Geschichten. Überall und Jederzeit

Kategorie: Schreibübung (Seite 2 von 2)

Morgens vor Corona…

von Jana, Lesezeit ca. 3 Minuten

Der Bus erreichte mit leichtem Schlingern die Haltestelle und bremste ab. Mühsam hatte sie sich bis zur Tür gedrängt, sah sich jetzt dem Pulk Pendler auf dem Gehsteig gegenüber.

Ja, natürlich, alle rein mit euch. Und bloß nicht auf Höflichkeit achten… oder Physik. Wo ein Körper ist, können auch mal fünf sein. Erklärt sich überhaupt nicht von selbst. Scheiß` Sci-Fi-Serien auf Netflix – Leute, das ist nicht das echte Leben! Ehrlich, aua! Ja, ich würde mich auch gerne sonstwohin beamen, könnt ihr mir glauben. War eigentliche eine bescheuerte Idee, alle alten Star Trek-Serien gleichzeitig anzufangen, einfach zu viele… genau. Wie dieser Haufen Idioten hier. Sch…! Erst aus-, dann einsteigen! Aus. Ein. Wie beim Atmen, aber das würdet ihr wahrscheinlich auch nicht hinbekommen, wenns nicht angeboren wäre. Da hat der komische Typ da ja nochmal Glück gehabt. Wie der Tod auf Latschen! Hat der überhaupt im letzten Monat geschlafen? Oder geduscht? Ekelhaft. Bloß nicht atmen… Schlafen! Bett! Das wär toll! Jetzt. Sofort. Ich muss endlich das Schlafzimmer streichen. Ist schon monatelang auf der To-Do-Liste. Nein, wenn du mir mit dem Kinderwagen über den Fuß fährst, geht es auch nicht schneller! Und bitte den Kaffee direkt über meine Jacke, heiß und fleckig, mein Lieblingsdesign. Design. Ja, Farben fürs Schlafzimmer – ist gar nicht so einfach. Malve? Rose? Irgendwas helles. Nicht zu viel. Mein Gott, hat der im Parfüm gebadet? Aber in dem seiner Oma.

Sie musste würgen. Sie fuhr die Ellenbogen aus und drückte sich durch die blind in den Bus drängende Menge. Endlich konnte sie wieder atmen.

Schreibübung zum Thema Gedankenstrom

Bus fahren in der Rushhour zu Corona-Zeiten? Fühlt sich so an: Morgens während Corona (1).

Der Duft von wilden Rosen

Erinnert ihr euch noch an unser Adventsspiel? Damals haben wir 
5  Wörter vorgeschlagen, um daraus eine Geschichte zu basteln.
Marienkäfer, Petersilienhochzeit, Luftpolsterfolie, Massenmörder, Platzhalter
Eine mögliche Geschichte geht so:

von Jana, Lesezeit ca. 5 Minuten

Ihr Lieben, das ist keine Kindergeschichte, sie steht mit Absicht in der Kategorie „Mord und Totschlag“…

 

Er war ein Künstler, ja, das war er. Er hatte Respekt vor seinen Werken. Jedes einzelne hatte er mit Bedacht erschaffen, jedes Detail wohl überlegt. Sie alle erzählten eine Geschichte, ihre Geschichte. Er hatte sie beobachtet, tage-, wochen-, monatelang. Hatte sie begleitet, überall hin, ihren Geruch eingeatmet, während er neben ihnen in der Bahn mit zur Arbeit fuhr. Hatte gesehen, wie ihr Adamsapfel sich bewegte, wenn sie tranken, hatte das kurze Dehnen der Haut bewundert, als er am Tisch neben ihnen saß. Er hetzte mit ihnen durch die Straßen, wandte sich auf dem Fußweg ab, wenn sie sich noch einmal umdrehten, die Tür schon in der einen, den Schlüssel in der anderen Hand. Sie sollten sich sicher fühlen. Sie sollten sich wohlfühlen. Er kümmerte sich um seine Werke. Er studierte ihre Gewohnheiten, ihre Kleidung, ihre Gesten, ihre Mimik – er studierte alles, denn er wollte, dass sie sich präsentieren konnten so, wie sie waren. Nie hätte er gewagt, ihnen eine Geschichte aufzuzwingen. Sie sollten sie selbst sein, präpariert für die Ewigkeit. Er wickelte sie behutsam in die Luftpolsterfolie, damit sie nicht zerstört wurden, wenn er sie ablegte. Er nahm sich Zeit, wenn er sie endlich ausstellte. Sie sollten ihre beste Seite zeigen, wenn sie gefunden wurden.

´Massenmörder in der Stadt!`

Sie hatten keine Ahnung, diese Dummschwätzer. Solch ein Wort, eine Beschimpfung. Er war ein Künstler, ja, das war er. Er schlachtete nicht wahllos ab, er erschuf etwas neues, besseres. Seine Werke waren dafür da, diese Welt besser zu machen, zu einem schöneren Ort.

Und dann traf er sie. Sein Meisterwerk, ja, das würde sie sein. Feuerrotes Haar, Sommersprossen, große blaue Augen. Ihre Hände, so feingliedrig, so sanft, nie könnten sie jemandem Schmerzen zufügen. Sie tanzte, wenn sie die Straße entlang ging, flatterte beinahe, ihre Hüfte immer in Bewegung, ihre Hände in Bewegung, wenn sie ihrer Freundin im Café etwas erzählte.

Sie roch nach wilden Rosen nach einem Sommerregen und sie lächelte ihn an, als sie sich in der Bahn zu ihm wandte. Sie lächelte. Ihn. An! Ihre Lippen würden weich auf seinen sein, sie würde nach Erdbeeren schmecken. Oh, wenn er diesen Geschmack doch nur bewahren konnte, aber er verflüchtigte sich. So schnell. Auch bei ihr. Sie hatte drei Leberflecke, klein, unscheinbar, genau über ihrem rechten Mundwinkel. Sie fielen kaum auf, doch er hatte sie gesehen. Er sah alles.

„Mein Marienkäfer“, flüsterte er. Und er probierte den Namen aus, wenn er nachts wach lag.

Nach ihr war nichts mehr wie bisher. Er hatte sein Meisterwerk vollbracht, die nachkamen waren nur noch Kopien, billige Platzhalter für die eine. Er begriff es erst jetzt. Dass er sein Leben lang auf sie gewartet, auf sie hingearbeitet hatte. Und nun war sie fort, ausgestellt, von anderen begafft und analysiert. Er hatte sie verloren. Er hatte sie verraten. Nichts würde mehr so sein wie bisher.

Er wurde nachlässig. Er beobachtete nicht mehr so genau. Er blieb stehen, wenn sie sich an der Tür umwandten. Und dann passierte es.

„Monster endlich gefasst! Tötete seine eigene Frau nach über 12 Jahren Ehe! So machte die Petersilienhochzeit aus einem Ehemann einen Massenmörder!“

Sie waren noch immer Dummköpfe. Gruben in seiner Vergangenheit. Holten etwas hervor, eine Feier, einen Unfall, einen Tod. Sie hatten keine Ahnung. Sie war es nicht gewesen. Sie war nicht die gewesen, die sein Leben bestimmt hatte.

„Mein Marienkäfer!“ Ganz sicher flatterte sie noch immer, tanzte über die Straßen, ihr Duft nach wilden Rosen wie eine Spur für ihn ausgelegt.

„Ich komme zu dir“, flüsterte er, während er aus zerrissenen Bettlaken eine Schlinge bastelte.


Die gleichen 5 Wörter, aber eine ganz andere Geschichte?
Dann lest Carmens „Familienabend“.

Hallo Freiheit!

von Jana, Lesezeit > 5 Min.

„Ja bitte?“

„Ja hallo? Ist da die Freiheit?“

„Mmh…“

„Ja, also wissen Sie, ich soll über Sie schreiben und da dachte ich…“

„Tun Sie`s nicht!“

„Äh… wie bitte?“

„Schreiben! Schreiben Sie nicht über mich!“

„Aber warum denn nicht?“

„Weil über mich schon so viel geschrieben wurde und die Hälfte davon ist Blödsinn und ich habe wirklich keine Lust mehr, diesen ganzen Quatsch immer zu lesen!“

„Ja, aber… na ja, deswegen rufe ich ja an, ich dachte, Sie könnten mir erzählen, wie Sie das so sehen. Also, was Sie für wichtig erachten. An sich selbst, meine ich.“

„Pah! Das haben die anderen auch immer behauptet. Und mich in den Himmel gelobt, wie wichtig ich doch sei für den Menschen und die Gesellschaft. Die Retterin der Unterdrückten, die Sprengerin der Ketten – lassen Sie mich in Ruhe! Probieren Sie es bei der Hoffnung – obwohl, die ist wahrscheinlich zu beschäftigt, der Hass neuerdings ja auch. Vielleicht hilft Ihnen der Glauben weiter. Der hat zwar auch viel zu tun, aber der debattiert zu gerne.“

„Nein, ich möchte Sie. Sehen Sie sich doch nur mal die Nachrichten an. Hongkong, Syrien, Mittelmeer – ich glaube, die Freiheit ist wichtiger denn je, verstehen Sie?“

„Die Freiheit von was?“

„Na, von Menschen. Dass Menschen in Freiheit leben können, reisen können, ihren Beruf frei wählen, ihr Denken, ihren Glauben.“

„Tja, aber wenn Mensch A seine Freiheit hat, behauptet B, dass seine dadurch eingeschränkt wird. Den Knoten können Sie nicht lösen.“

„Aber ist das denn so? Wie definieren Sie denn Freiheit?“

„Wie ich mich selbst definiere?“

„Ja, genau.“

„Ist das Ihr Ernst? Hören Sie, ich habe eine sehr genaue Vorstellung davon, was Freiheit ist und sein sollte, aber ich bezweifle sehr stark, dass Sie die hören wollen, Sie Sozialromantikerin! Freies Leben, freies Reisen und wahrscheinlich auch noch ein freies Bildungssystem, nein, ganz sicher nicht! Sie verklären mich zu irgendetwas, was die Welt retten soll, Frieden und Freiheit für alle, aber dabei vergessen Sie, dass die Menschen zwar alle laut nach mir schreien, wenn sie mich aber haben, absolut nichts mit mir anfangen können.

Die Freiheit zu leben wird ganz schnell die Freiheit zu herrschen, zu beherrschen und schon ist die Freiheit dahin. Freiheit kann sich nie über das Außen definieren. Wenn Sie Freiheit in Dingen oder Umständen suchen, dann suchen sie falsch – allerdings sind sie dabei immerhin nicht allein.“

„[…]“

„Sind Sie noch dran?“

„Ja, ich… Entschuldigung, was kam nochmal nach „zu tun und zu lassen“?“

„Mmhpf!“

„Wissen Sie, dieser Text ist wirklich wichtig für mich. Nicht nur wegen dem Kurs und so, sondern auch, na ja, Freiheit, das ist für mich mehr als eine Sehnsucht nach irgendetwas. Es ist dieses Gefühl, verstehen Sie? Dieses Gefühl, dass da noch mehr ist in dieser Welt. Dass all die Konventionen und Regeln, die mein Leben bestimmen, einfach nur ein Schleier sind über dem wahren Leben. Und wenn ich diesen Schleier zerreiße, dann.. ja, dann bin ich angekommen. Wissen Sie, ich dachte immer, das kommt, wenn ich mal erwachsen bin und mein Leben lebe. Aber jetzt bin ich erwachsen und..“

„Lassen Sie mich raten, Sie haben als junges Mädchen zu Westernhagens „Freiheit“ um den Plattenspieler getanzt?“

„Zu „Keine Macht für Niemand“ auch.“

Ein Seufzen. „Na gut, ausnahmsweise. Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis und Sie entscheiden selbst, ob Sie darüber schreiben oder nicht, in Ordnung?“

„In Ordnung!“

„Dieser Schleier, den Sie zerreißen wollen, der ist nicht vor Ihrer Nase, der ist in Ihnen drin. Sie könnten allen Konventionen entfliehen. Alle Regeln und Verpflichtungen hinter sich lassen. Sie könnten mit einem VW-Bus in die Wildnis fahren, und dort mit Eichhörnchen eine WG gründen, Sie würden diesen Schleier mitnehmen. Sie würden unfrei sein in dieser Freiheit. Freiheit finden Sie nur an einem Ort und das ist Ihr Kopf!“

„Mein Kopf?“

„Ihr Kopf! Und vielleicht noch ein bisschen in Ihrem Bauch und Ihrer Seele, je nachdem, wie ganzheitlich Sie diesen Mist betrachten wollen. Aber sie ist definitiv nicht da draußen und Sie finden sie definitiv nicht am Telefon.“

„Oh, aber… ich spreche doch mit Ihnen, oder?“

„Schätzchen, wenn ich die Freiheit wäre (und ich sage nicht, dass ich es nicht bin), dann hätte ich wohl die Freiheit, zu behaupten, dass ich bin, wer immer ich gerne sein möchte, nicht wahr?“

„Ähm…“

„Viel Glück mit Ihrem Text! Apropos, das Glück! Das sollten Sie unbedingt auch mal anrufen, hat sich aber schon wieder rar gemacht, so eine verdammt flüchtige Angelegenheit, na ja…“

Eine Schreibübung zur Personifikation abstrakter Begriffe

Drachentöterin

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

„Papa, wenn ich groß bin, möchte ich Schwertkämpferin werden.“
Thomas sieht überrascht vom Tischdecken auf, hin zu dem großen Teppich in der Mitte des Wohnzimmers, der aktuell große Ähnlichkeit mit der Barbie-Produkte-Ausstellung im hiesigen Spielzeugladen hat. Zwischen Barbie-Haus, Barbie-Auto, diversen Puppen und Bergen von Barbie-Kleidern sitzt die sechsjährige Sara und verpasst Barbie Nr. 17 mit blauem Edding eine neue Haarfarbe. Alles normal eigentlich. Er wirft einen Blick auf die große Schwester, doch Kati grinst ihn nur breit an. Sie liegt auf dem Sofa und aus ihren Kopfhörern dringt Rockmusik, die verdächtig nach ACDC klingt. Er hat offensichtlich wenigstens bei einer von beiden etwas richtig gemacht.
„Aha“, stellt er neutral fest, „und wie kommst du darauf?“
„Wir haben heute im Kindergarten einen Film darüber gesehen.“
„Über Schwertkämpfer?“ Im letzten Film, der seiner Tochter gefallen hat, ging es noch um ein flauschiges Einhorn. Allerdings spielte auch ein Superschurke mit, wenn er sich richtig erinnert.

„Nein, nicht so richtig. Aber der Prinz hat die Prinzessin vor dem Drachen gerettet, weil er voll gut mit dem Schwert umgehen konnte. Ich will auch mit dem Schwert kämpfen und Prinzen retten können. Oder Prinzessinnen.“

Kati gibt ein schnaubendes Geräusch von sich, was ihre kleine Schwester huldvoll ignoriert.
„Aber hättest du keine Angst vor so einem großen Drachen?“, fragt Thomas und Sara legt den Edding zur Seite (offen natürlich, aber der Teppich ist anthrazitfarben, er ist seiner Mutter für immer dafür dankbar) und schüttelt vehement den Kopf.
„Nö, ich habe ja dann ein riesiges Schwert, da hat doch der Drache Angst vor mir.“

Kati nickt im Takt der Musik und grinst weiter vor sich hin.

Durch das angekippte Küchenfenster hört Thomas das Knirschen von Schnee. Luisa ist heimgekommen, lässt jedoch die Vordertür links liegen und schleicht sich am Haus vorbei zur Terrasse. Sie klopft an die große Scheibe der Terrassentür und als sie die Aufmerksamkeit von ihnen allen hat, zieht sie wilde Fratzen. Sara quiekt vor Freude und Kati verdreht die Augen. Luisa scheint damit völlig zufrieden. Sie winkt Thomas zu, er solle nach draußen kommen.
Er hat eigentlich keine Lust auf die Kälte, doch Luisa hüpft auf und ab, rudert weiter mit den Armen und er gibt auf. Er schlüpft in den Mantel und stapft in den Vorgarten.
In der Einfahrt steht ein Wagen, der nicht ihm gehört. Und auch nicht Luisa. Es ist auch nicht wirklich ein Auto, sondern eher ein kleiner Panzer. Die Scheinwerfer sind noch an. Das seltsame neue Licht, das Autos jetzt haben, taucht den niederrieselnden Schneeflockentanz in einen mystischen Silberschein.

„Was ist das?“, fragt Thomas. Luisa hüpft noch immer auf und ab.

„Mercedes, G-Klasse“, erklärt sie stolz und atemlos.

„Willst du in den Krieg ziehen?“

„Nein, aber wir wollten doch morgen in die Berge und es liegt doch Schnee und Matthias schuldete mir noch einen Gefallen. Er gehört das ganze Wochenende uns!“

„Aha.“

Luisa knufft ihn in den Arm. „Ach, komm schon, Thomas, sieh es als Geburtstagsgeschenk!“

„Ich habe im Juli Geburtstag.“ Außerdem besitzt er nicht mal einen Führerschein.

„Ich meine doch meinen!“

„Du hast im September.“

„Eben!“

Thomas schüttelt den Kopf. Er kann Luisas Faszination keinesfalls nachvollziehen, aber er wird ihr nicht den Spaß verderben.

„Sara will Drachen töten, wenn sie groß ist“, sagt er schließlich und Luisa strahlt ihn an.

„Unsere Tochter!“, verkündet sie stolz und dann fällt sie ihm um den Hals und küsst ihn. Es ertönt ein leises Piepen und die Scheinwerfer gehen aus.

Luisa nimmt seine Hand und sie gehen zurück zum Haus. Hinter der hohen Terrassentür, aus der warmes Licht in den Vorgarten fällt, erkennt Thomas Sara, die gerade mit Edding etwas auf die Scheibe malt, das einem Drachen verdammt ähnlich sieht.

´Vielleicht besteht doch noch Hoffnung für das arme Tier`, denkt er.

Übung: Geschichte, in der folgende Wörter vorkommen mussten:

Rockmusik, Silberschein, Schwertkämpfer, Schneeknirschen, Flockentanz, flauschig

Ich bin die Hässlichkeit

von Carmen, Lesezeit ca. 5 Min.

Tu mir den Gefallen und denke spontan an etwas Hässliches…

Jetzt würde mich natürlich interessieren, was dir eingefallen ist.
Ist es etwas essbares, wie ein schleimiger, bräunlich-stinkender Spinatbrei?
Ist es eine Person, eine alte Hexe mit krummem Buckel, Höckernase, langen, knochigen Fingern, einer furchtbar schrillen Stimme, bei der dir die Haare zu Berge stehen und einem dermaßen irren Blick, dass du erleichtert bist, ihr niemals außerhalb eines Märchens zu begegnen?
Ist es eine Müllhalde, ein Plattenbau, das Armenviertel von Neu Delhi?
Oder ist es ein Gegenstand? Dieser eine kotzgrüne Rock mit der leuchtend rosa Schleife oder dieser Pulli, bei dem man sich fragen muss, ob dem Designer die Nähmaschine ausgerutscht ist.
Oder vielleicht hast du auch nur an Donald Trump gedacht. Ihn habe ich wirklich ganz besonders gesegnet.

Denn ich bin die Hässlichkeit. Ich bin vieles und viele sind ich.

Häufig denkt man, ich sei abstoßend, widerwärtig. Hassenswert sogar – daher kommt mein Name: Hässlichkeit – hassenswert…
Dabei bin das nicht ich, sondern mein Job. Mein Job ist es, dich zu warnen. Ich bin multilingual, international, global.
Du siehst eine Müllhalde – krankheitserregend, Vergiftungsgefahr, Verletzungsmöglichkeiten. Ich sage dir in jeder Sprache, die du verstehst: Geh weiter! Hier ist es gefährlich!
Eine Betonwüste in der Vorstadt: Geh weiter! Hier wirst du unterfordert und zu Tode gelangweilt dahinvegetieren.
Donald Trump: Renn!

Aber du wirst nicht laufen. Die Menschen laufen selten wenn sie mich sehen. Du bleibst stehen und starrst. Du widersetzt dich meinem Gebot. Ich stoße dich ab und du kommst näher, bleibst stehen, mitten auf der Autobahn. Ich schreie, laut und überdeutlich: „Geh weg, hier ist der Tod! Gefahr! Hopphopp! Schleich dich!“ Du versuchst, ein Selfie mit dem Unfallopfer zu schießen.
„Sooo ein hässlicher Unfall“, wirst du später genussvoll erzählen, „und dieses ganze Blut!“

Das ist das frustrierende. Meine Aufgabe ist es, dich zu warnen. Dir zu zeigen, wo es nicht sicher ist, weil Krankheit, Tod, soziale Ausgrenzung oder andere – nun ja hässliche – Dinge dich erwarten. Deine Aufgabe scheint es zu sein, dich gerade dann fasziniert nähern zu wollen.

Das liegt vielleicht an einem Geheimnis, das kaum jemand von mir kennt. Oder wusstest du, dass ich ein Zwillingskind bin? Meine Schwester ist die Schönheit, fast alles, was wir tun, tun wir gemeinsam. Sie ist meine größte Inspiration. Häufig ahmen wir uns sogar gegenseitig nach, ihre Ideale mache ich mir dann zu Eigen. Dann werden sie langweilig und abstoßend. Würdest du heute noch eine weiß gepuderte Perücke tragen wollen?
Gleichzeitig musst du dich mir nur oft genug widersetzen, bis dir etwas so vertraut vorkommt, dass ich nicht mehr wirke. Dann hat sie zugeschlagen. Wenn du jeden Tag mit diesem einen lieben Menschen redest, dass du nach einer Weile die ganzen schiefen Zähne, die seine Zahnlücken unterbrechen, überhaupt nicht mehr wahrnimmst. „Innere Schönheit“ argumentierst du dann.
Wie wahrscheinlich alle Geschwister streiten wir auch ab und an. Wenn dann so richtig die Fetzen fliegen, ist es ein Fall von Hassliebe. Für dich bedeutet das: Du kannst nicht mit. Du kannst nicht ohne.

Schlussendlich ist das Paradoxe an mir, dass ich, so sehr ich mich auch anstrenge, dich nie wirklich abstoßen kann.
Ich interessiere dich, ich bewege dich. Ich bin das Prickeln auf deiner Kopfhaut und das Jucken an deiner Oberlippe, wenn du dir vor Ekel die Nase rümpfen musst. Ich bin die Hexe, ohne die ‚Hänsel und Gretel‘ niemals zu Weltruhm gekommen wären. Ich bin der Frosch in jedem König. Ich bin das Streben in dir, dich zu verbessern. Ich bin der Wunsch, weg von diesem Ort. Was wäre der Ehrgeiz ohne mich? Wüsstest du, von was du träumen solltest, wäre nicht ich?
Ich bin der Motor der Welt.

Denn ich bin die Hässlichkeit. Ich bin Alles. Und Alle sind ich.

Eine Schreibübung zur Personifikation abstrakter Begriffe

Knoten

Ja, da war ich ein klein wenig erkältet, als ich diesen Text eingelesen habe. 😉

von Carmen, Lesezeit <5 Min.

Sie stoppte außer Atem, hockte sich hin und band sich die Schnürsenkel neu.

Knoten sind schon faszinierend. So ein einfacher Knoten mit zwei Schleifen kann jedes Kind. Naja, vielleicht nicht jedes Kind und … naja, vielleicht hat jetzt auch nicht jedes Kind die gleiche Technik wie ich, aber hey, so einfach und der Schuh hält. Tie the knot, sagt man das nicht so? Also im Englischen? Für Heiraten. Zusammenbinden, festbinden, zusammen, was zusammen gehört. Symbolisch jetzt, nicht in echt. Nur gespielt. Fesselspiele? Zusammen, was zusammen gehört, zusammen. Wären sie nun ohne Knoten getrennt? Kein Knoten, keine Heirat, unverheiratet, auseinander, nicht zusammen, auseinander, getrennt? Braucht es den Knoten, die Fessel, den Bund, die Schleifen? Ohne kann ich nicht laufen, Schuh offen, Schnürsenkel am Boden, Stolpergefahr. Ein Paar Schnürsenkel, ein Paar, das Paar ohne Knoten, Stolpergefahr, Achtung! Zubinden, zusammen, was zusammen gehört. Stolpere nicht über das Paar, liebes Paar. Jedes Kind kennt einen Knoten, sah schon offene Knoten, im Kindergarten lernt man Knoten. Seemänner kennen Knoten, leicht zu lösende, schwierige, komplizierte Knoten. Auf der ganzen Welt gibt es Knoten, alle kennen Knoten, alle kennen Knoten, alle. Kinder lernen keine Seemannsknoten im Kindergarten. Sie würden sich verknoten, verlieren, zu kompliziert. Fesselspiele im Kindergarten?
Denk doch nicht sowas! Hörst du wohl auf!

Augenrollend stand sie auf, sprang zweimal auf der Stelle und setzte ihre Joggingrunde fort.

Eine Übung zum Bewusstseinsstrom

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