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Kategorie: Autorenleben

Zerknülltes Papier
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Die kleine Kolumne über die Tücken des (Roman)-Schreibens

von Jana, Lesezeit < 10 Minuten

Kapitel 4 – Alle gegen die Hauptfigur

Es diskutieren die Autorin (A) und zwei ihrer Romanfiguren: Eleonore (E) und Damian (D), Eltern der Hauptfigur Jule. Die beiden haben sich scheiden lassen, als Jule fünf war (mittlerweile ist sie Mitte zwanzig). Eleonore war zwischenzeitlich noch drei weitere Male verheiratet.

A pfeift fröhlich vor sich hin.
E: Ich finde eigentlich nicht, dass du Anlass zu guter Laune hast. Die Szene ist grässlich!
A: Warum du das sagst, weiß ich. Immerhin schmeißt dich Jules Therapeut raus. Aber erstens kommt die Szene sowieso nicht in den Roman, weil sie Backstory ist und zweitens: Ich liebe sie! Jule hat endlich einen Mentor. Einen ECHTEN Mentor.
E: Ich bin ihre Mutter! Wenn jemand ein Mentor sein könnte, dann ja wohl ich.
A: Nee, ich glaube nicht. Du hast nicht Jule im Blick.
E: Bitte?!
A: In eurer Konstellation gibt es nur die Rollen Mutter und Tochter, aber Jule ist mehr als das. Und gerade für den Roman muss sie sich aus der Rolle Tochter lösen und sie selbst werden. Und sie dabei zu unterstützen, darin bist du ehrlich gesagt… ähm… na ja.
E: Sag mal, spinnst du?! Ich bin eine erfolgreiche selbstständige Unternehmerin. Ich war die letzten Monate pausenlos für Jule da! Und ich…
D: Entschuldigung, wenn ich auch mal was dazu sagen darf. Ich finde, Eleonore hat Recht. Also, ja, vielleicht ist ihr Blick etwas beschränkt, aber sollten Eltern nicht die perfekten Mentoren sein?
A: Ernsthaft? Ausgerechnet du?
D: Wieso? Was ist falsch mit mir?!
E: Willst du es chronologisch oder nach Sachthemen sortiert? Ich gebe ihr völlig recht, du bist ein beschissener Mentor!
D: Hey, ich bin der EINZIGE, der sie mir ihren Kräften vertraut machen kann.
E: Das ist auch der EINZIGE Grund, warum du überhaupt mitspielst.
A (flüstert E zu): Außerdem ist er an allem schuld.
E: Oh richtig, ich vergaß: Du bist an allem schuld.
D: Das ist unfair! Ich wollte dir gerade beistehen.
A: Es war doch deine Idee, mir Dr. Jacobi genauer anzuschauen.
D: Ja schon, aber ihn gleich zum Mentor zu befördern!
A: Eigentlich ist es mir völlig egal, was ihr dazu sagt. Ich habe endlich eine Figur, die Jule um ihrer selbst willen unterstützt. Keine Kräfte, keine falsch platzierten Gefühle, keine Machtspielchen, keine Weltzerstörungspläne! Es soll ihr einfach nur gut gehen!
E: Dir ist klar, dass er sterben muss?
A: WAS??
E: Oder wenigstens aus der Gleichung genommen werden muss. Schätzchen, du schreibst einen Roman, da geht es um Konflikte! Niemand will lesen, dass es der Hauptfigur gut geht.
D: Und wieder frage ich mich, wie du als ihre Mutter…
E: Hey, ich spiele eben die Rolle, die man mir zugedacht hat, und ich spiele sie gut. Glaub nur nicht, dass du besser wegkommst. Du belügst sie die ganze Zeit und außerdem bist du…
D: …an allem schuld. Ich habe es kapiert.
A: Ich will nicht, dass Jacobi stirbt. Ich will, dass irgendetwas in Jules Leben funktioniert!
E/D: …
A: Kapitel 6 ist wohl eindeutig zu früh dafür.
E/D: …
A: Deswegen lügt sie ihn auch an und kann ihm nicht vertrauen. Jetzt macht das Sinn.
E/D: …
A: Ich hasse diese Kolumne. Warum genau mache ich das?
E/D: …

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Die kleine Kolumne über die Tücken des (Roman)-Schreibens

von Jana, Lesezeit < 10 Minuten

Kapitel 3: Schreibblockade

Es diskutieren die Autorin (A) und zwei ihrer Romanfiguren: Eleonore (E) und Damian (D), Eltern der Hauptfigur Jule. Die beiden haben sich scheiden lassen, als Jule fünf war (mittlerweile ist sie Mitte zwanzig). Eleonore war zwischenzeitlich noch drei weitere Male verheiratet.

E: *Hust*, ist das staubig hier!
D (zieht sich eine Spinnwebe aus den Haaren): Scheint lange keiner mehr hier gewesen zu sein.
A (jault laut auf): Jaaaa, das weiß ich selbst! Okay! Ich versuche es. Ich versuche es wirklich! ABER MIR FÄLLT GERADE NICHTS EIN! ES IST FURCHTBAR, OKAY????
E: Alles gut, Schätzchen. Kein Grund, uns ertauben zu lassen.
D: Und ich dachte, es gäbe einen Plot?
A: Der nützt mir nichts. Ich… ich hasse ihn, okay! Die Linie ist klar, aber trotzdem gibt es so viele Möglichkeiten. Jule könnte den Albtraum jetzt haben oder später. Die nächste Figur könnte jetzt auftauchen oder später. Dann das Archiv: Mache ich das jetzt oder geht sie als Nächstes einfach nach Hause und heult, weil sie feststellt, dass sie unfähig ist, einen längeren Text als eine beschissene zweiseitige Kurzgeschichte zu schr…
E: Entschuldige, aber ich glaube, wir sind nicht mehr so ganz beim Thema.
D: Du musst dich ein bisschen entspannen. Hast du nicht, also ich weiß nicht, so eine Art Bauchgefühl?
A: Ja. Habe ich. Normalerweise. Aber es ist weg. Weg. Finito. Ich sitze da. Ich starre den Bildschirm an. Und ich hasse. Mein. Roman. Projekt.
E: Nein, das tust du nicht. Du hast nur eine kleine Durststrecke. Sowas passiert!
A: Aber es ist nicht nur der Roman. Es ist alles. Schreiben macht mir keinen Spaß mehr. Egal, was ich schreiben will. Nichts geht mehr. Ich habe meine Passion verloren. Mein Leben ist vorbei.
D: Bestimmt nicht. Ich sehe das wie Eleonore, du brauchst einfach mal eine Pause und dann kommt die Lust von ganz allein wieder. Schreiben ist doch, was dich ausmacht. Das merke ich dir an. Und El geht es genau so, nicht wahr?
E: Absolut! Schätzchen, wo wären wir denn ohne dich?
A: Meint ihr wirklich?
E: Klar doch! Wie wäre es, wenn du erstmal deinen Anfang überarbeitest, wenn weiterschreiben gerade hakt?
A: Du meinst, das berühmte Kapitel 2?
E (seufzt): Wenn es dir hilft, sogar das.
A: Aber was, wenn ich den Anfang lese und ihn furchtbar finde?
D: Was, wenn du ihn großartig findest?
E: Wir könnten uns bei passabel treffen. Das wäre wenigstens realistisch.
D (murmelt leise): Die Optimistin in Person.
E: Das war nicht leise genug. (Tritt ihm auf den Fuß.)
D: Autsch!
E: Du könntest auch eine Szene schreiben, die gar nicht im Roman vorkommt, aber dich irgendwie beflügelt.
A: Und die wäre?
E: Ähm…
D: Also ich hätte da eine Idee! Soweit ich weiß, hängst du doch gerade an der Therapiesitzung?
A: Ja, genau.
D: Weißt du eigentlich, wie Jules erste Sitzung ablief?
A: Nicht wirklich. Ich habe vage Andeutungen im Kopf.
D: Schreib die! Denn zufällig weiß ich, dass El…
E: Untersteh dich! Woher weißt du überhaupt davon? Du warst nicht dabei! Wenn ich mich recht erinnere, warst du nicht mal in der Stadt! Überhaupt spielst du im Roman noch gar nicht mit – (blickt zu A): Wieso ist er überhaupt schon entwickelt?!
A: Ähm, weil… weil…
D: …sie mich für Hintergrundinfos brauchte…
A: …die am Ende alle gelogen waren.
D: Wir haben schon wieder den Faden verloren. Es ging um Schreibblockaden.
E: Also ich finde, wir sind genau richtig!

Fortsetzung folgt. Vielleicht 😉

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Die kleine Kolumne über die Tücken des (Roman)-Schreibens

von Jana, Lesezeit < 10 Minuten

Kapitel 2: Spannungsbogen

Es diskutieren die Autorin (A) und zwei ihrer Romanfiguren: Eleonore (E) und Damian (D), Eltern der Hauptfigur Jule. Die beiden haben sich scheiden lassen, als Jule fünf war (mittlerweile ist sie Mitte zwanzig).

A: Kapitel 2, Überarbeitung Nr. 57, zumindest gefühlt.
E: Oh, bitte, lass es!
A: Wie bitte, wieso?
E: Weil es nicht besser werden wird. Es sei denn, du hast endlich gemerkt, woran es liegt.
D: Woran was liegt?
E: Unsere Klappertastenfrau überarbeitet zum wiederholten Mal Kapitel 2, was gut ist, denn es funktioniert nicht – was sie auch merkt, aber sie merkt nicht, WARUM es nicht funktioniert.
A: Und du weißt das natürlich?!
E: Ja, ich spiele nämlich das ganze Kapitel lang mit und es ist LANGWEILIG.
D: Ich dachte, in Kapitel 2 tötest du mit Sandy fünf Flaschen Champagner? Klingt für mich nicht sehr langweilig… oder hast du verlernt, zu feiern?
E: Sehr witzig! Nein, das bekommen wir sehr gut hin. Allerdings passiert das 1. Im Hintergrund und ist 2. Eine Party eine statische Sache, wenn es 3. Um die Figur geht, die gar nicht mit feiert, nämlich Jule!
D: Das erscheint mir tatsächlich logisch.
A: Ja, du hast Recht, verdammt…
E: Also, was hast du nun vor in Kapitel 2? Noch weitere wenig zielführende innere Monologe über das Verhältnis meiner Tochter zu mir?
A: Ähm… also… ich verweigere die Aussage.
E: Dachte ich mir doch: Lass es!
A: Ja, soweit war ich jetzt auch schon. Aber wie wäre es mit was Konstruktivem?
D: Genau, El, wenn du schon weißt, was nicht funktioniert, was würde denn funktionieren?
E: Für mich? Oh, ein attraktiver Pizzabote!
A/D: Nein!
D: Ging es nicht außerdem um Jule?
E: Für die wäre der auch nicht schlecht!
D: Meine Tochter datet keinen Pizzaboten!
E: Warum nicht? Hast du ein Problem mit Pizzab…?
A: Entschuldigung, können wir bitte zurück zum Thema?! Das Kapitel funktioniert nicht!
E: Das Kapitel ist eigentlich prima, der Spannungsbogen funktioniert nicht!
A: Okay…? Nein, ich kapier es nicht.
E: In Kapitel 1 steht Jule vor Herausforderungen, im zweiten kommt sie nach Hause und bricht zusammen. Entweder du machst das sehr kurz oder sie muss noch irgendetwas überwinden oder erreichen bevor sie zusammenbricht. Da muss noch irgendeine Stufe rein, etwas… keine Ahnung! Du bist doch die Autorin, denk dir was aus! Etwas beschäftigt sie im Kopf und als sie endlich die Lösung hat, fällt ihr auf, dass das jetzt der Triggerpunkt war und bumm!
D: Ich finde es irgendwie befremdlich, wie sachlich du über die Inszenierung des Nervenzusammenbruchs unserer Tochter reden kannst.
E: Oh, komm du mir nicht mit Vorwürfen! Du bist schließlich an allem schuld!
D: Moment mal, ich?!
E: Ja, du…
A: Verzeihung?! Stopp! Anderes Thema. Figurenentwicklung kommt noch.
E/D: …
A: Also, ich denke, ich weiß jetzt, was ich ändern muss. Danke!
E: Na, hoffentlich! Auf noch so eine zähe Überarbeitung habe ich nämlich keine Lust.
D: Vielleicht lässt sie dich ja doch in Kapitel 3 sterben, dann hast du bald deine Ruhe…
E: WTF!!!

Die kleine Kolumne über die Tücken des (Roman-) Schreibens

von Jana, Lesezeit < 10 Minuten

„There are three rules for writing a novel. Unfortunately, no one knows what they are.“ Dieses Zitat von W. Somerset Maugham ist zur Zeit irgendwie mein Leitstern, ich stecke nämlich mittendrin im Roman schreiben (ja, okay, am Anfang). Dabei musste ich feststellen, dass die ganze Theorie aus den unzähligen Schreibkursen und Workshops den Roman nicht alleine schreibt. Tatsächlich weiß ich meistens nicht genau, was ich da eigentlich tue. Zum Glück bekomme ich tatkräftige Unterstützung durch zwei meiner Romanfiguren – ohne die würde das ganze Projekt vermutlich völlig in die Hose gehen.

Kapitel 1: Der erste Satz

Es diskutieren die Autorin (A) und zwei ihrer Romanfiguren: Eleonore (E) und Damian (D), Eltern der Hauptfigur Jule. Die beiden haben sich scheiden lassen, als Jule fünf war (mittlerweile ist sie Mitte zwanzig). Eleonore war zwischenzeitlich noch drei weitere Male verheiratet.

Der erste Satz: „Der Raum ist dunkel und kalt.“

A: Also das ist jetzt natürlich nur der erste Entwurf. Mit irgendetwas muss man ja anfangen.
E: Wer ist „man“? Hoffentlich nicht du, denn ehrlich, Schätzchen, also wenn DAS der Anfang ist…
D: El, jetzt lass sie doch mal. Sie hat ja nicht Unrecht, mit irgendeinem Satz muss der Roman schließlich anfangen.
E: Ja, aber doch nicht mit diesem! „Der Raum ist dunkel und kalt.“ Der erste Satz soll idealerweise den ganzen Roman vorwegnehmen. Wer steht denn bitte auf 500 Seiten dunkel und kalt? Ich jedenfalls nicht!
A: Also den ganzen Roman vorwegnehmen…
D: Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das…
E: Natürlich geht das! Jorge Amado in „Tote See“: „Die Nacht kam zu früh.“ – Da weiß der Leser ganz genau, was ihn erwartet. Oder Sven Regener in „Wiener Straße“: „Die Tür fiel zu und es war zappenduster.“ – Brilliant, wenn ihr mich fragt.
A: Du liest gerne?
D: Du kennst Sven Regener?
E: Michel mochte ihn.
D: Welcher war das, der mit ohne Haare oder der Langweilige?
E: Als hättest du nicht auch Frauen nach mir gehabt!
A: Verzeihung, aber könnten wir zum Thema zurück?
E: Natürlich, aber was erwartest du, wenn du ausgerechnet UNS beide zur Diskussion bittest?
D: Eleonore, bitte, wir sind doch erwachsen.
A: Eben. Also wäre es wirklich gut, wenn ihr etwas dazu sagen könntet. Zum ersten Satz.
D: Richtig. Ich finde… also immerhin hast du angefangen, das ist ja schon mal… ein Anfang.
E: Wow, also DIESEN literarischen Erguss würde ich mir aufschreiben. Spätestens, wenn du mal deine Autobiografie schreibst, kommt der gut. Er beschreibt super, … ja, auch egal.
A: Was soll das heißen? Was beschreibt er super?
E: Na, der ERSTE Versuch einen Roman zu schreiben, ist das ja auch nicht.
D: Wenn du so weiter machst, wird der hier auch nichts. Wer möchte schon 500 Seiten mit DIR verbringen?
E: Ich bin eine Nebenfigur.
A: Ich könnte sie auch in Kapitel drei sterben lassen.
E: Untersteh dich!
A: Wir waren übrigens beim ersten Satz…
E: …
D: Ich glaube, den ersten Satz solltest du dir ganz am Ende überlegen. Wenn der letzte Satz geschrieben ist, ergibt er sich von selbst. Sollen die beiden nicht zusammenhängen, einen Bogen bilden, oder so*? Und im Moment weißt du doch noch nicht mal, wie es ausgehen soll.
E: Wie jetzt, im Ernst? Gibt es etwa keinen Plot?!
A: Doch, doch, natürlich. Also so weitgehend jedenfalls. Das ist nächste Woche Thema… glaube ich.
E: „Sie betrat den Raum und wusste nicht, wo sie war.“
D: Den finde ich gut… überraschender Weise.
A: Ja, der ist wirklich nicht schlecht. Er nimmt Jules Unsicherheit den Roman über ziemlich gut vorweg.
E: Nicht nur ihre! Eigentlich war der auch ironisch gemeint.
A: Achso. Na ja. Trotzdem danke. Denke ich.

*Anmerkung zu Damians Halbwissen: „Der erste Satz kann nicht geschrieben werden, bevor der letzte Satz geschrieben ist.“ – Joyce Carol Oates, amerikanische Schriftstellerin

 

Broterwerb

Ein Text von Carmen über ihren Broterwerb.

Als Kind war es mein Traum, mich einmal nachts im Bücherladen einsperren zu lassen. Ich habe mich gefragt, wie ich es am geschicktesten anstellen könnte.
Die offensichtlichste Strategie: mich im Badezimmer verstecken.
Die etwas ausgearbeitetere Strategie: das tiefste Regal suchen oder alternativ die tiefste Schublade, Bücher raus, hineinkrabbeln, Bücher vor mich hinstellen. Tarnung perfekt. Manche Bücherläden haben aber auch so eine Ecke, in die nie jemand schaut, zum Beispiel die staubige Stelle hinter der Treppe. Ein Ort, wo die Kunden nicht hindürfen und die Angestellten nicht hinwollen. Das wäre das ideale Versteck. Ich habe mich nie getraut.
Dabei weiß ich heute, dass Bücherläden nachts wirklich magisch sind.

Mein Broterwerb: Ich leite ein Café in der Münchener Innenstadt inmitten eines Bücherladens – inmitten dreier Leidenschaften: Kaffee, Bücher und … naja, Notizbücher gibt es hier auch.  Wieviele Bücher ich pro Monat kaufe, verrate ich hier lieber nicht, sonst wird es noch peinlich. 🙂 Wenn abends fertig geputzt und die Buchhaltung erledigt ist, bin ich alleine. Der Laden liegt still und ruhig vor mir, das einzige Licht kommt von der Cafézeile. Im Dunkeln warten die Bücher, gespannt, ob ich zu ihnen gehe und nach ihnen greife. Auch jetzt noch wünschte ich mir manchmal, ich könnte hier einfach die Nacht verbringen. Mich in diesen einen, wirklich saubequemen Ohrensessel setzen, die Kaffeemaschine wieder anschmeißen und mich langsam durch den Leseproviant des Ladens durcharbeiten. Aber auch die erwachsene Carmen traut sich nicht.
Aber das ist nicht schlimm, denn die Bücher sind auch tagsüber da.

Und tagsüber passiert die wirkliche, reale Magie.
Das Herz des Cafés sind meine Kolleg*innen und die Kund*innen. Wir haben viele Stammkund*innen, die uns ans Herz gewachsen sind – da gibt es das Paar, das immer samstags direkt in der Früh nach Ladenöffnung kommt – zwei einfache Kaffee, ein Croissant, eine Flasche Wasser und zwei ansehnliche Bücherstapel, die den Rest des Vormittags immer kleiner werden.
Es gibt die Schriftstellerin/Erfinderin – ein kleiner Cappuccino mit einem Glas Wasser dazu – die ein nützliches Tool entwickelt hat, um Wollknötchen zu entfernen und uns zu Weihnachten eine ganze Kiste davon vorbeigebracht hatte. Sie hat gerade erst ihr erstes Buch veröffentlicht und wurde damit sogar zur Leipziger Buchmesse eingeladen. Was für eine Leistung. Wir haben uns riesig gefreut. Als die Buchmesse abgesagt wurde, hat es mir das Herz gebrochen.

Und dann gibt es natürlich noch unseren Lieblingskunden. Lieblingskunde bedeutet nicht, dass uns die anderen Kunden nicht gleichwertig ans Herz gewachsen wären. Aber besonders ist dieser eine doch. Ein großer Cappuccino, Thunfischfocaccia, ein Glas Wasser, manchmal eine Süßigkeit dazu. Er kommt fast jeden Tag vorbei mit seinen über 80 Jahren, läuft am Stock, hat einen schlimmen Husten, muss regelmäßig zur Dialyse und scheint allgemein sehr zerbrechlich. Er hat sich mit der Zeit mit jedem im Laden angefreundet. Wenn keine der Kolleg*innen schnell genug ist, ihm die Bestellung zum Tisch zu bringen, ist schon die Reinigungskraft eingesprungen, die sich gerne 10 Minuten Pause gönnt, um sich mit ihm zu unterhalten. Man hat unwillkürlich das Bedürfnis, sich schützend vor diesen herzlichen Menschen zu stellen, damit niemand auf die Idee kommt, ihm etwas Böses zu wollen. Durch die Gesundheit ist er an die Stadt mit ihren Behandlungsmöglichkeiten gefesselt. Die Familie wohnt weit weg im Ausland, er ist alleine zurückgeblieben. Aber er hat einige gute Freunde, die er ab und zu auch im Café trifft.
Neben den vielen Pflastern am Arm wegen der Dialyse hatte er kurz vor dem Lockdown noch einen größeren Verband – dieser wackelige Mann mit der rebellischen Gesundheit hatte einen Fahrradunfall, er wurde umgefahren. Wir waren geschockt. Das Gedankenkarussell sprang an: Was, wenn…?
Alles nicht weiter schlimm, hat er abgewunken, aber er würde diese gefährliche Straßenecke von nun an meiden. Als wir ihn im März baten, doch zuhause zu bleiben und sich zu schützen,hat er erneut abgewunken. Er muss doch am Freitag seine Bekannte treffen. Und am Samstag hat er diesen anderen Termin in der Kirche. Und danach im Wirtshaus.  Er hatte keine Zeit für Corona.
Es gibt kaum einen Menschen, um den ich mir während des Lockdowns mehr Gedanken gemacht habe.

Regelmäßige Gäste sind auch das freundliche Paar um die 40 – zwei kleine Cappuccino mit laktosefreier Milch -, die meist getrennt kommen und sich hier treffen. Dann gibt es das Altrockerpaar, ich würde sie über 60 schätzen, beide öfter verplant, unglaublich herzlich – ein kleiner Latte Macchiato, ein großer Latte Macchiato, kochend heiß. Der Sachse – Ingwertee. Der Kunde mit einer Milchunverträglichkeit, der trotzdem immer eine homöopathische Dosis Milch in seinen Espresso möchte. Die Kundin, großer Bailey’s Latte Macchiato mit nur einem Shot Espresso anstatt zwei, die uns zu Weihnachten eine komplette Tüte selbstgestrickter Schals vorbeibrachte. Die Kundin, die sich abends nach ihrem Feierabend bei uns einen großen laktosefreien Kakao abholt, auf dem sie sich dann doch eine laktosevolle Sahnehaube gönnt.

Ich könnte noch eine ganze Weile weitermachen. Die Kund*innen sind die Seele des Ladens. Das Lachen, die Sprüche, das Schweigen, das konzentrierte Lesen. Jede*r hat eine eigene Geschichte – manche erfahre ich im Laufe der Zeit, andere versuche ich zu interpretieren. Bislang habe ich meine Kunden nie als Inspiration für meine Geschichten genutzt – ich hatte häufig das Gefühl, ihnen nicht gerecht werden zu können. Jetzt, wo ich angefangen habe, hier über sie zu schreiben, merke ich, wie viel Spaß es mir macht.
Vielleicht… ja vielleicht bastele ich mir doch ein paar Figuren nach ihren Vorbildern.

Während des Lockdowns hatten wir länger geschlossen als viele andere: wir waren ziemlich genau fünf Monate zu. Morgen, Montag 17. August, ist der erste Tag des Neuanfangs. Ich bin wahnsinnig gespannt – gespannt darauf, ob die Atmosphäre im Laden noch die gleiche ist. Gespannt darauf, wie es meinen Kolleg*innen geht. Wie das Arbeiten sein wird. Vor allem aber darauf, ob meine Kund*innen den Weg zu mir zurückfinden. Wie es ihnen geht. Wie sie die Zeit überstanden haben. Und natürlich: ob der Lieblingskunde sich ein neues Fahrrad organisieren konnte.

Die Rückseite der Kaffeemaschine spiegelt – sowohl den Laden als auch die Zeit, in der wir leben.
3

Plan- oder Bauchschreiberin?

Eine Frage, die unter Schreibenden heftig diskutiert wird. Der eine kann nur so, die andere nur anders. Einer geht Schritt für Schritt die Heldenreise (Bild weiter unten) mit seinem Plot durch und kontrolliert minutiös, ob alle Punkte eingehalten wurden. Die andere behauptet, nur Bauchschreiben sei das einzig Wahre.

Ob wir eine Präferenz haben? Wir verraten es Euch!

Schreiben kann man nur mit einem Plan!

Ehrlich! Woher sollte ich sonst wissen, wie der Text ausgeht? Oder ob die Botschaft, die ich übermitteln will, klar ist? Welche Botschaft ich überhaupt übermitteln will? Stell dir vor, ich würde einfach so einen Text schreiben, weil es mich „überkommt“. Das ist sowieso etwas hochgefährliches, möglicherweise käme dann ein Text heraus, den ich gar nicht schreiben wollte, weil er nicht angemessen wäre oder gut oder wertvoll oder …– eben!

Klingt das starr und langweilig? Nahezu verkrampft?
Es hat niemand behauptet, Schreiben würde Spaß machen! „Bauchschreiben“ – also quasi einfach so mal losschreiben, der Intuition, der inneren Stimme folgen, dem Flow. Das geht per Definition nur bei Leuten, die einen Flow haben bzw. in Flow kommen können. Die Schreiben lieben, denen das Spaß macht! Wo, die Hand auf das Papier gesetzt, etwas nahezu magisches passiert – und bähm! Ein Text.

Aber nun mal im Ernst: Bauchschreiberin oder Planerin?

Ich liebe das „aus dem Bauch heraus“ schreiben. Mich hinsetzen, den Stift das Papier berühren lassen, tief in mich hineinhören und fragen „Was möchtest du mir erzählen?“. Oder ein Thema in meinem Kopf hin- und herkreisen lassen, bis plötzlich der „Aha!“-Moment kommt und ich eine Geschichte dazu habe und dann einfach loslegen. Ich liebe es! Und ich wollte nur so schreiben, ohne Plan und einengende Regularien!

Aber bei meinem Romanprojekt musste ich irgendwann einsehen, dass es allein mit Bauchschreiben nicht funktioniert. Ich habe den Überblick verloren und es wurde schlicht und ergreifend ziemlicher Mist. Ich brauchte einen Plan!

Gut, dass ich in meinem Brotberuf sehr viel plane und zwar tatsächlich nicht ungern. Es hat zwar etwas Überwindung gekostet, die Techniken meines Brotberufes auf das Schreiben anzuwenden, aber am Ende habe ich zu meiner Erleichterung festgestellt, dass mir die Planung nicht den Spaß am Schreiben verdirbt. Ich habe immer noch genug Freiräume, in mich hinein zu hören und meiner Intuition zu folgen. Aber ich habe auch einen Rahmen, der mir letztendlich die Sicherheit gibt, mich nicht völlig zu verzetteln.

Mittlerweile gehen Plan- und Bauschreiben bei mir Hand in Hand. Meistens schreibe ich, was mir in den Fingern juckt runter und dann schaue ich: Reicht das schon? Hätte das Potenzial für etwas längeres? Macht es Sinn, über einen Plan nachzudenken? Und mit Plan meine ich, mir über die Elemente der Geschichte ein klares Bild zu machen: Die Figuren, die Beziehungen zueinander, das Setting, die Ziele der Handelnden, der Plot… all das streife ich in meinen Kurztexten nur, da geht es mir nur darum, den Moment zu erzählen. Das davor, das danach – das ist für mich so offen, wie für den Leser.

Für mich heißt Planen daher hauptsächlich, mich intensiver mit meinen Ideen, meinen Figuren, etc. auseinanderzusetzen. Einer Szene, die mir in den Kopf springt, die Möglichkeit zu bieten, sich zu mehr zu entwickeln. Aber kommen wir zurück zur Frage… klare Antwort: Beides!

Schreiben kann ich nur mit einem Plan!

Ehrlich! Woher sollte ich sonst wissen, wie der Text ausgeht? Oder ob die Botschaft, die ich übermitteln will, klar ist? Oder ob ich mich nicht so dermaßen verrenne, dass niemand mehr eine Geschichte unter den Irrungen und Wirrungen entdeckt? Sollte ich nicht auch ein klein wenig recherchieren für diese eine Geschichte? Aber die Recherche will doch zeitlich geplant werden – was wenn ich jetzt viel Zeit und Energie in eine Recherche über Athen stecke und am Ende will meine Figur nach Moskau?

„Bauchschreiben“ – also quasi einfach so mal losschreiben, der Intuition folgen, dem Flow. Das geht per Definition nur bei Leuten, die einen Flow haben. Wo – die Hand auf das Papier gesetzt – etwas nahezu magisches passiert – und bähm! Ein Text. Diese Zeilen kommen Euch bekannt vor? Richtig! Aber nicht aus diesem Text weiter oben. Über so jemanden habe ich bereits einmal geschrieben – hier! 😉

Aber nun mal Butter bei die Fische: Bauchschreiberin oder Planerin?

Ich brauche das „Planschreiben“! Jahrelang habe ich eine Schreibübung an die andere gehängt ohne je eine Idee gehabt zu haben, die eine Geschichte über 300 Seiten hätte tragen können. Was bei Jana eine Quelle der Inspiration ist, war bei mir einfach nur die tägliche 10min-Übung.
Es gab einige sehr schöne Bauchschreibmomente. Der Bauch manoeuvrierte die Figuren in knifflige Situationen, aber der Kopf war es, der sie wieder herausziehen musste.
Z.B. beim Schmuckstück: Ich hatte den ersten Teil schnell aus dem Bauch heraus geschrieben und es ungeschickterweise auch schon hier als Fortsetzungsgeschichte angekündigt, ohne jedoch selbst das Ende zu kennen. Damit hatte ich mir selbst eine Frist gesetzt – bis zum nächsten Blog-Post musste ich herausgefunden haben, wie die Geschichte weitergeht. Können sich meine Figuren aus dieser Lage befreien? Gibt es Fragen im ersten Teil – gewollt oder unbewusst – die mindestens ansatzweise beantwortet werden sollten. Oha, da war doch eine Figur, die ich komplett vergessen hatte – kann die was? Soll die was? Kann man die vielleicht umbringen?
Als sich die Lösung endlich offenbarte, bin ich still und heimlich zu meinem Teil 1 zurückgeschlichen und habe hier und da einen kleinen Nebensatz ergänzt, damit das Ende danach nicht ganz so unverhofft um die Ecke springt.
Ich hätte einen bereits veröffentlichten Text nicht im Nachhinein verändern müssen, hätte ich von Anfang an einen Plan gehabt.

Andererseits… Wäre mir überhaupt die Idee für „Das Schmuckstück“ eingefallen ohne Bauchschreiben? Wenn ich mir meine eigenen Texte hier auf dem Blog so ansehe – alles – OHNE AUSNAHME – Bauchgeschichten. Gleichzeitig aber auch alles recht kurze Geschichten.

Wenn ich also will, dass es länger funkt zwischen mir und meiner Geschichte, muss ich mir die Energie gut einteilen, darüber nachdenken. Die Geschichte logisch aufbauen. Dem Funken Brennholz geben, wenn er Nahrung braucht. Die Ressourcen strategisch verteilt hinzufügen, damit das Feuer im kältesten Moment der Nacht genauso stark und ausdauernd brennt, als am Abend am Lagerfeuer. Ich muss Figuren dazu erfinden, die den Bogen spannen, den Hintergrund erklären, Beziehungen aufbauen, die den Protagonist*innen Tiefe geben, die längerfristige Handlungsmotivationen erklären…

Kommen wir also zurück zur ursprünglichen Frage:

Auch für mich gilt beides. Nur das Planschreiben gibt mir das Kontrollgefühl, das ich benötige, um mich selbst mit meiner Geschichte wohzufühlen und mich längerfristig an sie binden zu können. Allerdings ist es das Bauchschreiben, das mir die meisten Ideen offenbart. Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis für mich – nur wenn ich es schaffe, in Zukunft einen Teil der Kontrolle zugunsten der Intuition abzugeben, kommen mir die besten Ideen.

Wikimedia Commons/Public domain: Scan from unknown publication by anonymous poster, in a thread, gave permission to use it. Re-drawn by User:Slashme

Plan- oder Bauch…
Das ist nicht nur bei uns ein Thema. Auch die „Autorenwelt“ hat eine Reihe an Autoren dazu befragt.

Wer hat uns zum Schreiben inspiriert?

Oft wird man gefragt, wen man als Vorbild sieht. Besonders häufig als
Kind: Wie möchtest du mal werden, wenn du groß bist? Wem möchtest du nacheifern? Wer ist dein Vorbild? Shakira? Michael Jordan? Marie Curie? Barack Obama? Malala Yousafzai?
Auch im Erwachsenenleben begegnet einem das Thema. Spätestens bei der Passwortwiederherstellung kommt die Sicherheitsfrage „Wer war dein Idol in Kindheitstagen?“ Die Antwort hat man vor zehn Jahren ausgefüllt und nun sitzt man da und überlegt.
Wer war ich damals, was könnte ich eingetragen haben?
gefolgt von
Würde ich die Frage heute anders beantworten? Was will ich mit meinem Leben anfangen?

Ist es leichter, in der Spur zu bleiben, wenn man klare Vorbilder hat? Oder auf englisch: role models. Leute, die den eigenen Weg vorausgegangen sind und ihn geprägt haben.

Gerade jungen Autor*innen wird die Frage nach den Vorbildern häufig gestellt. Irgendjemand muss uns ja auf die Idee gebracht haben, selbst schreiben zu wollen, oder? Welche Autor*innen haben uns beeinflusst?

Astrid Lindgren! Sie ist die, die mich immer wieder zurück zum Schreiben bringt, wenn ich den Mut verliere.

„Es gibt die Dinge, die muss man tun, [auch wenn man Angst hat]. Sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck.“

Das sagt Krümel so oder so ähnlich in Die Brüder Löwenherz, eins meiner Lieblingsbücher. Ich muss in meinem Leben nicht gegen Tengil oder Katla kämpfen oder auch nur annähernd so viel Mut aufbringen wie Krümel und Jonathan. Aber ich habe eigene Dämonen, die mir gerne einreden, dass ich es lassen soll. Nur der Punkt ist: Es ist zu lassen, nur weil wir Angst haben, ist keine Lösung. Wenn es etwas gibt, was ich gerne hinterlassen möchte, dann ist das diese Botschaft: Du kannst alles werden, was du willst. Du kannst alles schaffen, was du willst. Lass dir nie, niemals einreden, dass du für etwas nicht gut genug bist. Weder von deiner Umgebung noch von dir selbst. Das ist mein Antrieb und meine innerste Motivation und Krümel zerrt mich immer wieder aus meinem Loch, wenn ich das vergessen habe.
Deswegen Astrid Lindgren. Dicht gefolgt von Michael Ende: Gegen die grauen Herren!

Oh ja, es ist kompliziert. Denn meine Vorbilder sind gleichzeitig Autor*innen, von denen ich abrate, sie zu lesen. Lest sie mit Bedacht. Wenn eure Kinder diese Bücher in die Hand nehmen, sprecht mit ihnen darüber. Über Klischees, Vourteile, Liebe und Respekt für sich selbst.

Meine Vorbilder sind Enid Blyton und Karl May.
Warum sie überhaupt meine Vorbilder sind? Beide sind erfolgreiche, auflagenstarke Autor*innen, millionenfach im In- und Ausland verkauft. Sie haben geschrieben, als gäbe es kein Morgen. Seite um Seite gefüllt, meist per Hand. Enid Blyton hat über 700 Werke geschrieben, bei einer Lebenspanne von 71 Jahren macht das … 15 – 20 Schriften pro Jahr??? Hat sie überhaupt geschlafen? Gegessen?
Beide haben meine Kindheit nachhaltig geprägt. Karl Mays Winnetou war „der edle Wilde“ – was heute als Klischee erkannt und verrufen ist, war damals für mich ein erstrebenswertes Leben: tagelang durch die Wildnis reiten, genau wissen, was richtig und falsch ist und trotz Hindernissen danach handeln. Freunde, Schwache beschützen und einen Blutsbruder haben.
Ähnlich war es mit allen Büchern von Enid Blyton: ob bei den Fünf Freunden, in der Abenteuer-Reihe, bei Dolly oder bei Hanni und Nanni – immer ging es um Abenteuer, die mit Hilfe der Freundschaft unter den Protagonisten überstanden werden konnten. Ich habe diese Bücher verschlungen. Wäre mein Leben nur auch so gewesen!

Warum meine Vorbilder mit Vorsicht zu genießen sind: Beide sind die Kinder ihrer Zeit gewesen. Sowohl Karl May als auch Enid Blyton haben sowol rassistische als auch sexistische Stereotype in ihren Büchern untergebracht, diese Stereotype genutzt, um die Geschichte voranzubringen ohne sich die Mühe machen zu müssen, in die Tiefe zu gehen.
Enid Blytons Bücher hatten zudem meist noch gemeinsamen Plot: Ein Neuling kommt in eine bestehende Gruppe: ob das Georg in Fünf Freunde gewesen ist, Dolly in den nach ihr benannten Büchern oder Hanni und Nanni. Um in die Gruppe aufgenommen zu werden, mussten sie sich stark anpassen, zum Teil durch eine Intervention der Gruppe gebrochen werden. Von Akzeptanz oder Toleranz von seiten der Gruppe war nicht die Rede.

Wie sehr habe ich mir als Kind gewünscht, Ziel einer solchen Intervention zu sein. Dass irgendetwas passiert, das mich dazu bringt, so zu werden, dass ich am Ende zu einer Gruppe toller Menschen gehöre.

Ich habe euch vorgewarnt, es ist kompliziert. Enid Blyton und Karl May bleiben meine Vorbilder in Bezug auf ihre Liebe und ihre Leidenschaft zum Schreiben. Aber ich wünsche keinem Kind mehr, diese Bücher unreflektiert lesen zu müssen ohne die Möglichkeit, sich über Stereotype austauschen zu können und ohne jemanden, der dem Kind sagt, was eine gesunde Selbstliebe ist.

Photo by Brett Jordan on Unsplash

Die Glaubensfrage: Hand oder PC

Schreiben ist nichts besonderes. Alles, was man tut, ist:
Man sitzt an einer Schreibmaschine und blutet.

Ernest Hemingway

Es wird Zeit! Butter bei die Fische! Irgendwann wird uns kein Weg mehr drum herum führen, warum also nicht gleich hier und jetzt uns outen?
Also lass es uns tun.

Die Glaubensfrage unter den Autor*innen: Wie schreibe wir am liebsten: per Hand oder am PC?
Schreiben soll nichts besonderes sein? Wenn Hemingway da mal nicht irrt. „Schreiben“ und „schreiben“ sind mindestens fünf Paar Schuhe.
Was man da alles falsch machen kann, bevor man überhaupt anfängt zu schreiben! Meinungen. Überzeugungen. Studien! Zum Beispiel: Die Verbindung Hand-Kopf ist weit stärker, wenn man per Hand schreibt als wenn man per Hand tippt. Studien haben gezeigt, dass das Handschreiben Verknüpfungen und Prozesse im Gehirn auslöst, die es beim Tippen auf einer Computertastatur nicht gibt.
Am Computer wiederum lässt sich vieles übersichtlicher und sauberer gestalten. Man hat endlich eine geringe Chance, seine Ideen schnell genug einfangen zu können. Der Unterschied der Schreibgeschwindigkeit ist enorm.

Es ist zu einer Glaubensfrage geworden. Wer modern und zeitgemäß ist, arbeitet am PC, am Tablet, am Smartphone, alles untereinander verbunden. Kombiniert mit Sprachnachrichten, mit Schlagwörtern versehenen Lesezeichen der Online-Recherche, geordnet in Ordnern und Unterordnern. Alles jederzeit verfügbar, schnell und leicht verpackt für unterwegs, inklusive einer externen Tastatur, um auch am Smartphone bequem tippen zu können.

Wer noch moderner ist, zeigt sich wieder mit altmodischem Notizbuch, hat sich einen teuren Stift dazu gegönnt, arbeitet mit Eselsohren, Büroklammern oder bunten Klebestreifen als Lesezeichen. Klebt, malt, nutzt bunte Textmarker, kennt das Bullet-Journal-System, um einigermaßen ordentlich zu arbeiten und betrachtet die Kollegin, die am Tablet arbeitet, mit einem gönnerhaften Augenrollen.

Jetzt wäre es natürlich leicht, zu sagen: Ja, hat alles seine Daseinsberechtigung. Aber ganz ehrlich… Das wäre ja das gleiche, wie zu sagen „Rosa ist auch schön“ oder „alle Wege führen nach Rom“. Das ist unbefriedigend!
Also jetzt: Butter bei die Fische! Richtig oder Falsch. Gut oder Böse. Wo stehen wir?

Jana

Wenn ich eine Idee entwickele, tue ich das am liebsten mit der Hand. Ich habe immer ein Notizbuch dabei, in dem ich Ideen festhalten kann und ob das dann in der U-Bahn, im Park oder an einer Häuserwand lehnend neben dem Bäcker ist, in den ich eigentlich gehen wollte, ist mir ziemlich egal, denn wenn die Idee kommt, kommt sie halt. Auch kleinere Schreib- und Kreativübungen mache ich gerne mit der Hand, da mir aufgefallen ist, dass ich so die gleiche Idee kürzer und prägnanter darstelle.

Ansonsten schreibe ich hauptsächlich am PC. Ich freunde ich mich gerade mit dem Autorenschreibprogramm „Papyrus Autor“ an und hoffe, nach und nach, meine exorbitante Zettelwirtschaft reduzieren zu können. Ich bin gespannt.

Wichtiger allerdings als die Frage „Hand“ oder „PC“ ist für mich das „Wo“: am allerliebsten schreibe ich in einer Bibliothek. Ob es die Bücher sind oder die stille Atmosphäre besonders viele Ideen hervorbringt… in einer Bibliothek fühle ich mich wohl und in Schreiblaune. Mein Küchentisch tut es aber auch. Da habe ich einen Blick ins Grüne und meistens noch auf einen Blumenstrauß.

Carmen

Klares Bekenntnis zur Fraktion „Handschreiben“! Es gibt für mich nichts besseres, was den Fluss „Idee zu Papier“ betrifft. Leider gibt es auch nichts langsameres.
Wenn ich genau weiß, was ich tun will, schreibe ich am PC, fülle Seite um Seite. Doch gerate ich einmal ins Stocken, drucke ich das Zeug aus, greife mir einen Stift und fülle die Ränder, die Rückseiten, die leeren Stellen zwischen den Zeilen. Ich schreibe, streiche durch, umkreise, ziehe Pfeile hierhin und dorthin, schreibe neu. Und irgendwann ist der Fluss wieder da, sprudelt erneut. Ab dann geht es wieder zurück an den PC, diese alte Bremse, und es wird weitergeschrieben, bis das Papier, der Stift, das Notizbuch wieder aushelfen müssen.

Genauso wie Jana ist für mich aber auch das Wo sehr wichtig. Zuhause arbeite ich nicht besonders gut, da gibt es viele, viele Dinge, die mich ablenken können. Ich lebe im Chaos, aber wenn ich zuhause arbeiten soll, habe ich auf einmal das dringende Bedürfnis, aufzuräumen, Staub zu wischen oder einfach gleich meinen Kleiderschrank neu zu ordnen – wenn man eh grad schon dabei ist.
Schon als Studentin habe ich immer am Liebsten in Bibliotheken gearbeitet. Während des Lockdowns, als auch die Bibliotheken geschlossen waren, war dies eine weitere Herausforderung, den Kreativitätsfluss aufrecht zu erhalten (zum Text dazu geht es hier entlang). Umso mehr freue ich mich, wenn jetzt langsam wieder die Bibliotheken öffnen, damit ich mich mit Stift und Papier dort in eine stille Ecke zurückziehen kann.

Photo by Jana Kretzschmar

Was schätzen wir aneinander?

Wir beide, Jana und Carmen, kennen uns erst seit etwas über einem Jahr. Wir haben uns im Sommer 2019 – zusammen mit den anderen Autor*innen der Schneekirschen – bei einem Schreibkurs kennengelernt (siehe Schneekirschen).
Ist es da nicht ungewöhnlich, sich hinzustellen und zu sagen „Hey, wir kennen uns zwar kaum, aber lass uns doch einen Blog zusammen führen?“
Wir beide sehen das anders.

Was ich an Carmen schätze?

Ihre Kreativität! Und ihren Mut, sich schreiberisch in schwierige Situationen zu bringen und auch mal ganz weit weg von Konventionen. Es einfach zu machen und zu schauen, wo sie die Geschichte denn hinführt. Das bewundere ich sehr. Ich bin eher ein vorsichtiger, planender Typ und zudem sehr perfektionistisch. Ohne Carmens „Das machen wir jetzt!“ wäre dieser Blog vermutlich heute noch nicht online. Auch nicht unser Social Media-Auftritt. Da war meine Einstellung „Lieber nicht, da kann man so viel falsch machen.“, doch Carmen hat mich geschubst und nun ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, passende Bilder für Instagram zu schießen. Carmen hat eine sehr offene, positive „Du kannst alles schaffen.“-Art, die mich unglaublich motiviert. Die mich antreibt, mich auch mal aus meiner Wohlfühlzone zu wagen. Und sie schreibt so geile Texte! Ich bin so froh, sie getroffen zu haben!

Als ich Jana das erste Mal getroffen habe, warteten wir außerhalb des Kurssaales auf den Beginn der ersten Kursstunde. Sie war mir auf Anhieb sympathisch: sie war ruhig, jedoch nicht schüchtern. Neugierig gespannt. Es war die Ruhe vor dem Sturm, denn im Kurs rockte sie dann los! Einer ihrer ersten Texte und der erste, an den ich mich noch erinnern kann, ließ mich sprachlos zurück (hier zu finden). Wohlgemerkt, es handelte sich bei diesem Text um eine Übung während des Kurses mit Zeitbegrenzung!
Jana kann Erster Eindruck“!

Was ich an Jana besonders schätze ist ihre generelle Offenheit.
Einerseits auf sich selbst bezogen: sie thematisiert ihre Zweifel, mit denen sie kämpft, sowohl literarisch als auch im direkten Gespräch. Das macht sie für mich zu einem Vorbild, meine eigenen Zweifel anzugehen und zu bekämpfen.
Zudem auf uns bezogen – ihre Mitmenschen: Ich fühle mich in Janas Gegenwart immer sicher und respektiert. Ihre Kritik an meinen Texten hat Hand und Fuß und spontane Vorschläge zum Blog werden meist mit „okay, lass es uns ausporbieren“ quittiert, es sei denn, die Ideen ergeben tatsächlich keinen Sinn. Ein Raum, in dem sich alle sicher fühlen, ist essentiell, um ein gemeinsames Projekt anzugehen, wie zum Beispiel diesen Blog.
Und drittens auf die Texte bezogen. Die Frau ist ein ewiger Quell der Inspiration. Sie schreibt und schreibt und schreibt und schreibt und schreibt. In diesem Fall muss man das mit der „Offenheit“ bildlich sehen: Mitten in ihrem Kopf liegt Phantasia, dessen Tore weit offen sind. Die Figuren, Emotionen und Szenen laufen – sich gegenseitig Huckepack tragend – mit lautem „Hurra“-Gebrüll von ihrem Kopf über ihre Arme Richtung Finger, von wo aus sie nur noch aufs Blatt springen müssen et voilà – 5 neue Geschichten.

Ich bin sehr dankbar, Jana begegnet zu sein. Sie gehört zu den Menschen, die dir helfen, dich weiterzuentwickeln. Sie gehört zu den Menschen, die mir helfen, mich mit mir auseinanderzusetzen – was meine Texte aber auch was meine Zweifel betrifft.

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Notizbücher – eine Liebeserklärung

Nein, es ist kein Klischee: Autor*innen lieben Notizbücher! Sie haben viele davon. Sie benutzen sie. Auch wenn sie nicht mehr mit Schreibmaschine schreiben, mit einem Stift schreiben Autor*innen immer noch regelmäßig. Das gilt zumindest für die, die wir persönlich kennen.

Zwei Liebeserklärungen:

30.06.2019: 35 Grad, die Sonne im Zenit. Kein Schatten weit und breit auf der Ludwigstraße in München. Die Straße und die Fassaden der Gebäude spiegeln die Hitze wider und erhöhen die Temperatur um weitere 1-2 Grad. Die Helfer des Münchener Stadtlaufs verteilen verzweifelt die Getränke, zwingen sie Teilnehmer*innen und Zuschauer*innen geradezu auf. Die  Sanitäter arbeiten im Akkord. An mehreren Stellen der Strecke hat die Feuerwehr Wasserwände aufgebaut, Zuschauer*innen benetzen die Läufer*innen mit Wasserspritzpistolen. Inmitten dieser Hölle warte ich auf meinen Einsatz. Zu erkennen an dem extra Rucksack auf dem Rücken, leer bis auf Stift und Notizbuch. Ich schaffte es nicht, den Lauf ohne meinen wichtigsten Begleiter, mein Notizbuch, anzutreten. Ich könnte es ja brauchen…!

2020: Der Lockdown war gerade erst beschlossene Sache, die Geschäfte alle geschlossen, Homeoffice das neue Normal.
Da ruft mich eine Freundin aus Köln an.
„Hallo Carmen, ich bin in München, ich werde den Lockdown hier in der alten Heimat verbringen. Aaaaber ich habe mein Arbeitsnotizheft vergessen und du hast doch immer einen Vorrat…“
Ich war „empört“ über diese Unterstellung des überflüssigen Konsums meinerseits und habe sie natürlich eingeladen, sich eines auszusuchen.

Am Tag vor dem Lockdown war ich losgezogen, um meine persönlichen Hamsterkäufe zu erledigen: Patronen für den Drucker, Druckerpapier, Minen für meinen Lieblingsstift und – natürlich – Notizbücher. Meine Horrorvorstellung war, dass mir eines dieser Dinge ausgehen würde, bevor die Läden wieder öffneten.

Ich kann das Haus kaum verlassen, ohne dieses Büchlein voller Möglichkeiten. Ideen, To-Do-Listen, Reise-Anekdoten, Kurztexte, Buchpassagen, Beobachtungen im Museum, die Organisation meines Romans. Das Notizbuch übernimmt alles, was meinen Kopf überfüllt, ordnet es und gibt dem Wirrwarr eine Form, ein Aussehen, eine Realität. Man kann abhaken, durchstreichen, korrigieren, einkreisen, Lesezeichen setzen, Seitenzahlen notieren, zeichnen, umrahmen, Geschichten schreiben. 

Mein ältestes Notizbuch startete ich mit 14 und schrieb den letzten Eintrag mit 25. Neun Jahre zusammengefasst in einzelnen Zitate, ganzenTextpassagen, Zeitungsartikeln, Postkarten, Fotos, einem Liebesgedicht an meine damalige Schulclique, einem Liebesgedicht an den Einen, dem Datum meines ersten Kusses. Wie sehr sich meine Beobachtungen und die Bewertungen in diesen 9 Jahren veränderten! Wie krass sich meine Schrift veränderte. Und weniger offensichtlich: was ich alles NICHT notiert habe! Am Anfang waren es Zitate von Greenpeace und Winnetou. Am Ende ganze Textpassagen aus Simon Singhs „Fermats letzter Satz“. 

Meine Notizbücher sind mein persönlicher Schatz. Die vielen leeren Seiten, die noch da stehen, sind Versprechen der Zukunft an mich. Ich kann es kaum erwarten, sie zu füllen.

 

Die Sache mit Blanko

Ein leeres Blatt legt nichts fest. Ich kann mich frei darauf bewegen, mal hierhin, mal dorthin, schnuppern, schauen, probieren. Geht es an einer Ecke nicht voran, nehme ich eine andere, breite mich dort aus, weiter und weiter bis nichts mehr da ist zum Entdecken. Ein leeres Blatt ist endlich, irgendwann ist alles vollgekritzelt. Es ist ein Bild entstanden, eine Geschichte und dann: Umblättern, ein neues leeres Blatt! Aber wie ist das mit den Ideen? Sie brauchen Platz zum Entfalten, und es ist tückisch, das leere Blatt, ich darf nicht zu schnell sein. Denn ein leeres Blatt ist nicht mehr leer, wenn ich es beschreibe, es kann zerstört werden, verunreinigt, mit nur einem Strich. Ziehe ich Linien darauf oder Kästchen bekommt es eine Form, Regularien und dann? Müssen die Ideen in Schubladen passen: Eingeengt, platt, langweilig – leer?

Mein Speicher, mein Ideenspeicher ist leer, eine Wüste, ein Nichts, das leere Blatt gähnt mir entgegen, zwei Leeren aufeinander. Oh, sieh doch, ein Strich! Daraus könnte ein Wort entstehen, ein Baum, ein Tier, ein Irgendwas. Und schon hat es Geschichte.

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Ein Jahr Schneekirschen oder „Schreiben tut man nicht allein“

„Ich profitiere enorm vom Feedback meiner Mitstreiterinnen, die mich konstruktiv auf schiefe Vergleiche, überflüssige Worte oder Handlungslücken aufmerksam machen und mich immer motivieren, am Ball zu bleiben.“

Carmen

Die Schneekirschen sind eine Gruppe von 6 Autorinnen und Autoren aus München, darunter die beiden Autorinnen von MittendrinBlog.
Getroffen haben wir uns in (fast) kompletter Besetzung vor etwa einem Jahr in einem Kurs der Münchener Volkshochschule. Den Kurs fanden wir alle super, was vor allem an den großartigen Mitteilnehmer*innen und deren Feedback lag. So haben wir beschlossen, auch nach Kursende uns weiterhin regelmäßig zu treffen und unsere Texte zu besprechen.

Heute vor einem Jahr, am 5. Juli 2019, fand unser Gründungstreffen statt, in der Lobby dieser einen Hotelkette mit dem türkisen „m“.

Seit dem ist viel passiert bei uns, z.B. waren wir im Radio! Und wir haben diesen Blog gegründet – Zeit für eine kleine Reflektion!

„…ich kann mich nicht mehr einfach allein in eine Ecke verkriechen und die Ungerechtigkeit anprangern, einer brotlosen Tätigkeit mit Leidenschaft verfallen zu sein. Dann kriechen die anderen einfach hinterher und ziehen mich raus.“

Jana

Freitag, 19.06.2020

C: Jana, ich habe gerade im Kalender gesehen, dass wir vor knapp einem Jahr das Gründungstreffen der Schneekirschen hatten. Das wäre doch was für den Blog?

J (denkt sich): Mmh…

C: Es könnte ja jede von uns etwas darüber schreiben, warum die Schneekirschen wichtig für sie sind.

J: Mag schon sein, aber mal ehrlich: Ist es so toll, eine Schneekirsche zu sein? Ständig ist man gefordert, sich mit seinen eigenen literarischen Ergüssen und denen der anderen auseinanderzusetzen. Man hat eine Plattform, auf der man mit sehr netten und konstruktiven Mitstreiter*innen seine Texte er-, be- und überarbeitet und ja, ja, ihr seid alle nett und super konstruktiv, aber denk doch mal an meine dunklen Schubladen, die sich jetzt verraten fühlen, denn bisher waren sie diejenigen, die meine Texte lesen durften!

C (denkt sich): ???

C: Aber ist nicht gerade das wahnsinnig wichtig? Unser Hobby ist nun mal per se durch Einsamkeit gekennzeichnet. Man muss sich selbst motivieren, stundenlang mit seinen Texten alleine zu sein. Deine Freunde verstehen doch auch nicht, was du da tust oder warum. Und keiner von denen versteht es, wie stolz man über einen besonders gelungenen Abschnitt, einen Vergleich, eine Wendung sein kann, wie viel Arbeit hinter der Aneinanderreihung von drei bis vier Wörtern steckt.

J: Aber dieses ganze Gerede übers Schreiben. Wie man Charaktere entwickelt, wo es beim eigenen Text gerade hakt, wie schwer oder leicht es gerade fällt, sich zu motivieren. Mir geht das auf die Nerven! Ständig bekommt man Tipps und Unterstützung und manchmal sogar einen Schubs – ich kann mich nicht mehr einfach allein in eine Ecke verkriechen und die Ungerechtigkeit anprangern, einer brotlosen Tätigkeit mit Leidenschaft verfallen zu sein. Dann kriecht ihr einfach hinterher und zieht mich raus.

C (denkt sich): 😉

C: Ich profitiere auch enorm von eurem Feedback, wie ihr mich konstruktiv auf schiefe Vergleiche, überflüssige Worte oder Handlungslücken aufmerksam macht. Unsere Challenges zeigen mir Grenzen, die ich zum Teil überwunden habe oder noch überwinden will. Da gab es diesen einen Erotik-Text, der bei mir immer noch offen ist und zu dem ich mich immer noch nicht überwinden konnte.
Außerdem genieße ich die Texte der anderen Schneekirschen sehr. Texte, die so anders sind als meine – es ist, als hätte ich ein Gratis-Hörbuchabo abgeschlossen hinter dem sich so viele Geschichten unterschiedlichster Genres verstecken.

In der Serie "Castle" ist die Freundschaft unter Autoren gar nicht so unrealistisch dargestellt: Man sitzt abends zusammen, trinkt etwas und ratscht. Bei Castle wird meist Poker gespielt, wir lesen uns gegenseitig unsere Texte vor und sprechen darüber. Eine Bereicherung, die Zuhause im stillen Kämmerlein vor dem PC niemals gegeben ist. 

J: Ich liebe eure Texte auch sehr! Und ab und zu reden wir ja auch über Wein

C: Und nicht zu vergessen: Ohne die Schneekirschen hätten wir beide nie festgestellt, dass wir einen Blog gründen wollen und uns nicht zusammengetan.

J: Das ist sowieso das Schlimmste! Nicht nur habe ich jetzt eine Reihe talentierter Autor*innen kennengelernt, ich habe auch noch enge Freundschaften geknüpft! Ich werde euch nie wieder los! Und – verdammt – das ist so großartig! Ich habe mich noch nie so sehr als Autorin und Schreiberin gefühlt, so angenommen und so aufgehoben, aber auch so gefordert. Ja, ist schon geil.

C: Nie wieder los trifft es, gerade jetzt zu Corona-Zeiten. Während bei so vielen, die unverhoffte Freizeit die Kreativität überschäumen ließ, war bei mir die Luft nach und nach einfach raus, ein tiefes, schwarzes Kreativitätsloch. Doch die regelmäßigen Skype-Treffen mit euch helfen mir, am Ball zu bleiben. Den Anschluss nicht zu verlieren. Es immer wieder neu zu versuchen, bis wieder etwas aus den Fingern aufs Papier fließt, was sich Geschichte nennen darf.

Also, Jana, wie schaut’s aus? Machen wir jetzt diesen Beitrag über die Schneekirschen?

Nenn` mich Verena
von der Gattung der Schneekirschen.
Bekannt dafür zu unterstützen,
zu motivieren,
zu inspirieren.
Ich bin glücklich darüber, eine Schneekirsche zu sein!

Verena

Neugierig auf die Geschichten der anderen Schneekirschen? Unter diesem Link findet ihr alle Texte unsere Schneekirschen-Gastautorinnen! Lest los!

Und warum jetzt eigentlich Schneekirschen?

Im Laufe der Zeit entwickelten wir eigene Schreib-Challenges – unter anderem die Wörter-Challenge, wo eines Tages auch das Wort „SchneekNirschen“ genannt wurde. Dieses wunderbare Geräusch von frischem Schnee unter den warmen Schneestiefeln. Spannenderweise hatte gleich mehrere Teilnehmer*innen ihre Brille nicht auf beim Durchlesen der Wörterliste und so wurde die Challenge von einigen mit dem Wort „Schneekirschen“ gelöst.

Für die Nicht-Botaniker unter uns: Die Schneekirsche (auch Winterkirsche oder Prunus subhirtella ‚Autumnalis‘) ist ein japanischer Zierkirschenbaum, der – wie der Name schon verrät – im Winter blüht. Natürlich werden wir immer behaupten, dass wir unsere Namensgeberin gewählt haben, weil der Baum Blütenpracht an dunklen Novembertagen bringt und dieses Bild einfach wunderschön ist. Aber tatsächlich fiel die Challenge und die Namenssuche auf den gleichen Tag und – ja, wir hätten schlechter wählen können.

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Warum Schreiben?

Wir beide, Jana und Carmen, haben sehr unterschiedliche Wege hinter uns, die uns zu diesem Punkt gebracht haben, an dem wir nun stehen.
Der Punkt, an dem wir beide beschlossen haben, dass wir schreiben wollen, zusammen einen Blog führen wollen.
Einfach unten auf den jeweiligen Namen klicken und wir erzählen Dir unsere Geschichte. Und wir würden uns freuen, wenn Du uns einen Kommentar hinterlässt.

Meine erste abgeschlossene Kurzgeschichte entstand im Studium während einer sehr langweiligen Vorlesung und befindet sich hier auf diesem Blog (Die Traumkönigin). Es geht dabei um einen Mann, der Träume für etwas Schädliches hält und dies mit seinem Leben bezahlt. Während des Schreibens waren die Worte beinahe von selbst aus mir heraus auf das Papier geflossen. Zu Schreiben hatte sich so richtig angefühlt, dass ich wusste: Das ist es, was ich für den Rest meines Lebens tun will. Das Dumme war nur: Mein Studium ging dem Ende zu, mein folgender Job war klar, neue Stadt, neues Leben, alles war fix: Es passte so gar nicht, jetzt umzudrehen.
 
Hätte ich das nicht vorher wissen können? Vielleicht. Ich war ein fantasievolles Kind, lebte meist in meiner eigenen Welt, konnte mich Stunden mit einem Topf und einem Küchentuch beschäftigen und mir dazu immer neue Geschichten ausdenken.
Ich habe bis heute eine Dauerkarte fürs Kopfkino.
 
Ich erinnere mich auch an viele Schreibversuche, halbfertige Geschichten so etwa ab der 5. Klasse. Später habe ich eigene Songs geschrieben, ein paar Gedichte und sogar ein Puppentheaterstück.
Aber dass ich schreiben kann, also so richtig, so quasi ein Buch, das hatte ich schlicht nicht auf dem Schirm. Überhaupt frage ich mich heute, wie ich als professionelle Leseratte nicht auf die Idee kommen konnte, beruflich mal was mit Büchern zu machen. Und so stand ich plötzlich zwischen allen Stühlen und mir wurde klar: Es wird dich zerreißen.
 
Die langweilige Vorlesung ist 14 Jahre her. Was ist in diesen Jahren passiert?
 
Am Anfang stand eine kurze „Dann schreib ich jetzt halt schnell einen Roman.“-Phase, die leider nirgendwo hinführte. Dann kam die Leugnung, die sich alle paar Jahre wiederholte und mich zielsicher in die Depression brachte. Dazwischen eine längere Phase als Fanfiktion-Autorin, in der
ich meinen Stil entwickelt und viel handwerklich ausprobiert habe. Dabei sind immer wieder auch eigene Werke entstanden. Parallel brauchte ich einige Versuche, um mein Broterwerbsleben und mein Schreibleben in eine für mich passende Co-Existenz zu bringen.
 
Anfang letzten Jahres fasste ich dann den Entschluss, es ernsthaft anzugehen, das mit dem Autorin werden. Ich habe Schreibkurse besucht, mir Mitstreiter*innen zum regelmäßigen Austausch gesucht, zwischenzeitlich den ersten Entwurf meines ersten Romans beendet, so viel geschrieben, wie noch nie zuvor in meinem Leben… ja… es läuft.
 
Immer mal wieder übermannen mich Zweifel (lies hier), aber ich fürchte nicht mehr, die Traumkönigin könnte mich aus ihrem Spiegel wischen.

Gelesen habe ich gefühlt schon immer. Anfangs mit Hilfe dieser RiRaRutsch-Kinderbücher von Margarete Rettich, in denen viele Wörter mit Bildern ersetzt worden sind, so dass Mama oder Papa den Text und ich die Bilder „lesen“ durfte. Langsam aber sicher habe ich so gelernt, wie viele Wörter zwischen den Bildern stehen, welche das sind und – oha – auf einmal konnte Klein-Carmen selbst lesen. Damit war der Schritt zum Schreiben nicht mehr weit und bereits im Kindergarten schrieb ich eigene Geschichten von „böhsen Risen“ im „Walt“. Rechtschreibung sollte niemanden abhalten. 😉 
(Vielleicht erkennt ihr hier die Inspiration für die „Lilly schreibt ein Buch„-Reihe).

Als Kind wollte ich immer Autorin werden. Neben Clown, Tierärztin, Dompteurin (von weißen Tigern und Geparden) und Tierfilmerin. Autorin war definitiv unter den ersten 10 Optionen für den späteren Beruf. Dann kam das Gymnasium, ich konnte mich mit einigen Texten in der Klasse profilieren, aber die Kinderträume rutschten in eine staubige, selten besuchte Ecke im Hinterkopf. Dann kam die Uni, das Studium, die fremde Stadt und ich vergaß.

Bis meine Mitbewohnerin mich überzeugte, doch einen Theaterworkshop mit ihr zu besuchen, da gäbe es auch Clown-Kurse. Oh, ich war angefixt. Die Erinnerung an Kinderträume erwachte langsam. Ein Lichtstreifen fiel auf die staubige Ecke im Hinterkopf.
Und ihr müsst euch die Gänsehaut vorstellen, als ich erfuhr, dass es auf diesem Theaterworkshop nicht nur einen Clown-Kurs gibt, sondern auch einen Schreibkurs!
Es fing langsam wieder an. Ein Schreibkurs im November pro Jahr, während des Jahres ein paar vernachlässigbare Schreibübungen, aber die Freude auf den November war allgegenwärtig.
Ich war noch nie die Schnellste. Es hat zwei oder drei Jahre gebraucht, bis ich auf die Idee kam – warum eigentlich auf November warten? Ernsthaft warum?

Als ich keine Antwort auf diese Frage fand, suchte ich mir Schreibkurse in meiner Stadt, ging hin … kam auf Ideen, neue Idee, wunderbare Ideen, die aufgeschrieben werden mussten. Ich traf Jana und die anderen Mitglieder unserer Schreibgruppe „Die Schneekirschen“. 
Ich erinnere mich, wie wir als Einzelpersonen in diesem Kurs saßen, gefühlt alle etwas scheu, unsere Texte vorzulesen, die doch ein Teil von uns sind. Sich gefühlt schutzlos diesen fremden Menschen zu überlassen. Mich gefühlt schutzlos Euch zu überlassen.

Aber so ist das nicht. Ja, die Texte sind immer zu 100% ich. Zu 100% die Version, dich zu diesem einen Zeitpunkt sein will. Ich wurde stärker und selbstbewusster während des letzten Jahres. Ich konnte so viele Versionen meiner selbst ausleben und habe so viele Versionen meiner selbst in der Pipeline, die ausgelebt werden wollen. Und mit den Schneekirschen und Jana habe ich Menschen, die das akzeptieren, respektieren und mir kontruktiv mitteilen, wo die Technik verbessert werden kann, die Aussagekraft klarer gestaltet werden kann …Aber ich weiche vom Thema ab, die Schneekirschen sind eine andere Geschichte.

Wie bin ich also zum Schreiben gekommen? Die Kurzfassung: Durch das Lesen der Gute-Nacht-Geschichten mit meinen Eltern.
Die lange Fassung: Keine Ahnung. Schicksal? Der Wunsch, mich auszuleben? Ein Theaterworkshop an der tschechischen Grenze? Kluge, fantasievolle Mitstreiter*innen?

Ich denke, die ehrlichste Antwort lautet: Wegen der Gänsehaut.

Einer von Carmens ersten Texten aus dem Schreibkurs des Theater-Workshops. Klick aufs Bild, um zur Geschichte zu kommen.
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Zweifeln…

Eine neue Kategorie und der erste Post lautet „Zweifeln“? Ist das eine gute Idee?

Ich zweifle immer mal wieder. Besonders an allem, was mit Schreiben zu tun hat. Was tust du da? Wie kommst du darauf, dich Autorin zu nennen? Nichts veröffentlicht, keiner will den Scheiß lesen! Du wirst es nie schaffen. Und dafür leistest du dir Teilzeit, munter der Altersarmut entgegen. Super! Du bist schlicht naiv und weltfremd. Gib auf, geh wieder voll arbeiten wie vernünftige Menschen und akzeptiere, dass das dein Leben ist!

Und dann? Dann erinnere ich mich daran, dass ich das schon versucht habe. Es hat nicht funktioniert. Ich war einfach nur unglücklich.

Eines meiner Lieblingszitate über das Schreiben stammt aus dem Buch „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker:

„Wie wird man eigentlich Schriftsteller, Harry?“

„Indem man nie aufgibt. Wissen Sie, Marcus, die Freiheit beziehungsweise das Streben nach Freiheit ist ein ewiger Kampf. Wir leben in einer Gesellschaft aus resignierten Büroangestellten, und um uns aus dieser misslichen Lage zu befreien, müssen wir gleichzeitig gegen uns selbst und gegen die ganze Welt ankämpfen. Wir müssen uns unsere Freiheit jeden Augenblick neu erkämpfen, aber das ist uns nicht wirklich bewusst. Ich jedenfalls werde nie klein beigeben.“

„Die Wahrheit über den Fall Harry Québert“ – Joël Dicker

Ich werde auch nicht klein beigeben. Also weitermachen, immer weitermachen!

Wie genau das Weitermachen aussieht, was Carmen und mich inspiriert, uns in Flow versetzt oder in die Tischplatte beißen lässt, all das erfahrt ihr in weiteren Posts auf dieser Seite. Wir hoffen, wir können euch ebenfalls inspirieren, niemals aufzugeben, egal, was ihr euch vorgenommen habt.

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