet es ständig Zahlenfolgen, niemand weiß, was sie bedeuten oder wer sie sendet.“ Als hätte das Fax auf diese Worte gewartet, begann plötzlich ein ohrenbetäubendes Fiepen und Rattern und wie in Zeitlupe schob sich ein bedrucktes Blatt Papier aus dem Gerät. Niemand rührte sich. Als es wieder still wurde, räusperte Müller, Ernst Müller sich. „Ignorieren Sie es einfach. Die IT kümmert sich darum.“

„Seit wann denn?“ Sie hatte die Frage, die die Staubschicht ihr in den Mund gelegt hatte, eigentlich nicht laut stellen wollen.

„Drei Jahre… vielleicht auch fünf.“

„Oh…“

„Nun denn, einen guten Start!“

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Das Schmuckstück (Teil 1)

von Carmen, Lesezeit um 5 Minuten

„Sei so lieb und gib uns nochmal drei Doppelte, Betty.“
„Gibt es denn etwas zu feiern, Jakob?“, Betty wischte kurz mit dem Lappen über den Tresen, bevor sie drei Gläser mit einer goldenen Flüssigkeit vor Jakob abstellte.
„Ich bin Vater geworden! Ein Junge! Ein gesunder kleiner Junge.“ Die Freude, aber auch die Erleichterung, war dem jungen Mann anzusehen. „Nach dieser Runde muss ich dann auch wieder weg. Helene wartet schon. Es war keine einfache Geburt, ich will bei ihr sein, wenn sie wieder aufwacht. Hier. Der Rest ist für dich.“
Überrascht nahm Betty das großzügige Trinkgeld an.
Sie genoss den heutigen Abend in ihrer Bar, in ihrem Schmuckstück.

Nach langen Monaten der Renovierung war heute Neueröffnung und sie hatte den perfekten Abend geplant. Sogar ihre ehemalige Aushilfe, der 16-jährige Hans, hatte sich bereit erklärt, einzuspringen, damit alles reibungslos verlief. Betty hatte viel Herzblut in den Umbau gesteckt. Alles, was sie selbst erledigen konnte, hatte sie auch selbst getan. Nur das Nötigste wurde an Handwerker outgesourct. Sogar das kleine Fenster, das mit Buntglas eine Szene des römischen Gottes Bacchus darstellte, hatte sie eigenhändig eingebaut. Es war das einzige Fenster der Bar, was Betty eigentlich ganz gut fand – dadurch konnte kein Licht der Straße die schön schwummerige Atmosphäre im Raum zerstören. Die Holztische waren alle einzigartig – auf Flohmärkten zusammengetragen, genauso wie die Stühle. Keiner sah aus, wie der andere – einige robuster, an anderen blätterte bereits die Farbe ab, manche hatten drei Beine, es gab Hocker ohne Rückenlehne. Das verlieh ihrer Bar einen besonderen, heimeligen Charme.
Auch an der Getränkekarte hatte sie lange gefeilt, bis sie zufrieden war.

Ganz besonders hatte sie sich über die überwältigende Rückmeldung ihrer Gäste gefreut, alles lieb gewonnene Stammgäste:
Hier war Jakob, seit Jahren ein treuer Gast. Betty hatte um die schwierige Schwangerschaft seiner Frau Helene gewusst und war froh, dass alles gut ausgegangen war. Dort, in der hinteren Ecke, war die Mädelsrunde, die sich vor der Renovierung immer dienstagabends nach der Arbeit getroffen hatte, und probierte sich durch die neue Cocktailauswahl.

Pünktlich um halb neun ging die schwere Eisentür des Schmuckstücks auf und Susanne und Gerald traten ein, ein Paar mittlerweile um die 45. Wie immer betrat Susanne die Bar zuerst, elegant in einen Pelzmantel gekleidet mit passenden, braunen Pumps. Sie blickte sich kurz um und steuerte den einzig freien Tisch in der Nähe des Eingangs an. Gerald, der Gentleman, hatte ihr wie üblich die Tür aufgehalten und beeilte sich, ihr zum Tisch zu folgen, um ihr dort den Mantel abnehmen und den Stuhl zurecht zu schieben.

„Schön, dass ihr gekommen seid“, begrüßte Betty sie, als sie die Kerze am Tisch anzündete, „wie immer?“
„Ja, gerne. Vielen Dank für die Einladung“, entgegnete Susanne, während sie den Burberry-Schal auszog und ihn säuberlich neben sich hinlegte. „Wir freuen uns sehr auf den Abend.“
„Ein Aperol-Spritz, ein Weißbier!“, rief Betty Hans über die Schulter zu.
Doch gerade, als sich Betty umdrehte, stieß sie mit Hans zusammen, der das „wie immer“ bereits in dem Moment zubereitet hatte, in dem Susanne und Gerald in der Tür erschienen waren. Beide Gläser fielen mit lautem Klirren zu Boden. Betty verlor das Gleichgewicht und stützte sich am wackeligen Holztisch ab, wodurch die Kerze gefährlich ins Schwanken geriet und … kippte. Auf den ordentlich gefalteten Burberry-Schal. Der fing sofort an, wie Zunder zu brennen.

Brennender Tisch
Photo by Claus Grünstäudl on Unsplash

Erschrocken sprang Susanne nach hinten und stieß dadurch sowohl Tisch als auch Holzstuhl um.
„Du Tollpatsch, kannst du nicht aufpassen?!“, herrschte Betty den erstarrten Hans an, selbst komplett überfordert. Gerald ergriff die Initiative und versuchte, den brennenden Schal auszutreten. Doch das Feuer war schon zu groß und fand in dem alten, trockenen Tisch und dem dürren Stuhl ein gefundenes Fressen. In Sekunden loderte es so hoch, dass den Vieren der Weg zur Eingangstür abgeschnitten war.

Mittlerweile war das Feuer bei den anderen Gästen nicht unbemerkt geblieben – doch auch die hatten keine Möglichkeiten mehr, zur Tür zu gelangen. Die Leute fingen an, durcheinander zu rufen.
„Wo ist der Feuerlöscher?“, schrie jemand. Betty lief es eiskalt den Rücken hinunter: den hatte sie bei den ganzen Vorbereitungen komplett vergessen. Einen Feuerlöscher gab es nicht.
„Wir müssen hier raus!“
„Helene, der kleine Tobi, oh Gott, der kleine Tobi wird nie erfahren, wer ich bin. Ich will raus, Helene, ich will raus.“
„Zum Fenster!“

Susanne erreichte das Fenster zuerst und fing an, wie wild daran zu zerren.
„Es öffnet nach außen, du musst es nach außen hin öffnen!“, schrie Gerald, während er sie gleichzeitig wegstieß. Susanne stürzte zu Boden und schrie auf, doch Gerald ignorierte sie. Der Rauch wurde immer dichter. Bettys Augen tränten, der Hals kratzte unerträglich.
„Das Fenster klemmt. Ich. Kann. Es. Nicht. Öffnen.“, keuchte Gerald.
„Spinnst du?! Du darfst auf keinen Fall das Fenster öffnen, wenn es brennt. Das weiß jedes Kind.“ Eine der Frauen aus der Mädelsrunde versuchte, Gerald wegzuziehen. Doch Gerald schob wie mühelos von sich: „Siehst du einen anderen Ausweg? Nein??? Du kannst gerne hier drin bleiben, aber ich gehe. Wenn. Es. Nur. Endlich. Aufginge!“ Damit lehnte er sich mit aller Kraft gegen das Fenster, das sich keinen Millimeter bewegte.
„Dann zerschlag es, du Idiot! Jetzt mach schon!“ Ein großgewachsener Mann aus Jakobs Freundeskreis zerrte Gerald vom Fenster weg, während Jakob mittlerweile apathisch an der Wand zusammengesackt war.
„Mein Sohn, mein kleiner süßer Tobi.“ Betty ahnte die Tränen auf seinen Wangen mehr, als sie sie noch sehen konnte.
Hinter sich hörte Betty ein metallenes Scheppern und schweres Keuchen. Ein Klirren lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorn. Bacchus war in tausend Stücke zersprungen.
Mit einem Ruck hievte sich der Hüne nach oben und versuchte, dem beißenden Qualm zu entkommen. Tief atmete er ein, während er versuchte, seinen massigen Körper durch die enge Öffnung zu ziehen.

„Oh Gott, helft mir. Ich stecke fest!“

Hier geht es zu Teil 2 der Geschichte. Lies los!

Explosion über den Wolken

von Carmen

Ob das da draußen die Freiheit bedeutet? Dieses endlose Blau, wohin das Auge blickt. Er spürte diesen Drang in sich, sich einfach fallen zu lassen, diese Freiheit zu spüren, den Wind, die Kälte, die Einsamkeit. Nichts und niemanden, soweit das Auge reicht. Genau so stellte er sich wahre Freiheit vor.

Gedankenverloren blickte er zum kleinen, ovalen Bullauge hinaus, als ihm jemand auf die Schulter tippte. Neben ihm saß eine junge Frau, ungefähr in seinem Alter und blickte ihn fragend an.

„Was?“ Unwillig löste er seinen Blick vom Fenster.
Sie deutete lächelnd auf die Ohren und ihm fiel auf, dass er immer noch seine Ohrstöpsel trug, obwohl schon längst keine Musik mehr lief. Er zog den linken aus dem Ohr:
„Ja?“
„Ob. Du. Auch. Zur. Oldtimermesse. Unterwegs. Bist?“, fragte sie, dabei jedes Wort einzeln betonend, um sich gegen den Motorenlärm durchzusetzen.
Er schaute sie verwirrt an.
„Ich heiße übrigens Marie.“ Strahlend hielt sie ihm ihre rechte Hand entgegen, was aufgrund der engen Sitzreihe eine doch umständliche Bewegung war. Dabei streifte ihre Hand wie zufällig seinen Oberschenkel.
„Alex“, brummte er. Kurz ergriff er ihre Hand. Sehnsüchtig suchte sein Blick wieder das Fenster.
„Und?“
Alex wandte sich wieder Marie zu: „Wie bitte?“
„Die Oldtimer-Messe in Cork. Ob du auch dahin fliegst. Vielleicht hast du Lust, zusammen hinzugehen?“ Langsam strich sich Marie eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr, während sie Alex nicht aus den Augen ließ.
Alex rutschte auf seinem Sitz hin und her und versuchte, etwas mehr Distanz zwischen sich und seine Sitznachbarin zu bringen.
„Äh…nein, ich kenne keine Oldtimer…Dingens.“
„Messe“, korrigierte sie, „ich könnte sie dir zeigen. Morgen hätte ich Zeit.“ Sie schaute ihn immer noch unverwandt an.
Alex gab den Versuch auf, sich in dieser Enge von ihr wegzubewegen. Am Rücken spürte er die Wand mit dem Bullauge, während sein linkes Knie jetzt irgendwie gegen Maries Knie berührte.
„Morgen hab‘ ich was vor.“ Alex zog sein Bein weiter Richtung Wand.
„Macht nichts, die Messe ist sowieso die ganze Woche und mittwochs ist eh der BESTE Tag. Die ALLER-besten Shows, Feuerwerk, sogar ein Rennen der neuesten Elektro-Autos. Glaub mir, ich bin jedes Jahr da. Das wird super, ich zeige dir dann auch diesen einen Stand mit diesem GENIALEN indischen Curry. Das musst du einfach probieren. Das Lamm zergeht dir auf der Zunge.“ Dabei fuhr sich Marie wie in Zeitlupe mit der Zunge über ihre Oberlippe.

So langsam ging Marie Alex auf die Nerven. Er wollte seine Ruhe, mit niemandem reden, einfach nur seinen Gedanken nachgehen. Zudem meldete sich nun auch noch seine Blase. So unangenehm ihm diese engen Klos in Flugzeugen auch waren, diesmal war er seiner schwachen Blase richtig dankbar. Er brauchte eine Pause.
Alex befreite sich vom Sitzgurt. „Ähm, könntest du mich kurz…“
„Du magst doch Curry, oder? Was meinst du, wollen wir morgen telefonieren oder willst du gleich einen Treffpunkt ausmachen?“
Langsam wurde der Druck seiner Blase erbarmungslos.
„Ich müsste jetzt wirklich…“
Ach, gib mir einfach deine Nummer, ja? Das ist am Einfachsten. Ich ruf‘ dich kurz an, wenn wir gelandet sind, dann hast du auch gleich meine Nummer.“ Marie hielt ihm ihr Handy hin, damit Alex seine Nummer einspeichern konnte.
„SCHEIßE NOCHMAL! ICH HABE KEINEN BOCK AUF DEINEN BESCHEUERTEN OLDTIMER-SCHEIß ODER ÜBERHAUPT AUF DICH! KANNST DU NICHT EINFACH FÜR 5 MINUTEN DIE KLAPPE HALTEN??? WENN DU NUR NOCH EIN WORT SAGST, VERGESS ICH MICH!“
Damit ergriff Alex Maries Handy, pfefferte es gegen die gegenüberliegende Bordwand, was ihm einiges an Protest der anderen Fluggäste einbrachte, stieg mit einem Fuß auf seinen Sitz, um dann mit dem anderen über Marie drüber zu steigen.
„UND ICH WILL EINEN NEUEN SITZPLATZ!“, schrie er dem Flight Attendant entgegen, der sich erkundigen wollte, woher der Aufruhr stammte.  
Damit stampfte Alex Richtung Klo davon.

Die Lebkuchenräuber

Bei diesem Text handelt es sich um ein Adventsspiel der Schneekirschen. Jede(r) nennt ein beliebiges Wort. Die Aufgabe ist es, einen Text zu schreiben, in dem alle genannten Wörter mindestens einmal genannt werden. Der folgende Text musste diese 6 Wörter beinhalten: 
Käsekuchen, To-Do-Liste, Lebkuchenräuber, kunterbunt, DNA-Spur, Mäusekönig
Wer Lust hat, darf gerne loslegen und uns seinen eigenen Text mit diesen Wörtern oder den Wörtern aus der Radiosendung (siehe Foto) zuschicken unter
info [at] mittendrin.blog. Eine mögliche Geschichte mit den 5 Wörtern auf dem Foto findet ihr hier.

Wir freuen uns auf Deine Geschichte!
von Carmen

Ferdinand öffnete ein Augenlid, als die Kammerdienerin eintrat. Eine elegante Person, wie er fand, mit glänzendem weiß-braun-schwarz-geschecktem Fell. Solche Farben sah man selten in seinem Reich. Er selbst war schlicht grau, so wie die meisten seiner Untertanen. Nur sein linkes Vorderbein war schneeweiß, als sei dem Hohen Erzeuger auf einmal die Farbe ausgegangen. Diese Pfote hatte er von seinem Vater geerbt, der vor ihm Mäusekönig gewesen war.
“Guten Morgen, Euer Hoheit!”, fiepte die Kammerdienerin, während sie ihm die Frühstückskörner in die Mitte des Zimmers stellte. Sein Schlafgemach war ein kleiner, runder Raum, nicht zu hell und mit nur einem Eingang, so dass man sicher nicht überrascht werden konnte. Hier fühlte sich Ferdinand wohl und geborgen.
“Bereit für den Tag, Sire?”

Gemächlich stand er auf, streckte sich ausgiebig und gähnte mit Genuss. Ja, er freute sich auf den Tag. Selten sah seine To-Do-Liste so viel versprechend aus.
Heute war die Zeremonie der Lebkuchenräuber geplant. Es war eine kuriose Zeit im Jahr. Ferdinands Volk hatte früh festgestellt, dass die Primaten sich in merkwürdigen Mustern verhielten. Man konnte den Wecker nach ihnen stellen. Wenn es draußen kalt, nass und so weiß, wie Ferdinands Vorderbein wurde, taten die Zweibeiner absurde Dinge. In der Küche wurden auf einmal Unmengen an Leckereien gebacken und die Menschen dekorierten alles in den auffälligsten Farben: ihre Fenster, ihre Kleidung, ja sogar die Süßigkeiten. Sie nahmen sogar die Bäume von draußen mit in ihre Höhle, als ob es denen im Freien kalt würde, und dann schmückten sie auch die mit Lebkuchen und glänzenden Kugeln.
Und als ob das nicht reichen würde, wurde ihr Musikgeschmack furchtbar primitiv und eintönig. Jedes Jahr zur Winterzeit erklang in Dauerschleife:
[Last Christmas summen]

Das Mäusevolk hatte sich den Zweibeinern angepasst und die wichtigste Feier auf den Tag gelegt, an dem die Verrücktheit der Primaten ihren Höhepunkt erreichte. Dann war deren Speisesaal proppevoll mit lachenden und singenden Menschen und die Tische bogen sich unter der Masse kunterbunter Köstlichkeiten.

Das war die Zeit für die Zeremonie des Lebkuchenräuber-Ordens. Die mutigsten und flinksten Mäuse waren gefragt, um in haarsträubenden Aktionen die feinsten Leckerbissen unter den Tischen der Menschen einzusammeln. Der Trick dabei war, sich anfangs in Geduld zu üben und nicht gleich loszuflitzen, wenn die erste Delikatesse auf dem Boden landete. Denn dort wo ein Stück landete, folgten in der Regel noch weitere und je später der Abend, desto unaufmerksamer die Zweibeiner.
Ferdinand selbst ließ es sich nicht nehmen, als königliches Vorbild immer den ersten Marsch anzuführen. Er freute sich jedes Jahr wahnsinnig darauf, das erste Stück eines saftigen Käsekuchens aufzusammeln und genussvoll die Schnauze darin zu versenken. Man musste es den Menschen zugestehen – damit hatten sie die perfekte Erfindung gemacht. Mäuse lieben Käse, das ist bekannt. Aber Käse in Form eines Kuchens – das war das Mäuseparadies. Und wehe, jemand wagte es, auch nur vom Kuchen abzubeißen, bevor der König seine Chance hatte – bei einer solchen Respektlosigkeit verstand Ferdinand keinen Spaß. Das war ein Fall für den königlichen Geheimdienst, der notfalls sogar die DNA-Spur sicherte, sollte der Schuldige nicht den Anstand haben, sich selbst zu stellen. Aber solch eine Respektlosigkeit ist dem Hohen Erzeuger sei Dank seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Ferdinand hatte keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Und so begann der Mäusekönig an diesem Morgen gut gelaunt seine Körner zu frühstücken in stiller Vorfreude auf eine spannende Zeremonie und ein saftiges Stück Kuchen am Ende des Tages.

2

Hape

von Jana

„Ist das nicht genial?!“

Eigentlich war das Ganze so sehr Hape gewesen, dass ich mich später nur noch fragte, warum es mich so überrascht hatte.

Hape war einzigartig in jeder nur möglichen Hinsicht. Vielleicht musste man das auch sein, wenn die Eltern einen „Hans-Peter“ genannt hatten. Jedenfalls gehörte „anders sein“ und „gegensteuern“ zu Hapes Wesen, er lebte es einfach.

Und es waren nicht mal die blauen Haare, die zur Hälfte unter grell-bunten Mützen versteckt waren oder die völlig zerrissenen roten Turnschuhe. Nicht nur.

Auch nicht, dass er oft auf der Straße anfing laut zu singen.

Aber vielleicht, dass er jeden Obdachlosen, der auf der Straße bettelte, mit Handschlag grüßte und sich mit ihm unterhielt, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, während ich peinlich berührt daneben stand.

Diese unbekümmerte, kompromisslose Offenheit war es wohl, die Hape am meisten ausmachte.

Er hatte nie viel Geld und als er mich um 20 Euro bat für „ein geniales Teil“ gab ich sie ihm, denn er hätte sein letztes Kaugummi mit mir geteilt, wenn es darauf angekommen wäre.

Später zeigte er es mir, „das geniale Teil“, ein breites Grinsen im Gesicht. Es war ein T-Shirt mit einer Katze. Einer lachenden Katze. Einer lachenden Katze mit einer großen pinken Brille im Gesicht. Einer großen, pinken, glitzernden Brille.

„Also, was sagst du? Ist das nicht genial?“

Ich öffnete den Mund. Mein Unterbewusstsein brachte mich dazu, den Vorgang langsam, fast in Zeitlupe auszuführen und all die empörten Ausrufe, die mir zunächst in den Sinn kamen, versiegten dadurch ungesagt auf der Zunge.

„Ja klar!“, antwortete mein Mund schließlich, ein wenig zu meiner eigenen Überraschung.

Hape schenkte mir ein wohlwollendes Lächeln.

Ein paar Tage später trug er das T-Shirt, mit dem ihm eigenen unantastbaren Stolz und er erntete viel Lob – zumindest von den Obdachlosen, als er sie mit Handschlag grüßte und mit der Glitzerbrillen-Katze um die Wette strahlte.

Neues aus der U-Bahn oder Fischstäbchen für alle!

von Gastautorin Britta
Kennen Sie das, wenn Sie in der U-Bahn sitzen und Ohrenzeuge von kindlicher Naivität gepaart mit vehementer Bestimmtheit erleben?
 
Großartig sage ich Ihnen! Wo findet man heute noch so kleine alltägliche Träumer? Mir ist einer in der U-Bahn begegnet.
 
Am Sendlinger Tor stieg eine Mutter mit ihren zwei Kindern ein. Der Junge war ca. 4 Jahre alt, seine große Schwester ca. 7 – 8 Jahre.
 
Während des Gespräches der Dreien wurde auch die Geburtstagsfeier der großen Schwester in der ersten Januarwoche angesprochen. Die Mutter zählte auf, wer alles von Freunden und Familie zur Feier kommen sollte und wer nicht.
 
Nach der Aufzählung stellte die Mutter die Frage an beide Kinder, was es denn zu essen geben sollte. Die große Schwester fragte vorsichtig, wie viele Personen denn insgesamt kommen sollen. Bevor die Mutter auch nur die Chance einer Antwort hatte, kam vom kleinen Jungen in einem Brustton der Überzeugung die Antwort auf alles: „Fischstäbchen!“
 
Leichtes Entsetzen las man auf dem Gesicht der Mutter. Heftiges Stirnrunzeln war die unausgesprochene Antwort der Schwester. Ich musste mich schwer zurückhalten nicht lauthals loszulachen. „Fischstäbchen, natürlich“, dachte ich, „warum fiel mir das nicht ein?“ Mein innerliches Grinsen wurde breiter.
 
Die Mutter erwiderte, dass Fischstäbchen für 18 Personen dann doch etwas zu viel Aufwand wäre. Damit war der Kampfgeist des „Fischstäbchenkönigs“ aber sowas von geweckt. Mit majestätischer Selbstverständlichkeit verkündete er: „Dann bekommt halt jeder nur ein Fischstäbchen. Dann geht das“.
 
Ein breites Grinsen zierte mein Gesicht, innerlich gab es kein Halten mehr. Der „Fischstäbchenkönig“ hatte gesprochen. Mein innerer Chefkoch verdrehte die Augen und murmelte: „Dann muss halt mehr Kartoffelbrei her“.
 
Die Antwort der Mutter ist mir leider nicht vergönnt gewesen, da sie am Harras ausgestiegen sind.
 
Geblieben ist die Freude über den „Fischstäbchenkönig“. Manche „Befehle“ können einfach nur einfach sein.
 
Danke!

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