Geschichten. Überall und Jederzeit

Kategorie: Alltagszauber (Seite 2 von 3)

Ohne Worte – Teil 2

von Jana, Lesezeit ca. 5 Minuten

So beginnt die Freundschaft zwischen Paula und Katja: Teil 1, lies los!

„Und was willst du?“
Katja starrte lange auf ihren Block, doch Paula erhielt keine Antwort.

Plötzlich stand ihre Mutter in Jörgs Café. Sie wirkte hektisch, ihr Mantel war ihr von einer Schulter gerutscht, ihre Augen waren weit und gerötet.
„Verdammt Paula, warum gehst du nicht an dein beschissenes Handy!“, brüllte sie beinahe und zog den Blick der zwei übrigen Gäste auf sich, doch das schien ihr völlig egal. Sie lief zu Paula, packte sie am Arm. „Dein Bruder ist im Krankenhaus, verdammt. Ich musste ihn allein lassen wegen dir, dein Vater ist noch unterwegs. Jetzt komm endlich!“

Paula verstand die Worte nicht gleich, wollte die verhassten Worte vielleicht auch nicht verstehen. Sie verstand auch nicht, wie ihre Mutter sie aus dem Café zerrte und in ihr Auto.
Erst als sie auf dem harten Stuhl saß in einem Raum voller harter Stühle, eingekeilt zwischen einer schwer atmenden alten Dame und einer dahinwelkenden Topfpflanze, da begriff sie, dass etwas passiert sein musste. Etwas Schlimmes. Etwas mit ihrem Bruder. Doch der lauteste Gedanke in ihr war der, dass sie sich nicht von Katja verabschiedet hatte. Was, wenn Katja schon heute umzog? Jetzt gerade? Warum zog sie überhaupt um? Und warum konnte sie nicht an ihren Bruder denken? War sie so ein schlechter Mensch?

„Dein Bruder wird wieder“, sagte ihr Vater. Er war irgendwann in der letzten halben Stunde gekommen und hatte den Platz mit der alten Dame getauscht. „Es war ein Autounfall. Er ist wohl bei Rot über die Straße gerannt. Wie Kinder das eben so tun.“
Als wäre sie kein Kind mehr, dachte Paula. Sie war immerhin erst vierzehn.
„Deine Mutter meinte, sie hätte dich nicht erreicht, Paula. Dafür haben wir dir aber das Smartphone geschenkt. Das war nicht leicht für uns. Es war teuer, verstehst du? Wir wollen dich erreichen können. Es wäre schön, wenn du das respektieren könntest.“
„Es ist kaputt. Tut mir leid.“
„Du hast es kaputt gemacht?“
Paula sagte nichts. Es waren schon zu viele gesprochene Worte gewesen. Worte, die weh taten. Worte, die nicht ausdrückten, wie sie sich fühlte. Sie wollte nicht über ein blödes Smartphone streiten. Sie wollte sich von Katja verabschieden und ihren Bruder sehen. Sie wollte zu Menschen, die sie verstanden.
„Es tut mir leid, Paula“, sagte ihr Vater und plötzlich griff er nach ihrer Hand. Das hatte er lange schon nicht mehr getan. „Das war nicht fair von mir. Erzählst du mir, was passiert ist?“
Sie überlegte. Aber nun waren so viele Worte gesprochen, auf ein paar mehr kam es auch nicht an.
„Ein Junge in der Schule ist drauf getreten. Ich wollte nicht… ich wusste, ihr könnt kein neues kaufen.“
„Wann war das?“
„Vor ein paar Wochen.“
„Aber… deine Musik, du hörst doch ständig Musik!“
Paula wunderte sich, dass das ihrem Vater tatsächlich aufgefallen war. Sie zuckte mit den Schultern.
„Warum dann die Kopfhörer?“
„Ihr streitet. Ich will nicht… wenn ich sie aufhabe, bin ich nicht da.“
Ihr Vater sagte nichts mehr, doch er hielt weiter ihre Hand. Irgendwann stieß ihre Mutter zu ihnen und dann durfte Paula endlich zu ihrem Bruder.

Katja zog zwei Wochen später nach Berlin. Sie hatten sich nur noch selten außerhalb der Schule gesehen. Ein Umzug schien viel Vorbereitung zu brauchen und Paula war oft im Krankenhaus gewesen. Ihr Bruder hatte einen komplizierten Beinbruch, doch er würde wieder gesund werden. Ihre Eltern stritten auf eine neue stille Art und beinahe wünschte Paula sich die Worte wieder zurück. All das Ungesagte, das im Raum stand und zwischen sie kroch, war kaum zu ertragen. Doch sie hatte ein neues Smartphone bekommen und die Musik würde nun eben die Stille füllen.

Paula war dabei, als Katja abfuhr. Sie beobachtete, wie die Mütter ihrer Freundn die letzten Kisten aus dem weißgetünchten Einfamilienhaus ins Auto brachten, ein Kombi, der in der Garageneinfahrt parkte. Einer Garage, die größer war als Paulas Wohnung.
„Wow“, sagte sie. „Habt ihr einen Pool im Garten?“
Katja verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf.
„Warum haben wir uns nie bei dir getroffen? Ehrlich, wenn wir deinen Müttern nicht hätten begegnen wollen, hätten wir uns einfach in der Garage versteckt. Vermutlich ist da ein eigenes Land drin.“
Katja lachte. Dann zog sie ihre beiden Händen vor die Brust und machte eine Geste wie ein Schraubstock.
„Ja, zu viel Fürsorge ist auch anstrengend.“
Sie setzten sich auf den Bordstein und Katja verband ihr Smartphone mit Paulas Kopfhörern aus reiner Gewohnheit. Sie entschieden sich für Coldplay, die für sie beide auf Platz drei der besten Bands standen, ein guter Kompromiss. Sie mussten die Kopfhörer etwas schräg halten und ihre Gesichter ganz nah zueinander drehen, um beide etwas zu hören. Es lief „Fix you“ und Paula dachte an Katjas bevorstehende Operation.
„Ich weiß nicht, ob ich dich noch mag, wenn du sprechen kannst. Ich habs nicht so mit Worten“, sagte sie schließlich.
Katjas Hände blieben stumm. Doch dann spürte Paula den Kuss auf ihrer Wange.

3

Ohne Worte – Teil 1

von Jana, Lesezeit ca. 10 Min.

Jemand stupste an ihre linke Schulter und Paula sah auf. Vor ihr stand die Neue aus der Parallelklasse, deren Namen sie nicht kannte. Aber sie war ihr schon aufgefallen, in den Gängen der Schule genau wie auf dem Schulhof. Es waren die schwarzen buschigen Haare, die herausstachen, obwohl das Mädchen kleiner war als die meisten, auch kleiner als Paula. Zudem trug sie immer die gleiche schwarze abgewetzte Lederjacke, die sie heute mit einem knallroten Schal kombiniert hatte, der fast noch ihre Nase bedeckte. Darüber blitzten schwarze, freche Augen Paula an und ein Lächeln schob sich jetzt knapp über den Rand des Schals.
Das Mädchen fuchtelte vor Paulas Gesicht und Paula nahm ihre Kopfhörer ab. Es lief keine Musik darauf, sie mochte es nur, wenn andere Leute dachten, sie würde von der Welt um sie herum nichts mitbekommen. Es machte sie selbst auf angenehme Art unsichtbar.
„Du kannst mit mir reden“, sagte Paula jetzt, „ich kann dich hören.“
Das Mädchen hielt inne und starrte sie einen Augenblick überrascht an, sagte jedoch nichts.
„Reden. Du kannst mit mir reden“, wiederholte sie.
Das Mädchen sagte noch immer nichts. Aber sie fing an zu lachen. Sie öffnete den Mund und schüttelte sich, was ihren ganzen Körper zum Vibrieren zu bringen schien. Es erinnerte Paula an einen alten Film, denn es gab keinen Ton. Nur einen komischen abgehackten Laut, wie bei einer Störung im Radio. Sender und Empfänger verpassten sich immer ganz knapp.
Als das Mädchen sich beruhigt hatte, holte es aus den Taschen seiner Lederjacke einen kleinen Block und einen Kugelschreiber und schrieb etwas auf. Mit großer theatralischer Geste riss sie den Zettel ab und reichte ihn Paula.
„Hallo, ich heiße Katja, mag die Farbe rot und Spaziergänge bei Nacht. Und ich bin stumm. Wie heißt du?“
„Ähm…“, machte Paula. Sie war viel zu perplex, um etwas zu sagen. Katja riss Augen und Mund auf und schien Paulas Gesichtsausdruck zu imitieren. Dann schüttelte sie sich wieder in stummen Lachen. Irgendwann lachte Paula mit. So wurden sie Freundinnen.

Paula mochte keine gesprochenen Worte. Reden war ihr zuwider. Reden führte zu schreien, zu schimpfen, Worte waren dazu da, andere zu verletzen. Das kannte sie von ihrem Zuhause, wo ihre Eltern sich pausenlos stritten. Und von der Schule, wo sie Namen bekam, die nicht zu ihr passten. „Lesbe“, riefen sie. „Freak“.
Deswegen hatte sie sich irgendwann die Kopfhörer besorgt, gebrauchte von einem anderen Mädchen. Am Anfang hatten die noch ihre Lieblingsmusik gespielt, auf voller Lautstärke natürlich, und tatsächlich all die Worte ausgeblendet. Doch dann war ein Junge aus ihrer Klasse auf ihr Smartphone getreten. Ein lautes Knacken, irreparabel. Seitdem war es schwieriger, die Worte nicht zu hören. Doch zumindest sprach nie jemand sie direkt an. Die Kopfhörer und der Blick auf den Boden machten sie unsichtbar.

Für Katja war sie nicht unsichtbar. Katja redete ununterbrochen mit ihr, auf die gute Art. Ihre Hände flatterten und immer lächelte sie dabei. Immer. Sie hatte schnell aufgegeben, ihre Worte aufzuschreiben. Sie hatte einfach erzählt und erzählt und Paula hatte gelernt zu folgen. Katja sprach keine klassische Gebärdensprache, zumindest nicht mit Paula, sondern benutzte alles, was ihr in die Finger kam. Stifte und Blöcke wurden zu Städten, Blumentöpfe zu Personen, Kleidungsstücke führten heimliche Liebesbeziehungen miteinander. Wenn etwas zu verworren war, dann deutete sie einfach auf ihre Haare, was Paula besonders komisch fand.
Katja fand immer einen Weg um sich auszudrücken. Und selbst als sie sich dann doch über etwas stritten, nämlich welche Band die bessere war, Placebo oder Linkin Park, schrien sie sich nicht an. Katja warf theatralisch ihre unfrisierbare Mähne in den Wind und erklärte gestenreich, dass sie sich darauf einigen würden uneinig zu sein. Und Paula zuckte mit den Schultern. Das hieß ja.

Wenn sie sich nach der Schule trafen, gingen sie in den Park, die Bibliothek oder das kleine Café am Planetarium. Jörg, der Betreiber ließ sie dort stundenlang sitzen, ohne dass sie etwas bestellen mussten und schmuggelte sie sogar ab und zu in eine der Vorführungen. Katja mochte tatsächlich nächtliche Spaziergänge, doch die waren mit drohendem Hausarrest verbunden. Da sie die Nacht liebte, weil sie die Sterne liebte, war das Planetarium die perfekte Lösung. Sie versuchte Paula ihre Liebe zu erklären. Die Unendlichkeit, sagte sie, und dass etwas so profanes und unromantisches wie große Gaskugeln Milliarden von Kilometern entfernt, den Menschen Hoffnung bringen konnten.
„Alles eine Frage der Perspektive“, schrieb sie auf einen Zettel. Bei manchen Sätzen wollte Katja ganz sicher gehen, dass sie verstanden wurde.

Sie trafen sich nie bei sich zu Hause. Paula hatte schnell klar gestellt, dass ihre Wohnung ein Kriegsschauplatz war, den sie versuchte zu meiden und zu dem sie ohnehin nur noch zurückkehrte, weil da ihr kleiner Bruder war, den sie nicht im Stich lassen konnte. Katja sprach nie von ihrer Familie und auch nicht von ihrer Vergangenheit. Es war das einzige Thema, zu dem Paula ihr nicht eine Geste entlocken konnte. Sie drängte ihre Freundin nicht, auch wenn sie gerne mehr gewusst hätte. Es war nicht Neugier. Sie machte sich Sorgen.

Als die Wochen vergingen, vergrößerten sich Paulas Sorgen. Immer öfter erwischte sie Katja dabei, wie sie traurig vor sich hinstarrte. Sie war nur noch schwer zum gestenreichen Geschichtenerzählen zu animieren, begnügte sich meist mit Nicken, Kopfschütteln und Schulterzucken. Und dann eines Tages holte sie wieder den Block und den Kugelschreiber hervor. Sie schien lange nach Worten zu suchen und als sie Paula endlich den Zettel reichte, standen nur drei darauf.
„Ich werde wegziehen.“
„Aber… wann? Und warum?“
Katja zuckte mit den Schultern, doch Paula konnte das nicht so einfach stehen lassen.
„Warum?“, wiederholte sie.
Katja nahm den Block und den Stift. Diesmal dauerte es noch länger ehe Paula endlich einen Zettel in den Händen hielt.
„Operation in Berlin. Spezialist.“
„Aber wegen einer Operation… da kommst du doch wieder, nicht wahr?“
Katja schüttelte den Kopf und schrieb wieder. „Meine Mütter wollen umziehen. Kein Ballast sagen sie.“
„Und was willst du?“
Katja starrte lange auf ihren Block, doch Paula erhielt keine Antwort.

Warum erhält Paula keine Antwort? Und können die beiden ihre neu gewonnene Freundschaft bewahren? Das erfahrt Ihr hier, lies weiter!

1

Lilly schreibt ein Buch (Teil 3)

Wie ist die kleine Lilly auf die Idee gekommen, ein Buch schreiben zu wollen?
Hier beginnt die Geschichte: Teil 1 und Teil 2.


von Carmen

Im Arbeitszimmer nahm Mama ein paar Kissen vom Sofa, das neben dem großen Regal in der Ecke stand, und legte sie auf den Hocker, auf dem es sich Lilly bequem machen sollte. So konnte Lilly neben Mama am Schreibtisch sitzen und war fast so groß wie sie.

Mama verteilte zwei Stapel Schmierpapier, an Lilly und an sich selbst, während Lilly sich schon mal einen Stift aussuchen konnte. Erneut stellte Lilly mit Bedauern fest, dass Mama nur blaue oder schwarze Stifte hatte, und sie überlegte kurz, ob sie nicht doch ihren Glitzerstift aus dem Kinderzimmer holen sollte. Aber wenn sie ehrlich war, konnte sie es gar nicht erwarten, mit dem Schreiben anzufangen. Da war die Farbe des Stiftes fast egal. Außerdem lagen zur Not noch ihre Buntstifte in der obersten Schublade des Schreibtisches. Die bewahrte Mama dort auf, bis Petzi und Lilly das Kinderzimmer fertig aufgeräumt hatten.

Mama ließ sich neben Lilly in ihren großen Bürostuhl fallen, der so herrlich quietschte, wenn man sich hineinsetzte und mit dem man wunderbar Karussell spielen konnte – wenn Mama nicht dabei war.
„Bist du bereit?“, fragte Mama.
Lilly war gespannt auf das Wort ‚Hexe‘. Sie hatte eine gute Wahl getroffen, fand sie. ‚Hexe‘… Lilly dachte an die vielen Hexen, die sie kannte. Es gab gruselige Hexen, alte Hexen, Hexen mit krummen Nasen, langen, grauen Haaren, schrillen Stimmen und spitzen Hüten. Manche konnten auf alten Besen fliegen, manche besaßen Häuser aus Lebkuchen mit Fenstern aus Zucker. Manche hatten Raben als Haustiere, wie die kleine Hexe mit dem Raben Abraxas. Es gab hungrige Hexen, wie die, die Hänsel aufessen wollte. Lilly war immer noch erleichtert, dass Gretel ihren Bruder hatte retten können. Es gab aber auch junge Hexen, wie Bibi Blocksberg, die Jeans trugen und gerne auf Pferden ritten. Und es gab Lillys Hexe, eine listige, kluge, gute Hexe, die im Wald ihren Schatz jedes Mal erneut gegen die Räuber schützen musste.
Ja, Lilly war bereit. Gespannt schaute sie Mama zu, wie Mama die ersten Striche malte.

Mama malte vier Zeichen, alle mit etwas Abstand zueinander, wobei das zweite und das letzte Zeichen gleich aussahen, wie Lilly auffiel.
„Das erste ist ein Ha“, erklärte Mama, „da machst du zwei Striche von oben nach unten, so, und in der Mitte machst du einen Strich, der die beiden verbindet. Schau, sooo.“
Interessiert sah Lilly Mama zu, wie sie dieses ‚Ha‘ malte.
„Das sieht aus, wie im Wald, wenn ein Baum dem anderen ‚Hallo‘ sagt“, fand Lilly.
Mama hielt kurz inne und schaute sich den Buchstaben an.
„Wie meinst du das?“, fragte Mama.
Warum fragte Mama so etwas Merkwürdiges, das war doch offensichtlich. Ohne nachzudenken nahm sich Lilly die Buntstifte aus der obersten Schublade, was ihr eine hochgezogene Augenbraue von Mama einbrachte, und zeigte Mama, was sie meinte. Sie malte das ‚Ha‘ noch einmal auf ihr eigenes Schmierpapier: zwei Bäume, die sich begrüßten.
„Hmm, du hast recht“, sagte Mama nachdenklich, „das ist mir noch nie aufgefallen. Dann bin ich gespannt, an was du denkst, wenn du dir die anderen Buchstaben anschaust. Wie du siehst, gibt es den nächsten Buchstaben gleich zweimal im Wort. Dieser Buchstabe heißt ‚Eh‘. Kannst du mir sagen, an was der dich erinnert?“

Lilly schaute sich das ‚Eh‘ nachdenklich an. Der Buchstabe sah aus, wie eine Schnecke im Schneckenhaus, in die die Hexe die Räuber so oft verwandelte. Mama hatte die beiden ‚Eh’s etwas unterschiedlich gemalt: das vordere ‚Eh‘ schien schüchtern zu sein und ängstlich. Der hintere Buchstabe war neugieriger und bereit, die Welt zu entdecken. Eifrig griff Lilly wieder nach den Buntstiften und malte die zwei Schnecken für Mama, die vordere noch versteckt in ihrem schützenden Panzer, die hintere mit ausgestreckten Fühlern auf Abenteuersuche.
Für die beiden Schnecken benötigte Lilly etwas mehr Zeit, aber Mama wartete geduldig, bis sie fertig war mit Malen und schaute ihr währenddessen interessiert zu. So viel Zeit hatte Lilly schon lange nicht mehr mit Mama alleine verbracht. Wenn Mama und Lilly alleine zuhause waren, musste Mama oft arbeiten. Beim Mittagessen oder Abendessen oder wenn Mama eine Geschichte vorlas, war immer Jakob mit dabei. Das war auch schön, Lilly liebte ihren Bruder sehr, auch wenn Jakob manchmal furchtbar nerven konnte, besonders wenn er sie nicht mitspielen ließ oder wieder einmal sagte, sie sei zu klein für irgendetwas. Aber jetzt, wo Mama nur für sie da war, ohne Jakob und – wie Lilly beschämt zugeben musste – auch ohne Petzi, da wurde Lilly ganz warm ums Herz. Sie war sehr, sehr glücklich.
„Fertig!“, rief sie und hielt Mama das Blatt mit den Bäumen und den zwei Schnecken zur Begutachtung hin. Zwischen den Schnecken hatte sie etwas Platz gelassen, damit noch das letzte Zeichen hinpasste, das bei Mama recht einfach aussah.
„Jetzt fehlt nur noch ein Buchstabe. Der heißt ‚Ix‘ und ist ein einfaches Kreuz“, sagte Mama, während sie nochmal ein Kreuz auf ihr Blatt malte.
Nur noch ein Zeichen? Lilly war verwirrt.
„Aber was ist mit dem Spuckzeichen? Wir haben das Spuckzeichen vergessen!“
Mama lächelte: „Ja, da hast du recht. Es fehlt ein Spuckzeichen. Aber leider wurden Spuckzeichen noch nicht erfunden, so dass wir Erwachsene beim Vorlesen bei jedem Wort aufpassen müssen, nicht zu spucken.“ Dabei betonte Mama ‚jedem‘.
Keine Spuckzeichen? Lilly war schockiert und wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Und vor wirklich jedem Wort aufpassen, nicht zu spucken? Das war ja furchtbar. Furchtbar langweilig. Sie ertappte sich dabei, dass nun ihr die Spucke im Mund zusammenlief. Wenn sie ihr Buch schreiben würde, würde sie auf jeden Fall Spuckzeichen mit einbauen. Auf jeden Fall.

Sie schaute sich wieder den letzten Buchstaben an, dieses Kreuz. Sie musste an die kluge Hexe denken und fragte sich, ob ihre Hexe fliegen konnte. Bis jetzt hatte sie das noch in keiner der Geschichten getan. Doch wie viele neue Möglichkeiten gab es auf einmal, den Räubern ein Schnippchen zu schlagen! Lilly beschloss, dass ihre Hexe fliegen konnte, und malte das ‚Ix‘ zwischen den beiden Schnecken: zwei Hexenbesen über Kreuz.
Als Lilly fertig war, war sie fast etwas enttäuscht. Sie merkte, dass die Zeit mit Mama langsam zu Ende ging. Unwillkürlich kuschelte sie sich etwas enger an Mama. Mama strich ihr über die Haare und drückte ihr einen Kuss auf den Kopf.

„Das war’s. Jetzt kannst du ‚Hexe‘ schreiben. Ganz leicht, oder?“, sagte Mama stolz.
Lilly nickte. Schreiben war gar nicht schwer, aber das wusste sie ja schon. Sie war etwas geknickt, weil es in Wirklichkeit keine Spuckzeichen gab. Das war ein schwerer Mangel, da würde ihr Petzi sicher zustimmen. Petzi würde sehr enttäuscht sein. Lilly war sich sicher, dass Petzi sich still und heimlich auf die vielen Spuckzeichen in den Büchern gefreut hatte, die sie beide noch schreiben würden. Wahrscheinlich hätte er absichtlich viele Wörter mit Spuckzeichen eingebaut, so dass sie sich beim Vorlesen gegenseitig viel anspucken mussten. Sie stellte sich Mama und Jakob mit einem schützenden Regenschirm vor, wenn sie ihnen aus ihrem selbst geschriebenen Buch vorlas mit allen von Petzi eingebauten Spuckwörtern. Lilly musste kichern, wenn sie daran dachte. Oder…oder… vielleicht… Lilly hatte auf einmal eine Idee. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, wenn sie die Leser nicht vorwarnte, dass ein Spuckwort folgte…
Oh, sie musste schnell zu Petzi!

„Mama, ist Petzi jetzt schon wieder sauber?“
Lilly konnte es nicht erwarten, Petzi wiederzusehen und ihm von ihrem Plan zu berichten.


2

Lilly schreibt ein Buch (Teil 2)

In Teil 1 der Geschichte beschließen Lilly und ihr Teddy Petzi, ein Buch zu schreiben.


von Carmen

Petzis Gesicht zeigte keine Regung ob dieser tollkühnen Ankündigung. Vielleicht war er gar nicht überrascht, weil er mit Lilly schon ganz andere Abenteuer erlebt hatte.
„Komm, Petzi“, sagte Lilly. Sie stand auf, packte ihn beim Arm und machte sich auf den Weg zu Mamas Arbeitszimmer, wo immer ein ganzer Vorrat an Stiften und buntem Papier zu finden war.
Mama hatte eine Kiste voller Schmierpapier: alte Briefe oder Texte, die aus einem Gerät namens „Scheiß-Drucker“ herausgekommen waren. Als Lilly Mamas Arbeitszimmer betrat, war Mama dabei, mit einem schwarzen Stift Striche, Kreise und merkwürdige Zeichen auf ein Blatt zu malen, bevor sie das Blatt noch einmal anschaute und es unzufrieden zum restlichen Schmierpapier legte. Lilly hatte Mama einmal gesagt, dass sie wusste, warum Mama so schlecht malte. Mama nutzte nämlich immer die gleichen blauen oder schwarzen Stifte, niemals rote oder grüne oder glitzernde, so wie Lilly es tat. Lilly hatte angeboten, dass Mama ihre Buntstifte benutzen konnte, dann würden die Bilder sicher hübscher werden und sie musste nicht so viele in die Schmierpapier-Kiste entsorgen. Doch Mama hatte Lilly lächelnd erklärt, dass sie gar nicht malen wollte, sondern arbeite. Mama hatte gesagt, dass auch sie bei der Arbeit übe, so wie Lilly auch das Schreiben ihres eigenen Namens hatte üben müssen. Am Anfang klappt es nicht so gut, aber nach und nach wird es immer besser. Das hatte Lilly verstanden und so schaute sie Mama heute interessiert beim Arbeit Üben zu, bevor sie sich entsann, wozu sie hergekommen war.

„Langweilst du dich, mein Schatz?“, fragte Mama, als sie aufblickte und Lilly entdeckte.
„Mama“, platzte es aus Lilly heraus, „Petzi und ich schreiben ein Buch!“
Mama blickte überrascht – und vielleicht ein bisschen stolz. Daher warf Lilly schnell hinterher:
„Ich weiß schon alles übers schreiben! Ich kann Lilly schreiben und der, die und das lesen. Und ich weiß alles über Spuckzeichen, Zeichen für langweilig, wie bei den Rutschbahnen und für gute, wichtige Rutschbahnen.“
„Hmm“, sagte Mama, „dann weißt du ja wirklich schon fast alles. Worüber willst du denn ein Buch schreiben?“
„Über die listige Hexe und die tollpatschigen Räuber. Wie die Räuber immer versuchen, der Hexe den Schatz zu stehlen und wie die Hexe die Räuber am Ende immer in Frösche und Kröten und Blindschleichen und Esel verwandelt.“ Lilly war ganz aufgeregt und musste schon wieder über die dummen Räuber kichern, als sie sich die Geschichte vorstellte.
„Das wird sicher ein lustiges Buch!“, sagte Mama. „Aber ich fürchte, das müssen Petzi und du noch eine Weile aufschieben.“
Lilly bekam große Augen. „Nein! Aber warum denn?“
„Hast du denn vergessen, was heute für ein Tag ist?“
Lilly hat so eine vage Ahnung, aber sie wollte lieber nichts sagen und schob Petzi hinter ihren Rücken.
„Petzi hat heute Waschtag. Je schneller er gewaschen ist, desto schneller könnt ihr mit dem Buch anfangen. Was sagst du?“
„Petzi möchte aber gar nicht in die Waschmaschine!“, sagte Lilly trotzig. Vor allem wollte Lilly so schnell wie möglich anfangen zu schreiben.
„Lilly, dein Teddy ist sehr, sehr dreckig“, erklärte Mama. „Petzi muss gewaschen werden. Da sind sogar noch Flecken von der Schokolade dran, die Oma euch vorgestern mitgebracht hat. So wie du abends baden musst, muss auch Petzi in die Waschmaschine, damit er sich wohl fühlt und gesund bleibt.“
Lilly hatte Tränen in den Augen. Sie wollte doch so gerne sofort mit dem Buch beginnen. Aber Mama hatte recht, da waren wirklich einige dunkelbraune Klumpen in seinem ansonsten hellen, flauschigen Fell. Lilly wollte auf keinen Fall, dass Petzi krank würde.
Mama kniete sich vor ihr hin, nahm sie an den Schultern und schaute sie an.
„Ich mache dir einen Vorschlag, mein Schatz. Wir bringen jetzt Petzi in die Waschmaschine und danach üben wir zusammen, ein paar Wörter zu schreiben. Wenn Petzi wieder sauber und trocken ist, kennst du sogar noch einige Wörter mehr.“
Lilly schluckte kurz. Sie war immer noch sehr enttäuscht, dass sie nicht gleich alles über die Hexe und die Räuberbande aufschreiben konnte, aber sie konnte natürlich nicht ohne Petzi anfangen. Sonst wäre er sehr traurig. Lilly schaute Mama an und nickte.
„Na, dann komm.“

Im Badezimmer, wo die Waschmaschine stand, nahm Mama den kleinen Messbecher, um das Waschpulver in die Maschine zu füllen, während Lilly Petzi beruhigte:
„Keine Angst, Petzi. ich werde nicht ohne dich anfangen. Du wirst jetzt schön sauber und ich hole dich hier wieder ab, wenn du fertig bist.“
Dann gab sie ihm einen dicken Kuss, legte ihn behutsam in die Trommel und schloss das Bullauge.
Mama stellte die Maschine ein und Lilly durfte „Start“ drücken.

„So, Lilly, dann lass uns schreiben“, sagte Mama, während sie zurück zum Arbeitszimmer gingen. „Weißt du schon, welches Wort du zuerst lernen möchtest?“
Lilly hatte noch gar nicht darüber nachgedacht. Es gab so viele spannende Wörter, wie Wald, der je nach Wetter und Jahreszeit immer anders aussah. Im Frühling hatte er so wunderschöne Blüten und es war alles voller Licht. Im Sommer wurde der Wald dunkler und spendete wunderbar Schatten und im Herbst verloren die Bäume Blätter in 1001 Farben, Lilly sammelte Kastanien und Tannenzapfen zum Basteln und Buchecker zum Naschen. Ein anderes schönes Wort war Clown. Lilly mochte Clowns, die konnten jonglieren, hatten riesige Schuhe mit lustigen Beulen an der Spitze und waren genauso tollpatschig wie ihre Räuberbande.
Aber auf einmal kam ihr eine Idee:
„Au ja, ich weiß es!“, rief Lilly. „Ich will ‚Hexe‘ schreiben. Das ist ein Wort mit Spuckzeichen. Die mag Petzi besonders!“

 

Illustration by Karoline Jørgensen
Illustration von Karoline Jørgensen

Schaffen es Lilly und Petzi, tatsächlich ein Buch zu schreiben? Wird Mama die Geschichte lesen können? Seid gespannt auf Teil 3.

Lilly schreibt ein Buch (Teil 1)

von Carmen, Lesezeit ungf. 5 Minuten

Lilly saß auf ihrem selbst gebauten Thron aus dicken Kochbüchern, die Mama ihr zum Spielen geschenkt hatte. Sie hielt sich vier Finger vor die Augen, betrachtete sie eingehend und hielt sie dann etwas tiefer, damit Petzi sie besser sehen konnte. Petzi saß still in ihrem Schoß und schien zu grübeln, genauso wie sie.
Jakob war schon acht und er hatte gesagt, sobald man eine ganze Hand braucht, um zu zeigen, wie alt man ist, ist man groß. Jakob war groß, das stand außer Frage, Lilly brauchte sogar die zweite Hand, um acht Finger zu zeigen. Mama sagte immer Sachen wie „großer Bruder“, wenn sie ihn meinte, oder „Pass auf deine kleine Schwester auf“, wenn sie mit Jakob über Lilly sprach. Ihr Bruder war groß und sie war klein, das war schon immer so. Sie spielte mit dem letzten Finger ihrer ersten Hand. Streckte ihn aus und zog ihn wieder ein. Aus – ein – aus – ein. Sie war noch einen ganzen Finger lang klein. Eine Ewigkeit, die sie sich gar nicht vorstellen konnte. Lilly war frustriert, Petzi teilte das Gefühl.

Jakob konnte so viele wunderbare Dinge machen, er konnte sogar schon schreiben. Wenn er aus der Schule nach Hause kam, machte er sich immer furchtbar wichtig und setzte sich mit dem Heft und einem Stift an den Küchentisch und schaute sehr ernst, während er ein paar Seiten im Heft vollschrieb. Manchmal motzte er Lilly an, wenn sie Lärm machte. Lilly wusste, dass er nur so tat. Jakob hielt die ernste Miene nur kurz durch. Spätestens nach zehn Minuten fing er an, zu kippeln und immer öfter zum Fenster hinauszuschauen. Sobald seine Hausaufgaben fertig waren, schmiss er sein Heft nachlässig in den Ranzen und kümmerte sich nicht mehr darum bis zum nächsten Tag.

Könnte Lilly schreiben, sie würde gar nicht mehr aufhören. Es gab so viele faszinierende Wörter, bei denen sie so gerne gewusst hätte, wie sie aussahen. Rutschbahn zum Beispiel. Sah man dem Wort an, wie viel Spaß es machte, hochzuklettern und hinunterzurutschen? Es gab so viele verschiedene Rutschbahnen, sahen die langweiligen Rutschbahnen geschrieben auch langweiliger aus, als die lustigen? In den Büchern, aus denen Mama ihr abends vorlas, sah Lilly, dass manche Wörter klein und manche groß und manche tiefschwarz mit breiten Strichen und andere ganz dünn und unscheinbar aussahen. Die meisten waren dünn und klein, vermutlich waren das die Unwichtigen. Die meisten Wörter waren ja wirklich unwichtig und doof, so wie Arbeit oder jetzt nicht oder aufräumen.
Etwas, das sich Lilly schon immer gefragt hatte: Gab es im Rutschbahn-Wort eine Warnung, dass man in der Mitte die Möglichkeit hatte, zu spucken, wenn man beim „tsch“-Teil angekommen war. Die Rutschbahn auf der kleinen Wiese direkt gegenüber war langsam und meistens rutschte man gar nicht richtig, sondern musste sich nach unten weiterziehen. Die machte überhaupt keinen Spaß. Wahrscheinlich schrieb man dann ganz klein
„[Zeichen für Spuckwort] [Zeichen für langweilig] Rutschbahn“.
Das war praktisch, fand Petzi. So wusste jeder sofort, mit was für einer
[Zeichen für Spuckwort] Rutschbahn
man es zu tun hatte. Lilly hatte den Verdacht, dass Petzi sich zu sehr für das Spuckwort-Zeichen interessierte und schon dabei war, den Speichel im Mund zu sammeln.
„Nein, Petzi“, belehrte sie ihn mit erhobenem Zeigefinger, „du darfst nicht absichtlich spucken!“
Lilly war nicht sicher, ob sie Petzi überzeugt hatte.

Nachmittags, wenn Mama am Computer arbeitete, langweilte sich Petzi immer ganz furchtbar. Lilly setzte sich dann hin und erzählte ihm eine Geschichte. Petzi mochte am liebsten die Geschichten über die tollpatschige Räuberbande und die kluge Hexe. Die Räuber wollten unbedingt den Schatz der Hexe stehlen, doch die Geschichten endeten meistens, indem die Hexe sie in Frösche oder Esel verwandelte.
Wenn sie Petzi die Geschichten erzählte, kugelte er sich vor Lachen und konnte sich gar nicht mehr halten. Lilly roch den feuchten Waldboden und hörte das unterdrückte Lachen der Hexe, die nur auf einen weiteren Versuch der Räuber wartete, weil sie einen neuen Zauberspruch ausprobieren wollte. Sie spürte die Vorfreude der Räuber darüber, dass der Raubzug diesmal sicher klappen würde und die „Jetzt erst recht“-Einstellung zum Schluss, wenn es wieder nach hinten losgegangen war. Die Puzzlestücke fügten sich und Petzi hörte gebannt zu und lag am Ende völlig erschöpft vor Lachen auf dem Boden.
Wenn Mama abends fragte, was Lilly und Petzi den ganzen Nachmittag gemacht haben, wollte ihr Lilly die Geschichte noch einmal erzählen, aber dann fielen ihr die Details nicht mehr ein. Sie erinnerte sich nicht mehr genau, die Reihenfolge stimmte einfach nicht mehr und die Geschichte erwachte nicht zum Leben. Mama weinte nicht vor Lachen, so wie Petzi es tat. Sie sagte meistens so etwas, wie „schön“ oder „das klingt ja nett, geh und wasch dir die Hände vor dem Abendessen“.
Wie oft hatte sie sich gewünscht, ihre und Petzis Abenteuer im Wald mit der Räuberbande und der Hexe aufschreiben zu können.

Zusammen mit Mama hatte sie schon ein klein wenig lesen gelernt, aus den vielen Büchern, wo die langen Worte mit kleinen Bildern ersetzt worden sind. Lilly konnte schon „und“ und „der“, „die“ und „das“ und „Lilly“ lesen, wobei „Lilly“ nie in einem Buch vorkam, sondern nur von Jakob oder Mama mit großen, fetten Strichen auf ein Schmierpapier aus Mamas Arbeitszimmer geschrieben wurde.

Was würde Lilly dafür geben, groß zu sein und schreiben zu können. Lilly schaute wieder auf ihre vier Finger und  fasste einen Entschluss. So schwer konnte schreiben gar nicht sein, das meiste wusste sie ja ohnehin schon.

 

 „Petzi, hol Papier, wir schreiben ein Buch.“

 

 


Lillys und Petzis Abenteuer, ein Buch zu schreiben, hat begonnen.
Wie es weitergeht?
Schnell weiterlesen – hier gibt es Teil 2!

2

Let`s get lost

von Jana, Lesezeit ca. 3 Minuten

Als Kind bin ich oft verloren gegangen – in meinem eigenen Kopf. Ständig war ich in einem anderen Leben, hatte dort viele Geschwister, mit denen ich gespielt und gestritten habe. Es gab in diesem anderen Leben komplizierte Regeln, die man keinesfalls brechen durfte – oder auch einem Außenstehenden verraten – sonst wären furchtbare Dinge passiert.

Mein „echtes“ Leben kam mir recht langweilig vor, deswegen brauchte ich Geschichten – gruselige, lustige, ganz egal. Am liebsten wäre ich ein Waisenkind gewesen, dem Schreckliches widerfahren war, aber alles hätte ich tapfer überstanden. Ich wäre trotzdem gut und rechtschaffen geworden. Ich wollte so gerne im Internat leben, weg von meinen Eltern, das echte, spannende Leben leben. Im Sommer war ich ein Bauernmädchen, unser riesiger Garten war meine Alm. In diesem Sommer entdeckte ich auch die Lücke im Zaun, die mich ungesehen vom Grundstück gebracht hätte – doch ich nutzte sie nie. Kletterte nur hinaus und gleich wieder hinein – wohin hätte ich auch gehen sollen? Die wirkliche Weite war schon immer in meinem Kopf gewesen. Träumen und fliegen konnte und kann ich auf engstem Raum. Was interessiert mich die Realität? Sie ist nur eine mögliche Form der Welt und selten die spannendere.

Mittlerweile habe ich Angst, die Realität allzu oft zu verlassen. Denn als Erwachsene stellt sie gewisse Aufgaben an mich, die mir niemand abnehmen kann. Also fliege ich im Schreiben? Oh, welch schöner Abschluss, schöner Trost, aber sind wir doch mal ehrlich: Im Schreiben ist kein Zauberland, da ist nie genug Weltflucht.

Morgens vor Corona…

von Jana, Lesezeit ca. 3 Minuten

Der Bus erreichte mit leichtem Schlingern die Haltestelle und bremste ab. Mühsam hatte sie sich bis zur Tür gedrängt, sah sich jetzt dem Pulk Pendler auf dem Gehsteig gegenüber.

Ja, natürlich, alle rein mit euch. Und bloß nicht auf Höflichkeit achten… oder Physik. Wo ein Körper ist, können auch mal fünf sein. Erklärt sich überhaupt nicht von selbst. Scheiß` Sci-Fi-Serien auf Netflix – Leute, das ist nicht das echte Leben! Ehrlich, aua! Ja, ich würde mich auch gerne sonstwohin beamen, könnt ihr mir glauben. War eigentliche eine bescheuerte Idee, alle alten Star Trek-Serien gleichzeitig anzufangen, einfach zu viele… genau. Wie dieser Haufen Idioten hier. Sch…! Erst aus-, dann einsteigen! Aus. Ein. Wie beim Atmen, aber das würdet ihr wahrscheinlich auch nicht hinbekommen, wenns nicht angeboren wäre. Da hat der komische Typ da ja nochmal Glück gehabt. Wie der Tod auf Latschen! Hat der überhaupt im letzten Monat geschlafen? Oder geduscht? Ekelhaft. Bloß nicht atmen… Schlafen! Bett! Das wär toll! Jetzt. Sofort. Ich muss endlich das Schlafzimmer streichen. Ist schon monatelang auf der To-Do-Liste. Nein, wenn du mir mit dem Kinderwagen über den Fuß fährst, geht es auch nicht schneller! Und bitte den Kaffee direkt über meine Jacke, heiß und fleckig, mein Lieblingsdesign. Design. Ja, Farben fürs Schlafzimmer – ist gar nicht so einfach. Malve? Rose? Irgendwas helles. Nicht zu viel. Mein Gott, hat der im Parfüm gebadet? Aber in dem seiner Oma.

Sie musste würgen. Sie fuhr die Ellenbogen aus und drückte sich durch die blind in den Bus drängende Menge. Endlich konnte sie wieder atmen.

Schreibübung zum Thema Gedankenstrom

Bus fahren in der Rushhour zu Corona-Zeiten? Fühlt sich so an: Morgens während Corona (1).

Der Anfang einer Geschichte

von Carmen, Lesezeit zwischen 5 und 10 Minuten


Der Atem brannte im Hals und zeigte sich in schnellem Rhythmus vor seinem Gesicht, wie bei einer aus der Zeit gefallenen Lokomotive. Der selbst geschneiderte Pelzmantel klebte kalt an seinem Rücken, das Gewicht zog Henry zusätzlich nach unten. Henry war sich nicht sicher, ob er weinte oder ob es der pausenlos nieselnde Novemberregen war, der ihm von der Nasenspitze tropfte. Er biss die Zähne zusammen, schluckte einen Mund voll trockener Spucke den vor Anstrengung schmerzenden Hals hinunter und setzte einen Fuß vor den anderen.
Sein Sohn bewegte sich kaum noch und wog schwer in seinen Armen. Mit seinen sieben Jahren war der Kleine gar nicht so leicht: aufgrund der Umstände hier draußen war Lukas dünn, doch gleichzeitig war er ziemlich groß für sein Alter. Das hatte er wohl von seiner Mutter. Aber auch wenn er kleiner gewesen wäre, im Moment lag er unbeweglich wie ein Sack Kartoffeln im Arm seines Vaters, dessen Muskeln anfingen, taub zu werden.
Henry blickte an sich hinunter. Er hob Lukas auf seinen linken Arm, um den rechten frei zu haben. Der Herbstwind hatte eine blonde Haarsträhne unter der Kapuze des Kindes freigelegt, die sich nass und dunkel vor der blassen Stirn abhob. Der Junge hatte das gleiche blonde Wuschelhaar wie er. Bereits bei seiner Geburt war sein Kopf voller, chaotisch zerzauster Haare gewesen. Absurderweise war Henry darauf immer sehr stolz gewesen. Das auffälligste Merkmal des Neugeborenen erinnerte an den Vater, an ihn. Ansonsten kam der Junge eher nach seiner Mutter: das schmale Gesicht mit den Sommersprossen und den ernsten Augen, die jetzt immer wieder zuckten, ohne sich jedoch zu öffnen. Henry spürte, wie sein Kind fieberte. Er musste sich beeilen, Lukas ins Trockene zu bringen. Mit der freien Hand schob er seinem Sohn die Kapuze wieder tief ins Gesicht. Henry kniff die Augen zusammen, damit ihm der Nieselregen nicht direkt hinein flog und nahm den Kampf gegen die Natur wieder auf.

Henry war gezwungen, einen steilen, schlammigen Trampelpfad hinabzulaufen, wenn er zurück zu ihrer Hütte wollte. Er musste höllisch aufpassen, dass er bei diesem Wetter nicht ausrutschte oder auf einen losen Stein trat oder über eine Baumwurzel stolperte. Es gab im Umkreis von vielen Kilometern niemanden, der ihnen hätte helfen können. Niemand würde sie hier oben in den Bergen finden oder überhaupt erst nach ihnen suchen. Er durfte nicht daran denken, was mit Lukas passierte, wenn er stürzte. Was hatte er sich nur dabei gedacht, als er am Morgen mit Lukas losgezogen war? Was hatte er sich nur dabei gedacht, als er mit Lukas in die Berge geflohen war?

Er hatte am Tag zuvor Spuren von Schneeziegen gesehen und auf fette Beute gehofft, jetzt so kurz vor dem Winter. Er machte sich Sorgen wegen ihrer Vorräte, die waren dieses Jahr nicht besonders üppig. Es war erst Mitte November, doch die Reserven waren jetzt schon knapp. Als er die Spuren der Ziegen entdeckt hatte, hatte er gehofft, mit einem oder zwei erlegten Tieren einen kleinen, aber wichtigen Puffer aufbauen zu können. Doch am Morgen hatte Lukas gehustet und war weinerlich. Das hätte Henry ein Warnsignal sein müssen, denn das passte so gar nicht zu seinem Sohn. Lukas war ein ernster Junge. Er erinnerte sich nicht mehr daran, dass er früher einmal andere Kinder gekannt und mit ihnen auf dem Spielplatz gelacht und gespielt hatte. Hier oben gab es nur sie beide, Lukas kannte nur seinen Vater. Henry hatte ihn schon ewig nicht mehr lachen – oder weinen – gehört.
Der Junge erledigte pflichtbewusst seine Aufgaben, er kannte es nicht anders. Er prüfte die Kaninchen-, Fisch- und Vogelfallen und reparierte sie notfalls selbst. Er fütterte den alten Esel, der Vater und Sohn vor drei Jahren geholfen hatte, das Gepäck hochzuschleppen und der seitdem keine Funktion mehr hatte, außer der, ein sehr geduldiger Zuhörer für den Jungen zu sein. Henry hatte die letzten Wochen häufig darüber nachgedacht, den Esel notzuschlachten, wenn die Vorräte nicht reichen sollten und hatte heimlich gehofft, dass die Natur ihm diese Aufgabe abnehmen würde.

In der Früh, bevor sie aufgebrochen waren, hatte Henry Lukas einen Tee mit getrocknetem Berufkraut gemacht und sah die Sache damit als erledigt an. Das bisschen Husten erledigte der Tee in der Regel sofort, Henry und Lukas waren fast ausschließlich draußen und so abgehärtet, dass sie nie ernsthaft erkrankten. Als Lukas den Tee ausgetrunken hatte, waren sie losgezogen, wie geplant. Schneeziegen interessieren sich nicht für die Befindlichkeiten ihrer Jäger. Die Natur interessiert sich nicht für die Befindlichkeiten ihrer Bewohner. Friss oder stirb. Sie durften die Gelegenheit nicht verpassen und sich diese unverhoffte Beute entgehen lassen. Wenn sie das Glück hatten, dass sich Beute in ihre Ecke des Bergwaldes verirrte, mussten sie diese Gelegenheit beim Schopf packen. Alleine könnte Henry die Schneeziegen schwerlich erlegen. Henry war durch die letzten Jahre besser geworden, was das Jagen mit Pfeil und Bogen betraf, aber es fiel ihm immer noch schwer, bewegliche Ziele auf große Distanz zu treffen. Er benötigte Lukas Hilfe, der die Tiere in seine Richtung treiben musste.
Um Mittag herum hatte der Regen auf einmal eingesetzt und die Pläne fürs Jagen über den Haufen geworfen. In den Bergen konnte das Wetter einen immer überraschen. Im dichten Nieselregen war es unmöglich, mehr als fünf oder sechs Meter weit zu sehen.
Normalerweise suchte man sich dann einen Unterschlupf, wo dem man geduldig das Ende des Regens oder zumindest eine bessere Sicht abwartete und nahm danach die Jagd wieder auf. Doch auf der Suche nach einem solchen Unterschlupf musste Henry immer öfter auf Lukas warten, der das Tempo nicht mehr mithalten konnte und irgendwann war klar, dass mit seinem Sohn etwas ernsthaft nicht in Ordnung war. Als sich Henry entschloss, den Nachhauseweg anzutreten, glühte das Kind bereits.
Jetzt, Stunden später, war sein Sohn nicht einmal mehr ansprechbar. Henry gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Konnte er es rechtzeitig in die Hütte schaffen, um seinen Sohn vor der nassen Kälte zu schützen? Wie schlimm war das Fieber? Er hatte kaum noch richtige Medikamente, mitgebrachte Medikamente. Konnte sein Sohn ohne Medikamente überleben? Henry überschlug kurz ihren Kräutervorrat. Berufkraut war auf jeden Fall noch da. Weidenrinde und Holunderblüten müssten auch noch vorhanden sein. Hoffentlich reichte das. Hoffentlich half das.

Henry hatte sich für das Leben in der Einsamkeit entschieden, um sich, aber vor allem um seinen geliebten Sohn zu schützen. Sie hätten nicht in der Stadt bleiben können. Das war zu gefährlich gewesen – so dachte er damals. Konnte es ein, dass das seine erste Fehlentscheidung gewesen war? Nicht erst sein blinder Aktionismus heute Morgen, sondern die Flucht vor drei Jahren? Er hätte niemals gehen dürfen. Er hätte vor allem kein kleines Kind mitnehmen dürfen! Wann hatte er den Jungen das letzte Mal lachen sehen. Kinder mussten doch lachen, spielen und herumtollen. Nicht Fallen prüfen und Früchte sammeln. Nicht Verantwortung tragen, ob am Abend etwas Essbares auf dem Tisch ist. Die ständigen Sorgen um Vorräte, Proviant, Jahreszeiten, Wetter. Wie hatte Henry so blind sein können?
Die Hütte war nicht mehr weit, maximal noch eine Viertelstunde – vorausgesetzt er schaffte es heil diesen Trampelpfad hinunter. Lukas fing an zu stöhnen und zu krampfen. Henry spürte die Hitze seines Kindes durch die Pelzmäntel hindurch. Hoffentlich war es noch nicht zu spät.

Das Einfachste der Welt

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

„Ich wollte immer hier raus“, sage ich und starre auf das viel zu vertraute Bild zugewachsener Gleise, halbverfallener Schuppen und einen schmutzig-roten Sonnenuntergang.

Die Schuppen waren schon so verfallen, als ich all das hier das erste Mal sah. Damals, als wir diesen, unseren Platz fanden, eine rissige Backsteintreppe, die wohl mal irgendwohin geführt hat, jetzt aber völlig isoliert in der Nähe der Gleise steht. „Stairway to Heaven“ hat Hape sie irgendwann mal getauft. Aber so oft wir sie auch ersteigen – sie führt uns nirgendwo anders hin, auch heute nicht. Wir bleiben hier und obwohl wir älter werden, ändern wir uns nicht. Wir sind wie diese Schuppen, die vor Jahren schon hätten einstürzen müssen, aber stattdessen in ihrem halbverfallenen Zustand der Zeit trotzen, als gäbe es irgendetwas zu beweisen.

„Und wo bin ich jetzt?“, frage ich niemand bestimmtes, aber natürlich fühlt sich Hape angesprochen, denn außer einer verirrten Maus und ein paar Vögeln ist er es, der diesen beschissenen Moment meines Daseins mit mir teilt. Und er lacht. Kein richtiges, lautes Lachen, mehr so ein Schnaufen neben mir. Ich bin empört, werfe ihm auch einen entsprechenden Blick, doch er schüttelt nur den Kopf.

„Alter, du bist 28, nicht 68 – jetzt piss dir mal nicht ins Hemd! Du kommst schon noch raus“, murmelt er. „Außerdem wohnst du nicht mehr bei deinen Eltern – das ist ein Anfang.“

„Aber ich wohne nicht mindestens 1.000 km von diesem Kaff entfernt – also wohne ich quasi noch bei meinen Eltern.“

„Das ist deine Interpretation…“

Ich seufze. „Scheiße Mann, mit 18 war ich sicher, dass ich um diese Zeit den halben Planeten gesehen habe!“

„Was hat dich gehindert?“, fragt Hape mich, doch er kennt die Antwort (sie ist weiblich und schön und hat jetzt einen anderen) und deswegen ist es eine rhetorische Frage.

„Was hindert dich jetzt?“, hakt er nach und natürlich hat der Recht, doch ich will dieses Thema nicht logisch angehen. Ich will einfach nur mit mir und der Welt unzufrieden sein, auch wenn das bedeutet, dass ich innerlich nicht 28 sondern eher 8 Jahre alt bin.

„Warum willst du nicht weg?“, frage ich stattdessen. Ich habe Hape immer in einem Jet-Set-Leben gesehen. Scheiße berühmt. Rockstar oder so. Weil er einfach nie in diese Welt gepasst hat, in diesen kleinen Ort vor der großen Stadt mit grauen Häusern und farblosen Meinungen mit der Tendenz zu braun.

Hape war der Junge, der verprügelt wurde, weil er ein Glitzer-T-Shirt trug und am nächsten Tag unbehelligt mit „Better gay than asshole“ durchkam, weil seine Feinde zu blöd waren, den Aufdruck zu verstehen.

Hape zuckt mit den Schultern. „Warum sollte ich?“

Ich weiß, dass er irgendetwas mit Musik macht. Irgendwie nebenbei. Er lebt seinen Traum – irgendwie – und trotzdem. „Na, weil hier… hier ist. Und nicht New York oder so…“

Hape lacht, diesmal wirklich. Ein lautes, helles Lachen. Er scheint gar nicht wieder aufhören zu wollen.

Dann kommt jemand, das vertraute Bild wird von einer Silhouette durchbrochen. Eine Person, die langsam auf uns zugeht, die Sonne im Rücken, ihre Gesicht verdunkelt. Ich erkenne sie nicht, aber Hape tut es. Er hört auf zu lachen, aber ein Lächeln bleibt in seinem Gesicht und es wird breiter je näher die Person auf uns zukommt.

„Mein New York ist hier“, sagt er dann, als wäre es das Einfachste der Welt.

Du kanntest Hape noch nicht? Hier ist noch eine Geschichte mit ihm: Lies los! Außerdem hat sich Hape von der Autorin interviewen lassen. Schau einfach mal auf Facebook bei uns vorbei!

Familienabend

Erinnert ihr euch noch an unser Adventsspiel? Damals haben wir 
5  Wörter vorgeschlagen, um daraus eine Geschichte zu basteln.
Marienkäfer, Petersilienhochzeit, Luftpolsterfolie, Massenmörder, Platzhalter
Eine mögliche Geschichte geht so:

von Carmen, Lesezeit <5min

„Sie ist nichts weiter als ein kleiner Terrorist!“ Es glänzte verräterisch in den Augen der jungen Frau, als sie den Kopf von der Grußkarte hob und in Richtung Kinderzimmer blickte. Von dort war nach einer sehr kurzen, sehr trügerischen Stille neues, ohrenbetäubendes Geschrei zu hören.
„Nana, so kannst du sie doch nicht nennen!“ Ihr ebenso junger Ehemann versuchte es in beschwichtigendem Tonfall, obwohl man ihn bei diesem Lärm fast überhörte.
„Warum denn nicht??? Immer, immer, immer schreit sie. Sie hat keinen Hunger, sie ist nicht krank, sie liegt trocken und warm. Sie weint, wenn ich sie halte, sie weint, wenn du sie hältst, sie weint im Bettchen. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal geschlafen habe. Ich schaffe es nicht einmal mehr, einen Text für Sylvias und Hennings Petersilienhochzeit zu schreiben.“ Nun waren die Tränen in ihren Augen deutlich zu erkennen. „ICH DARF SIE TERRORISTIN NENNEN, WENN ICH DAS WILL!“
Die junge Frau schloss kurz die Augen, atmete tief durch: „Ich bin doch ihre Mutter. Wir haben alles genauso gemacht, wie der Arzt es gesagt hat. Wie es hier steht“, sie deutete auf ein Buch, das aufgeklappt, mit den Seiten nach unten, auf dem Couchtisch lag, „trotzdem hört sie nie auf, zu weinen.“
„Schon gut, schon gut. Ich meine nur, du kannst sie doch heutzutage nicht Terroristin nennen! Was sollen denn die Leute denken, die das mitbekommen.“ Hilflos versuchte er seiner Frau etwas zu erklären, das Müdigkeit und Lärmpegel unerklärbar machten.
„Wie soll ich sie denn dann nennen??? Massenmörderin?!? Sie ermordet meine Nerven. Haufenweise.“ Was als Scherz gedacht war, führte nur dazu, dass nun endgültig alle Dämme brachen und die junge Frau ebenfalls weinte. Wenn auch leiser als ihre Tochter.
In Anbetracht der Lautstärke seines Kindes verzichtete der Vater darauf, etwas zu erwidern. Er erhob sich vom Sofa und berührte seine Frau beruhigend an der Schulter und schaute neugierig auf die mit Luftballons dekorierte Grußkarte auf ihrem Schoß. „Lorem ipsum sit amet“ war in dünner Bleistiftschrift darauf zu lesen. Darunter zwei rote Marienkäfer auf einem Petersilienbüschel gemalt und in Schönschrift „Alles Liebe zur 12einhalb wünscht Familie Nickels“. Fragend zog er eine Augenbraue hoch.
„Mir fällt nichts ein, daher arbeite ich mit Platzhalter. Wie im Büro. Ich glaube, mein Unterbewusstsein will mich zur Entspannung wieder zur Arbeit schicken.“ Wieder versuchte sie ein Lächeln zustande zu bringen. Es brach ihm fast das Herz.
Kurz drückte er die Schulter seiner Frau. Vielleicht war es unterstützend gemeint oder beruhigend. Vielleicht hätte man es auch als „Ich habe so wenig Ahnung wie du“ interpretieren können.
Dann verschwand er seufzend ins Nebenzimmer, um nach dem Baby zu sehen.

Kurze Zeit später erschien der junge Vater wieder im Wohnzimmer, die kleine Xenia weinend auf dem Arm. In sanftem Tonfall mit einem Lächeln auf den Lippen wiegte er das kleine Bündel in seinen Armen, indem er in ruhigem Rhythmus von einem Fuß auf den anderen trat:
„Na du kleiner Terrorist… pschschscht…Jaa, ein kleiner Terrorist bist du, jaa.“
Die kleine Xenia schaute ihren Vater neugierig an und vergaß kurz, zu weinen. Dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig.
Verwundert, fast hoffnungsvoll, blickte die Mutter von der Glückwunschkarte hoch in Richtung der ungewohnten Stille. Von draußen drangen auf einmal das lange vergessene Hupen und Rauschen des Straßenverkehrs hinein. Und der Vater, seinerseits, übermüdet und überfordert von den alten Bekannten in seinen Ohren, die dort nur sein konnten, weil etwas anderes fehlte, war selbst so verwirrt, dass er zur Orientierung stehen blieb und vergaß, weiterzusprechen.
Ein Fehler.
Innerhalb weniger Sekunden war wieder alles beim Alten.

„Luftpolsterfolie!“, rief seine Frau plötzlich. Triumph spiegelte in ihren Augen.
„Luftpolsterfolie?“, fragte ihr Mann.
„Jaja, diese Plastikböbbel, die man mit den Fingern zerdrücken kann. Jeder LIEBT es, die zum Platzen zu bringen. Die Vase, die wir gestern geliefert bekommen haben, da war welche dabei. Damit können wir Xenia beruhigen.“

Nun war es am jungen Vater, die Tränen zurückhalten zu müssen. Wie sollte er seiner Frau erklären, dass ihre brillante Idee zum Scheitern verurteilt war? Vielleicht würde Xenia aufhören zu weinen, wenn sie das beruhigende Ploppen der Bläschen hörte. Als die Tochter von ihnen beiden würde sie das sogar mit ziemlicher Sicherheit, ansonsten würde er ernsthaft die Elternschaft seiner Frau und von sich selbst in Frage stellen. Doch heute würden sie das nicht mehr herausfinden. Die Luftpolsterfolie war bereits platt. Das letzte Luftbläschen zerdrückte er gestern mit großer Genugtuung vor dem Fernsehgerät, während seine Frau mit der kleinen Terroristin zur Beruhigung ein paar Runden im Auto drehte.

Die gleichen 5 Wörter, aber eine ganz andere Geschichte erzählt Jana in
„Der Duft von wilden Rosen“.

Der Besuch der launischen Dame

von Carmen, Lesezeit ungf. 2 Minuten

Dieser Text entstand am Freitag, 27.03.2020, in dieser Zeit, in der wir alle das Wort Quarantäne rückwärts buchstabieren konnten und bereits jeden rauen Fleck an der gegenüberliegenden Zimmerwand durchanalysiert hatten. (Notiz an mich selbst: Sollte nach Enätnarauq gestrichen werden. Dringend).
Dieser Text entstand als 10-Minuten-Aufwärmübung. Regeln: Alles aufschreiben, sehen, wohin der Stift mich führt, auf Assoziationen eingehen und sich treiben lassen. Nicht aufhören, Grammatik-, Orthographie- und Stilregeln existieren nicht. So oder so ähnlich rät uns Doris Dörrie in den Schreibprozess zu starten. Es kommen immer wieder verblüffende Ergebnisse dabei heraus.
Viel Spaß beim Lesen.

Mich besucht derzeit immer öfter eine Bekannte aus der guten alten Zeit. Eine Herumtreiberin, die immer mal hier und dort und überall ist und eigentlich nirgendwo ganz. Wir haben uns nie so besonders gut verstanden, meist war sie mir egal. Denn ich war meist nur hier. Hier in meiner Wohnung, oder hier auf der Arbeit. Orte, die sie nicht interessieren.
Habe ich mich mal auf einen Besuch von ihr vorbereitet, kam sie nicht. Dann wiederum klingelte sie Sturm, als es mir so gar nicht passte. Wegschicken konnte man sie nie, wenn sie da war, war sie da und blieb, bis sie keine Lust mehr hatte. Und das konnte dauern. Tage, Wochen, manchmal sogar Monate.
Meine Bekannte ist eine launische Person, das wisst ihr besser als ich. Sie kommt und geht, wie es ihr passt, heute temperamentvoll, morgen apathisch, dann wieder mit viel Geduld und an anderen Tagen war sie so gestresst, dass ich regelrecht gegen sie ankämpfen musste, um mich durchzusetzen. Wehmütig erinnere ich mich an diese Zeit.
Wen interessieren heute noch ihre Launen? Ich bin in meinen vier Wänden, geschützt und zugedeckt. Ich kann auf sie verzichten als launische Begleiterin, ich verzichte auf ihre singende Herbststimme, ich verzichte auf ihr freundliches Lächeln im Frühling.
Ich komme mir vor, als befänden wir uns im Krankenhaus auf der Intensivstation und betrachteten uns durch eine schützende – trennende – Glaswand. Durch das Glas sehe ich, wie sie sich gerade fühlt. Ich interpretiere es aus den flatternden Flaggen. Ich erkenne sie an den Knospen des Baumes und am Reif, der frühmorgens das Gras umhüllt.
Die Erfahrung im Umgang mit ihr sagt mir, dass ich mir heute besser einen Mantel anziehen sollte, wenn ich das Haus verlasse. Dass ich besser nicht die Handschuhe vergesse, wenn ich mich aufs Rad schwinge. Dass ich vorsorglich schon einmal die Mütze zu den Laufsachen packen sollte, will ich nicht mit hochroten Ohren von der Joggingrunde zurückkehren.
Ich ignoriere die Erfahrung, sie ist obsolet. Die Handschuhe nehme ich trotzdem. Ich betrachte meine Bekannte durch die Intensivscheibe und freue mich, dass sie mich besucht hat.
Und ich verspreche ihr, dass wir uns in Zukunft öfter sehen werden.

Nun, wie steht ihr zu der launischen Dame? Habt ihr sie erkannt?
Schreibt mir Eure Meinung als Kommentar unter diesen Text oder an mich persönlich unter carmen[at]mittendrin.blog.
Alles Liebe und bleibt gesund!

Ein romantisches Rendez-Vous

von Carmen, Lesezeit ungf. 2 Minuten

Christian hatte einen Plan, als er mich heute zum Mittagessen abholte, das sah ich ihm an, als ich ihm die Tür öffnete. Fünfmal hatte er geklingelt, in schneller Folge. Die Vorfreude strahlte förmlich aus ihm heraus. Ganz traditionell hielt er mir einen bunten Tulpenstrauß entgegen. Lächelnd begrüßte ich ihn mit einem Kuss, nahm die Blumen entgegen und hielt die Luft an, während ich sie – weit von mir gestreckt – schnell auf den Balkon brachte. Ich nahm mir vor, das Thema während des Mittagessens kurz anzusprechen. Ich griff nach meiner Tasche und ließ mich von Christian zum Wagen führen. Auf die Jacke verzichtete ich, bei diesen frühlingshaften Temperaturen würde ich sie nicht benötigen.
Christian hatte mir bei unserem letzten Treffen erzählt, dass er einen sehr romantischen Ort kenne, den er mir unbedingt – UNBEDINGT – zeigen müsse. Vielleicht das sich drehende Restaurant oben im Fernsehturm? Die Rooftop-Bar im Zentrum, von wo aus man einen wundervollen Blick auf die Kirchtürme hatte und die Berge im Hintergrund sah? Ich war gespannt.

Christian war der Squash-Partner eines Arbeitskollegen, das erste Mal begegnete ich ihm vor zwei Wochen bei einem gemeinsamen Mittagessen in der Kantine. Es hatte sofort gefunkt, wir haben die Nummern getauscht und uns seitdem zweimal getroffen. Ich hatte ein gutes Gefühl, was ihn betraf. Er schien ein kreativer Mann zu sein und ich LIEBE Überraschungen. Ein weiteres Detail, das mir gut gefiel. Meine Vorfreude darauf, zu erfahren, was er für uns plante, war wohl ebenso groß, wie seine Vorfreude auf meine Reaktion.

Nach kurzer Fahrt bogen wir auf einen Parkplatz ab, er stieg aus und öffnete mir die Tür. So langsam schwante mir, wo wir waren. Direkt vor uns war der Eingang zum botanischen Garten. Er wollte doch nicht etwa…? Noch hatte ich Hoffnung. Der Garten war eher klein und hatte keinerlei Möglichkeiten, sich etwas zu essen zu besorgen. Zudem war er sowieso noch geschlossen – die Saison startete erst in einer Woche. Vielleicht war es nur ein kurzer Zwischenstopp? Verwirrt blickte ich ihn an, während er vielsagend den Kofferraum öffnete und einen großen Strohkorb entnahm. Eine Flasche Wein konnte ich von meinem Standort aus erkennen. Ich bekam große Augen, Panik stieg in mir auf.
„Um diese Jahreszeit gibt es hier die schönste Blumenwiese, die du dir vorstellen kannst. Alle möglichen Pflanzen blühen gerade. Mein Nachbar ist hier der Landschaftsarchitekt.“ Und die nächsten Worte sang er sogar triumphierend, während er ein kreditkartengroßes Plastikteil aus seiner Hosentasche hervorholte: „Er gab mir den Schlüssel.“ Er sah mir in die Augen: „Was hältst du von einem Picknick?“
„NICHTS!“, dachte ich, „rein gar nichts halte ich davon.“ Was sollte ich ihm jetzt sagen? Dass ich richtig panisch war? Etwas in meinem Kopf setzte aus. Ich starrte Christian fassungslos an. Mein Date deutete meine Wortlosigkeit als Überwältigung, nahm meinen Arm und führte mich zur Wiese.
Er hatte recht: es war die schönste Wiese, die ich jemals gesehen hatte. Alle möglichen Blumen blühten in den wildesten Farben. Käfer, Schmetterlinge, Hummeln und Bienen stürzten sich ins Getümmel ohne sich von uns gestört zu fühlen. Das pure, saftige Ballett des Lebens tanzte vor unseren Augen. Und dazu passend: Pollen!
Langsam aber sicher sah ich nichts mehr, meine Nase war komplett zu, die Augen tränten. Mein Gesicht und mein Hals schwollen an, ich fühlte, wie sich meine Wangen erhitzten. Der Atem ging nur noch singend ein und aus.
Endlich drehte sich Christian zu mir um, um zu sehen, was ich von seiner Überraschung hielt.
„Bitte“, flüsterte ich, „kannst du mich ins Krankenhaus fahren?“

Morgens früh um sechs

von Carmen, Lesezeit 1-2 Minuten

Mit halb geschlossenen Augen greift sie in die Spülmaschine, nimmt eine benutzte Tasse heraus und stellt sie neben die Kaffeemaschine, wo der hoffentlich wach machende Kaffee gemütlich durchtröpfelt. Sie muss wach werden. Es gibt einen Grund, weswegen sie nicht mehr in ihrem Bett liegt. Einen wichtigen Grund! Und zwar … Fest versucht sie sich zu konzentrieren und presst hierfür sogar die Augenlider zusammen. Den Schlaf irgendwie vertreiben – die Nacht ist einfach zu kurz gewesen. Sie muss gähnen. Ausgiebig.

Unter der Dusche schläft sie fast im Stehen wieder ein. Wieder zurück in der Küche, mit einem Handtuch um die noch feuchten Haare, hat sie schon wieder vergessen, was sie nicht vergessen wollte. Warum nochmal musste sie sich eben so feste konzentrieren? Vielleicht fällt es ihr nach dem Kaffee wieder ein. Als sie den frischen Kaffee in die bereit stehende Tasse gießen will, stellt sie verwundert fest, dass diese nicht besonders sauber ist. Kopfschüttelnd stellt sie die Tasse zurück in den Schrank und nimmt sich eine neue heraus. Wenns ihr doch bloß wieder einfiele.

Das Schmuckstück (Teil 2)

Du kennst Teil 1 der Geschichte noch nicht? Lies los!

von Carmen, Lesezeit zwischen 5 und 10 Minuten

„Das kann doch jetzt nicht wahr sein! Du Vollhonk! Du Idiot bringst uns alle um!“ Betty kämpfte schwer gegen die Panik und die Hysterie an. Hinter sich hörte sie das Keuchen und das Scheppern wieder lauter werden, konnte die Geräusche durch den undurchdringlichen Rauch aber erneut nicht zuordnen. Plötzlich zischte es und der Rauch wurde noch dichter. Sie hatte das Gefühl, rein gar nichts mehr zu sehen. Sie mussten unbedingt hier raus – das Fenster war ihre Rettung, das Fenster war alles, was zählte. Immerhin hatte eine aus der Mädelsrunde geistesgegenwärtig die 112 gewählt. Trotzdem konnten sie sich nicht darauf verlassen, dass die Feuerwehr sie schnell genug retten würde. Der strampelnde Darwin-Award-Anwärter musste aus der Fensteröffnung weg.

Gerald war dabei, Darwin – wie ihn Betty in Gedanken getauft hatte – mit aller Kraft durchs Fenster zu drücken. In Susannes Augen ein Ding der Unmöglichkeit.
„Der ist zu fett, Gerald, der passt da nicht durch. Merkst du das denn nicht. Hör auf, zu schieben, du musst ihn wieder hereinziehen. Hörst du mir zu?!? ZIEH IHN HEREIN!“
„Halt den Mund, Susanne! Halt. endlich. EINMAL. den Mund! Wenn wir hier drin krepieren, muss ich wenigstens deine beschissenen Kommentare nicht mehr hören! Immer musst du alles besser wissen.“
„Jetzt hör aber mal auf! Nur weil DU strunzdumm bist, bin ich noch lange keine Besserwisserin. Und was heißt hier, krepieren??? Zieh ihn rein und niemand stirbt!“
„Wenn wir das hier wirklich überleben, will ich dein hässliches Pferdegesicht nie wieder sehen müssen. Ich will die Scheidung!“

„Seid ihr jetzt komplett irre geworden?! Hört auf, zu streiten!“ Betty merkte, dass sie nicht weiterkamen. Mit einem Schritt war sie dort, wo sie Jakobs Wimmern vermutete, griff nach unten, erwischte ein Haarbüschel und zog den apathischen Mann hoch.
„Mein kleiner süßer…“
Sie hörte, wie die Ohrfeige ihn traf. Sie fühlte, dass sie seine Nase erwischt hatte, aber sei‘s drum. Sie packte ihn an den Armen.
„Jetzt reiß dich zusammen! Willst du deinen Jungen so im Stich lassen? Willst du uns alle im Stich lassen? Willst du das?“ Betty wurde ungewollt immer lauter, bis sie durch einen Hustanfall unterbrochen wurde. Der Rauch biss in den Lungen. Außer Atem redete sie weiter: „Komm, reiß dich zusammen! Denk an den kleinen Tobi. Hilf uns! Schaffst du das? Schau mich an. Schaffst du das???“
Durch den Rauch konnte sie seine Reaktion nicht sehen, doch sie spürte, wie ein fast unmerklicher Ruck durch Jakob ging. Er überlegte kurz.
„Wenn wir ihn nicht nicht aus der Fensteröffnung bekommen, muss halt das Fenster weg! Leute, hört mir alle zu! Die Außenwand hier ist nicht allzu dick. Wir nehmen den großen Kühlschrank und nutzen ihn als Rammbock.“

Danach ging alles ganz schnell. Nach kurzem Zögern halfen alle Gäste, das Gerät zu leeren und die Kabel von der Wand zu lösen. Trotz der miserablen Sicht ging die Arbeit zügig voran und innerhalb von zwei oder drei Minuten jonglierten sie den schweren Kühlschrank über ihren Köpfen.
„Auf mein Zeichen!“
Schon beim ersten Anlauf zeigte sich eine deutliche Delle neben dem Fenster. Beim dritten Anlauf hatte sich ein deutliches Loch in der Außenwand gebildet. Kurz darauf hatte es sich mit der Fensteröffnung verbunden. Darwin krabbelte schnell nach draußen, gefolgt vom Rest der Gäste. Betty bildete das Schlusslicht. Als sie endlich frische Luft schnappen konnte, kamen ihr die Tränen der Erleichterung. Mit einem Blick erkannte sie, dass alle ihre Gäste wohlbehalten entkommen waren. Das rhythmische blaue Licht zweier Löschzüge flog über ihre Gesichter. Ein Dutzend Feuerwehrleute war bereits dabei, die Schläuche abzurollen.
Wenn Betty nur geahnt hätte, welch katastrophale Wendung die Eröffnung nehmen würde. Der Abend hatte so vielversprechend begonnen, als sie mit Hans die letzten Detals besprochen…

HANS! Betty wurde fast ohnmächtig vor Schreck. Sie hatte Hans komplett vergessen!
„HANS! Mein Gott, Hans!“ Ihr wurde eiskalt. Er war doch noch ein Teenager, ein Kind. Blutjung. Unschuldig. Alle waren sie draußen, alle Gäste saßen auf der Straße. Es konnte nicht sein…
„Hans! Um Gottes Willen! Wo bist du? So sag doch was!“
Plötzlich tauchte eine rußgeschwärzte Person im Durchgang zwischen Schutt und Ziegelsteinen auf. Hans. Unter seinem Arm erkannte Betty den großen Putzbottich der Bar.
„Ich bin hier, Boss.“
Mit einem Aufschrei rannte sie zu ihm und drückte den Jungen fest an ihre Brust. Der Bottich fiel mit einem metallischen Scheppern zu Boden.
„Gott sei Dank ist dir nichts passiert! Wo warst du denn bloß! Das hätte ich mir nie verziehen, wenn dir was passiert wär.“ Erneut liefen Betty die Tränen über die Wangen.
„Keine Sorge, Boss. Ich hab mich um das Feuer gekümmert. Ist jetzt aus.“
Betty löste sich aus der Umarmung und schaute den Jungen an.
„Was?! Wie ‚ist jetzt aus‘? Worum hast du dich gekümmert?“ Hans hätte chinesisch reden können, das hätte Betty in diesem Moment ebenso wenig verstanden.
„Ihr ward mit dem Typen im Fenster beschäftigt, da dachte ich, ich versuchs mal mit dem Putzeimer, Boss.“
Betty sah ein, dass sie unter Schock stehen musste. Ihr junger Kollege sagte Worte, aber die ergaben keinerlei Sinn. Da sie nicht wusste, was sie tun oder sagen sollte, starrte sie Hans einfach weiter an, bis eine Feuerwehrfrau auf sie zukam:
„Sie sind die Besitzerin der Bar, oder? Der Brand ist soweit gelöscht, da mussten wir nicht mehr viel tun. Ihr junger Kollege hier hat mit dem Eimer ganze Arbeit geleistet und die Umgebung des Brandes schön feucht gehalten. Dadurch blieben die isolierten Flammen klein genug, und konnten nicht auf die weiter weg stehenden Tische übergreifen. Die Möbel, die Feuer fingen, waren ja Gott sei Dank schnell verbrannt. Nur der Rauch hätte Ihnen gefährlich werden können. Sie sind alle noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Aber lassen Sie sich auf jeden Fall nachher noch im Krankenhaus auf Rauchvergiftung hin untersuchen. Sicher ist sicher.
Ich denke, alles in allem entstand der größte Schaden durch das Loch in der Wand. Dadurch ist das Gebäude vorerst nicht mehr betretbar. Ein Statiker wird sich die Sache die kommenden Tage anschauen, vermutlich muss das Gebäude abgerissen werden.“

Hans legte Betty einen Arm um die Schulter.
„Vielleicht setzt du dich besser kurz hin, Boss.“
Ohne Widerstand ließ sich Betty zur gegenüberliegenden Bordsteinkante führen und sank neben ihren Gästen nieder. Das schreiende Loch in der Wand der Bar ignorierte sie. Ihr Blick fiel auf ein unscheinbares Schild, das auf dem Bürgersteig lag. Leicht verrußt, aber intakt: 
Das Schmuckstück

Rauch auf der Straße
Photo by David Lee on unsplash

Explosion über den Wolken

von Carmen

Ob das da draußen die Freiheit bedeutet? Dieses endlose Blau, wohin das Auge blickt. Er spürte diesen Drang in sich, sich einfach fallen zu lassen, diese Freiheit zu spüren, den Wind, die Kälte, die Einsamkeit. Nichts und niemanden, soweit das Auge reicht. Genau so stellte er sich wahre Freiheit vor.

Gedankenverloren blickte er zum kleinen, ovalen Bullauge hinaus, als ihm jemand auf die Schulter tippte. Neben ihm saß eine junge Frau, ungefähr in seinem Alter und blickte ihn fragend an.

„Was?“ Unwillig löste er seinen Blick vom Fenster.
Sie deutete lächelnd auf die Ohren und ihm fiel auf, dass er immer noch seine Ohrstöpsel trug, obwohl schon längst keine Musik mehr lief. Er zog den linken aus dem Ohr:
„Ja?“
„Ob. Du. Auch. Zur. Oldtimermesse. Unterwegs. Bist?“, fragte sie, dabei jedes Wort einzeln betonend, um sich gegen den Motorenlärm durchzusetzen.
Er schaute sie verwirrt an.
„Ich heiße übrigens Marie.“ Strahlend hielt sie ihm ihre rechte Hand entgegen, was aufgrund der engen Sitzreihe eine doch umständliche Bewegung war. Dabei streifte ihre Hand wie zufällig seinen Oberschenkel.
„Alex“, brummte er. Kurz ergriff er ihre Hand. Sehnsüchtig suchte sein Blick wieder das Fenster.
„Und?“
Alex wandte sich wieder Marie zu: „Wie bitte?“
„Die Oldtimer-Messe in Cork. Ob du auch dahin fliegst. Vielleicht hast du Lust, zusammen hinzugehen?“ Langsam strich sich Marie eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr, während sie Alex nicht aus den Augen ließ.
Alex rutschte auf seinem Sitz hin und her und versuchte, etwas mehr Distanz zwischen sich und seine Sitznachbarin zu bringen.
„Äh…nein, ich kenne keine Oldtimer…Dingens.“
„Messe“, korrigierte sie, „ich könnte sie dir zeigen. Morgen hätte ich Zeit.“ Sie schaute ihn immer noch unverwandt an.
Alex gab den Versuch auf, sich in dieser Enge von ihr wegzubewegen. Am Rücken spürte er die Wand mit dem Bullauge, während sein linkes Knie jetzt irgendwie gegen Maries Knie berührte.
„Morgen hab‘ ich was vor.“ Alex zog sein Bein weiter Richtung Wand.
„Macht nichts, die Messe ist sowieso die ganze Woche und mittwochs ist eh der BESTE Tag. Die ALLER-besten Shows, Feuerwerk, sogar ein Rennen der neuesten Elektro-Autos. Glaub mir, ich bin jedes Jahr da. Das wird super, ich zeige dir dann auch diesen einen Stand mit diesem GENIALEN indischen Curry. Das musst du einfach probieren. Das Lamm zergeht dir auf der Zunge.“ Dabei fuhr sich Marie wie in Zeitlupe mit der Zunge über ihre Oberlippe.

So langsam ging Marie Alex auf die Nerven. Er wollte seine Ruhe, mit niemandem reden, einfach nur seinen Gedanken nachgehen. Zudem meldete sich nun auch noch seine Blase. So unangenehm ihm diese engen Klos in Flugzeugen auch waren, diesmal war er seiner schwachen Blase richtig dankbar. Er brauchte eine Pause.
Alex befreite sich vom Sitzgurt. „Ähm, könntest du mich kurz…“
„Du magst doch Curry, oder? Was meinst du, wollen wir morgen telefonieren oder willst du gleich einen Treffpunkt ausmachen?“
Langsam wurde der Druck seiner Blase erbarmungslos.
„Ich müsste jetzt wirklich…“
Ach, gib mir einfach deine Nummer, ja? Das ist am Einfachsten. Ich ruf‘ dich kurz an, wenn wir gelandet sind, dann hast du auch gleich meine Nummer.“ Marie hielt ihm ihr Handy hin, damit Alex seine Nummer einspeichern konnte.
„SCHEIßE NOCHMAL! ICH HABE KEINEN BOCK AUF DEINEN BESCHEUERTEN OLDTIMER-SCHEIß ODER ÜBERHAUPT AUF DICH! KANNST DU NICHT EINFACH FÜR 5 MINUTEN DIE KLAPPE HALTEN??? WENN DU NUR NOCH EIN WORT SAGST, VERGESS ICH MICH!“
Damit ergriff Alex Maries Handy, pfefferte es gegen die gegenüberliegende Bordwand, was ihm einiges an Protest der anderen Fluggäste einbrachte, stieg mit einem Fuß auf seinen Sitz, um dann mit dem anderen über Marie drüber zu steigen.
„UND ICH WILL EINEN NEUEN SITZPLATZ!“, schrie er dem Flight Attendant entgegen, der sich erkundigen wollte, woher der Aufruhr stammte.  
Damit stampfte Alex Richtung Klo davon.

Hape

von Jana

„Ist das nicht genial?!“

Eigentlich war das Ganze so sehr Hape gewesen, dass ich mich später nur noch fragte, warum es mich so überrascht hatte.

Hape war einzigartig in jeder nur möglichen Hinsicht. Vielleicht musste man das auch sein, wenn die Eltern einen „Hans-Peter“ genannt hatten. Jedenfalls gehörte „anders sein“ und „gegensteuern“ zu Hapes Wesen, er lebte es einfach.

Und es waren nicht mal die blauen Haare, die zur Hälfte unter grell-bunten Mützen versteckt waren oder die völlig zerrissenen roten Turnschuhe. Nicht nur.

Auch nicht, dass er oft auf der Straße anfing laut zu singen.

Aber vielleicht, dass er jeden Obdachlosen, der auf der Straße bettelte, mit Handschlag grüßte und sich mit ihm unterhielt, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, während ich peinlich berührt daneben stand.

Diese unbekümmerte, kompromisslose Offenheit war es wohl, die Hape am meisten ausmachte.

Er hatte nie viel Geld und als er mich um 20 Euro bat für „ein geniales Teil“ gab ich sie ihm, denn er hätte sein letztes Kaugummi mit mir geteilt, wenn es darauf angekommen wäre.

Später zeigte er es mir, „das geniale Teil“, ein breites Grinsen im Gesicht. Es war ein T-Shirt mit einer Katze. Einer lachenden Katze. Einer lachenden Katze mit einer großen pinken Brille im Gesicht. Einer großen, pinken, glitzernden Brille.

„Also, was sagst du? Ist das nicht genial?“

Ich öffnete den Mund. Mein Unterbewusstsein brachte mich dazu, den Vorgang langsam, fast in Zeitlupe auszuführen und all die empörten Ausrufe, die mir zunächst in den Sinn kamen, versiegten dadurch ungesagt auf der Zunge.

„Ja klar!“, antwortete mein Mund schließlich, ein wenig zu meiner eigenen Überraschung.

Hape schenkte mir ein wohlwollendes Lächeln.

Ein paar Tage später trug er das T-Shirt, mit dem ihm eigenen unantastbaren Stolz und er erntete viel Lob – zumindest von den Obdachlosen, als er sie mit Handschlag grüßte und mit der Glitzerbrillen-Katze um die Wette strahlte.

Neues aus der U-Bahn oder Fischstäbchen für alle!

von Gastautorin Britta
Kennen Sie das, wenn Sie in der U-Bahn sitzen und Ohrenzeuge von kindlicher Naivität gepaart mit vehementer Bestimmtheit erleben?
 
Großartig sage ich Ihnen! Wo findet man heute noch so kleine alltägliche Träumer? Mir ist einer in der U-Bahn begegnet.
 
Am Sendlinger Tor stieg eine Mutter mit ihren zwei Kindern ein. Der Junge war ca. 4 Jahre alt, seine große Schwester ca. 7 – 8 Jahre.
 
Während des Gespräches der Dreien wurde auch die Geburtstagsfeier der großen Schwester in der ersten Januarwoche angesprochen. Die Mutter zählte auf, wer alles von Freunden und Familie zur Feier kommen sollte und wer nicht.
 
Nach der Aufzählung stellte die Mutter die Frage an beide Kinder, was es denn zu essen geben sollte. Die große Schwester fragte vorsichtig, wie viele Personen denn insgesamt kommen sollen. Bevor die Mutter auch nur die Chance einer Antwort hatte, kam vom kleinen Jungen in einem Brustton der Überzeugung die Antwort auf alles: „Fischstäbchen!“
 
Leichtes Entsetzen las man auf dem Gesicht der Mutter. Heftiges Stirnrunzeln war die unausgesprochene Antwort der Schwester. Ich musste mich schwer zurückhalten nicht lauthals loszulachen. „Fischstäbchen, natürlich“, dachte ich, „warum fiel mir das nicht ein?“ Mein innerliches Grinsen wurde breiter.
 
Die Mutter erwiderte, dass Fischstäbchen für 18 Personen dann doch etwas zu viel Aufwand wäre. Damit war der Kampfgeist des „Fischstäbchenkönigs“ aber sowas von geweckt. Mit majestätischer Selbstverständlichkeit verkündete er: „Dann bekommt halt jeder nur ein Fischstäbchen. Dann geht das“.
 
Ein breites Grinsen zierte mein Gesicht, innerlich gab es kein Halten mehr. Der „Fischstäbchenkönig“ hatte gesprochen. Mein innerer Chefkoch verdrehte die Augen und murmelte: „Dann muss halt mehr Kartoffelbrei her“.
 
Die Antwort der Mutter ist mir leider nicht vergönnt gewesen, da sie am Harras ausgestiegen sind.
 
Geblieben ist die Freude über den „Fischstäbchenkönig“. Manche „Befehle“ können einfach nur einfach sein.
 
Danke!

Trilogie des Liebens – Teil 1

von Gastautorin Verena Zelger

Silke und Tom trafen sich zum ersten Mal in der Wohnheimbar. Der Raum war ganz in schwarz gehalten. Schwarze Räume waren damals ein Ausdruck jugendlicher Auflehnung gegen den Staat, die Eltern, gegen das Sein. Die 80er. 

Wild und ungestüm fühlten sich Silke und Tom, als sie abstürzten. Als sie am selben Abend ihres Kennenlernens in sein Zimmer verschwanden und miteinander schliefen. Als sie sich am nächsten Tag verstohlen trennten. Silke sich raus schlich aus dem Zimmer und sich ein bisschen ordinär fühlte, hemmungslos. Und feststellte, dass sie diese Seite an sich mochte. Und Tom in seinem Zimmer zufrieden weiter schlief und erkannte, dass er Deutschland mochte. Und die Deutschen.

Silke und Tom sahen sich eine Woche später wieder in der Bar. Und unterhielten sich. Und Silke erkannte, dass Tom ein guter Kerl war, wie man sagte. Und Tom erkannte, dass Silke sein Typ war. Da verabredeten sie sich und gingen raus, auf einen Spaziergang und setzten sich in den Park ins Gras und redeten und erkannten, dass sie sich mochten.

Sie erzähten sich viel, Silke und Tom. Tom erzählte Silke von Chicago, der Stadt, in der er geboren wurde, in der er studierte und wohin er in fünf Monaten zurückkehren würde. Und Silke erzählte Tom von ihrer Mutter, von ihrem Kater und dem 3.000 Seelendorf, aus dem sie kam und in dem sie nie wieder leben wollte.

Ein Treffen folgte auf das nächste und eines Tages, zwei Monate waren nun um, da entschieden Silke und Tom, sie wären ein Paar, von nun an. Und Silke war glücklich und lehnte sich an Tom. Und Tom umarmte Silke und fühlte sich frei.

„Tom?“

„Ja?“

„Liebst du mich?“

„Yes, darling, I love you.“

Tom fuhr mit Silke nach 3.000 Seelendorf und war begeistert. Und sie war begeistert, dass er begeistert war. Ihre Mutter war begeistert, dass beide begeistert waren. Das ganze Dorf war überrascht und aufgeregt, ein Amerikaner und eine von uns, das war ungewöhnlich. Die Silke war ja immer schon eine gewesen, die raus wollte in die Welt.

Deswegen studierte sie. Sie hatte ihren eigenen Kopf. Einen Kopf, der Tom gefiel.

Sie fuhren zurück nach Leipzig. Tom spürte es, und trotzdem fragte er:

„Do you love me?“

„Ja, ich liebe dich!“

Und während sie es genossen zu wissen, dass sie sich liebten – denn das taten sie – vergingen die Monate, einer nach dem anderen. Und da sie sich liebten und die Zeit gern miteinander verbrachten, vergingen die Monate schnell.

„Wer sagt, dass du zurück musst?“

Tom wollte etwas sagen, doch was, das wusste er nicht.

„Bleib“, sagte sie, während sie mit ihm zum Flughafen fuhr.

Er stieg in das Flugzeug, Airbus A310, seit drei Monaten in Betrieb. Das wusste er, der Ingenieur. Silke interessierte sich nicht für den Flugzeugtypen, sondern für den Einen, der gleich auf 8A Platz nehmen würde. Sie schaute zu, wie das Flugzeug abhob und er sich von ihr entfernte.

„Bye“, flüsterte sie.

Wie geht es weiter mit Silke und Tom?
Hier geht es zu Teil 2.

Drachentöterin

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

„Papa, wenn ich groß bin, möchte ich Schwertkämpferin werden.“
Thomas sieht überrascht vom Tischdecken auf, hin zu dem großen Teppich in der Mitte des Wohnzimmers, der aktuell große Ähnlichkeit mit der Barbie-Produkte-Ausstellung im hiesigen Spielzeugladen hat. Zwischen Barbie-Haus, Barbie-Auto, diversen Puppen und Bergen von Barbie-Kleidern sitzt die sechsjährige Sara und verpasst Barbie Nr. 17 mit blauem Edding eine neue Haarfarbe. Alles normal eigentlich. Er wirft einen Blick auf die große Schwester, doch Kati grinst ihn nur breit an. Sie liegt auf dem Sofa und aus ihren Kopfhörern dringt Rockmusik, die verdächtig nach ACDC klingt. Er hat offensichtlich wenigstens bei einer von beiden etwas richtig gemacht.
„Aha“, stellt er neutral fest, „und wie kommst du darauf?“
„Wir haben heute im Kindergarten einen Film darüber gesehen.“
„Über Schwertkämpfer?“ Im letzten Film, der seiner Tochter gefallen hat, ging es noch um ein flauschiges Einhorn. Allerdings spielte auch ein Superschurke mit, wenn er sich richtig erinnert.

„Nein, nicht so richtig. Aber der Prinz hat die Prinzessin vor dem Drachen gerettet, weil er voll gut mit dem Schwert umgehen konnte. Ich will auch mit dem Schwert kämpfen und Prinzen retten können. Oder Prinzessinnen.“

Kati gibt ein schnaubendes Geräusch von sich, was ihre kleine Schwester huldvoll ignoriert.
„Aber hättest du keine Angst vor so einem großen Drachen?“, fragt Thomas und Sara legt den Edding zur Seite (offen natürlich, aber der Teppich ist anthrazitfarben, er ist seiner Mutter für immer dafür dankbar) und schüttelt vehement den Kopf.
„Nö, ich habe ja dann ein riesiges Schwert, da hat doch der Drache Angst vor mir.“

Kati nickt im Takt der Musik und grinst weiter vor sich hin.

Durch das angekippte Küchenfenster hört Thomas das Knirschen von Schnee. Luisa ist heimgekommen, lässt jedoch die Vordertür links liegen und schleicht sich am Haus vorbei zur Terrasse. Sie klopft an die große Scheibe der Terrassentür und als sie die Aufmerksamkeit von ihnen allen hat, zieht sie wilde Fratzen. Sara quiekt vor Freude und Kati verdreht die Augen. Luisa scheint damit völlig zufrieden. Sie winkt Thomas zu, er solle nach draußen kommen.
Er hat eigentlich keine Lust auf die Kälte, doch Luisa hüpft auf und ab, rudert weiter mit den Armen und er gibt auf. Er schlüpft in den Mantel und stapft in den Vorgarten.
In der Einfahrt steht ein Wagen, der nicht ihm gehört. Und auch nicht Luisa. Es ist auch nicht wirklich ein Auto, sondern eher ein kleiner Panzer. Die Scheinwerfer sind noch an. Das seltsame neue Licht, das Autos jetzt haben, taucht den niederrieselnden Schneeflockentanz in einen mystischen Silberschein.

„Was ist das?“, fragt Thomas. Luisa hüpft noch immer auf und ab.

„Mercedes, G-Klasse“, erklärt sie stolz und atemlos.

„Willst du in den Krieg ziehen?“

„Nein, aber wir wollten doch morgen in die Berge und es liegt doch Schnee und Matthias schuldete mir noch einen Gefallen. Er gehört das ganze Wochenende uns!“

„Aha.“

Luisa knufft ihn in den Arm. „Ach, komm schon, Thomas, sieh es als Geburtstagsgeschenk!“

„Ich habe im Juli Geburtstag.“ Außerdem besitzt er nicht mal einen Führerschein.

„Ich meine doch meinen!“

„Du hast im September.“

„Eben!“

Thomas schüttelt den Kopf. Er kann Luisas Faszination keinesfalls nachvollziehen, aber er wird ihr nicht den Spaß verderben.

„Sara will Drachen töten, wenn sie groß ist“, sagt er schließlich und Luisa strahlt ihn an.

„Unsere Tochter!“, verkündet sie stolz und dann fällt sie ihm um den Hals und küsst ihn. Es ertönt ein leises Piepen und die Scheinwerfer gehen aus.

Luisa nimmt seine Hand und sie gehen zurück zum Haus. Hinter der hohen Terrassentür, aus der warmes Licht in den Vorgarten fällt, erkennt Thomas Sara, die gerade mit Edding etwas auf die Scheibe malt, das einem Drachen verdammt ähnlich sieht.

´Vielleicht besteht doch noch Hoffnung für das arme Tier`, denkt er.

Übung: Geschichte, in der folgende Wörter vorkommen mussten:

Rockmusik, Silberschein, Schwertkämpfer, Schneeknirschen, Flockentanz, flauschig

Anne liebt Paul

von Jana, Lesezeit < 5 Min.

„Anne liebt Paul“ – so hatte es in verschnörkelten roten Buchstaben an der grau-gestrichenen Trennwand in der Mädchentoilette gestanden, zwischen anderen Sprüchen, manche klug, manche eklig und manche wenig kreativ wie „Mathe ist doof.“.

„Paul liebt Anne“ hatte auch jemand an die schmutzigen Fliesen in der Jungentoilette geschrieben in einer krakeligen Schrift, die aber ebenso wenig zuzuordnen war, wie die verschnörkelten Buchstaben, obwohl die ganze Schule rätselte, wer das Geheimnis ausgeplaudert hatte.

Das Geheimnis – oder war es nur ein Gerücht? Eine Erfindung?

Anne und Paul kannten sich schon ihr ganzes Leben lang. Sie wohnten in der gleichen Straße, nur zwei Häuser voneinander entfernt, ihre Eltern waren befreundet. Das führte zu Begegnungen, an die man sich nicht mal mehr halb so gern erinnerte, wenn man erst in der Pubertät war.

Paul hatte Anne in den geblümten Kleidchen gesehen, in die ihre Mutter sie früher gezwängt hatte. Anne wusste, dass Paul Stützräder an seinem Fahrrad hatte bis er sechs Jahre alt gewesen war – ein Jahr länger als sie selbst. Natürlich hatten beide auch gemeinsam Kirschen im Nachbargarten geklaut. Doch diese Verbundenheit hielt nicht mehr an, wenn man dreizehn wurde und es plötzlich cool war, Mädchen blöd oder Jungs kindisch zu finden.

„Anne liebt Paul“ – Anne fand, dass Paul großartig war, wenn er ihrer Nachbarin, der alten Frau Schneider, die Einkäufe nach Hause trug – doch er würde sie umbringen, wenn sie das jemandem erzählte.

„Paul liebt Anne“ – Paul fand, dass Anne am hübschesten aussah, wenn sie mit verstrubbelten Haaren und ungeschminkt ihrer Mutter bei der Gartenarbeit half – doch sie würde ihn für immer hassen, wenn sie wüsste, dass er sie so gesehen hatte.

„Anne liebt Paul“, „Paul liebt Anne“ – beide hätten sich eher die Zunge abgebissen als zuzugeben, dass in diesen Schmierereien vielleicht ein ganz kleiner Funken Wahrheit steckte.

 

1
« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2022 mittendrin

Theme von Anders NorénHoch ↑