Geschichten. Überall und Jederzeit

Kategorie: Fantastisches

Origami

von Carmen

Ahhhrg!
Ich knülle das Blatt zusammen und werfe es hinter mich. Meine Figuren kommen und gehen als würde ich in einem Café die Passanten beobachten. Doch niemand bleibt stehen. Niemand erzählt mir seine Geschichte, so dass ich sie aufschreiben und weitererzählen könnte.
Schreibblockade! Irgendwo zwischen Kopf und Blatt ist die Verbindung gekappt. Es fließt nichts aus den Fingern. Wohlgemerkt – wir sprechen nicht über das Problem Weißes Blatt. Irgendetwas schreiben kann man immer. Mittlerweile kennt man seine Strategien. Im Zweifel „Ich erinnere mich an [setze beliebiges Möbelstück oder Leibgericht oder Urlaubserinnerung ein]“ schreiben und irgendeine Erinnerung wird da schon kommen und zack hat man fünf Seiten vollgeschrieben. Das Problem Weißes Blatt existiert nicht mehr.
Nein, das Problem ist der weiße Kopf. Das Problem ist mein inneres Kind, das nicht viel älter als zwei sein kann und das auf dem Boden sitzt, die Spielsachen weit von sich wirft, „NEIN ICH WILL NICHT! NEIN!“ schreit und sich dieser Übung und dem Schreiben ganz allgemein verweigert.
Oh, wie ich diese „ich erinnere mich“-Übung hasse.

Ich schreibe doch auch kein Tagebuch. Wen interessiert denn der alte Schaukelstuhl, in dem meine Mutter meine kleine Schwester gestillt hat? Wen interessiert die Polenta, die bei uns nicht auf dem Teller gegessen, sondern auf einem Brett über den kompletten Tisch gestrichen wird mit einer ordentlichen Portion stundenlang köchelnder Bolognese darauf. Wen interessieren die Grabenkämpfe, in die dieses Essen jedes Mal ausartet: die Kunst ist, sich selbst die besten Bereiche – das heißt, die mit dem meisten Käse und der meisten Soße – zu sichern, gleichzeitig diese aber gegen die Verwandtschaft zu verteidigen, die – bis auf die Zähne bewaffnet – keine Scheu davor haben, die GABEL einzusetzen.
Aus diesen Erinnerungen kann man einen Flickenteppich alter Anekdoten basteln, aber doch keine Geschichten.

„Warum nicht?“

Weil wir hier nicht bei Facebook sind! Ich schreibe nicht über mein Mittagessen. Oder über Schaukelstühle. Oder über meine letzte Sitzung, als das Klopapier alle war.

„Hmm… anscheinend tust du es aber doch.“

Nur um den Punkt zu verdeutlichen. Aber ich werde keine Geschichte darüber schreiben.

„Vielleicht würde es sich lohnen“, sagte die Stimme nachdenklich. „Aber lassen wir das erstmal. Ich bin überrascht, dass du auf mich reagierst, ohne Angst zu haben. Wunderst du dich nicht, wer ich bin?“
Pff… Wer sollst du schon sein? Vermutlich mein Stift oder das Blatt Papier vor mir oder einfach eine Stimme in meinem Kopf. Ist doch egal.
„Ist dir egal???“
Ja.
„Okay … Die Reaktion ist … unerwartet.“ Die Stimme scheint kurz ratlos. Und setzt erneut an. „Du hast keine Angst oder so?“
Nö. Ich mein, solange du mir nicht erklärst, dass du alle meine Haushaltsgeräte zum Streik aufforderst, ist doch alles in Ordnung. So einen Streik könnte ich jetzt nicht gebrauchen. Das tust du doch nicht, oder?
„Nein.“
Gut. Nein, dann habe ich keine Angst. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich schon gefragt, wann es soweit ist. Ich mein, Corona geht jetzt schon ein Vierteljahr, mein Broterwerb ist immer noch im Lockdown. Ich sitze hier, seit vier Monaten, und drehe Däumchen. Ich bin nun wirklich kein Ass in Selbstdisziplin. Meine Tagesstruktur besteht darin, dass es keine gibt. Dabei sei Tagesstruktur wichtig für die geistige Gesundheit, wird behauptet. Ich habe mich gefragt, wann bei mir die Sicherung durchknallt. Jetzt, wo es endlich soweit ist, bin ich ehrlich gesagt erleichtert.

„Er-leich-tert? Du glaubst, ich bin eine durchgeknallte Sicherung?“
Japp. Ich finde, ich habe mir das Recht erarbeitet, durchzudrehen. Erst war Risikopatientin mit Kundenkontakt, dann komplett zuhause. Ich war motiviert, juhu soviel Zeit zum Schreiben, ich habe aufgeräumt, umgeräumt, gearbeitet, geschrieben, gelesen, gevideochattet, umdekoriert, halb Amazon leergekauft, die Konjunktur am Laufen gehalten sozusagen. Das Haus nur verlassen, wenn unbedingt nötig. #StayAtHome #SofasRettenLeben und so. Nur die Trends mit dem Yoga und dem Klopapierhamstern habe ich sein lassen. ICH war Vorzeige-Quarantänin. Aber das konnte ich nur so lange durchziehen. Dann war die Luft raus. Das mit der Selbstdisziplin halt. Kein lesen, schreiben, umräumen mehr. Die Motivation hatte das sinkende Schiff verlassen, unbemerkt irgendwann zwischen der 3. und 4. Netflix-Serie.
Und dann fangen Janas Küchengeräte an, mit ihr zu sprechen und meine schweigen? Hallo? Ernsthaft? Das hat mich schon verletzt. Hab ich nicht verdient, dass hier mal jemand mit mir spricht?
„Ähm…“
Irgendwann dachte ich dann, es liegt daran, dass mir die Fantasie einfach fehlt. Abgestumpft vom ganzen Binge-Watching. Quasi eine andere Form der Schreibblockade. Eine allumfassende Blockade, die Kaffeemaschinen und Lieblingsstifte mit einbezieht, die in der Zeit der Not mir den Rücken zukehren und eben nicht mit mir reden.

„Du suhlst dich da aber schon sehr im Selbstmitleid.“
Pff… Habe ich dazu etwa nicht das Recht?
„Hattest du die letzten Monate gesundheitliche Probleme? Hattest du Freunde oder Verwandte, die sich infiziert haben? Hattest du Sorgen um deine Arbeitsstelle? Musstest du dich neben dir selbst noch um andere Menschen kümmern, wie beispielsweise um Kinder im Homeschooling, während du selbst einen Vollzeitjob wuppen musstest? Kannst du eine dieser Fragen mit ‚Ja‘ beantworten?“
Ähm.. naja… also so direkt… also eher nein.
„Na dann lautet die Antwort auf deine Frage ‚nein, dazu hast du kein Recht‘. Die letzten Monate waren für uns alle belastend. Es ist in Ordnung, nicht produktiv zu sein, kein Yoga zu machen und kein neues Start-Up zu planen. Aber es ist nicht in Ordnung, dich über Monate gehen zu lassen. Es ist nicht in Ordnung, dich aufzugeben. Das ist jetzt dein Leben und das deiner Mitmenschen. Es besteht aus Masken, Zetteln im Hausflur der jüngeren Nachbarn, die anbieten, für dich einkaufen zu gehen, Eltern in Risikogebieten, die man nur besuchen darf, wenn man eine zweiwöchige Quarantäne im Anschluss in Kauf nimmt und Rachenabstrichen, die den Würgereflex auslösen. Je schneller du dich damit abfindest, desto besser wirst du klarkommen und umso zufriedener wirst du wieder mit dir selbst sein.“
Puh. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. … Die letzten Monate waren schon sehr grau und ich fühlte mich echt nicht so gut. Ich finde es nicht in Ordnung, dass mir mein Stift oder mein Blatt oder mein Unterbewusstsein – wer auch immer du bist – mir sagt, ich dürfe kein Selbstmitleid haben. Selbstverständlich war meine Situation besser, viel besser, als die von anderen. Das weiß ich und mache es mir jeden Tag erneut bewusst. Das hilft aber nicht, mich besser zu fühlen, ganz im Gegenteil. Ich fühlte mich trotzdem schlecht. Mir das Recht zu nehmen, mich schlecht zu fühlen, ist… ich weiß nicht, was es ist, aber okay ist es nicht.

„Entschuldige. Du hast recht. Ich hätte dich nicht mit anderen Menschen vergleichen dürfen. Natürlich hast du ein Recht auf deine Gefühle, auch auf die negativen. Ich hatte nur Angst, dass du dich reinsteigerst und das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr siehst und wollte gegensteuern. Das habe ich wohl ordentlich vermasselt.“

Okay…
„Okay?“
Ja, ich mein, wir kennen uns noch nicht so gut, da kann es passieren, dass das erste Gespräch schlecht läuft. Ich akzeptiere die Entschuldigung. Aber ich würde das Gespräch jetzt trotzdem lieber beenden, ich bin müde.

„Okay… Noch eine letzte Frage hätte ich, wenn ich darf?“
Klar.
„Warum heißt der Text jetzt eigentlich Origami?“
Oh. Das. Wenn ich eine Schreibblockade habe, greife ich in meine Wörter-Schatzkiste. Dort haben Freunde, Besucher, Mit-Kursteilnehmerinnen Wörter hinterlassen, die mich inspirieren sollen. Heute war es Origami. Und irgendwie passt es doch, findest du nicht?
„Hmm… Irgendwie schon.“
Besuchst du mich jetzt öfter?
„Ich komme, wenn du mich brauchst“, sagte die Stimme während sie langsam leiser wurde und die letzten Worte nur noch als fernes Flüstern in meinen Gedanken widerhallten.

1

Die Letzte ihrer Art


von Carmen

Dextra öffnete die Kordel an ihrer rechten Hüfte und der raue Stoff der Kutte glitt langsam über die Schultern an ihrem Rücken entlang auf den felsigen Boden. Sie liebte diesen Moment. Die kratzige Berührung des Stoffes, das Gefühl, wie die kühle Luft fast in Zeitlupe immer mehr von ihrer Haut umhüllte. Zuerst spürte sie den kalten Wind an ihrer Schulter, dann an ihrer Brust. Sie fühlte, wie sich die Brustwarzen zusammenzogen. Dann fiel der schwere Sackstoff ohne Unterbrechung ganz zu Boden und die Kälte umhüllte ihren Bauch, ihre Hüften, Oberschenkel und ihren Schambereich. Die Vorfreude erreichte ihren Höhepunkt.
Es ging los.

Sie blieb einen Moment mit geschlossenen Augen stehen, konzentrierte sich auf den Wind, die Kälte, die Gänsehaut auf ihren Armen und Brüsten, das Rauschen in den Bäumen, das helle Sprudeln des künstlichen Baches in der Nähe, die Schraffur der Felsen unter den Füßen.
Sie hatte von Anfang an keine Schwierigkeiten gehabt, alle anderen Geräusche auszublenden. Störfaktoren zu übersehen. Zuschauer zu ignorieren.

Ein unterdrücktes Kichern ging durch die Reihen.

Tief atmete sie ein, während sie ihre Füße hüftbreit aufstellte, den Rücken gerade durchdrückte und die Arme nach oben streckte. Sie lehnte ihren Kopf nach hinten, atmete tief durch und öffnete die Augen.
Laut und klar, voller Inbrunst begann sie die erste Stufe des Rituals:
„Mutter Erde, Meisterin der Schöpfung, Ursprung der Wunder, deine Tochter ruft dich!“
Sie stellte ihre Beine so weit auseinander, wie sie noch aufrecht stehen konnte, und streckte die Arme mit aller Kraft zur Seite, so dass sie aussah wie ein X.
Sie wartete einen Moment, hielt die Spannung aufrecht. Dann ging sie in die Hocke, ohne die Beine vorher zusammenzustellen.
„Mutter Erde, Heimat allen Daseins, Anfang und Ende jeden Lebens, Deine Tochter ruft dich!“
Erneut pausierte sie und ließ den Worten Zeit, sich zu entfalten.
Bedächtig ließ sie sich anschließend in den Vierfüßlerstand gleiten.
„Ich bin Euer, ein Herzschlag der Schöpfung, ein Staubkorn im Universum. Gewährt mir, Euer Werkzeug zu sein.“

Dextras Weg war von kleinauf vorgegeben gewesen. Jedes Dorf schenkte pro Jahr fünf Säuglinge, geboren in Vollmondnächten, den Einigkeitsklöstern. Dort wurden sie ausgebildet und erzogen, als Teil der Gemeinschaft, als Teil des Großen Ganzen.
Dextra war eine Klosterwaise.
Keine der Nonnen oder Mönche kannte seine leiblichen Eltern. Warum auch? Warum die Scheuklappen auf zwei menschliche Elternteile richten, wenn doch die Natur Mutter aller Wesen war, wenn doch alles eins war, wenn alle Menschen unterschiedliche Formen ein und desselben waren. Sie waren keine Individuen, sondern Schwestern und Brüder, Mütter, Tanten, Onkel und Väter.

Sie war beim wichtigsten Teil der ersten Stufe des Rituals angelangt – der Teil, der sie daran erinnerte, wer sie war. Was sie war.
Langsam legte Dextra sich bäuchlings auf den Stein, Arme und Beine erneut wie ein X von sich gestreckt. Sie genoss diesen Augenblick. Ihr Geist war offen, die Art, wie ihr Körper schutzlos auf dem nackten Boden lag, war das sichtbare Symbol dafür. Sie war eins mit ihrer Umwelt, ihr ausgeliefert. Der Wind strich über ihren Rücken, der felsige Untergrund kratzte an ihrem Bauch, ihren Oberschenkeln, ihren Knien. Mit dem Gesicht direkt auf dem Boden spürte sie, wie ihr Atmen sich an ihren Wangen nach oben verflüchtigte. Der Untergrund roch nach Moos und Erde.
Sie wünschte, sie könnte den Moment festhalten. Die Zeit stoppen. Denn tiefer würde sie nie wieder in die Mystik der Klosterwaisen eintauchen können. Die Rituale waren nie für eine Einzelperson ausgelegt gewesen. Dass eine von ihnen jemals vollkommen alleine sein könnte, auf sich gestellt, war ein undenkbarer Gedanke.

Wären ihre Brüder und Schwestern noch am Leben, würden sie jetzt neben ihr liegen, sich an Händen und Füßen berührend, fühlend, dass man zusammengehörte, gleich war und doch nur winzig klein im Angesicht des Universums.
Alle würden sie gleichzeitig aufstehen, eines Stichwortes hatte es dazu nie bedurft. Die Trommeln würden beginnen, in einem sich immer weiter beschleunigenden Rhythmus schlagen und alle würden sie tanzen. Und wie sie tanzen würden! Schneller, immer schneller, zusammen, alle Sorgen, Ideen, Wünsche und Ängste ablegend, jeden einzelnen Gedanken, der sie zu Individuen degradierte, vergessend. Sie würden sich berühren, sich selbst und die Nebenperson, die ja nur eine andere Form ihrer selbst war, und sich vereinigen.

Doch ihre Brüder und Schwester gab es nicht mehr. Drei Tage und drei Nächte hatte es gedauert, während sie starben, einer nach dem anderen, oder vom Glauben abfielen, bis nur noch wenige übrig waren. Die Eroberer kannten keine Gnade als sie kamen und das Land sich zu eigen machten.

Wieder ging ein Kichern durch die Reihen.
„Keine Ahnung, warum unsere Eltern überhaupt so lange gebraucht haben, diese Tiere abzuschlachten. Ich hätte einfach gewartet, bis sich diese unzivilisierten Wilden wieder nackt auf die Schlachtbank gelegt hätten und hätte meine Axt tanzen lassen.“
Dextra hatte von Anfang an keine Schwierigkeiten gehabt, alle anderen Geräusche auszublenden. Störfaktoren zu übersehen. Zuschauer zu ignorieren. Sie atmete tief durch. Konzentrierte sich auf den Wind, das Blätterrascheln. Ich bin ein Staubkorn.
„Pff, du bist ein Idiot. Das wäre reine Verschwendung. Die bettelt doch danach, rangenommen zu werden, wie die da liegt.“
Ein Mann lachte.
„Nah, da ist doch nichts dran. Titten am Nabel und nirgendwo Fleisch…“

Der Moment entglitt ihr. Langsam richtete sich Dextra wieder vollkommen auf, blickte an den Zuschauern vorbei zum Horizont und sprach den letzten Satz:
„Ich bin Dein Staubkorn, tanze frei nach Deiner Gnade, gewähre mir Einsicht in deine Allwissenheit!“
Immer noch wartete sie an dieser Stelle auf die Trommeln, die seit Jahren beharrlich schwiegen.

Sie trat einen Schritt nach vorne, wandte sich den Zuschauern zu, wobei sie versuchte, niemanden von ihnen direkt anzusehen.
Die Lautsprecher knackten.
„Sehr geehrte Herren, das war das mystische Einigkeits-Ritual der letzten überlebenden Klosterwaise, nur hier auf dem Gelände des Hydro-Elemente-Zoos. Das nächste Einigkeits-Ritual findet heute Nachmittag um 15 Uhr statt. Vergesst nicht, auch unsere anderen Shows zu besuchen. In 30 Minuten startet die Fütterung der Seehunde. Wir wünschen Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt.“

Das Ritual verfehlte auch dieses Mal seine Wirkung nicht, auch wenn sie nur die erste Stufe durchführen konnte. Sie wusste genau, was sie war: ein übrig gebliebenes Puzzlestück, unklar, zu welchem Motiv sie einmal gehört hatte. Ein aus der Zeit gefallenes Instrument, an dessen Nutzen sich niemand mehr erinnerte. Ein Exponat zur Unterhaltung der Besucher. Sie war die letzte, lebende Klosterwaise. Sie fragte sich, wie lange noch.
Dextra bückte sich, hob ihre Kutte auf und wartete darauf, dass die Pfleger sie von der Bühne führten.

2

Im Regen der Kirschblütenblätter

von Jana, Lesezeit ca. 15 Minuten

Seit Generationen trennt der Spalt die Bewohner der Stadt, aber Anjan und Leila werden einen Weg finden, zusammen zu sein. Werden sie? Der Text ist 2013 entstanden, aber er passt in eine Zeit, in der wir uns mit Abstand begegnen sollen – körperlicher Abstand, nicht emotionaler!

Es ist nicht genau überliefert, wann es passierte, doch es muss vor langer Zeit gewesen sein. Selbst meine Großmutter kannte nur diese Stadt, zerrissen und verwundet. Sie erzählte mir einmal, dass ihre eigene Großmutter dabei war, als es passierte, doch ob man diese Geschichte glauben kann, weiß ich nicht.

Eines Tages jedoch war er da, einfach so. Über Nacht hatte der Spalt diese Stadt in zwei Hälften geteilt. Eine klaffende Wunde zwischen den Menschen, die am Vortag noch Nachbarn gewesen waren. Tief und breit hatte er sich in den Boden gegraben, zu breit, um übersprungen zu werden. Und auch die Worte, die auf der einen Seite gesprochen wurden, verflüchtigten sich im Wind, bevor sie auf der anderen gehört werden konnten.

Doch so tief die Wunde auch war, die Menschen gewöhnten sich schnell daran. Jede Seite lebte ihr Leben und ihre Bewohner vergaßen bald, dass die Leute auf der anderen Seite einst ihre Freunde gewesen waren. Wer nicht in seiner Nähe wohnte, vergaß bald sogar den Spalt selbst.

Wir jedoch lebten in einer der toten Straßen, so nannte man jene, die von dem Spalt durchschnitten waren. Seit meine Füße mich tragen konnten, lief ich jeden Morgen dorthin, setzte mich an den Rand und ließ mich von der schwarzen Tiefe in den Bann ziehen, bis mir schwindlig wurde. Dann legte ich mich auf den Rücken, die Augen geschlossen, bis mein Körper die Beständigkeit meiner kleinen Welt wieder spüren konnte. Danach wiederholte ich das Spiel, getrieben von der Faszination der Tiefe und der klammernden Furcht vor der Zerstörung, die so unmittelbar und endgültig vor meiner Haustür lag.

Eines Morgens stand er da, auf der anderen Seite. Anjan.

Natürlich hatte er mir seinen Namen nicht sagen können. Doch er malte die Buchstaben solange in die Luft, bis ich verstanden hatte. Und ich malte ihm meinen Namen, wieder und wieder, bis ich ihn von ihm in die Luft gezeichnet lesen konnte: Leila.

Er lächelte als ich nickte und ich lächelte zurück. Von da an sahen wir uns jeden Tag.

Anjan war ein begabter Zeichner. Seine Bilder erzählten mir sein Leben. Er hatte einen großen Bruder und einen Hund namens Billy. Seine Mutter backte den süßesten Kirschkuchen auf der anderen Seite und er fuhr gerne Fahrrad.

Ich brachte meine Bücher mit an den Spalt und spielte ihm aus den fremden Welten vor. Ich war ein Cowboy inmitten feindlicher Indianerstämme, Zauberer in einem mächtigen Königreich oder ich schlug mich als Abenteurer durch einen dichten Dschungel voller giftiger Tiere. Anjan hielt mich für eine große Schauspielerin und ich brachte ihn zum Lachen und zum Weinen.

Eines Tages hatte Anjan keinen Zeichenblock dabei, sondern eine Handvoll Kirschkerne. Ich beobachtete, wie er seine Hand über dem Spalt ausstreckte und sie alle in die Tiefe stürzen ließ. Ich verstand erst nicht, doch Anjan erklärte mir, dass aus einem dieser Kerne ein Baum wachsen würde, groß und kräftig. Seine Äste würden bis über den Spalt reichen und wir könnten an ihnen auf die andere Seite klettern. Es war die wunderbarste Idee, von der ich jemals gehört hatte.

Ich konnte es kaum abwarten und jeden Tag kniete ich nun Stunden vor dem Spalt, meinen Blick in die Tiefe gerichtet in der Hoffnung ein klein wenig Grün zu erhaschen. Doch es dauerte zwei Jahre und viele große Regen bis ich ihn eines Morgens erblickte – unseren Baum. Ich tanzte auf der Stelle und jubelte Anjan zu, der ebenfalls an den Rand trat und in die Tiefe hinabblickte. Als er wieder aufsah, lächelte er und er malte ein Bild von mir und sich selbst, wie wir gemeinsam tanzten.

An diesem Tag dachten wir uns tausend Dinge aus, die wir zusammen tun würden, wenn unser Baum erst groß genug war. Er wollte mir das Fahrrad fahren beibringen und ich überlegte, welches Buch ich ihm zuerst zeigen wollte. Am Ende stellten wir uns vor, ein Straßenfest zu veranstalten, auf dem meine und seine Nachbarn zusammen feiern würden. Zusammen. Die Vorstellung machte mich ganz schwindlig.

Jeden Tag beobachteten wir den Baum, doch er wuchs nicht annähernd schnell genug für unsere Pläne und nach und nach wurde mir bewusst, dass wir lange auf unseren gemeinsamen Tanz würden warten müssen.

Es war an einem Frühlingstag als Billy starb. Anjan brauchte kein Bild, um es mir zu erzählen. Ich sah es an der Traurigkeit in seinen Augen. Trotz unserer düsteren Stimmung strahlte unser Baum im weißen Kleid der Kirschblütenblätter und es kam uns beiden vor wie ein böser Streich. Der Wind trocknete Anjans Tränen und ließ die Kirschblütenblätter aufsteigen und tanzen bis sie müde wieder in den Spalt zurückfielen.

Ich beobachtete den weißen Aufstieg und Fall und war untröstlich. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass wir nicht unsterblich waren.

Die Jahre vergingen und Anjan und ich sahen uns noch immer beinahe jeden Tag. Er kehrte die Straße auf seiner Seite, während ich in unserer Straße die Blumenkübel bepflanzte und pflegte. Wir schafften es fast immer zur gleichen Zeit fertig zu werden und dann setzten wir uns an die Kante des Spalts, baumelten mit den Füßen dem Abgrund entgegen und beobachteten unseren Baum. Die Tiefe hatte für mich längst ihren Reiz verloren. Vielleicht lag es daran, dass der Baum sie mit jedem Jahr mehr ausfüllte, dass sein Grün sich unaufhaltsam dem Licht entgegenstreckte. Er war schon fast bis zur Hälfte des Abgrunds gewachsen und Anjan und ich schmiedeten noch immer Pläne für unsere gemeinsame Zeit. Er würde mir Kirschkuchen backen, seine Mutter war letztes Jahr gestorben. Ich wollte ihm aus meinem Roman vorlesen, wollte, dass er die Worte hörte, in die ich die Geschichte kleidete, für die meine Schauspielkunst nicht ausreichte. Unsere Geschichte.

Es waren die Tage, an denen es uns nicht gelang, uns zu sehen, die mir zu schaffen machten. Der Spalt wirkte plötzlich viel breiter, beinahe unüberwindbar, wenn es niemanden gab, dem man auf der anderen Seite entgegen sehen konnte. An diesen Tagen zog sich mein Blick plötzlich wieder in die Tiefe, die dunkler war als sonst, ein unendlicher Schlund, der Anjans und meine Pläne mühelos verschluckte.

Und dann war Anjan plötzlich verschwunden. Drei Tage lang wartete ich vergeblich am Spalt, drei Tage, an denen mich die unerbittliche Tiefe verhöhnte. Am vierten Tag spiegelte der Himmel den Trübsinn meines Herzens und als ich den letzten Blumenkübel gegossen hatte, ging ich nach Hause ohne den Spalt eines Blickes zu würdigen.

Noch auf dem Heimweg begann der Tag sich unnatürlich schnell zu verdunkeln und ein tiefes drohendes Grollen begleitete meine letzten Schritte zum Haus.

Nur Minuten später hatte der Himmel sich pechschwarz gefärbt. Ein aufziehender Sturm ließ die Fensterscheiben klirren und der drohende Donner holte immer wieder zu mächtigen Schlägen aus. Für Sekunden wurde es taghell, dann versank die Welt wieder in Finsternis.

Ich stand am Fenster und sah zu, wie sich das Draußen dem Sturm beugte. Die Bäume vor meinem Fenster reckten dem Wind ihre Äste entgegen, der sich gedankenlos daran bediente. Blätter und Zweige wurden abgerissen und wirbelten davon. Es erinnerte mich an den Tanz der Kirschblütenblätter, nur ohne jede Leichtigkeit eines Traums, für den sie tanzen. Es war vielmehr der schlichte Lauf der Natur und plötzlich spürte ich etwas Kaltes tief in mir und für einen Augenblick war die Welt totenstill.

Ein heller Strahl und ein Krachen zerrissen den Moment, so laut, dass ich leise aufschrie. Ich wusste sofort, das etwas geschehen war, doch es dauerte eine Weile bis ich begriff, was sich verändert hatte. Die Dunkelheit war verschwunden und statt ihrer schimmerte eine diffuse Helligkeit durch mein Fenster.

Feuer.

Meine Füßen liefen den gewohnten Weg von allein, meine Augen mussten erst sehen, was mein Kopf sich wehrte zu verstehen, doch jedes Leugnen war zwecklos: Unser Baum stand in Flammen. Mit unstillbarem Hunger fraßen sie sich von Ast zu Ast und ließen von dem satten Grün nur Asche übrig.

„Hör auf!“, schrie ich, „hör auf!“

Der Wind riss an meinem Haar und meinem Kleid, der Donner grollte unversöhnlich und immer wieder tauchten Blitze das Schauspiel in schmerzhaft gleißendes Licht, doch nichts davon hielt mich zurück, mit dem Feuer zu streiten.

Ich schrie so laut ich konnte, übertönte die knisternden Flammen. Meine Wangen wurden nass und ich begriff, dass ich weinte. Die Tränen wurden mehr und mehr und endlich spürte ich sie auf den Armen und in meinem Nacken. Es regnete. Der Himmel weinte mit mir.

Der Regen ließ sich Zeit. Ich blieb bei unserem Baum, ignorierte die Nässe meines Kleides und die Kälte, die mit der Nacht kam. Als der Morgen sich zögernd zeigte, starrte ich ungläubig auf die schwarzen Stummel, die mir aus dem Spalt entgegen ragten.

´Er ist tot`, dachte ich. ´Unser Baum ist gestorben.` Und ich fragte mich, was nun aus uns werden würde. Und ob ich jemals wieder ohne Angst in die Tiefe würde schauen können.

Ich sah auf und erblickte Anjan auf der anderen Seite. Sein Augen sahen mich nicht, sie waren starr ins Leere gerichtet. Ich wusste nicht, ob er meinen Verrat gesehen hatte. Ich habe nie gewagt, danach zu fragen.

Am nächsten Tag ging ich nach der Arbeit wieder zum Spalt. Anjan war da und wir versuchten so zu tun, als wäre alles in Ordnung, als wäre unser Baum noch grün und lebendig und würde nur darauf warten uns eines Tages auf die andere Seite zu bringen. So war es auch am Tag darauf und an dem folgenden und dem danach. Und dann passierte es. Eines Tages sah ich Anjan schon von weitem am Spalt stehen und mir zu winken. Ich war noch auf der Mitte der Straße, doch ich ließ meine Arbeit stehen und lief zu ihm. Er deutete auf eine Stelle in der Mitte unseres Baumes, wo ein schwarzer Stumpf an die ehemals kräftigen Äste erinnerte. Ein grüner Schimmer wehrte sich gegen die Schwärze, die ihn umschlungen hatte und nur Tage später brach ein junger Zweig hervor.

Er würde leben, unser Baum würde wachsen und er wuchs schneller und grüner als je zuvor und doch hatten wir bereits verloren.

Mit jedem Zentimeter, den unser Baum dem Himmel entgegenkletterte, verrann Anjans und meine Zeit weiter, unwiederbringlich, wie durch ein zerbrochenes Stundenglas. Längst wussten wir beide, dass sie nicht reichen würde. Als die ersten Zweige den Rand des Spaltes berührten, noch viel zu schwach, um einen Menschen zu tragen, war mein Haar vollständig ergraut und Anjan brauchte einen Stock. Ich zog ihn auf, wie schlecht er würde damit tanzen können. Er lächelte ungetrübt und meinte, dass er mir ohnehin nur auf die Füße getreten wäre. Anjans Hand zitterte jetzt, wenn er seine Bilder malte und seine Striche verschwammen vor meinen schwächer-werdenden Augen.

Wir sahen uns nicht mehr jeden Tag, besonders im Winter erwiesen sich Eis und Schnee für Anjans Beine als unüberwindbares Hindernis. Meine Augen wurden schlechter und trotz der bald schon fingerdicken Gläser, konnte ich seinen Geschichten immer schwerer folgen. Ich fürchtete den Tag, an dem seine Gesichtszüge für mich unlesbar werden würden und Lächeln und Trauern das gleiche Bild wären.

Der Winter war hart und zäh in diesem Jahr. Und als er besiegt schien und das erste Grün an den Zweigspitzen unseres Baums schimmerte, kehrte er mit vernichtender Grausamkeit zurück. Ich beweinte die erfrorenen Knospen und starrte in den undurchdringlichen Nebel, der sich über dem Spalt zusammengezogen hatte. Ich wusste, dass Anjan auf der anderen Seite stand, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte. Doch ich hätte gern gewusst, ob seine Augen mich noch ausmachen konnten. So also würde es bald sein, wenn die Welt um mich endgültig im Nebel meiner blinden Augen verschwand.

Es war einige Nächte später, als ich das Rufen hörte. Obwohl ich seine Stimme nie vernommen hatte, wusste ich, dass es Anjan war. Sie war hell und klar wie ein sonniger Wintertag, der einem den Frühling verspricht. Schwerfällig trugen mich meine Beine zum Spalt und da sah ich ihn. Überrascht über die Kraft meiner Augen erblickte ich seine von einer einzelnen Straßenlaterne erleuchtete Gestalt auf der anderen Seite. Er sah gut aus, viel jünger als ich ihn zuletzt in Erinnerung hatte. Sein Stock fehlte und er wippte auf seinen Fußspitzen auf und ab.

„Ich komme jetzt zu dir, Leila“, rief er und trat leichtfüßig bis vor an den Rand.

„Nein, Anjan, pass auf!“ Ich konnte kaum hinsehen, als seine Füße einen der kleineren Äste betraten. Ich war mir sicher, er würde nachgeben. Doch er hielt sein Gewicht und Anjan kletterte weiter und weiter. Immer wieder fürchtete ich, die Äste brechen zu sehen und wie Anjan in die Tiefe stürzte, doch am Ende hechtete er sich mit einem Sprung auf meine Seite. Und da war er. Ein junger strahlender Anjan, das Abbild eines wunderbaren Traumes.

„Darf ich bitten?“, flüsterte er und griff nach meiner Hand. Seine Haut auf meiner war warm und rau, genau so, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte. Ich nickte, Worte hatten wir nie gebraucht.

Und plötzlich war es Tag, ein warmer, duftender Frühlingstag. Der Wind durchwirbelte mein Haar und schüttelte die Äste unseres Baumes.

Und dann tanzten wir im Regen der Kirschblütenblätter.

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Aufregung

von Carmen, Lesezeit ungf. 5min.

Ich bin zufrieden, junger Freund, schön dass du fragst. Alles ist wie immer. Das ist gut. So soll es sein. Eigentlich ist ja meist alles, wie immer. Ruhig und sicher.
Ich mag keine Aufregung und du, junger Heißsporn, solltest dich auch davon fernhalten. Aufregung bedeutet Gefahr und Gefahr bedeutet unseren fast sicheren Tod. Das ist nun einmal so. Unseren FAST sicheren Tod.
Komm, hilf mir, einen neuen Flur zu essen, dann berichte ich dir von vergangenen Aufregungen. Du wirst es nicht bereuen:
leichtes Petersilien-Pilz-Aroma, bitter, mit fruchtigem Holunder-Abgang, du wirst es lieben.
Ich erinnere mich, die letzte Aufregung hat mich ein Viertel meiner Ringe gekostet. Wie ich sie vermisse – sie betonten meine schlanke, schmale Figur. Aber die Ruhe danach, glaub mir, war den Preis wert.

Halt jetzt, hier habe ich mein Schlafzimmer geplant. Hier müssen wir sorgsam vorgehen, ich will ja, dass es nachher schön gemütlich wird. Der Boden hier ist hart und lehmig, ein besonderer Leckerbissen. Ach, was solls, tob dich ruhig aus, iss dich satt, dann wird das Schlafzimmer wohl doch größer als geplant. Ich kann den kleinen Naschereien links und rechts auch nie widerstehen.
Warte kurz, mein Freund, lass mir den Vortritt. Die Schlafzimmertür will ich mir selbst beißen. Ein vorzügliches Stückchen Land habe ich mir hier ausgesucht, denke ich mit Stolz geschwelltem mittlerem Ring.

Stopp! Warte! Meine Intuition sagt mir, dass etwas nicht stimmt. Unruhe ist nicht gut. Spürst du das auch?
Nein? Ah, ich werde alt und sehe schon Beben, wo keine sind. Iss du mal weiter, ich ruhe mich auf den Schreck kurz aus.
Doch! Da! Da war es wieder! Diesmal hast du es doch auch gespürt, oder? Ganz eindeutig! Die Erde bebt! Hier. Ausgerechnet.
WASSER! Wasser, mein Freund, Wasser ist nicht gut! Hör mir jetzt zu, denn Wasser ist ein hinterlistiges Monster, das musst du wissen. Erst kündigt es sich durch Beben an, alles wackelt und vibriert und wenn wir Pech haben, stürzen unsere Gänge ein.
Manchmal geht dann alles sehr schnell, das Wasser durchnässt die Wände, es fließt durch die Gänge, es schnürt dir die Luft ab. Dann musst du ganz flink sein, wenn du nicht qualvoll ersticken oder ertrinken möchtest. So habe ich meine Mutter verloren, damals. Als das Beben anfing, suchte sie nach mir, um mich zu warnen. Ich kannte die Zeichen noch nicht, ich war zu jung, so jung, wie du jetzt. Ich kroch vor, so schnell ich konnte, ich bin niemals zuvor oder danach so schnell gekrochen, wie damals. Als ich nach einer Ewigkeit wieder trockenen Boden fühlte und ich mich erleichtert nach meiner Mutter umdrehte, war ich allein.

Manchmal gibt dir das Wasser Zeit. Dann kann man aus dem geliebten Heim hinauskriechen, um an den einzigen Ort zu gelangen, an dem man sicher ist – vor dem Wasser. Die Oberfläche. Doch dort warten andere Monster. Monster, denen das Wasser nichts ausmacht. Sie ertränken dich nicht und sie ersticken dich nicht, nein. Sie haben sich andere Methoden ausgedacht: sie zerfleischen dich, sie ziehen an deinen Enden, bis du in der Mitte auseinanderreißt, sie zerquetschen dich, bis du nur noch als Matsch auf der Erde klebst oder sie verspeisen dich. Ja, wirklich, diese Monster fressen uns. Die Oberfläche ist die Hölle. Gehe niemals dahin, wenn du es nicht musst, aber wenn du es musst, sei vorbereitet. Bleibe vorsichtig, lehne dich nicht erleichtert zurück, wenn du die nassen Gänge hinter dir gelassen hast. Denn das wird dein Tod sein.

Ich spüre weiterhin dieses Zittern, spürst du es auch? Jetzt wo du weißt, was uns blüht, sag mir, was sollen wir tun? Ich kann mich nicht entscheiden. Ich bin mir nicht sicher. Kommt das Wasser? Regnet es wirklich?
Wenn es regnet, dürfen wir keine Zeit verlieren! Jede Sekunde zählt.
Komm, hilf mir, wir beißen uns einen Gang zur Oberfläche, es hilft nichts.
Wie quälend langsam wir doch sind, dabei wird das Beben hier immer stärker. Aber spürst du das? Die Erde wird nicht feucht. Was ist da los?
Zweifel dürfen und können wir uns nicht leisten, wir müssen weiter graben. Wir haben keine Wahl.
Geh du vor, ich werde dir folgen.

Die Traumkönigin

von Jana, Lesezeit < 10 Min. 

Diese Geschichte ist besonders, denn sie ist die erste abgeschlossene Geschichte, die ich je geschrieben habe (während einer langweiligen Vorlesung in meinem Studium). Sie entstand 2006 (also steinalt und ich jung und unerfahren…) und Gregor Berger, den ihr vielleicht aus „Über Zitronenfalter“ kennt, erlebte mit diesem Text seine Geburt. Das ist auch der Grund, warum ich sie hier poste, quasi ein Spin-Off, auch wenn Gregor zwischenzeitlich den Beruf gewechselt hat (und ja eigentlich immer noch in diesem Fax festsitzt…).
Viel Spaß!

Gregor Berger war ein äußerst zufriedener Mensch. Er war glücklich und erfolgreich in seinem Beruf und auch über seinen privaten Werdegang konnte er sich nicht beschweren. Mit 32 Jahren hatte er es bereits zu einem kleinen Häuschen gebracht. Hier wohnte er allein, nach einer Familie hatte er sich bisher nie gesehnt.

Dies war hauptsächlich darin begründet, dass Gregor Berger Kinder zuwider waren. Kinder wollten Geschichten hören und mit Spielen unterhalten werden und diese Vorstellung war Gregor Berger zutiefst verhasst. Das lag sehr wahrscheinlich daran, dass er an einer nahezu krankhaften Phantasielosigkeit litt. Jegliche Träumerei erschien ihm lächerlich und jeden, der ihrer fähig war, hielt er für einen Versager.

Er selbst entschuldigte dieses Verhalten damit, dass er solcherlei Phantasterei nicht brauchte, war er doch mit seinem Leben vollkommen befriedigt. All die armen Narren, die jeden Tag in seinem Büro saßen und große Augen bekamen während er ihre Ersparnisse durch Aktienfondsfiktionen jagte – was brachte es ihnen in Seifenblasen zu schweben, die beim kleinsten Widerstand zerplatzten? Gott sei Dank, so dachte er, beschäftigten ihn derlei Träume nie, da er auch des nachts von ihnen verschont blieb. Er träumte selten und nie „verrückt“, wie er sich ausdrückte.

Doch eines Nachts sollte Gregor Berger eines besseren belehrt werden. Er fiel in einen tiefen Traum. Und diesmal war es äußerst „verrückt“.

In seinem Traum stand er auf einem steilen Berg, dessen Anstieg er bereits bis zur Hälfte geschafft hatte. Er wusste nicht warum, doch er stieg weiter hinauf. Oben angekommen blickte er auf eine ihm völlig unbekannte zackige und in mystisch blaues Licht getauchte Felslandschaft, die in ein grünes Tal auslief. Aus diesem Tal erhob sich ein mächtiges Schloss mit silbrig schimmernder Fassade. Gregor Berger begann gerade sich zu wundern, als sein Wecker ertönte und er verwirrt aufwachte. Doch bereits nach der ersten Tasse Kaffee war jegliches Interesse an seinem merkwürdigen Traum verflogen.

In der nächsten Nacht stand er jedoch wieder auf dem Berg und schaute auf das fremde Land mit seinem mächtigen Schloss, das ihn beinahe magisch anzuziehen schien. Er entdeckte einen schmalen Pfad und dachte daran ihm zu folgen und durch dieses fremde Land zu reisen. Er wusste nicht warum, doch er glaubte, etwas wichtiges hier zu finden. Doch noch im gleichen Moment fand er diesen Gedanken furchtbar albern und erwachte.

Bereits eine Nacht später stand er aber wieder am Anfang des Pfades. Und diesmal rief ihn jemand:

„Gregor, komm! Komm zu mir! Trau dich und tauche ein ins Land der Träume!“

Er erschrak zunächst heftig, doch er fing sich sofort wieder und in dem Bewusstsein, dass das ja nur ein alberner Traum war, rief er abwehrend:

„Oh nein, das ist nichts für mich!“

Doch die Stimme schien anderer Meinung zu sein:

„Du verstehst nicht Gregor, dies ist mein letztes Angebot, folge dem Pfad!“

Nun war Gregor Berger doch etwas verwirrt und vor allem verärgert:

„Wer bist du eigentlich? Und was bedeutet: letztes Angebot?“

„Ich bin die Traumkönigin. Ich gebe den Menschen Träume und Hoffnungen, um ihnen Ziele zu zeigen, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Und ich versuche auch denen, die sich mir verschließen, die Augen zu öffnen und sie auf die Jämmerlichkeit ihres Daseins hinzuweisen. Auf ihr dumpfes Dahinvegetieren in eine große Leere. So wie du Gregor! Denn fragst du dich nicht auch, wozu du morgens noch aufstehst? Welches Ziel soll dein Leben noch haben?

Gregor, folge dem Pfad, komm in mein Schloss und entdecke die Möglichkeiten, die ich dir bieten kann!“

Doch Gregor Berger war einfach nur empört, was bildete sich diese sogenannte „Traumkönigin“ eigentlich ein? Sein Leben wäre ohne Ziel. Das stimmte nicht, er hatte es einfach nur bereits erreicht. Er hatte hart gearbeitet, um sein jetzigen Leben leben zu können. Warum sollte er sich nach etwas Neuem umschauen – alles war einfach perfekt, so wie es war.

Er setzte sich auf den Boden und wartete, dass er erwachte. Dies geschah auch bald und während er sich von seinem Traum löste, fand er die Sache bereits wahnsinnig absurd und verbrachte den Morgen damit sich köstlich zu amüsieren.

Die nächsten Nächte blieb Gregor Berger traumlos und erfreute sich wieder seines normalen Lebens. Er hatte noch einmal über die Worte der Traumkönigin nachgedacht, doch sie ergaben weiterhin keinen Sinn für ihn.

Eine Woche später blickte die Traumkönigin durch ihren hohen Spiegel auf Gregor Berger hinab und seufzte. Jedes Mal tat es ihr weh, wenn sich eines ihrer Schäfchen so vehement gegen sein Glück wehrte. Doch sie musste es tun und mit einer lässigen Handbewegung wischte sie Gregor Berger aus ihrem Spiegel.

Als Gregor auf dem Weg in seine verdiente Mittagspause in die Straße mit seinem Lieblingschinesen einbog, blieb er wie vom Donner gerührt stehen. Die Straße führte nicht wie gewohnt zu dem Lokal, sondern schlängelte sich als Pfad hinab in das nun so vertraute Land der Traumkönigin. Völlig entsetzt tat er einige Schritte zurück.

Zeugen berichteten später, Gregor Berger sei aus unerfindlichen Gründen rückwärts in den Bus gelaufen, der ihn noch einige Meter mitschleifte. Er verstarb noch an der Unfallstelle.

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Die Lebkuchenräuber

Bei diesem Text handelt es sich um ein Adventsspiel der Schneekirschen. Jede(r) nennt ein beliebiges Wort. Die Aufgabe ist es, einen Text zu schreiben, in dem alle genannten Wörter mindestens einmal genannt werden. Der folgende Text musste diese 6 Wörter beinhalten: 
Käsekuchen, To-Do-Liste, Lebkuchenräuber, kunterbunt, DNA-Spur, Mäusekönig
Wer Lust hat, darf gerne loslegen und uns seinen eigenen Text mit diesen Wörtern oder den Wörtern aus der Radiosendung (siehe Foto) zuschicken unter
info [at] mittendrin.blog. Eine mögliche Geschichte mit den 5 Wörtern auf dem Foto findet ihr hier.

Wir freuen uns auf Deine Geschichte!
von Carmen

Ferdinand öffnete ein Augenlid, als die Kammerdienerin eintrat. Eine elegante Person, wie er fand, mit glänzendem weiß-braun-schwarz-geschecktem Fell. Solche Farben sah man selten in seinem Reich. Er selbst war schlicht grau, so wie die meisten seiner Untertanen. Nur sein linkes Vorderbein war schneeweiß, als sei dem Hohen Erzeuger auf einmal die Farbe ausgegangen. Diese Pfote hatte er von seinem Vater geerbt, der vor ihm Mäusekönig gewesen war.
“Guten Morgen, Euer Hoheit!”, fiepte die Kammerdienerin, während sie ihm die Frühstückskörner in die Mitte des Zimmers stellte. Sein Schlafgemach war ein kleiner, runder Raum, nicht zu hell und mit nur einem Eingang, so dass man sicher nicht überrascht werden konnte. Hier fühlte sich Ferdinand wohl und geborgen.
“Bereit für den Tag, Sire?”

Gemächlich stand er auf, streckte sich ausgiebig und gähnte mit Genuss. Ja, er freute sich auf den Tag. Selten sah seine To-Do-Liste so viel versprechend aus.
Heute war die Zeremonie der Lebkuchenräuber geplant. Es war eine kuriose Zeit im Jahr. Ferdinands Volk hatte früh festgestellt, dass die Primaten sich in merkwürdigen Mustern verhielten. Man konnte den Wecker nach ihnen stellen. Wenn es draußen kalt, nass und so weiß, wie Ferdinands Vorderbein wurde, taten die Zweibeiner absurde Dinge. In der Küche wurden auf einmal Unmengen an Leckereien gebacken und die Menschen dekorierten alles in den auffälligsten Farben: ihre Fenster, ihre Kleidung, ja sogar die Süßigkeiten. Sie nahmen sogar die Bäume von draußen mit in ihre Höhle, als ob es denen im Freien kalt würde, und dann schmückten sie auch die mit Lebkuchen und glänzenden Kugeln.
Und als ob das nicht reichen würde, wurde ihr Musikgeschmack furchtbar primitiv und eintönig. Jedes Jahr zur Winterzeit erklang in Dauerschleife:
[Last Christmas summen]

Das Mäusevolk hatte sich den Zweibeinern angepasst und die wichtigste Feier auf den Tag gelegt, an dem die Verrücktheit der Primaten ihren Höhepunkt erreichte. Dann war deren Speisesaal proppevoll mit lachenden und singenden Menschen und die Tische bogen sich unter der Masse kunterbunter Köstlichkeiten.

Das war die Zeit für die Zeremonie des Lebkuchenräuber-Ordens. Die mutigsten und flinksten Mäuse waren gefragt, um in haarsträubenden Aktionen die feinsten Leckerbissen unter den Tischen der Menschen einzusammeln. Der Trick dabei war, sich anfangs in Geduld zu üben und nicht gleich loszuflitzen, wenn die erste Delikatesse auf dem Boden landete. Denn dort wo ein Stück landete, folgten in der Regel noch weitere und je später der Abend, desto unaufmerksamer die Zweibeiner.
Ferdinand selbst ließ es sich nicht nehmen, als königliches Vorbild immer den ersten Marsch anzuführen. Er freute sich jedes Jahr wahnsinnig darauf, das erste Stück eines saftigen Käsekuchens aufzusammeln und genussvoll die Schnauze darin zu versenken. Man musste es den Menschen zugestehen – damit hatten sie die perfekte Erfindung gemacht. Mäuse lieben Käse, das ist bekannt. Aber Käse in Form eines Kuchens – das war das Mäuseparadies. Und wehe, jemand wagte es, auch nur vom Kuchen abzubeißen, bevor der König seine Chance hatte – bei einer solchen Respektlosigkeit verstand Ferdinand keinen Spaß. Das war ein Fall für den königlichen Geheimdienst, der notfalls sogar die DNA-Spur sicherte, sollte der Schuldige nicht den Anstand haben, sich selbst zu stellen. Aber solch eine Respektlosigkeit ist dem Hohen Erzeuger sei Dank seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Ferdinand hatte keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Und so begann der Mäusekönig an diesem Morgen gut gelaunt seine Körner zu frühstücken in stiller Vorfreude auf eine spannende Zeremonie und ein saftiges Stück Kuchen am Ende des Tages.

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Valentin am See (Romanauszug)

von Gastautorin Nathalie Heil

Valentin machte sich auf den Weg zum See. Es hatte den ganzen Vormittag geregnet und auch wenn die Sonne nun schien, war der Boden matschig. Das senfgelbe Dekor seiner schwarzen Kuhmaulschuhe war nicht mehr zu erkennen, sie waren nahezu völlig braun. Valentin wollte nicht aufsehen, wollte kein Gesicht, keine Menschenseele sehen. Er müsste noch früh genug wieder lächeln. Allein bei dem Gedanken schmerzten seine Wangen. Gelbes und rotes Laub, brauner Matsch. Warum wollte man so einen Nachmittag am See verbringen? Was immer dem Gast gefiel. Wen interessierte schon, was dem Lustknaben gefiel? Am Steg blieb Valentin nichts anderes übrig, als zu warten. Er umklammerte sich selbst. Es war frisch. Warum wollte man so einen Nachmittag am See verbringen? Er sah nicht auf. Rostrote Nebelschwaden über hellglitzerndem Kobalt. Früh genug würde er wieder lächeln müssen. Er ließ seinen Blick in den See fallen in der Hoffnung, er würde darin verschwinden, zu den Kieselsteinen sinken, die sich am Grund befanden. Nicht wieder auftauchen. In Ruhe treiben. Entschlafen. Doch das dunkle Gewässer griff nicht nach ihm, um ihn in die Tiefe zu ziehen. Unnachgiebig hielt es ihm einen Spiegel vor. Einen wabernden, gleißenden Spiegel. Ein blonder, junger Mann, soweit so gut. Glattrasiert, damit er noch jünger wirkte, als er ohnehin schon war. Müde, entsetzlich müde.

Ein so junger Mann sollte nicht so müde sein, nicht zu dieser Stunde. Dafür würde niemand bezahlen.

Kleine Narbe am Auge, verheilte nicht, würde ewig bleiben. Wertlos. Niemand würde dafür bezahlen.

Hängende Mundwinkel. Trauer, bloß nicht weinen, das bringt nichts, hat es noch nie. Müde, kleine Narbe, traurig. Dafür würde niemand bezahlen. Aber sie zahlten, Gott sei Dank. Valentin seufzte. Er wusste, wie er davon ablenken konnte. Er setzte sich sein reizendes Lächeln auf. Verführerisch rot gefärbt vom reflektierenden Laub leuchtete es ihm entgegen. Wellen von der Seite. Es huschte scheußlich verzogen, waberte hin und her.

Grässliches, vernarrtes Funkeln in den Augen. Warum zahlte man dafür? Valentin hätte dafür nicht gezahlt. Reizendes Lächeln. Reizend wie ein Brechreiz.

Ein brauner Leberfleck auf der linken Wange. Wie seine Mutter. Seit Jahren schon konnte er nicht mehr auf ihren Schoß. Ihr Leberfleck war inzwischen bestimmt verwest.

Noch einmal kurz die Muskeln entspannen. Müde, kleine Narbe, traurig, Leberfleck.

Das bin ich.

Der müde, junge Mann sprach Valentin an, mehr als das vernarrt grinsende Zerrbild seiner Selbst, und er wäre gerne zu ihm herabgestiegen, um ihn zu umarmen, in sich aufzunehmen und zu entschlafen. Welch amüsanter Gedanke. Wen interessierte es schon, was er wollte? Das Leben war anstrengend, aber sterben war auch keine Lösung. Was immer dem Gast gefiel. Valentin fuhr sich durchs lange blonde Haar, um es aufzulockern.

Höhnendes Lachen. „Du bist schön genug. Dein Gast ist da.“

Valentin setzte wieder das Lächeln auf und wandte sich um. Manchmal vergaß er, dass der Schläger da war. Leibwache nannte es der Hausherr, Valentin nannte es Schläger. Nur zu seiner Sicherheit. Zur Sicherheit der Investition. Diese war sicher gefährdet. Von außen gefährdet behauptete der Hausherr, aber das war albern. Der Schläger deutete nur ein paar Schritte von Valentin entfernt auf den Steg. Der widerliche Gast reichte ihm die Hand und holte ihn zu sich ins Boot. Valentins unnatürliches Lächeln wurde breiter, als er den Gast anblickte. Er kniff sanft die Augen zusammen, um den Eindruck zu erwecken, sie würden mitlachen.

„Ich liebe dein Lächeln“, sagte der Gast.

Valentin öffnete die Augen. Es war ein Traum gewesen. Seit Jahrhunderten hatte er nicht geträumt. Er war überzeugt gewesen, dass das als Anverwandter gar nicht möglich war. Vielleicht war es aber auch eher eine Wahnvorstellung. So wie die nebelhaften Wachträume seiner Vergangenheit, von denen er genau wusste, dass sie nicht real waren. Gott sei Dank, kam das nur selten vor. Häufig hatte er sich zu Lebzeiten so gefühlt, wie in seinem Traum. Hätte am liebsten sein Leben gegen ewige Ruhe getauscht. Aber der Traum war nie passiert. Es hatte gar keinen See in der Nähe des Etablissements gegeben und der Hausherr hätte ihn niemals unbeaufsichtigt mit einem Gast mitgeschickt. Wer weiß, ob der Gast ihn zurückgebracht hätte. Wer weiß, vielleicht wäre es dem feingliedrigen und doch für damalige Verhältnisse großen Lustknaben ja auch gelungen zu entfliehen? Hätte Valentin überhaupt entfliehen wollen. Er hatte nichts anderes gekonnt. Das Einzige, dass er gelernt hatte, war gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Dem Gast vorzuspielen, was immer dieser sehen wollte. Inzwischen war das anders.

Nie wieder werde ich lächeln, obwohl mir nicht danach ist.

Neben ihm lag das leere Kissen. Er blickte auf sein Smartphone. Keine Nachricht. Benedikt war noch nicht zurückgekommen. Würde er wahrscheinlich auch nicht mehr. Offenkundig war der letzte Ausraster einer zu viel gewesen.

Warum habe ich ihn nur herausgeworfen? Er hat gesagt, dass er mich liebt. Ich wollte es nicht glauben. Ich war so wütend. Warum habe ich nicht mit ihm geredet? Er wollte immer meine Gefühle sehen.

Valentin nahm das Kissen und drückte es fest an sich. Es roch noch nach Benedikts Aftershave. Das wohlduftende Aftershave mit der anziehenden Bergamotte-Note, das Benedikt immer noch auftrug, obwohl er sich inzwischen nicht mehr rasieren musste. Er tat es bestimmt nur, weil er wusste, wie sehr Valentin diesen Duft liebte.

Wir hätten die Ewigkeit gehabt, das zu klären, und ich habe nur ein paar Minuten gebraucht, um es zu zerstören.

Die blutigroten Tränen tropften auf den Bezug. Sie ruinierten das wohlduftende Kissen. Der Verfall hätte es ohnehin bald vernichtet. Wie er es unerbittlich seit Jahrhunderten tat. Das Einzige, das er verschonte, waren die Anverwandten. Wobei sich sicherlich darüber streiten ließ, ob das wirklich eine Gnade war.

Faltenbalg-Land

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

Sie ist müde, so müde. Sie hat Mühe, den Kopf gerade zu halten und ihre Tasche hängt wie ein Sack Zement an ihrem Arm, dabei hat sie diesmal gar nicht die „komplette Ausrüstung für die drohende Apokalypse“ dabei, wie Ben sie immer aufzieht. Eigentlich ist die Tasche fast leer, bis auf ihre Geldbörse, aber da ist nicht annähernd genug drin, dass es dieses Gewicht erklären würde. Der Banküberfall ist erst für nächste Woche geplant. Wenn nicht noch etwas dazwischen kommt. Es kommt immer etwas dazwischen.

Sie überlegt, sich zu setzen. Ein Platz am Fenster ist frei und er wirkt so einladend, obwohl sie ihren potentiellen Sitznachbarn bis zu Tür riecht und die Sitzfläche ein Farbmuster aufweist, als hätte sich schon mal jemand darauf übergeben. Noch bevor sie die Möglichkeit einer Pause für ihre schmerzenden Füße gegen die Befürchtung abwägt, bis zur Endhaltestelle durchzufahren, weil sie im Sitzen definitiv einschlafen wird – Gestank hin oder her – drängt eine Gruppe junger Männer an ihr vorbei und postiert sich so ungünstig in dem wenigen Raum, dass sie den Sitz nicht einmal mehr sehen kann. Sie zieht sich an die Seite zurück, zum Faltenbalg im Gelenk der Tram und lehnt sich dagegen, während sie interessiert das Schild liest, dass man das nicht tun sollte.

Warum eigentlich nicht?, fragt sie sich. Was soll schon passieren? Tramreisende von Faltenbalg verschluckt! Junge Frau wurde auf der Fahrt nach Norden in einer Kurve in die Falten des Gummischlauchs gezogen. Mitreisende versuchten noch, sie zu fassen, konnten jedoch nur ihre Handtasche retten. Der Schultergurt der Tasche hat den Rettungsversuch nicht überlebt, was bedauerlich ist, da es sich um eine abgewetzte, aber doch echte rote Burberry-Tasche handelt. Erzählt sie von besseren Zeiten im Leben der Frau? Ihr Inhalt kann diese Frage nicht beantworten. Auch nicht, ob die Frau mit Absicht die Hinweise übersehen und sich in die Gefahr gebracht hat, in den unbekannten Ebenen hinter dem Faltenbalg zu verschwinden. Wollte sie ihrem Leben entfliehen? Was könnte sie dazu bewogen haben?

Von der jungen Frau fehlt weiterhin jede Spur. Nur ihr Freund erhielt kürzlich eine Postkarte, die besagte, es ginge ihr gut. Ab und an wirke ihr neues Zuhause sehr gedrängt, während die Tage sich ungewohnt in die Länge ziehen können.

„Ich muss hier raus!“, brüllt jemand in ihr Ohr.

Ich schon an der Haltestelle davor, stellt sie zerknirrscht fest, doch wenigstens bahnt ihr der unhöfliche Mann einen Weg durch die Menge nach draußen.

Sie hat fast eine halbe Stunde Weg vor sich und gerade jetzt melden sich ihre schmerzenden Füße zurück. Im Faltenbalg-Land hätte sie es leichter. Da müsste sie einfach nur warten, bis sich alles wieder zusammenschiebt und schon wäre sie da. Kein Wunder, dass man davor warnt. Einmal in Faltenbalg-Land würde sie wohl nie wieder zurückwollen.

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