Geschichten. Überall und Jederzeit

Kategorie: Alltagszauber (Seite 1 von 3)

Photo by Maria Oswalt on Unsplash
von Jana, Lesezeit ca. 7 Min

Für den ersten Teil, die Vorgeschichte von Carmen, klickt Ihr hier.

„Es geht um die Zukunft unserer Welten!“

Die Worte unseres Anführers hallten immer noch laut und schneidend in meinem Kopf. Zusammen mit den wenig hilfreichen Ratschlägen wie „Du musst es schaffen!“ und „Wenn du scheiterst, werden wir alle vergehen.“ Als wüsste ich nicht, wie ernst die Lage war. Als hätte ich nicht erlebt, wie unsere Welten zuerst gerettet wurden und dann doch nach und nach vergangen sind. Weil wir feststellen mussten, dass wir ohne die Riesen nicht leben können. Dass ohne die Riesen das Universum kalt und leer geworden ist und wir im Nichts hängen, ohne Ziel, ohne Perspektive und wir langsam selbst zu Nichts werden.

Ich zupfte nervös an meinem Tarnanzug. Ich hatte meine Welt verlassen müssen, um diesen Auftrag auszuführen. Es war nicht schlimm, sie würde bestehen bleiben, wie alle unsere Welten seit Max Oberon und Clarice Stapleton das neue unzerstörbare Polymer entwickelt hatten. Doch wenn ich erfolgreich wäre, dann hätte ich keine Welt mehr, zu der ich zurückkommen konnte. Diesen Gedanken versuchte ich zu verdrängen, während ich die mit Platanen gesäumte Straße entlang in Richtung des Parks schwebte. Die Sonne schien, Vögel zwitscherten und von irgendwoher drang Lachen an mein Ohr. Ich verstand, warum die alten Riesen manchmal vom Frühling sprachen, den es längst nicht mehr gab. Die Sonne in unserer Zeit ließ zu jeder Jahreszeit die Haut der Riesen verkohlen. Sie lebten jetzt unterirdisch und sie starben. Bald würde es keinen von ihnen mehr geben.

Als ich den Park erreichte, hatte ich keine Mühe, die Zielpersonen zu finden. Unser Anführer hatte mich alte Fotos studieren lassen, doch es wäre nicht nötig gewesen. Die Feier zum ersten Prototyp des neuartigen Polymers fand zentral auf einer großen Wiese statt. Vermeintlich wichtige Riesen standen am Rand und ihre kleineren Exemplare spielten in der Mitte.

Ich erkannte die neuartigen Welten, die wie meine unzerstörbar waren zwischen den herkömmlichen meiner Vorfahren. So zerbrechlich, so leicht zu zerstören. Sie alle waren noch dem Schlund unterworfen gewesen, der ihnen die Luft aussagte und sie nach und nach verschrumpeln ließ. Ein grausames Schicksal, zu dem ich sie nun wieder verurteilen würde. Doch die Gemeinschaft aller Welten hatte entschieden: Lieber ein kurzes Leben als eine ewige Existenz im Nichts eines leeren Universums. Denn es war die Herstellung dieses Polymers gewesen, die den Untergang der Riesen einläutete. Soweit wir es nachforschen konnten, wurde ein Gas bei der Herstellung ausgestoßen, das sich in der Luft mit Kohlendioxid zum schlimmsten Treibhausgas aller Zeiten vermischte und die Erderwärmung um ein Vielfaches beschleunigte.

Noch lachten die kleinen Exemplare und selbst Max und Clarice beobachteten, wie eine Riesin mit blauen Haaren und roter Nase auf einer Welt herumdrückte, um sie zu einem tierähnlichen Objekt umzuformen. Ich zuckte zusammen, solche Schmerzen, die eine zarte Welt empfinden musste, nur zur Freude einer quietschenden Bande Riesen. Ich konnte nicht hinsehen.

Max und Clarice applaudierten, dann mischten sie sich unter die Menge. Ich beobachtete Max, er griff nach einer der alten Welten und betrachtete sie, als würde er verstehen, was er in der Hand hielt. Doch er tat es nicht, würde es nie, denn ich war nicht hier, um ihn etwas zu lehren. Ich schwebte in seine Nähe, dann atmete ich tief durch. Ich musste nur seine Schläfe berühren, so konnte ich seine innere Zentrale stoppen. Von dieser Fähigkeit hatten wir lange nichts gewusst, doch seit wir ewig existierten, hatten wir vieles über die Riesen neu gelernt. Max sank zu Boden, doch ich hatte nicht sorgfältig geplant. Die Welt in seiner Hand wurde unter ihm zerquetscht und zerplatzte. Ich hatte sie zerstört.

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von Carmen 

Dieser Text entstand während des Schreibkurses „Schreib es auf“ im Rahmen der digitalen „Theater Pur“-Veranstaltung der Jugendbildungsstätte Waldmünchen. 
Die Vorgaben:
20 Minuten schreiben
Ein (grüner) Luftballon
überlegen, aus welcher Perspektive wir den Text angehen

Jana und Carmen haben sich im Anschluss an die Übung überlegt, was passiert, wenn sie die beiden, nicht miteinander abgesprochenen Texte, zusammen in ein Erzähl-Universum packen. Herausgekommen ist die folgende Fortsetzungsgeschichte.  Carmens Text macht den Anfang.
Janas Text folgt Donnerstag, 02.12.2021.


Ich bewache den Schlund.
Das Universum ist unruhig heute, durch den Schlund dringen viele Geräusche. Ich höre die große Glocke. Unbekannte Riesen betreten das Universum, sie diskutieren untereinander.
„Beeil dich, Max, der Testlauf beginnt in zwanzig Minuten!“, höre ich eine relativ helle Stimme.
„Wie kann ich helfen?“ Diese Stimme kenne ich, das ist unser Riese. Ihn kann man viel öfter hören, als alle anderen zusammen.

Ich blende das Gespräch aus. Das ist es nicht, das mir Sorgen bereitet, sondern es ist der Schlund selbst. Obwohl wir ihn so fest verschlossen halten, wie nur möglich, schluckt er in letzter Zeit mehr und mehr Luft, ohne dass wir etwas dagegen unternehmen können.
Seien wir ehrlich, unsere Welt stirbt.

Die Wachposten an den Spiegelflächen berichten Ähnliches. Die Spiegel sind Orte, an der die Wand zum Universum am dünnsten ist. Einst waren sie so glatt und klar, dass wir von dort das ganze weite Universum beobachten konnten: wie es an uns vorbeischwebte, wie sich die anderen Welten um uns drehten. Was für wundersame, unerklärliche Wunder wir beobachten durften.

Einmal habe ich sogar gesehen, wie eine neue Welt entstand: unser Riese – größer und mächtiger, als alle anderen Riesen – nahm von seinem Atem und schenkte ihn dieser neuen Welt. Sie wuchs und wuchs. Fasziniert hingen wir an unseren Spiegeln und beobachteten dieses unfassbare Ereignis. Als unser Riese fertig war, schloss er den Schlund, damit der geschenkte Atem nicht entweichen konnte.
Es war magisch.

Aber meist sehen wir nur, wie die Welten zu Ende gehen. Manche plötzlich mit einem großen Knall, manche siechen einfach vor sich hin, bis sie vergessen sind. So wie wir.

Nach und nach haben sich die Spiegel zusammengezogen, sind schrumpelig geworden und stumpf. Wir sind erblindet, als hätten wir das Recht verloren, die Wunder des Universums zu sehen. Ich weiß, dass es neben uns noch unendlich viele weitere Welten gibt, doch sehen können wir sie schon lange nicht mehr. Schuld ist der Schlund und sein Hunger nach Luft. Er saugt sie aus unser Welt, als würde sie ihm gehören und wir können rein gar nichts dagegen unternehmen.

Die Alten sagen, dass wir nichts tun können – so ist der Lauf der Welt. Der Riese hat es so gemacht, dass die Spiegel uns zeigen, dass unser Weg vorgezeichnet ist. Es ist wichtig, sagen die Alten, dass wir verstehen, was mit uns passiert. Das lehrt uns Demut.

Demut! Ernsthaft?
Was hab ich davon? Ich habe gesehen, wie eine Welt entsteht: ich will keine Demut, ich will neuen Atem.
So etwas gab es noch nie, sagen die Alten, ich würde mich verrennen.
Ich bin nicht bereit, das zu akzeptieren. Wir brauchen neuen Atem.

Die Riesen diskutieren immer noch. Sie sprechen über Ballons – das ist ihr Wort für Welten. Unser Riese scheint aufgebracht:

„Verarschen können Sie sich selbst! Wie meinen Sie das, unzerstörbare Ballons?“
„Wir arbeiten an einem Polymer, durch das Ballons wie diese für immer die Form behalten. Wir brauchen … sagen wir mal zwei Dutzend Ballons für unsere Experimente. In zwanzig Minuten beginnt unsere Kick-Off Party im Park. Drücken Sie uns die Daumen.“
Unser Riese scheint nachzugeben: „Na, wenn Sie meinen…“

Ich horche auf. „Für immer die Form behalten“? Das klingt doch, wie „für immer existieren“, oder etwa nicht?
Ist die Luft schon so dünn geworden, dass ich anfange zu halluzinieren?
Wir mussten da hin, unbedingt. Unsere einzige Chance.

Ohne nachzudenken oder die Alten um Erlaubnis zu bitten, öffne ich den Schlund wieder. Mit einem Quietschen entweicht die wertvolle Luft und schiebt unsere Welt an den anderen vorbei, direkt in die Hände unseres Riesen, der uns an den Unbekannten weiterreicht.

 


Wollt ihr wissen, wie die Geschichte weitergeht?
Wollt ihr wissen, wie Jana die Vorgaben interpretierte?
Fortsetzung findet ihr hier.

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von Jana, Lesezeit ca. 3 Minuten

Es ist nicht völlig dunkel im Innenbad. Licht scheint durch den Lüftungsschlitz in der Tür, genau wie durch den Rahmen. Die Tür schließt nicht komplett ab. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit und ich kann das Innenleben meines Bads erkennen. Den Heizkörper, die Toilette, Waschbecken, Wäscheständer. Endlich auch den Block auf meinen Knien. Die Schrift vermutlich nie, auch später nicht im Hellen [Anmerkung: Doch, war überraschend gut zu lesen!]. Was wollte ich hiermit beweisen? Schreiben im Dunkeln?!
Dunkelheit ist gleich Unendlichkeit. Zumindest in meinem Kopf liegen diese zwei Begriffe so nah beieinander. (Liegt vermutlich an Star Trek.) Da ist so viel, was wir nicht sehen. Es macht Angst und doch auch nicht. In der Dunkelheit verschwinde ich selbst auch, zusammen mit den Sorgen und Schrecken. Zumindest in dieser Dunkelheit. Liegt es am Licht, das nur wenige Meter entfernt ist? Das Wissen, dass dort Leben und Alltag ist, während ich nur kurz Pause mache hinter dieser Tür. Eine Auszeit, eine Art innere Einkehr, denn wirklich sehen tue ich gerade ja nur mein Selbst (und ein Stück roten Teppich direkt unter dem Lüftungsschlitz).
Es gibt noch die andere, umfassendere Dunkelheit. Nachts habe ich mich noch nie sicher und neugierig für die Geheimnisse in den Schatten gefühlt, im Gegenteil. Nachts finden mich immer die Monster. Die Dämonen, die sich tagsüber in verborgenen Winkeln meines Kopfes verstecken. Aber auch da hilft das Schreiben. Sind die Ängste erstmal auf dem Papier, werden aus den Dämonen bellende Hunde und im Licht des Tages lästige Mücken. Zumindest meistens.
Es kommt eben doch darauf an, wie hell das Licht ist, das mich am Ende der Dunkelheit erwartet.

 

Hiermit endet die Reihe „Schreiben überall“ erstmal. Auf mittendrin.blog geht es natürlich weiter. Alles Neue erfahrt ihr auf Instagram! Stay tuned, stay safe.

von Jana, Lesezeit < 5 Minuten

„Wir schließen in dreißig Minuten.“ Wie oft sie diesen Satz schon gehört hat. Sie gibt immer die gleiche Antwort („Das macht nichts.“), reicht die Jahreskarte über den Tresen und bekommt sie mit dem Papierticket zurück. Dann an den restlichen Kassen vorbei, geradeaus und nach rechts. Die Sonderausstellung. Letzter Tag.
Sie hat geglaubt, sich lange genug darauf vorbereitet zu haben, auf das Loslassen und doch gibt ihr das rot leuchtende Hinweisschild einen Stich. Sie nickt der Aufsicht kurz zu, geht in die Räume. Im letzten Saal ist die Wand mit den Fotografien. Er ist leer, wie immer um diese Zeit und sie setzt sich auf die mittlere Bank. Von hier aus hat sie den besten Blick.
„Der Künstler begann mit Fotografien.“ Einmal war sie zu einer Führung hier gewesen. „Sie sehen eine Auswahl von Motiven seiner Heimatstadt. Man kann schon an diesen Fotos seinen außergewöhnlichen Blick für Perspektive erkennen. Wenn Sie genau hinsehen…“
Sie hat es sofort erkannt. Das windschiefe Dach, die schmale Regenrinne, die die Vorderfront in der Mitte teilt und auf der Rückseite der Walnussbaum, majestätisch und ausladend überragt er das Hexenhäuschen. So hatten sie es getauft, Hexenhäuschen. Wenn sie die Augen schließt, dringt der Geruch der Küche zu ihr, nach Äpfeln und Moder, tanzen Staubflocken vor ihren Augen im Sonnenlicht, das durch die blankgeputzten Scheiben fällt. Sie fühlt die Stille auf ihren Schultern, die in der guten Stube einzuhalten war, wo ihr Großvater mit der Pfeife im Sessel saß und vor sich hin dachte. Sie spürt das Gras unter ihren Fußsohlen, schmeckt die frisch geknackten Walnüsse auf der Zunge.
Wenn Sie genau hinsehen. Steht dort hinter dem Fenster im ersten Stock nicht jemand? Das Schlafzimmer ihrer Großeltern. Winkt die Person ihr nicht gerade zu? Vielleicht ihre Großmutter als junges Mädchen?
Vielleicht nur ein Schatten, eine optische Täuschung. Das Hexenhäuschen gibt es schon lange nicht mehr.
„Verzeihung, aber wir schließen jetzt.“ Sie hätte das Bild kaufen sollen, vielleicht war das sogar möglich. Oder wenigstens den Ausstellungskatalog, aber sie weiß, sie wird es nicht tun. Sie will die Erinnerungen nicht mitnehmen, zwölf Wochen Ausstellung waren genug.
„Ist gut, danke.“ Sie steht auf und fragt den Aufseher, welches Bild ihm am besten gefällt. Es ist ein Gemälde vom Meer.
„Ein Klassiker, ich weiß, aber es erinnert mich an zu Hause, verstehen Sie?“
Nur zu gut.

 

Diesen Text habe ich auch zu Hause fertig geschrieben. Ich hatte tatsächlich nur dreißig Minuten bis Schließung und habe in dieser Zeit lieber die Atmosphäre mehr auf mich wirken lassen.

von Carmen, Lesezeit ca. 5 Minuten

Der Großonkel wird 80. Ein stolzes Alter und doch ist er das Nesthäkchen. Der kleine Bruder, der nur „unser Günter“ heißt, wenn seine großen Schwestern, darunter meine Oma, 92, ihn meinen.
Heute vormittag habe ich meine Großmutter abgeholt, sie und ihren Rollstuhl eingepackt, und bin eine Stunde lang in die Gegend ihrer Kindheit gefahren.

Die Weinberge, die Bauernhöfe, der Fluss – zu allem hatte sie eine Geschichte zu erzählen.
Diese Kellerei hat einige der Weinberge unserer Familie, meiner Urgroßeltern, aufgekauft.
Dieser Bauernhof, ein windschiefes Gebäude, das aussieht, als hätte es seit Jahren niemand mehr betreten, gehörte einer Familie, deren Söhne im Krieg alle gefallen sind.
Überhaupt der Krieg. Für meine Oma ist er allgegenwärtig. Seine Folgen sind allgegenwärtig – Bauernhöfe, die nicht mehr betrieben worden sind, Familien, die entzweit wurden, Männer und Söhne, deren Verbleib unbekannt ist. Menschen, die sich neu orientieren mussten, denen nichts anderes übrigblieb, als zu improvisieren.
Zwischen den alten Gebäuden, an denen wir vorbeifahren, stehen die neuen Häuser, architektonische, anachronistische Meisterwerke, wunderschön an sich, Landschaftsverschandelungen im Gesamtkonzept.

Wir erreichen eine Gaststätte, wohl ebenso alt wie das Geburtstagskind, gute bürgerliche Küche. Viel Fleisch, viel regionales Gemüse, deftig, herzhaft, lecker. 30 Leute sind eingeladen, namentlich kenne ich eine Handvoll. Von den Geschwistern gibt es noch drei. Vor zwei Jahren waren es noch sechs, fünf Schwestern und unser Günter. Mit Ausnahme des Nesthäkchens sind und waren alle über 85.
Langlebige Gene.

Nun feiert der Jüngste und wünscht sich, in 10 Jahren seinen 90. auch mit seinen verbliebenen Schwestern feiern zu dürfen. Doch die winken ab. Durchhalten, die 100 knacken, nur um dem kleinen Bruder einen Gefallen zu tun. Darauf haben beide nun wirklich keine Lust. Müdigkeit schleicht sich ein.

Die Luft hier drin ist verbraucht, 4 Gänge gut bürgerliches Essen sind dabei, verdaut zu werden. Kaffee ist nirgendwo in Sicht. Meine Konzentration fängt an zu schwinden und ich setze mich etwas abseits, um in Ruhe schreiben zu können.
Die Tanten, Nichten, Großneffen, Schwiegerkinder, Adoptivkinder und Verwandte, für die es schon keine Bezeichnung mehr gibt, unterhalten sich angeregt. Langsam bleiben die Namen haften, langsam kann ich mir merken, wer wer ist. Wir sehen uns so selten – Geburtstage und Beerdigungen. Mit Mitte 20 ist meine Oma ausgewandert. Nicht weit weg, aber weit genug. Der Besuch bei den Geschwistern wurde zum Tagesausflug, zum Wochenendausflug, zur Rarität. Einen Führerschein besaß meine Oma nie, mein Opa ist früh krank geworden – wieder einmal die Altlasten des Krieges – und hat sie früh zur Witwe gemacht. Mein Vater arbeitete. Wer hätte sie fahren können?

Zuerst wollte meine Oma nicht auf diese Party. Zu alt sei sie, zu anstrengend die Feier. Und dann die Sache mit dem Rollstuhl und den WCs – bis zuletzt war nicht sicher, ob es behindertengerechte Toiletten gibt. Die Angst, mit heruntergelassener Hose nicht mehr aufstehen zu können. Doch gleichzeitig gibt es nicht mehr so viele Möglichkeiten, die Familie zu sehen. Geburtstage und Beerdigungen. Die Gelegenheit bei Schopfe packen. Und so hat sie mir, ihrer Fahrerin, ihre Zweifel nicht mitgeteilt, nur meinem Vater hat sie sie erzählt.

Seitdem wir hier sind, lacht sie unentwegt. Unterhält sich mit jedem, der sich zu ihr hinunterbeugt. Erzählt mit Lachtränen in den Augen, wie ich mich auf dem Hinweg verfahren habe, von unserer „Reise nach Jerusalem“, wie wir auf einmal hinter dem Friedhof des Nachbarorts festhingen. Nunja, ich kenne die Gegend nicht und das Navi wohl auch nicht.

Am Ende schreibe ich in Ruhe meinen Text. So viele fremde Freunde überfordern. Unser Günter setzt sich zu mir. Ich sehe die Lachfältchen um seine Augen. Er raunt mir zu, dass er sich vom Dessert-Buffet, das noch nicht eröffnet ist, eine Kanne Kaffee stibitzt hat. Wir verstehen uns.

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von Jana, Lesezeit < 5 Min.

Freiheit ist Musik, laut und frei unter einem sich langsam verdunkelnden Himmel.
Menschen sind anders auf Festivals. Zugänglicher. Vielleicht liegt das aber auch an mir. Ich fühle mich dort immer daheim.
Ich bin dann in einem Garten hinter einer Villa und die ganze Welt der Musik öffnet sich für mich. Ich bin wieder 13, 14, 15, das Herz voller Schmerz und Verwirrung. Die Welt grausam und kalt, nur nicht hier. In diesem Garten ist die Welt für drei Tage in Ordnung. Trotz Dauerregen, brennender Sonne, müffelnden Toitois, halbgarem Döner und ab und an musikalischen Fernwelten.
Es ist ein wunderbarer Ort, für eine Weile bin ich sicher und aufgehoben. Zuhause warten Mitschüler, unter denen ich auffalle wie ein Panda in buntem Karomuster. Und wir wissen, was passiert, wenn man 13, 14, 15 ist und partout nicht dazupassen will.
Im Garten kennt man sich. Im Garten ist man einer von vielen.
Dieses Gefühl überkommt mich immer, wenn ich an ähnlichen Orten bin. Eine kleine Bühne, Himmel, ein bisschen Grün. Auch wenn es hier nur Sträucher sind, die sich tapfer gegen die städtische Versiegelung wehren. Bunte Lichter, buntes Graffiti und dieser Schlag Menschen, den man immer dort findet, wo gute Musik gespielt wird.
Man kennt sich, selbst wenn man sich noch nie gesehen hat.
Vielleicht bilde ich mir das alles aber auch nur ein. Auf jeden Fall bin ich jetzt hier und irgendwie auch dort. Und ganz bestimmt Daheim.

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

Tom hasste die Höhe. Er liebte Geisterbahnen, doch in ein Riesenrad hätte er nie einen Fuß gesetzt. Sie dagegen schaute sehnsüchtig auf die Gondeln, die hoch in die Lüfte stiegen und egal wie klein oder albern das jeweilige Fahrgeschäft tatsächlich war, jedes Mal sprang ihr die Liedzeile in den Kopf. „Über den Wolken…“ Wenn sie wenigstens das hätte tun können. Die Ängste und Sorgen in die nächste Kabine packen und mitfahren lassen, wieder und wieder im Kreis. Noch vor der letzten Runde hätte sie sich davon gestohlen und sie dort gelassen. Doch Tom zog sie weiter.
Sie hasste Geisterbahnen. Sie konnte nicht verstehen, warum man sich freiwillig fürchten wollte. Er sagte, das wäre nur Spaß und sie müsste lockerer werden. Sie kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Er lachte und schoss ihr später einen Teddybären mit Herzstickerei. Er war niedlich und flauschig und nicht das, was sie wollte.
Sie steht allein vor dem Riesenrad, zögert. Es ist klein, voller bunter Leuchtdioden und alberner Bemalung. Soll sie wirklich? Die blondgelockte Frau im Kassenhäuschen winkt ihr auffordernd zu.
Das Rad setzt sich in Bewegung, sie mit ihm, hoch hinaus. Die Sonne blendet und im ersten Moment sieht sie nichts. Doch nach und nach gewöhnen sich die Augen an das Licht, werden die Häuser unter ihr kleiner, die Autos zu Spielzeugen, die Menschen zu Schachfiguren. Der Boden der Tatsachen schwindet. Sie will die Augen schließen, um den Moment zu genießen und schüttelt selbst den Kopf über sich. Nicht eine Sekunde wird sie verpassen. Nicht eine Sekunde Höhenflug. Als sie sich dem Boden nähert, schallt laute Musik zu ihr. „Somewhere over the rainbow“. Fast so schön wie über den Wolken.
Sie darf lange in der Kabine sitzen bleiben. Oben fällt das ihr das Atmen leichter. Oben fühlt sie sich beinahe frei.
Als sie aussteigt und die Türen sich hinter ihr schließen, sitzt der Teddybär mit Herzstickerei noch immer auf der Holzbank. Er wird einige Runden allein bleiben, bis er einen neuen Besitzer gefunden hat.
Bevor sie den Ausgang erreicht, dringt Frank Sinatra aus den Boxen. „I did it my way.“ Ganz genau.

 

Bei diesem Text habe ich minimal geschummelt: Idee und erste Sätze sind während der Riesenrad-Fahrt entstanden. Fertig geschrieben habe ich ihn dann an meinem Schreibtisch…

von Jana, Lesezeit < 5 Min.

Montags kauft niemand Möbel. Die sorgsam platzierten Dekogegenstände stauben ein, in den eingerichteten Muster-Wohnungen lebt heute kein Mensch. Verlassen liegt die Fundgrube da, ein Sammelsurium vergessener, leicht angeschlagener Möbelstücke, die niemand will. Heute nicht. Morgen nicht. Nie mehr.
Das rote Sofa in der Ecke sieht aus, als stünde es nicht erst seit gestern hier. Genau genommen sieht es nicht mal aus, als wäre es neu, eher so, als hätte es schon viele Leben begleitet, viele Besitzer getragen. Als hätte es Jeansstoff und Seidenkleider und müffelnde Socken ertragen, Hundehaare und verkippten Kakao. Setzte ich die Maske ab und röche daran, würde es nach gefärbten Stoff und Holzverkleidung riechen oder nach Wohnen, nach Leben?
Wie riecht Leben? Ein bisschen muffig vielleicht und nach den Blumen auf dem Tisch, nach angebratenen Zwiebeln, nach Seife, Waschmittel, nach Staub und Schweiß, nach dir und mir.
Ich habe Mitleid mit diesem Sofa, es ist für Menschen gemacht und nicht für diese dunkle Ecke am Ende des Möbelhauses, in die sich heute niemand außer mir verirrt. Wo es gespenstisch still ist, abgesehen von den halb verschluckten Tönen der ewig-nervigen Werbejingles, nur unterbrochen durch ein paar völlig überhörte Dauerhits.
Das ist kein Ort zum Bleiben. Doch ich kann es nicht mitnehmen.
Ich wünsche ihm eine Familie. Ich wünsche ihm das Leben oder die vielen Leben, nach denen es jetzt bereits aussieht. Ich wünsche ihm, dass jemand es betrachtet und nicht die ramponierten Stellen sieht, sondern die Schönheit darunter. Die Schönheit, die sagt: Ich bin kein Möbelstück, ich bin ein Stück Leben.

von Jana, Lesezeit < 5 min.

It`s quite perfect here. Er wirkt perfekt, mit sich im Reinen. Entspannt zurückgelehnt, träumend, die Augen geschlossen, sunday-morning-mood. Nichts muss, keine Termine, keine Verpflichtungen, nur sein. Ein Ruhepol, umgeben von hellen, schmucklosen Mauern, kühl gegen die Hitze des schwülen Sommers.
Die Stimmen der Besucher hallen durch die Gänge, zurückgeworfen von den nackten Mauern, vielfach verstärkt. Wie in einer Bahnhofshalle am Sonntagabend kurz vor Abfahrt des letzten Zuges, im Aufbruch befindlich zurück nach wer weiß wohin. Hektisch, eilig, alle müssen, niemand will. Streit und Zorn und Abschiedsschmerz.
Ihn kümmert das alles nicht. Nicht die Welt, nicht ihr Schmerz. Ein Monument aus Stein. Blind, taub und schön. Makellos.
Er ist nicht allein. Sie tanzt um ihn herum, unablässig, Runde für Runde, eine eifersüchtige Beschützerin. Nur wovor? Die Welt kann ihm nichts anhaben. Und ich, ich sitze nur hier, beobachtend, neidisch auf seine gelassene Ignoranz, von der ich so gerne etwas abhaben möchte. Von der Haut aus Stein, von dem nach innen gerichteten Blick, auf ewig der Welt entrückt.
Der nächste Schwall von Stimmen, eine unaufhaltsame Welle Lärm und Hektik und Aufbruch. So fehl an diesem Ort.
Und wieder eine Runde der Beschützerin, die fragenden, ungeduldigen Blicke, die mich treffen. Was tut sie da?
Immer noch innehalten. Immer noch beobachten.
Und dann ehrfürchtig unter der strahlenden Kuppel die Erkenntnis: Du bleibst hier, für immer. Fern von dieser Welt in deinem kleinen Kosmos, blind und taub für uns. Der immer gleiche Raum, nur du, sonst nichts. Ich kann gehen, kommen und gehen wie die hallenden Stimmen, nur Besucher in deinem Stückchen Ewigkeit.
It´s quite perfect here. Doch bist du glücklich?
Ich jedenfalls gehe. Zurück in die schwüle Hitze des Sommers.

Der Text entstand im Rahmen eines Schreibexperiments „Schreiben überall“, das der Frage nachgeht, ob und wie sich der Ort, an dem man schreibt, auf den Text auswirkt.

von Jana, Lesezeit ca. 5 Minuten

Entstanden Ende März 2021, 6. und letzter Teil der „Morgens vor / während Corona“-Reihe. Alle Vorgänger findet Ihr ab hier.

„Überleben allein ist nicht ausreichend.“
Dieser Satz ist aus Star Trek. Zumindest laut dem Buch, durch das er sich als roter Faden windet und das sie mal gelesen hat und sehr mochte. Darin ging es um das Leben eben jener Überlebender, etwa zwanzig Jahre nach dem ein Virus etwa 90 Prozent der Menschheit ausgerottet hatte.
„Überleben allein ist nicht ausreichend.“
Sie muss in letzter Zeit oft an diesen Satz denken. Eigentlich das ganze letzte Jahr. Ein Jahr hält er schon an, der Ausnahmezustand. Das Warten auf „wenn es erstmal vorbei ist“. „Es“ ist das Virus, das Abstand halten, das „Nichts geht“. Bei ihr selbst ging auch eine ganze Weile nichts mehr. Seit etwa vier Wochen hat sie wieder einen Alltag, zumindest im Versuchsstadium. Im Büro hat sich vieles verändert (nein, der Bus ist immer noch oder schon wieder zu voll, aber ehrlich, das hatten wir doch schon ausführlich), Kollegen sieht man nur noch über Bildschirme und auf den Gängen begegnet man sich mit Maske. Vieles geht jetzt elektronisch, das, was früher nie und nimmer elektronisch gegangen wäre, denn bitte, wir sind eine Behörde und das haben wir schon immer… – „Schon immer“ wurde aussortiert und sie gewöhnt sich überraschend schnell daran. Ist mega stolz auf die erste geglückte Webkonferenz. (Davor hat sie sich kurz zu alt für diese neue Zeit gefühlt und sich geschworen, nie wieder die Augen zu verdrehen, wenn ihre Mutter sie um Tipps für die Bedienung ihres Smartphones bittet.)
Also Alltag. Und das Drumherum. Denn das Drumherum, das hat sie gelernt, das hilft gegen den Überlebensmodus. Der Modus, in dem es nur noch ums Funktionieren geht. So lange bis nichts mehr funktioniert, nichts mehr geht, genau wie im Draußen. Im Draußen ist das scheiße, denn wenn nichts geht, geht mehr und mehr verloren. Gaststätten, Theater, Kunst, Kultur – nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was vor unseren Augen stirbt. Im Inneren läuft das ganz ähnlich ab, alles verschwindet, die Begeisterung, die Freude, der Genuss, alles wird grau und still und sinnlos und dann… „Überleben allein ist nicht ausreichend.“
Wie wenig spürt sie erst, seit sie wieder lebt. Seit alles wieder Farbe gewonnen hat. Seit ihre Kreativität wieder Funken sprüht. Seit sie wieder lachen und schreiben und malen und Geschichten träumen kann. Diese Fantasiewelt in ihrem Kopf neu entdecken kann, wie die Enterprise die unendlichen Weiten des Weltraums. (Ja, Star Trek kann sie auch wieder schauen. Das konnte sie nicht mehr. Die Konzentrationsspanne hatte einfach nicht…)
Überleben. Leben. Und nun der nächste Lockdown. Wieder alles runterfahren. Das Überleben sichern, denn die Wahrheit ist auch: Leben ohne Überleben ist nicht möglich. Der Virus ist mittlerweile auch in ihrer Familie angekommen und leider mit dem schlechtmöglichsten Ausgang.
Leben und Überleben. Das eine geht nicht ohne das andere. Das andere wird unerträglich ohne das eine. „Life`s that way“ lautet der Titel eines anderen Buches, das sie sehr gemocht hat. In diesem ging es um das Weiterleben nach einem Verlust. Wir alle verlieren im Leben. Etwas oder jemanden. Wir verlieren, lassen fallen, werfen weg, stürzen – und dann stehen wir wieder auf. „Life`s that way.“ Vergessen wir vor lauter Überleben nicht das Leben. Denn – und nun muss noch ein Filmtitel herhalten, damit es ausgeglichen ist – „Das Leben ist schön“. Und das kann sie wirklich nur unterstreichen.


Erwähnte Bücher: „Das Licht der letzten Tage“ von Emily St. John Mandel; „Life`s that way“ von Jim Beaver

Aussteigen

von Jana, Lesezeit ca. 10 Minuten

Dieser Text entstand im Januar 2021 und ist die Fortsetzung zu Abschiede (kann aber auch allein gelesen werden).

Ein neues Jahr. Trotz Stillstand, trotz Innehalten, trotz Lockdown. Es ist einfach passiert, so wie viele Dinge einfach passieren. Die Welt hält nicht an, doch diesmal ist sie erleichtert, dass es weiter geht, auch bei ihr. Sie fährt schon eine Weile wieder Bus, jeden Morgen, ganz knapp nach der Rushhour, sodass ihr das morgendliche Chaos erspart bleibt. Vielleicht gibt es aktuell aber auch gar kein Chaos, immerhin ist Lockdown 2.0. Nicht einmal Weihnachten blieb verschont und ihr ist schon klar, dass die Lage ernst ist, aber es gab Momente, da hätte sie sich fast einen Aluhut gekauft.
„Weihnachten mit der Familie, ja – aber bedenken Sie, wie viele Weihnachten Sie noch mit ihren Eltern haben wollen.“ Na viele, oder etwa nicht? Herzlichen Dank für nichts! So, als würde man seinem Kind einen Schoko-Weihnachtsmann schenken und ihm beim Essen haarklein erzählen, wie gefährlich Zucker ist. Nur ohne die Schokolade und dafür mit bitterem Ernst. „Sie dürfen Ihre Eltern besuchen, aber bitte nicht reisen.“ Wissen PolitikerInnen wirklich so wenig über das Land, das sie regieren? In ihrem Abitur-Jahrgang jedenfalls ist die Mehrzahl der Leute weit weg von zu Hause gezogen, weil das war so. Anders ging es gar nicht, wenn man eine Arbeit wollte, die einem den Lebensunterhalt finanziert. Eltern besuchen heißt Reisen und Politik ist offensichtlich lebensfremd. Lebensfremder sind nur die Menschen mit den Aluhüten (deswegen hat sie doch keinen), die maskenlos und eng umschlungen ins Verderben tanzen und darauf auch noch stolz sind. Die können ja gerne tun und lassen, was sie wollen, denkt sie, wenn sie nur nicht nach den Demos mit dem Zug nach Hause fahren würden. Dem Zug, in dem auch sie sitzt und viele andere unschuldige Mitmenschen. Verantwortungslos. Nein, nicht rebellisch oder augenöffnend. Einfach nur verantwortungslos.
Über Verantwortung denkt sie gerade viel nach, über ihre und die der anderen, unabhängig von Aluhüten. Es geht um Schuhe. Sie neigt dazu, sich fremde anzuziehen. Viele fremde Schuhe und einer passt schlechter als der andere. Vor allem, weil sie in High Heels überhaupt nicht laufen kann, nicht einen Meter.
Sie neigt auch zu anderen Dingen, die das Leben schwerer machen. Und sie fragt sich warum. Warum, warum und nochmal warum. Sie geht oft spazieren, um diesen ganzen Warums auf den Zahn zu fühlen, aber dann verliert sich ihr Blick doch in den See und die Vögel darauf, die Enten, Schwäne, Blässrallen und sogar Möwen und die Gedanken ziehen irgendwohin. Ins Unterbewusstsein vielleicht, denn dann stolpert sie eines Tages doch über eine Antwort und dann noch eine und noch eine. Das Puzzle setzt sich nach und nach zusammen, langsam, viel zu langsam für ihren Geschmack. „Das Gras wachsen lassen“, ein guter Ratschlag, den sie nur schwer befolgen kann. Sie zerrt viel lieber daran, denn dann muss sie nicht warten, bis etwas getan wird. Am Ende gefällt ihr das Getane vielleicht nicht!
Abwarten und Tee trinken. Warten, bis die Leute ausgestiegen sind, bevor man selbst einsteigt. Und ist es nicht die Ironie ihres Lebens, dass sie darüber drei Texte verfasst hat und es selbst doch nicht beherrscht? Gut, dass sie wenigstens über sich selbst lachen kann.
Aussteigen. Gerade ist sie ausgestiegen für einige Wochen, doch irgendwann wird sie wieder einsteigen müssen. Noch ist es nicht soweit. Noch steht sie an der Haltestelle, studiert aufmerksam den Fahrplan und überlegt, wo sie eigentlich hin will. Sie hat alle Zeit der Welt und das ist auch gut so, denn die Tasche, die sie mitnehmen will, ist viel zu schwer. Sie muss einiges auspacken, verschenken oder wegwerfen oder eintauschen gegen anderes, das sie vergessen hat, aber dringend braucht. Einige ihrer Reisegefährten muss sie noch einladen, anderen muss sie absagen, die haben keinen Platz mehr im Bus.
Oder lieber ein Schiff? Über das Meer, ihren Wohlfühlort, immer Richtung Horizont, Stürmen und Seeungeheuern trotzend auf dem Weg in ferne, exotische Länder?
Oder ein Raumschiff auf dem Weg in unendliche Weiten, fremde Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat?
Doch wofür sie sich auch entscheidet, auf dieser Reise wird sie wieder am Steuer sitzen. Hat sie Angst? Fürchterliche. Aber sie ist ja nicht allein. Genau wie Kirk und Picard hat sie ihr eigenes Team, im innen und außen, und sie hat einen Kompass, der sie auf dem Weg hält. Den Reiseführer wird sie zu Hause lassen, denn so genau, will sie gar nicht planen. Lieber die Aussicht genießen, lieber mal schauen, was kommt, lieber das Gras wachsen lassen, nach seinem eigenen Tempo. Der Weg ist das Ziel, auch wenn sie sich gerade nicht tatsächlich vom Fleck bewegen kann. Lockdown long. Alles steht. Gut, dass für ihren neuen Weg erstmal nur ein Schritt nötig ist und noch einer und noch einer. Es dauert, bis sie die fünfzehn Kilometer zusammen hat und wer weiß schon, wie die Welt dann aussehen wird?

Die „drei Texte“, die sie verfasst hat, sind die Vorgänger zu „Abschiede“ und ihr findet sie hier: Morgens vor Corona, Morgens während Corona, Teil 1 und Teil 2.

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Meer

von Jana, Lesezeit ca. 5 Minuten

Ich stehe am Meer und sofort überkommt mich eine Ruhe, kalter Sand unter meinen Füßen, körnig, kühl, beruhigend. Salzige Luft, Atmen, so viel freier atmen und dann Weite. Blaue Weite, Wasser bis zum Horizont. Die Sonne blendet ein bisschen, der Wind zerrt an meinen Haaren, Möwen kreischen, die Brandung rauscht. Noch ein Schritt und meine Zehen würden das eiskalte Wasser berühren, aber ich stehe einfach nur da. Mein Kopf ist ganz ausnahmsweise einmal still, überwältigt von dem Vielen, dem Allen, dem Nichts, da so direkt vor meiner Nase. Meer, Wasser, blau, stopp. Denn sonst ist da nichts bis zur Linie am Horizont, nicht mal ein Boot oder eine Boje oder ein Trottel, der bei gefühlten -15 Grad schwimmen geht (das Wasser, nicht die Luft). Sondern nur blau in verschiedenen Schattierungen und endlich verstehe ich, was die Achtsamkeitstrainer meinen, wenn sie sagen „Du musst einfach nur sein.“. Der Wind und die unglaubliche Weite nehmen die störenden Gedanken in meinem Kopf mit auf die Reise und ich darf hier bleiben mit diesem Blick und der Sehnsucht, was da wohl hinterm Horizont auf mich warten könnte. Das Lied von Rio kommt mir in den Sinn „Ach, wär ich doch jetzt auch dabei. Weit, weit, hinterm Horizont, wenn unbekannte Länder zu entdecken sind.“. Doch ich weiß, mir reicht die Sehnsucht, ich möchte gar nicht auf das Schiff, ich möchte nur hier sein und sein dürfen.

Das Meer war schon immer mein Freund. Ich mag kein Wasser per se, aber das Meer, die Versprechungen, die es mir macht, die haben mich schon immer gepackt. Das Meer versteht mich, die grollenden wütenden Wellen, die rücksichtslos an den Strand schlagen; das unendliche Nichts bis zum Horizont. Stillstand und Aufruhr, Leben und Tod, Nähe und Ferne, überall und nirgendwo – das Meer ist nicht nur eine Sache, es kann sich nicht entscheiden, aber niemand käme auf die Idee, ihm das vorzuwerfen.

Am Meer habe ich die großen Veränderungen in meinem Leben überwunden. Loslassen geht am besten, wenn dir klar wird, dass du selbst so klein und unbedeutend bist, dass du im Großen und Ganzen keine Rolle spielst. Dass deine Entscheidung letztendlich für dich selbst die größte Bedeutung hat und du sie deshalb nur für dich selbst und niemand anderen triffst. Es hilft.

Ich stehe am Meer und diesmal ist der Sand heiß unter meinen Füßen, die Sonne brennt auf meine Haut. Irgendwo spielen Kinder, schreien, toben, planschen.

Jemand ist gestorben letztes Jahr, seine Asche wurde dem Meer übergeben. Überall und nirgendwo. Ich kann nicht atmen, kann nicht denken, das Wasser umspielt meine Füße, ich glaube, es ist angenehm kühl. Ich starre auf die Weite, warte, dass sie mir den Schmerz abnimmt, so wie immer.

Das Meer ist mein Kummerkasten. Gut, dass es so groß ist.

P.S.: Noch eine Reise zu einem Sehnsuchtsort gefällig? Dann schaut in diesen Text von Carmen.

P.P.S.: „Meer“ wurde (etwas angepasst) im Rahmen der Anthologie zum 6. Bubenreuther Literaturwettbewerb veröffentlicht.

„Abschalten und Tee trinken“ – ein Achtsamkeits-Schreibexperiment (Stand 20.12.)

Noch ein Hinweis, bevor es losgeht: Ich wollte gerne mit Euch teilen, welchen Tee ich zu den Schreibmomenten trinke und nenne daher Sorte und Marke. Die Produktnennung erfolgt dabei unaufgefordert und ich werde auch nicht dafür bezahlt. Es ist also keine Werbung, sondern wirklich nur Tee trinken 😉

Tee trinken und schreiben passt sehr gut zusammen. Über das Tee trinken schreiben klingt erstmal nicht so spannend. Trotzdem möchte ich es wagen. Jeden Tag ein neuer Tee. Duft, Geschmack, Assoziationen, Erinnerungen – mal sehen, was dabei herauskommt. Ich lade Euch ein auf eine gemeinsame Tasse Tee, eine kurze Auszeit vom Alltag.

Pfeffer, Zitrone, Zimt. Liebe ich alle drei. Zimt habe ich allerdings nie da, was mich immer dann ärgert, wenn mich die Lust auf Griesbrei überfällt. Griesbrei kaufe ich dann (ja, den fertigen, zum mit Milch anrühren, nein, ich schäme mich nicht dafür), aber Zimt vergesse ich immer. Griesbrei mit Zimt, das ist Kindheit und Wohlfühlen, wie eine Umarmung. Mit Kirschkompott. Oder Mandarinen. Oder einfach pur. Griesbrei gab es auch in der Schulkantine freitags. Der war nicht so gut, für den Wohlfühleffekt hat es aber gereicht. Man geht in der Fremde im Notfall Kompromisse ein. Mit Pfeffer kann man vieles retten, was geschmacklich fad daher kommt. Ich habe auch den bunten, weil mich die Auswahl schlicht überfordert hat. Bunt passt zu allem und das tut er tatsächlich. Zitrone ist auch ein Allheilmittel und sauer macht bekanntlich glücklich. Dieser Tee schmeckt für mich tatsächlich nach Glück, irgendwie. Nach Fröhlich-sein und Nicht-so-viel nachdenken. Er ist weich im Mund und gleichzeitig brennt die Pfeffernote ein bisschen nach. Er macht definitiv wach. Apropos wach: Ich und ungefähr fünfzig Krähen beobachen gerade einen traumhaften Sonnenaufgang. Rosa-violett-orange färbt sich der Himmel. Guten Morgen und vergesst nicht, unseren Adventskalender zu besuchen!

Himbeere! Schon der Beutel, den ich aus der Packung nehme, verströmt einen intensiven Duft nach Himbeere. Himbeer-Eis, Himbeer-Marmelade, Himbeeren pur, Vanilleeis mit heißen Himbeeren! Als Kind musste ich zu meinem ersten Vanilleeis mit heißen Himbeeren überredet werden. Nein, dafür habe ich im Nachhinein keine Entschuldigung.
Aufgebrüht überströmt der Himbeerduft des Tees sogar den Kaffee in der zweiten Tasse. Noch ein, zwei Mal pusten, dann kann ich probieren. Der erste Schluck ist hauptsächlich heiß. Aber bei der Kälte ist die Wärme durch die Tasse, die Wärme im Mund und der fruchtige Duft schon genug, um ein wohliges Gefühl auszulösen. Im Abgang schmecke ich dann die Himbeere und jetzt glaube ich auch, die kräftigere Cranberry herauszuschmecken. Beide Fruchtnoten ergänzen sich fabelhaft. Noch ein bisschen Orange und Zimt und der Weihnachtspunsch ist perfekt.
Früchte schmecken nach Sommer, nach Leichtigkeit. Fruchtiges Vergnügen würde ich den Tee nennen. Ich schwelge noch ein bisschen. Für die Fensterblick-Vermisser: Heute sieht man noch nicht mal eine Ahnung von Sonnenaufgang. Nur dunkles Blau.

Heute habe ich mich entschieden, erst zu trinken und dann nachzulesen, welcher Tee es ist. Auch auf die Gefahr hin, dass ich von Kakaonoten fasel und es eigentlich Pfefferminztee ist. Ist dann halt so.
Im Beutel verströmt der Tee einen intensiv Duft nach Kräutern. Vielleicht Brennnessel? Vielleicht Fenchel? Und da ist noch eine Note, die an Sommerwiesen mit Löwenzahn erinnert.
Aufgebrüht riecht der Tee süßlich und gar nicht mehr vordergründig kräutrig. Er ist sehr weich im Mund und hat eine gewisse Süße. Aber da ist auch etwas fruchtiges dabei. Zitronengras und ??? Ein sehr angenehmer Kräutertee, den ich mir mit extra Minze, Limette und Eiswürfeln auch gut als Sommerbowle vorstellen kann. Mittlerweile bilde ich mir auch einen gewissen Mentholgeschmack ein, also doch auch Minze? Jetzt habe ich so wild fabuliert, dass ich schon Angst habe, nachzuschauen. Die Blamage droht 😉
Wonderful Morning also, na, das klingt doch schon mal gut. Kräutertee ist es auch. Zitronengras und Mate ist drin, Süßholzwurzel und noch ein paar andere Dinge. Weder Minze noch Brennnessel, aber es hätte peinlicher für mich werden können. Bin eigentlich ganz zufrieden.
Zum Schluss noch der kurze Blick nach draußen: Graues Wolkenband zieht über den Himmel. Krähenparty im Innenhof, alles wie immer 🙂

Was für ein Himmel! Ich weiß, der Fensterblick war letzten Monat, aber man sieht heute unglaublich weit und da am Horizont färbt sich der Himmel gerade feurig rot. Hier, direkt vor meinem Fenster, ist es immer noch grau, fast farblos mit dunklen Wolkenbändern, die vorüberziehen. Vor dem erwachenden Himmel drohen die Türme von St. Benno. Ich schwöre, würde Caspar David Friedrich gerade an meinem Küchentisch sitzen, er würde diese Szene malen. Und wie immer schauen meine Krähen im Baum dem Schauspiel zu und verleihen dem Ganzen einen Hauch von Apokalypse.
Leider fällt mir kein sinnvoller Bogen zum Tee ein. Ich habe wieder nicht nachgeschaut, aber der Beutel roch schon nach Erdbeer-Sahne und der aufgebrühte Tee tut es auch. Erdbeer-Sahne – das war der Tee, den es in meiner Kindheit in der kalten Jahreszeit zum Abendbrot gab. Aus einer dicken bauchigen blauen Kanne, die auf ein Glasstövchen gestellt wurde, damit der Tee lange warm blieb. Erdbeer-Sahne ist also Vertrautheit, Familie, gemeinsame Zeit – so wichtig, das merken wir in diesem Jahr besonders! Geschmacklich bin ich eher bei Hagebutte gemischt mit irgendeiner Süße und es fühlt sich etwas sperrig im Mund an, so ein trockenes Gefühl, das ich mit Rooibusch verbinde. Ja, der Geruch gefällt mir besser als der Geschmack, aber da beides zusammen kommt, trinkt es sich trotzdem ganz wunderbar.
Zeit für die Auflösung: Skinni Vanilli mit (!) Hagebutte, Rooibusch und Erdbeeraroma 🙂 Dann noch Hibiskus, Süßholzwurzel und Vanille. Diese Blindverkostung gefällt mir immer besser.

Als ich den Beutel aus der Packung nehme, denke ich an Brombeere. Aufgebrüht ist die Orange aber deutlich. Orange und sonst nicht viel, auch geschmacklich nicht, daher tippe ich mal auf Grünen Tee mit Orange. Ich kann nicht sagen, dass er schlecht schmeckt, er schmeckt halt ein bisschen nach Nichts mit Orangennote. Man hat warme Flüssigkeit im Mund, weich und angenehm und im Abgang fruchtig. Ich habe eine Weile früh immer Grünen Tee getrunken, um mir das Kaffee trinken abzugewöhnen. Der Erfolg war mäßig. Ich liebe Tee und je öfter ich gerade diesen grünen Tee mit Orange trinke, desto besser finde ich ihn, warum auch immer. Aber Kaffee hat eben die unumstößliche Eigenschaft, Kaffee zu sein: Schmeckt so, macht wach und verknüpft im limbischen System Dinge, die Tee nicht verknüpfen kann. Kaffee tröstet, wenn es morgens noch dunkel und kalt ist. Kaffee erinnert an ausgedehnte Sonntagsfrühstücke, wenn endlich mal nichts zu tun ist. Tee kann Dinge, die Kaffee nicht kann. Tee wärmt, wenn man von einem plötzlichen Regenschauer durchnässt nach Hause kommt. Tee kombiniert sich perfekt mit Buch und Kuscheldecke. Tee hilft, wenn man sich besch* fühlt. Das ist zumindest bei mir so.
Die Tasse ist leer, was sagt die Auflösung? Huch, war gar kein Grüner Tee, sondern Orange & Lemon. Angeblich ist da auch Süßholzwurzel und Hagebutte mit drin, aber wo haben sie die denn versteckt? Ich trinke jetzt erstmal einen Kaffee…

Ein ganzer Kräutergarten begrüßt mich, als ich den Beutel aus der Packung nehme. Auch jetzt aufgebrüht ist der Geruch intensiv. Ein Kräutergarten in einem fernen, fremden Land. Es ist heiß und staubig, die Sonne brennt unerbittlich vom Himmel. Ich stehe im Schatten vom Wind gebeutelter Mauern voller Geschichte und blicke über den Garten auf die Stadt, die sich den Hügel hinab erstreckt, in der Ferne das blaue Glitzern des Meers. Goldbemalte Kuppeln heben sich vom Gewirr der eng zusammenstehenden Häuser ab. Ein Muezzin ruft zum Abdngebet, die Sonne geht unter. Endlich lässt die Hitze nach, der Garten verstörmt einen betörenden Geruch, der mich einhüllt, beruhigt. Ich bin zu Hause. Zu Hause in der Fremde. So riecht der Tee, so schmeckt er, vertraut und fremd zugleich. Intensiv, ein bisschen süß, ein bisschen bitter. Was immer herauskommt, es wird mein neuer Lieblingstee: Love me truly – na, wenn das nicht passt. Chai-Gewürz-Tee mit Zimt, Ingwer und Nelke. Orange und Fenchel ist auch dabei. Ich hätte mehr Kräuter vermutet, aber vermutlich übernimmt die Nelke den Job des Gartenfeelings. Spannend.

Pfefferminztee. Ich bin mir ziemlich sicher. Als ich Tasse abgestellt habe, dachte ich, ich würde auch Honig riechen, diese Note ist aber irgendwie weg. Pfefferminztee. Das ist so Kindheit, zu Hause, Vertrautheit, ich weiß gar nicht, wie ich das in Worte fassen kann. Ich habe das Gefühl, er war schon immer da und auch wenn ich ihn die letzten Jahre vernachlässigt habe, wird er sich vermutlich immer wieder in mein Leben schleichen. Nicht nur wenn ich krank war und bin. Ich war nie der Frühaufsteher, morgens aus dem Bett zu kommen war und ist für mich hart, aber dann auch noch frühstücken – unmöglich. Aber meine Mutter hat darauf bestanden, dass ich morgens vor der Schule etwas im Magen brauche. Ich ließ mich zu einem Keks überreden – und eine Tasse Pfefferminztee. Trotz des frühen Rituals ist mir der Tee nicht verhasst. Er war lange Zeit eine Art Grundnahrungsmittel. Vielleicht entdecke ich ihn jetzt wieder.
Schauen wir mal, ob ich überhaupt richtig lag: Okay, es ist passiert. Eine halbe Seite über den falschen Tee philosophiert, na herzlichen Glückwunsch, Jana. Little Dreamer heißt er und er besteht hauptsächlich aus Kamille, Zitronenmelisse und Lavendel (ausgerechnet, jetzt, wo ich es weiß, rieche ich ihn auch, verrückt). Aber zur Ehrenrettung: Ganz am Ende ist auch Grüne Minze aufgeführt.
Um die Peinlichkeit vergessen zu machen: Sonnenaufgänge im Dezember sind so wunderschön! Es sieht wieder märchenhaft wunderbar aus 🙂

Der Tee riecht frisch und fruchtig nach guter Laune, was gut ist, denn meine ist gerade im Keller. Keine Ahnung, warum. Es ist dunkel und kalt und ich bin wach und in meiner Küche, anstatt unter einer warmen, weichen Bettdecke noch zu träumen. Wobei ich heute Nacht eher Albträume hatte, aber darum geht es ja jetzt gar nicht, sondern um Tee. Tee: Fruchtig, zitronig, für meinen Geschmack ein bisschen zu zitroniges Aroma strömt mir entgegen. Er schmeckt etwas bitter, während in der Zitrusnote eher eine Süße liegt. Alles etwas verwirrend im Mund. Hätte ich mich gestern nicht so arg blamiert, würde ich ja Grüner Tee sagen. Grüner Tee mit Zitrone und definitiv nicht mein Lieblingstee in Zukunft. Aber riechen tut er gut, vielleicht ja als Duftstäbchen.
Okay, meine Laune wird nicht besser, ich hänge meine Nase noch ein bisschen in den Tee, vielleicht hilft es. Tatsächlich Green Tea Lemon. Draußen ist es immer noch stockdunkel, kein Sonnenaufgang, dabei sind ein paar Krähen schon da. Dunkle Sillouetten vor dunkelblauem Grund. Mir fehlt die Sonne.

Undefinierbar. Nicht, dass der Tee nach Nichts riecht, aber so tief ich meine Nase auch in die Tasse stecke, da will kein Kraut in meinen Kopf kommen, das dazu passt. Im Beutel roch es nach milden Kräutern, in der Tasse einen Hauch muffig, auch wenn das komisch klingt. Geschmacklich ist es auch schwierig. Streng ist das erste Wort, das mir in den Sinn kommt. Herb. Pfeife und Whiskey-Glas und altmodische Strickjacken. Dunkle Lederbezüge und hohe Bücherregale aus Eichenholz. Ein Feuer im Kamin und lange Nachmittag des Nichtstuns. Klingt gar nicht mehr so streng. Jetzt bin ich aber gespannt: Zen Balance mit Eukalyptus, Zitronengras und Ginkgo. Ginkgo ist auf jeden Fall gut fürs Gedächtnis, damit es sich lohnt, die ganzen Bücher in meiner imaginären Bibliothek zu lesen – oder halt in der eigenen. Einen schönen Tag wünsche ich!

Als ich am Beutel schnuppere, kitzelt meine Nase, daher tippe ich mal vorsichtig auf Pfeffer. Es riecht sehr kräftig, mit dem Versprechen nach spritzig. Aufgebrüht ist da auf jeden Fall eine blumige Note und beim ersten Schluck weiß ich, dass ich den Tee kenne. Diesmal wirklich… also hoffentlich. Tee-Sommelier werde ich so oder so nicht, aber noch so eine Blamage… egal. Der Tee schmeckt auf jeden Fall nach Sommer, nach Blumenwiese. Es ist süßlich und auch ein bisschen kräftig. Er hat ein hohen Wohlfühl-Wärme-Faktor. Ich finde, er ist ein guter Freitagstee. Man wird nochmal ins Geschehen geworfen, aber der Kopf ist schon halb im Wochenende. Die Welt soll einem heute nicht zu nah kommen, denn mental ist man irgendwie schon auf der Blumenwiese, beim Trampolinspringen und Wolken schauen. Ich wünsche Euch heute viele Wolken-Schauen-Momente. Ich löse nicht auf, ich lag nämlich schon wieder voll daneben. Ingwer statt Pfeffer. Und Zitrone statt Blumenwiese. Aber hey, es ist Freitag, also lächeln 🙂

Ein traumhafter Sonnenaufgang und etwas am Horizont, das wie ein sehr langsamer Komet oder eine seeehr langsam Sternschnuppe aussieht. Habt Ihr letzte Nacht Sternschnuppen beobachtet? Habt Ihr Euch etwas gewünscht? Meine Krähen befinden das Schauspiel am Himmel auch als hochinteressant, sie sind wieder zahlreich versammelt.
Aber es geht ja um Tee! Fencheltee ist es heute. Ich habe extra darauf geachtet, nicht den Namen auf der Packung gelesen, habe aber nicht an das kleine Schildchen gedacht, sodass es heute Morgen kein Ratespiel wird.
Fencheltee. Solide. Fast etwas langweilig. Love me truly oder Happiness klingen da deutlich aufregender. Dabei ist Fenchel alles andere als langweilig. Zumindest nicht für mich, da ich erst dieses Jahr zum ersten Mal in meinem Leben welchen gegessen habe (mein Papa hat ihn als „unessbar“ deklariert, deswegen gab es bei uns zu Hause keinen). Als Tee mag ich ihn zusammen mit Anis und Kümmel schon länger. Jeder Schluck zieht bei mir sofort in den Bauch und gibt mir ein wohliges, beruhigendes Gefühl. Ein Magen im Gleichgewicht kann Wunder wirken an schlechten Tagen. Einfach mal ausprobieren.

Ich habe meinen Ablauf morgens umgestellt und bin jetzt früher dran. Es ist noch stockdunkel und ich kann – neben meiner Tageslichtlampe – draußen – abgesehen von vereinzelter leuchtender Weihnachtsdeko auf den Balkons meiner Nachbarn – absolut nichts erkennen. Ist ein komisches Gefühl. Und ich bin noch todmüde und habe Schwierigkeiten, Wörter zu formulieren. Bin nicht sicher, dass ich diesen Ablauf beibehalte 😉
Tee. Es ist Kräutertee, viel mehr kann ich nicht sagen. Es war ziemlich umständlich, die Sorte geheimzuhalten. Warmer Duft, vertraut und würzig und ein bisschen bitter. Die Tasse ist fast zu heiß, um sie anzufassen. Beim ersten Schluck kommt hauptsächlich die Wärme im Mund an. Dann das Kräuterbett, das nach mehr schmeckt. Ein schönes Gefühl im Mund. Honig würde gut zu diesem Tee passen. Er tritt selbstsicher auf, nimmt die Geschmacksnerven ein. Kein leichtes Anklopfen, sondern rein in die Tür. Ein Tee, der weiß, was er will und schwer, aber angenehm im Mund liegt. Ich kenne das Kraut, aber früh um sieben fällt meinem Hirn wie immer nur Minze ein, was es – glaube ich – nicht ist. Vielleicht sollte ich diese Übung echt mal nach dem ersten Kaffee machen. Es ist Salbei Tee. Weiter zum Kaffee.

Es gibt Sweet Chai Tee. Habe schlicht vergessen, darauf zu achten, nicht auf die Packung zu schauen. Er riecht nach Sonne und orientalischen Klängen. Und da ist eine angenehme Schärfe im Mund. Ein Basar voll und laut und voller fremder Gerüche. Es ist erdrückend heiß, aber ich bin trotzdem mitten im Gewimmel. Ich suche etwas Bestimmtes und schiebe mich durchs Gedränge. Laute Stimmen, Hände, die nach mir greifen, um mich auf etwas aufmerksam zu machen, aber ich weiche ihnen geschickt und souverän aus. Bunte Tücher, Klangschalen, Teppiche, alles lasse ich ohne genauen Blick links liegen. Ich will zu den Gewürzen, da wo sich Kardamom, Zimt und Nelken um den intensivsten, vielversprechendsten Geruch streiten. Hier ist es ruhiger und von irgendwoher weht ein Lüftchen. Ich lasse mir Zeit. Rieche so lange an allem, bis meine Nase kapituliert. Aber die Gerüche haben sich längst auf meine Zunge geschlichen, wo ich sie voll auskosten kann.

Heute habe ich einen Guten Abend Tee erwischt. Diesmal habe ich den Lavendelduft erkannt 😉 na, hoffentlich wirkt er nicht allzu gut, denn schlafen habe ich in den nächsten Stunden eigentlich nicht vor. Abgesehen von Lavendel schmecke ich auch nicht anderes, er ist eben sehr intensiv. Und ich finde auch beruhigend, ich habe ein Lavendelspray, dass ich als Einschlafhilfe auf mein Kissen sprühe. Ich habe den Blick auf die Lavendelfelder in Südfrankreich im Kopf und schon fange ich an zu träumen. Sehnsuchtsorte, kleine Dörfer, Ruhe, fast Einsamkeit, Sonne, gutes Essen, guter Wein, besondere Gerüche und leuchtende Farben. Ja, träumen… aber jetzt geht es erstmal hinaus in die Welt!

Kräutertee. Und hiermit erschöpft sich meine Analyse auch schon. Danke fürs Lesen und einen schönen Tag noch 😉 Der Tee riecht und schmeckt ein wenig süßlich. Er liegt sehr angenehm im Mund. Ich denke an Natur, an Weite. Eine Wanderung durch Wald und Wiesen, vielleicht im Frühling. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Ich habe Zeit, niemand drängt mich, ich muss nicht irgendwo hin, kann einfach gehen, so schnell ich will, wohin ich will. Ein langer Spaziergang, weg wohin. Schöne Orte finden. Eine kleine Aussicht, ein Bank im Schatten, einen schönen Stein, einen knorrigen, seltsam verzweigten Baum. Kleine Geschichten, märchenhafte Wunder direkt vor meiner Nase. Ich bekomme richtig Lust auf einen Spaziergang zum Geschichten entdecken. Die Welt da draußen verspricht allerdings heute nur grau. Na ja, vielleicht findet sich ja doch noch etwas, das mich inspiriert, man soll nie nie sagen.
Achso, die Auflösung: Bergkräuter-Tee. War ich doch na dran ;), was allerdings Orangenblätter im Bergkräuter-Tee machen…?

Heute habe ich wieder das Schildchen vorab gelesen. Es ist echt schwer, nicht drauf zu schauen, wenn man den Teebeutel in die Tasse hängt. Kamillentee. Ich kenne mindestens eine Person, die diese Tasse Tee nicht trinken würde, gäbe man ihr dafür Geld. Auch nicht gegen viel Geld. Ich persönlich mag Kamillentee. Er riecht angenehm mild und schmeckt weich und ein bisschen kräutrig. Nicht wirklich süß oder scharf oder irgendwie. Er fordert nicht, er gibt auch nicht viel, aber deswegen passt er ja gut zu Tagen, an denen man sich genauso fühlt. Lass mich in Ruhe, mir geht es nicht gut – die perfekte Stimmung für Kamillentee. (Selbstverständlich nur, wenn es einem so schlecht geht, das Schokolade keine Option mehr ist. Sonst ist Schokolade Kamillentee immer vorzuziehen!) Mir geht es heute zwar nicht schlecht, aber eine Tasse vorsorglicher Kamillentee schadet auch nicht. Es ist so grau draußen, vielleicht wird das mit Kamillentee auch irgendwie besser. Hoffen kann man ja mal.

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Draußen ist November – ein Schreibexperiment (Stand 30.11.)

Hallo zusammen,

„Draußen ist November“ ist der Titel des Schreibexperiments, mit dem wir uns aus unserer Pause zurückmelden.

Vom 1. November bis zum 30. November wollen wir möglichst jeden Tag immer den gleichen Blick aus unseren jeweiligen Fenstern beschreiben – jede von uns hat natürlich ihren eigenen Fensterblick.
Klingt langweilig? Klingt spannend? Warum tut man so etwas?
Der Herbst gilt allgemein als ein Symbol der Veränderung, gleichzeitig gibt es in unserer beider Leben gerade viel Veränderung. Dieser eine Blick, jeden Tag 5 Minuten beschrieben, soll unsere Konstante sein… oder doch nicht?
„Draußen ist November“ wird unser Experiment. Was passiert mit unserer Umwelt? Werden wir es bemerken? Was passiert mit uns? Wo stehen wir am Anfang und am Ende des Experiments?

November ist allgemein ein spannender Monat für Autor*innen, da der Monat jedes Jahr unter dem Zeichen des NaNoWriMo steht – dem „National Novel Writing Month“. Autor*innen, die mitmachen möchten, setzen sich das Ziel, 50.000 Wörter im Monat zu schreiben. Carmen wird dieses Jahr mit einem Ziel von 20.000 Wörtern mitmachen. Sie wird bei jedem Post ihren Wordcount mit dazuschreiben, hoffentlich ein Teil ihrer Veränderung.


Carmens Fensterblick 1.11.

Carmen
NaNoWriMo: 108/20.000 Wörtern im Romanprojekt geschrieben

Der Himmel ist komplett wolkenbedeckt, und trotzdem kann ich in der Ferne die Berge sehen. In Echt wirken sie viel näher, als auf meinem Bild, wo sie hinten nur klein und unscheinbar, fast nicht erkennbar sind. Seit ich hier wohne, hebt es immer meine Laune, wenn ich sie sehe. Nicht immer ist die Sicht so gut wie heute, wo es wirkt, als wären sie nur eine Armlänge von mir entfernt – eine Illusion, die das Foto nicht vermitteln kann.
Direkt vor mir die Straße, auch am Sonntag ziemlich laut, aber was kann sie ausrichten, wenn hinten die Ruhe der Berge alles überstrahlt. Auch der Wind scheint sich dieser Ruhe zu fügen – die Fähnchen auf dem gegenüberliegenden hässlichen Bürogebäude bewegen sich kein Stück und hängen still – Sonntag ist nunmal Ruhetag.
Überhaupt: dieses weiße, hässliche Bürogebäude finde ich seit jeher spannend: Dort drin verändern sich laufend Dinge, ohne dass dort jemals Menschen sind. Es gehen unerklärliche Dinge vor sich. Ich erkenne auf mehreren Stockwerken große Zimmerpflanzen und manchmal brennt nachts das Licht. Aber ganz ehrlich: Seitdem ich hier lebe, seit mehreren Jahren, habe ich noch nie, wirklich noch nie eine Person in diesem Haus gesehen. Dort drin spukt’s!
Im Bürogebäude, das ich von einem anderen Fenster aus sehe, sitzen immer Menschen, manchmal schon morgens um 5. Zu meiner Studentinnenzeit haben wir uns manchmal zugewunken. Die „In-letzter-Sekunde-für-die-Klausur-Lernende“ auf der einen Seite und die armen Teufel drüben, was die dort auch immer taten. Aber im hässlichen Bürogebäude? Da haben die Zimmerpflanzen die Macht übernommen, da bin ich mir sehr sicher. Sie agieren wie die Weeping Angels aus Doctor Who: Sie bewegen sich nur, wenn man nicht hinsieht und sobald sie dich berühren, saugen sie dir die Energie ab. Absolut plausible Erklärung am Morgen nach Halloween.


Janas Fensterblick

 

Jana

Wir machen eine Schreibübung im November, hat sie gesagt. Für den Blog, hat sie gesagt. Das wird toll, hat sie gesagt. Wir schauen jeden Tag 5 Minuten aus dem Fenster und beschreiben, was wir sehen. Na gut.
Ich sehe ein Taubenpaar auf dem Dach des benachbarten Häuserblocks. Sie scheinen sich zu mögen. Immer wenn eine weghüpft, hüpft die zweite hinterher. Und als eine dritte dazu kommt, verjagen die zwei ersten sie. Sie wollen unter sich bleiben. Die Verliebten schauen in die gleiche Richtung wie ich. Ganz einträchtig schauen sie auf die Türme von St. Benno vor der grauen Wolkendecke, die über uns hinwegzieht. Auf die Bäume davor. Einige von ihnen klammern sich noch an ihr buntes Blätterkleid. Andere strecken schon ihre kahlen Äste in den grauen Himmel. Sie ähneln den kahlen Ästen der Kräne im Hintergrund. Im Hinterhof quietscht ein Junge und wirft sich in einen Blätterberg. Eine Frau mit Hund läuft vorbei, ein Fahrradfahrer überholt sie. Heute ist Allerheiligen, die Kirchenglocken schlagen schon zum dritten Mal oder ist es einfach eine andere Kirche?

Carmen

NaNoWriMo: 948/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Die Wolken hängen tief und hinten scheint es, als ob die ersten Schauer des neuen Tages hinunterfielen. Auch heute sieht man die Berge, auch wenn sie im Laufe des Tages vermutlich wieder verschwinden werden. Heute ist mehr los auf der Straße als gestern. Von Ruhetag keine Spur mehr. Aber mich interessieren heute die Autos und Menschen direkt vor meiner Nase nicht.

Von meinem Fenster aus sieht man eine Handvoll hoher Gebäude und ich weiß bei keinem, was es eigentlich ist. Vor allem das orangene Gebäude hinten links hat ein spannendes Äußeres. Ist es so zerklüftet aufgrund von Balkons, ist es also ein Wohnhaus? Vielleicht doch eher eine Fabrik? Oder eine Mischung aus Fabrik und Bürogebäude? Unten musste man ein Stück auslassen, weil da Rohre und andere Steam-Punk Geschichten durchgehen, wie das bei Fabriken nunmal so ist. Und dann dachte sich die Architektin, hmm, warum nicht einfach obendrauf rechteckige Büros setzen?


Blick_Fenster_Nov2

Jana

Tag 2. Die Tauben sind weg. Als ich mich an die Tasten gesetzt habe, saßen die Verliebten noch auf dem Metallgitter, das das Dach umrandet. Einen halben Meter Abstand zwischen sich. Vielleicht ein Zeichen, auch wenn ich etwas anderes hoffe. Der blaue Kran im Hintergrund hat seit dem Foto die Position gewechselt und steht nun wieder da wie gestern. Räumlich hinter dem gelben Kran und etwas unterhalb ist noch ein rot-schwarzer Kran. Ganz schön viele Baustellen. Erklärt, dass statt dem Glockgeläut von gestern das Wummern von Baumaschinen durchs geschlossene Fenster dringt. Die Sonne kämpft sich gerade durch den grauen Wolkenteppich und blendet mich. Ein leichter Wind lässt Blätter tanzen. Die Kirchtürme von St. Benno wachen wie jeden Tag über dem Viertel.
Ich habe diesen Blick aus meinem Küchenfenster schon immer als wunderschön empfunden, seit ich hier wohne. Eine kleine grüne Oase inmitten der Stadt. Ich vermisse das Taubenpaar, aber morgen ist es ja vielleicht wieder da.


Carmen
NaNoWriMo: 1519/20.000 Wörtern im Romanprojekt

November, der graue, nasse Monat. Es regnet, das macht die Straße lauter. Die Berge verstecken sich hinter dem Regen. Wir sind erneut im Lockdown und ich habe mich gefragt, ob ich es merken würde. Fahren weniger Autos? Wie viele Menschen stehen an der Haltestelle?
Ich habe 3 vorbeilaufende Personen gezählt, alle unter einem Regenschirm versteckt. Die Berge, die Menschen, alle verstecken sie sich. Nur einer, einer hatte heute morgen vergessen, sich zu verstecken. Als ich das Fenster öffnete, überraschte ich ihn, den kleinen Marienkäfer. Keiner dieser Klischee-Rot mit schwarzen Punkten-Marienkäfer, sondern so ein orangener mit einem wolkenartig gemusterten Schwarz. Ich hatte was über eine Marienkäferplage gelesen, aber hier oben in der Wohnung an der Hauptstraße gibt es nur Frucht- und Trauerfliegenplagen. Keine Wespen, keine Käfer, keine Spinnen. Hier oben lebt nur der Mensch.
Der Marienkäfer fiel auf den Rücken, als ich das Fenster öffnete, strampelte erst mit den kleinen Beinchen und stellte sich dann tot. Ich drehte ihn um und setzte ihn wieder nach draußen, denn kalt ist der November nicht. Lang lebe der Klimawandel. Draußen ist es lebensfreundlicher als hier drin.


Jana

Der Himmel ein bleiernes Grau. Über allem hängt ein grauer Schleier, Farben matt und müde. Selbst die Kirchtürme haben Mühe, durch den Schleier sichtbar zu sein. Ein leichter Regen fällt. Alles ist still. Kein Baulärm, keine Leute unterwegs, keine Tauben. Die einzelne Krähe, die gerade noch auf dem Dach des Nachbarhauses saß, hat sich verdrückt. Irgendwohin, wo es wärmer und trocken ist, hoffe ich. Im Radio haben sie gesagt, dass heute der perfekte Tag für den Lockdown ist. Also zu Hause bleiben, die Kuscheldecke nehmen, Tee kochen, Filme schauen. Das Grau macht mich müde und ich muss mich konzentrieren, die nass-glänzenden farbigen Blätter wahrzunehmen und anzuerkennen, dass immer noch etwas strahlt da draußen. Ein paar bunte Schirme ziehen vorbei, ein Mann in einer knallroten Regenjacke. Regen. Nein, heute kein Fröhlich-munter-trallala. Wo ist meine Kuscheldecke?

 

Carmen
NaNoWriMo: 1750/20000 Wörtern im Romanprojekt

Puh, ist das heute früh. Nach draußen soll ich schauen? Lieber lege ich meinen Kopf auf die kalte Fensterbank und schlafe weiter. Ich sehe nicht viel, die Fensterscheibe spiegelt. Die Nacht war kurz, hinter mir läuft CNN, vor mir läuft CNN, nur spiegelverkehrt. Nachher, um 6 Uhr soll ich mich mit anderen Schreibwütigen per Videochat treffen, um eine Stunde zusammen den NaNoWriMo anzugehen. Ich erinnere mich nicht mehr, warum ich zugesagt hatte, so früh… Schlafen. Warum mach ich auch die Nacht durch, so jung bin ich nicht mehr. Und wir wissen alle, wie es beim letzten Mal ausgegangen ist. Ich bedauere heute noch, den Sieg der Föhnfrisur vor 4 Jahren nicht einfach verschlafen zu haben. Konzentriere dich! Ich soll etwas beobachten. Für den Blog. Ich schaue. Ich schaue fester. Ich vermisse meine Kaffeetasse, wo ist meine Kaffeetasse? Ah. leer. Vielleicht sollte ich mir noch einen grünen Tee aufbrühen. Oder mit Streichhölzern die Augenlider vorm Zufallen blockieren. Schau! Zum! Fenster! Raus! Na gut. Also: Draußen ist es dunkel. Gute Nacht!


Jana

Heute lugt ein Streifen Blau am Ende der grauen Wolkendecke. Es sind viele Vögel unterwegs. Kleine Kohlmeisen (ohne Gewähr) hocken in den obersten dürren Zweigen des Baums am nächsten zu meinem Fenster. Jetzt wurden sie aufgeschreckt und fliegen davon. Auch große schwarze Krähen fliegen zwischen den Häusern hin und her. Der Himmel ist heute wieder eine graue Wolkendecke, aber für mich wirkt sie gerade weiß und kuschelig und alles andere als grauer November. Vielleicht liegt das am Blau im Hintergrund. Mein Taubenpaar ist nicht zu sehen. Die Kräne sind immer noch da, beständige Zeugen meines Rituals, und heute sind auch die Kirchtürme wieder klar zu sehen. Ich habe das Gefühl, die Bäume haben in den letzten Tagen einige ihrer verbliebenen Blätter verloren. Veränderung ist immer auch ein Abschied. Vom Sommer. Vom Jahr. Zeit zum Nachdenken.

Carmen

NanoWriMo: 2537/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Grau und trocken. Als ich das Fenster öffnete, fühlte es sich kalt an, sehr kalt. Trotzdem sehe ich relativ viele Menschen, Fußgänger, Fahrradfahrende, nur vereinzelt Wartende an der Haltestelle. Gestern titelte ein Online-Magazin: „Die Angst vor Corona hat sich abgenutzt“. Ist es das, was ich beobachte? So viele Menschen unterwegs, weil sich die Angst abgenutzt hat. Oder ist es das Gegenteil – Menschen, die trotz Kälte zu Fuß oder per Fahrrad unterwegs sind, weil sie unterwegs sein müssen und versuchen, die Öffentlichen zu vermeiden? Immerhin, es ist kurz vor 9, vielleicht ist es auch einfach ein normaler Tag kurz vor Büroöffnung. Sollten die nicht Home Office machen?
Irgendwann, fast unbemerkt durch alles andere, hat dieses Jahr ein weiteres Bürogebäude gegenüber eröffnet. Hübscher als der hässliche, weiße Klotz mit den unheimlichen Zimmerpflanzen, aber das war ja keine Kunst. Allerdings – welche „normalen“ Gebäude sind schon wirklich hübsch? Bürogebäude, wenn sie nicht gerade von den fancy reichen Firmen geplant werden, werden von Investoren hochgezogen, um sie dann an jede hundsgewöhnliche Firma zu vermieten. Rutschbahnen, Ruheräume für den Power Nap und Urban Gardening auf dem Dach will sich nicht jede Firma leisten. „Macht mal was mit rechteckig und Glas“, wurde beim neuen Nachbarn wohl in der Planung gesagt. Falls sie sich an dem Tag ein klein wenig fancy gefühlt haben, kam vielleicht „und was mit feng shui“ dazu. Feng shui in Europa ist einfach: Irgendeiner der Knöpfe im Aufzug steht etwas weiter raus und ist rot, die WCs kontraintuitiv eingeplant und es gibt viele, möglichst große Zimmerpflanzen und großen Blumenkübel…

… Mist!
…hoffentlich nicht noch ein gruseliges Bürogebäude unter der blutdürstigen Herrschaft von Zimmerpflanzen in meiner Nähe. Nur die Ruhe, noch laufen Menschen auf der Straße. Noch gibt es kein Indiz dafür, dass der neue Nachbar Feng Shui macht.


Nov5

Jana

Heute blicke ich mal nicht aus dem Fenster, sondern sitze davor, auf dem Balkon, eingekuschelt in die schon häufig genannte Kuscheldecke. Die Sonne brennt auf meinem Gesicht, und ich bitte alle Tippfehler zu entschuldigen, ich sehe meinen Bildschirm eigentlich gar nicht. Aber es ist so schön, die Luft ist angenehm kühl und frisch, die Vögel zwitschern, die Sonne wärmt. Ab und zu fährt ein Auto auf der Straße unten vorbei, irgendwo in der Nähe piept ein Lastwagen beim rückwärts fahren, aber sonst ist es angenehm ruhig. Um mich herum sind Töpfe aufgereiht, die letzten Balkonpflanzen, die der nächtlichen Kälte noch nicht nachgegeben haben. Es blinkt weiß und rot und rosa. Ein paar Spinnweben zieren die Brüstung, ihre Bewohnerin ist aber nicht zu sehen. Unten zur Straße hin entdecke ich ein Tor ohne Zaun. Nur die verschlossene Tür in ihrem Rahmen, links und rechts frei. Ich kann mich nicht erinnern, diese Tür schon einmal gesehen zu haben, aber sie sieht nicht neu aus. Vielleicht ist mir nicht aufgefallen, einen Sinn hat sie ja offensichtlich nicht und das Gehirn muss ja sortieren, worauf es achtet und worauf nicht. Eine Tür, die kein Hindernis darstellt, die nicht entscheidet über Zugang oder eben kein Zugang, fällt schnell durch die Sortierkriterien. Ihrer eigentlichen Funktion beraubt, ist sie aber ein guter Anfang für eine Geschichte. Was hat sie mal verschlossen? Warum hat man sie stehen lassen, als man links und rechts den Zaun entfernt hat? Ist es nur eine dieser berühmten Zwischenlösungen gewesen, die ewig halten? Und was ist mit der eigentlichen Lösung passiert? Und sehe vielleicht nur ich diese Tür, denn welcher vernünftige Eigentümer lässt so etwas stehen? Wo führt diese magische Tür hin? Und warum hat mein Timer sich nicht nach fünf Minuten gemeldet? Fragen über Fragen…

P.S.: Da der Balkon nicht mein eigener ist, heute ein Bild von gestern, weil es so schön ist und zum heutigen Tag passt.

Jana

Heute habe ich den Tag nicht mit meinem Fensterblick begonnen – und tatsächlich habe ich ihn vermisst. Irgendwie war der Tag dann viel zu schnell da und ich viel zu schnell im Tun und Machen und überhaupt, welches Wetter ist eigentlich? Wie sieht es draußen aus? Ist überhaupt ein Tag?
Es war dann ein Tag und er war irgendwie… na ja… und Kopfschmerzen kamen dann auch noch, aber die sind jetzt immerhin weg und ich dachte mir, dann schließe ich den Tag eben mit dem Fensterblick. Und siehe da: Es ist dunkel. Einige Fenster in den umliegenden Häusern sind erleuchtet. Ein Fernseher läuft, eine Nachbarin steht in der Küche, bei den restlichen Fenstern müsste ich raten, was dahinter passiert. Familien beim Abendbrot, Bücher werden gelesen, ein älteres Ehepaar tanzt zu Sinatra, eine Modelleisenbahn dreht ihre Runden, Rechnungen werden bezahlt, über andere Rechnungen wird geweint. In der Fensterscheibe spiegeln sich mein Laptop und meine angestrengte Stirn, ich sollte mich entspannen sagen die Kopfschmerzen, die noch im Hintergrund drohen. Ein wunderschöner Blumenstrauß steht auf dem Fensterbrett. Ich lächele.

Carmen

7. November
NanoWriMo: 3802/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Es ist Samstag und langsam fällt mir die Decke auf den Kopf. Ich bin seit zwei Wochen in Quarantäne, schaue jeden Tag nach draußen will doch selbst da draußen sein. Heute scheint es draußen sehr angenehm zu sein, die Leite tragen noch nicht einmal dicke Mäntel. Sie gehen entspannt, nicht so als würden sie dem Draußensein entfliehen wollen. Ein bisschen beneide ich sie. Ein paar Stunden noch muss ich ausharren. Wenn ich Pech habe, noch bis Montag, vorausgesetzt, ich bin nicht positiv.
Wobei der Unterschied zwischen Quarantäne und Kontakte-während-des-Lockdowns-verringern jetzt nicht so groß ist. Der Unterschied wird sein, dass ich meine Einkäufe selbst erledigen und meinen Müll selbst hinunter tragen kann. Die frische Luft bekomme ich nicht mehr nur durch das Lüften, sondern durch etwas Bewegung im Freien.

Eine Weile noch beobachte ich die Menschen unter mir, die entspannt durch den November flanieren, als ich ES entdecke. Ich erstarre, schaue genauer hin.
Und erkenne.
Es ist soweit! Es passiert!
Ich sehe es, klar vor meinen Augen: Eine der Zimmerpflanzen aus dem hässlichen Büroklotz gegenüber lässt sich von einer menschlichen Sklavin zu neuen Jagdgründen tragen. Dabei habe ich auch diesmal nicht gesehen, dass ein Mensch da drin war. Nur dass er herauskam. Absolut kurios. Ich habe es die letzten Tage nicht wahrhaben wollen. Unter meiner Nase. Passiert es jetzt gerade.
Bleibt drinnen, schützt euch! Die Pflanzen kommen und niemand weiß, welche Menschen bereits unter ihrem Einfluss stehen!


Jana

Ich blicke auf den Sonnenuntergang. Tiefes Orange, warmes Gelb, Blassgelb bis ins Weiß, dann grünlich, hellblau und schließlich alle Blautöne bis fast Schwarz. Vom Horizont bis in den Himmel, unendlich hoch und weit über uns. „You can´t take the sky from me“* ist eine meiner Lieblingszeilen, ich habe sogar mal überlegt, sie mir auf die Schulter tätowieren zu lassen. Sie ist mein Motto, mein Strohhalm, alles kann ganz furchtbar sein, aber da ist etwas hinter dem Horizont, über den Wolken, ein Ort irgendwo in dem großen weiten Universum, wo es besser ist als hier und dort kann ich im Notfall hin. Wie auch immer ich das anstelle, hat nicht wirklich etwas mit Logik zu tun, glaube ich. Eher geht es darum, mir einzugestehen, dass es Dinge gibt, die ich nie wissen werde. Dinge, die ich nie verstehen werde. Dinge, die ich nicht kontrollieren kann. Es wird immer etwas geben, was noch da ist, noch unentdeckt. Oder schlicht: Es geht weiter, egal was kommt, es geht weiter, es kommt ein neuer Tag, neue Möglichkeiten. Am Ende ist alles gut und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende. Noch so ein Lieblingssatz von mir. Am Ende dieses Textes jedenfalls, ist es dunkel, aber das muss ja nichts Schlechtes sein.

*aus dem Titellied zu Serie „Firefly“

Carmen
NaNoWriMo: 3900/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Gestern war Ruhetag. Mein Ich-bin-zwar-in-Quarantäne-und-hätte-wirklich-Zeit-aber-heute-schaue-ich-Serien-und-die-Welt-soll-mich-bloß-in-Ruhe-lassen-Tag. Man erkennt es am Word-Count.
Der heutige Morgen symbolisiert meinen gestrigen Kopf recht gut – „dull“, geschlossen, undursichtig. Man sieht nicht weiter als ein paar Meter. Die Sonne ist irgendwo, es ist hell, aber wo genau erkennt man nicht. Die Gefahr ist groß, sich zu verirren und ich hatte mich verirrt. Ich schrieb an zwei Szenen gleichzeitig und blieb in beiden Szenen gleichzeitig stecken.
Nicht schlimm, kann passieren, nicht entmutigen lassen. Weitersuchen, weitschreiben. 
Darauf warten, bis sich der Nebel gelichtet hat, dann wird es ein wundervoller, klarer Tag.

Überhaupt finde ich, dass Nebel ein unterbewertetes Wetterphänomen ist. Mir fallen nur klischeebeladene Nennungen ein: Nebel im Krimi – und der Mörder verschwand. Romantischer Nebel im Morgengrauen – Elizabeth streift durch die morgendlichen Wiesen und trifft ihren Mr Darcy. Londoner Nebel, undurchdringbar.
Warum nicht mal einfach einen sinnlosen Nebel einbauen? Nebel, weil nun einmal Nebel ist. Er stört niemanden. Er hilft niemandem. Er ist nicht romantisch, er ist nicht gruselig, er ist.
Weil er nunmal manchmal ist.
Vielleicht bastele ich aus Trotz dem Klischee gegenüber eine Nebelszene ein, grundloser Nebel. Vielleicht mein Durchbruch aus dem Nebel. Eine neue Szene beginnen. Die anderen beiden stehen lassen. Nicht dran weiterarbeiten. Es wird sich ergeben. So wie sich der Nebel irgendwann der Sonne ergeben wird.


Novemb8

Jana

Die Sonne strahlt in den Innenhof (der Nebel hat sich ergeben 😉 ). Ein Mischmasch aus leuchtendem Grün, Gelb, Orange und Rot. Kondensstreifen über blassblauem Himmel (Chemtrails? Muss ich mir Sorgen machen?). St. Benno wacht wie immer über das Viertel, die Kräne sind auch noch da, stumm und bewegungslos ragen sie fast so hoch wie die Kirchtürme. Es ist auffallend ruhig. Keine Vögel in den Zweigen oder auf dem benachbarten Dach. Keine Spaziergänger unterwegs. Halt, doch! Gerade kreuzt ein Rollerfahrer den Innenhof. Eigentlich lädt die Sonne zum Spaziergang ein, aber ich habe heute einfach keine Lust, ich bin so müde. Die Milch für den Kaffee ist alle und ohne mag ich keinen, ich versuche es gerade mit Mate-Tee. Wo war ich? Herrliche Herbstfarben vor meiner Nase. Wenn ich das Fenster öffne, bekomme ich auch frische Luft und einen Sonnenstrahl auf die Nase. Heute mal alles in Lightversion. Einen schönen Sonntag, wünsche ich.

Nov9

Jana

„Wie Sie sehen, sehen Sie nichts.“ Wo kommt dieser Satz eigentlich her? Nennt man so etwas ein „geflügeltes Wort“? Wo fliegt es hin? Von Mund zu Mund und schon kennt es jeder. Irgendwie so vermutlich. Nebel. Carmen hat gestern so schöne Dinge zum Nebel geschrieben. Dass er immer missbraucht wird in Geschichten, um etwas gruselig und/oder undurchsichtig zu machen. Undurchsichtig ist mein Blick heute allemal. Ich glaube, Nebel kann gar nicht neutral wirken, ich tue mich jedenfalls schwer damit, dass mein Sehsinn so eingeschränkt ist. Ich will doch wissen, was los ist! Kontrollsüchtig. Ja, ich, schuldig. Nicht wissen, was genau los ist, nicht wissen, wie ich mich verhalten soll, nicht wissen, was von mir erwartet wird. Das sind Felder, in denen ich mich höchst unwohl fühle. Zumal ich immer das Gefühl habe, dass alle um mich herum das Handbuch nicht nur gelesen, sondern auswendig gelernt haben. Aber vermutlich stimmt das gar nicht. Nebel hat die Eigenschaft, alle gleich zu behandeln, also tappen die Leute um mich herum ja durch die gleiche Suppe. Ich sehe einen Lichtstreif am Horizont. Bald habe ich wieder den Durchblick!


Carmen
NaNoWriMo: 5584/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Eben war es noch so neblig wie gestern, wenn nicht sogar nebliger. Ihr seht es auf Janas Foto: so nah, so real. Ich öffnete das Fenster, um den Mief der Nacht hinaus- und den neuen Tag hereinzulassen und da dachte ich, ich könne danach greifen. Ich dachte, jetzt kommt zu mir und leistet mir Gesellschaft.

Kennt ihr die Trilogie der Nebelgeborenen von Brandon Sanderson? Warum ist mir sein Nebel gestern nicht eingefallen? Da ist der Nebel körperlich, lebend, bedrohlich und hilfreich und gut und schlecht zugleich. Sanderson sagt, die Idee hätte er gehabt, als er mit dem Auto in eine Nebelwand fahren musste und ihn gespührt hatte, den Nebel.

Doch wenn ich jetzt hinausschaue, dann ist da keine Spur mehr übrig. Klare Sicht bis zu meinen Bergen, meine Berge, die dort stehen, um mir einen schönen Tag zu wünschen. Das wünsche ich ihnen auch. Euch allen.
Euch allen einen guten Start in die Woche.

Carmen
NaNoWriMo: 5840/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Heute habe ich mich auf die Struktur meines Romanprojektes konzentriert,  was mich wird noch ein paar Tage begleiten wird.

Der tägliche Fensterblick ist in den Nachmittag gerutscht, die Sonne geht bereits unter. Zwischenzeitlich habe ich das Gefühl, dass es bald wieder länger hell sein wird. Dass die dunkle Zeit größtenteils überstanden ist. Eine irritierende Illusion.
Es ist November, der Lichtstreif, den ich heute am Horizont sehe, wird morgen um diese Zeit verschwunden sein.
Das kommt davon, wenn man ein Jahr drinnen verbringt. Dann denkt man irgendwann, das Jahr muss doch jetzt bald vorbei sein. Der Winter muss doch jetzt bald vorbei sein. Dabei hat der Winter noch gar nicht angefangen. Vielleicht wird der Winter dieses Jahr aber sowieso wieder ausfallen, so wie im vergangenen Jahr. Er wird versuchen, wegzubleiben, so wie das schwarze Schaf der Familie versucht, jede mögliche Ausrede aus dem Hut zu zaubern, um sich an Weihnachten  nicht den vorwurfsvollen Blicken der Verwandtschaft aussetzen zu müssen.

Wenn der Winter ausbleibt, wäre das nicht schön??? Für die Natür vermutlich katastrophal, aber für uns? Mehr Möglichkeiten, draußen etwas zusammen zu unternehmen. Wir, die sich nicht treffen sollen, die Abstand halten sollen, die neuerdings empfindlich auf die Aussicht reagieren, Freunde in geschlossenen Räumen zu treffen. Was für eine Resonanz diese Wörter auf einmal haben. Freunde. In. Geschlossenen. Räumen.

„Freunde in geschlossenen Räumen“
Wie diese Geschichte wohl ausgeht?

Ich wollte mich auf den Lichtstreif am Horizont konzentrieren und bin dazu übergegangen, Freunde mit dem Teufel im Bunde zu sehen.
Ein paar Zeilen schreiben. Dazwischen kann alles passieren.

Jana

Mein PC ist heute unglaublich langsam. Computer werden immer langsamer, je öfter man sie benutzt. Als müsste sich das arme Gerät alles merken, was man tut und wahrscheinlich tut es das auch. Ich könnte es ja eines Tages fragen, was ich am 14.9.2017 so getan habe, und dann gäbe es bestimmt irgendwo eine Datei, die das ganz genau aufschlüsselt. Es muss so sein, sonst finde ich keinen Grund, warum ich gefühlte zehn Minuten davor sitze, bis sich Papyrus endlich öffnet und mir meine Fensterblicke der letzten Tage zeigt. Gefühlte Zeit, in echt war es vielleicht die Hälfte, wenn überhaupt, und sollte ich nicht eigentlich froh über fünf Minuten geschenkte Zeit sein? Da konnte ich schon mal in Ruhe aus dem Fenster schauen: Graue Wolkendecke, bunte Blätterfarben, die Kräne stehen genau so da, wie die letzten Tage – passiert auf diesen Baustellen jemals etwas? Moment, der blaue Kran hat sich ein Stück bewegt, aber die anderen zwei? Vielleicht ein Baustopp? Oder ist es zu kalt, zu neblig, zu was-auch-immer? Sind die schon mal aufgestellt für eine Aufgabe, die noch kommt? Vorbereitung ist alles!
Heute ist mir zum ersten Mal ein großer grün-orange-roter Blumenstock auf dem Balkon meiner Nachbarn aufgefallen. Verrückt, dass ich diesen bunten Farbfleck nicht schon eher bemerkt habe. Und neu wird er wohl nicht sein, oder gibt es Balkonpflanzen, die erst im November gepflanzt werden? So ist das, mit dem nach draußen schauen, es gibt so viele Details, die man nicht sieht oder wenigstens nicht bewusst wahrnimmt. Wie viel habe ich schon verpasst? Wir sollten uns mehr Zeit nehmen, aus dem Fenster zu schauen. Wir entdecken bestimmt großartige Dinge und für die Seele ist es allemal gut. Das habe ich zumindest gelesen. Als ich mal wieder auf etwas warten musste und man kann ja so eine Wartezeit nicht nutzlos verstreichen lassen und einfach nur irgendwohin schauen, wo dann vielleicht gar nichts ist, oder?

Carmen

NaNoWriMo: siehe Zahl vom 10. November. Viel Arbeit an der Struktur. Etwas unbefriedigend, wenn man sich den Word Count anschaut

Jana schrieb gestern über das, was uns nicht auffällt. Eine Menge. Ich habe versucht, die Herausforderung anzunehmen und darauf zu achten, was mir alles nicht auffällt. Es ist schwierig! Der Kopf versucht immer wieder, die Abkürzung zu gehen und auszublenden, was er nicht braucht. An einer der Hauptverkehrsachsen der Stadt dem Gehirn zu befehlen, achtsam zu sein… Ausblenden ist das, worauf es konditioniert ist. Der Dauerverkehrslärm, das Gehupe, die An- und Abfahrt der öffentlichen Verkehsmittel, das Rauschen. Also! Konzentration! Was ist mir die letzten Tage, Wochen, Monate, Jahre nicht aufgefallen? Reizüberflutung.

Vielleicht hilft zählen. Aber was? Autos? Nein ganz sicher nicht. Könnte ich die Zeit stoppen und alle einfrieren lassen, wären es schon zuviele. Häuser? Ich sehe von hier aus bis zu den Bergen, alles dazwischen ist ein einziges Häusermeer. Als würde man die Tropfen im Meer zählen wollen.
Ich tue es Jana gleich: Kräne! Aber das Zählen ist erneut nicht leicht. Sofort schaltet sich wieder das Gehirn dazwischen und versucht, sie auszublenden. Ich versuche, achtsam zu sein und zähle … 5.
Nein, doch 6. Den einen großen, direkt vor meiner Nase, habe ich übersehen. Wieder einmal ausgeblendet. Und das da hinten, etwas verschwommen? Könnte das ein Kran sein oder ist es doch nur eine Antenne? Also vielleicht sogar 7.
Und dann sehe ich etwas Neues. Etwas, das unerwartet kommt: von hier aus sehe ich den Eiffelturm. Wenn man von München aus nach Süden blickt, sieht man den Eiffelturm.


Jana

Der Himmel ist heute blau, durchzogen mit weißen Wolkenbändern. Man kann sehr weit sehen. Neben den Türmen von St. Benno blitzen die runden Kuppeltürme des Doms zu Unserer Lieben Frau über die Dächer der Nachbarhäuser. (Ich sagte ja, dass ich einen traumhaften Blick habe.) Auf dem Dach des Hauses nebenan suhlen sich zwei Tauben in der Regenrinne. Ist das schön, in so einer Regenrinne? Vielleicht passt die Rundung gut zu ihren Körpern, es sieht jedenfalls aus, als hätten sie es sehr bequem. In dem Baum am nächsten zu meinem Fenster saß heute Morgen eine Krähenfamilie. Zehn Vögel auf den blattlosen Ästen verteilt. Ganz ruhig und einträchtig genossen sie die Aussicht. Die Wolken haben heute ganz unterschiedliche Formen. Wölkchen und Schlieren und Tupfen. Die Sonne lässt manche Wolken leuchten, andere verschleiern nur ganz leicht das Blau. Hätte ich Ahnung, wüsste ich, ob das etwas für das kommende Wetter aussagt. So genieße ich einfach nur den Anblick. Heute ist ein wunderschöner Tag, um einfach mal nur aus dem Fenster zu schauen.

H

Jana

Drei Krähen betrachten den Sonnenaufgang. Auch ein schöner Buchtitel. Die drei Krähen sitzen im Baum vor meinem Fenster mit Blick nach Osten. Die aufgehende Sonne glitzert an einem der Kräne, der sich (Überraschung!) hin und her bewegt. Die Silhouette von St. Benno thront vor einem Himmel, der sich erst rot, dann orange, dann gelb verfärbt, bevor er in strahlendes Blau übergeht. Auch die runde Kuppel des Doms lässt sich heute wieder blicken. Ein rosa Wolkenband zieht über mir hinweg. Eine Spatzenfamilie fliegt vorbei und lässt sich auf einem anderen Baum, mit großen Abstand zu den Raben nieder. Dort sehen sie für den flüchtigen Beobachter aus wie übrig gebliebene Blätter. Ein Flugzeug hinterlässt einen Silberstreif am Horizont. Die Krähen halten in ihrer Betrachtung kurz inne und diskutieren etwas. Es scheint wichtig zu sein. Über mir zieht noch immer das Wolkenband, der Himmel leuchtet mehr und mehr. Ich glaube, das wird ein guter Tag werden.


Carmen

Und ob das ein guter Tag werden wird, liebe Jana. Und ob! Heute morgen wusste ich auf einmal, wie sich eine wichtige Nebenfigur in meinem Romanprojekt verhalten wird. Natürlich, es war absolut logisch, aber SO ein krasser Twist. Zumindest für mich. Ich saß da und war fassungslos: wird sie das wirklich tun? Natürlich, wird sie das. Ich hätte durch mein Zimmer tanzen können, wäre es etwas aufgeräumter und tatsächlich Platz dafür vorhanden gewesen. 

Habe ich nicht gesagt: wenn man morgens die Berge von mir aus sieht, wird es ein guter Tag. Jetzt ist es 10 Uhr und verdammt nochmal ja, das hier ist ein guter Tag! Vielleicht werde ich sogar ein bisschen aufräumen, nur um tanzen zu können.

Euch allen einen wundervollen Start heute ins Wochenende!

Carmen

Ich habe eine sehr schöne Morgen-Schreibrunde gefunden. Menschen, die ich vor zwei Wochen noch nicht kannte, mit denen ich jetzt regelmäßig morgens um 7:30 Uhr WhatsApp-Videochat-telefoniere, den Chat stummschalte und dann einfach eine bis zwei Stunden schreibe. Während sie mir und ich ihnen dabei zusehe. Lang lebe der NaNoWriMo, lang lebe die Technik.
Mein Handy stand heute morgen neben mir auf dem Schreibtisch und filmte nicht nur mich, sondern auch meinen Fensterblick.
„Wie hell und sonnig es bei dir schon ist!“, kam es von meiner Schreibpartnerin und sie zeigte mir ihren Fensterblick, eine graue, düstere Novemberlandschaft.

Als ich vor Jahren hierher gezogen bin, war ich es, die sich gewundert hatte, wie hell und trocken diese Stadt scheint. Wie wenig Regen hier fällt, gefühlt, Statistiken habe ich mir nie angeschaut. Vielleicht so eine Föhn-Geschichte, dachte ich. Sobald der Wind die Luft ein bisschen verwirbelt, stößt sie an die Berge und verliert einen Teil ihres Wassers. Dann regnet es anderswo, aber nicht hier. Das wäre meine „Ich hab keine Ahnung von Physik, weil hatte nie Physikunterricht“-Erklärung dazu. Falls der Sonnenschein morgens um 7:30 Uhr denn überhaupt einer Erklärung bedarf und es nicht einfach nur eine gefühlte Wahrheit ist, die in der Realität jeder Grundlage entbehrt. Wobei, was interessiert die Autorin in mir eigentlich die Realität. Wer, wenn ich nicht ich, hat denn die Macht, sich die Welt so zu formen, wie ich es will. Sommer, Sonne, Sonnenschein. Badeanzug, Sonnencrème und Freibadpommes. Diesen Winter mach ich mir die Welt, widewidewitt sie mir gefällt.

Jana

Die Sonne strahlt, weiße Kondensstreifen ziehen kreuz und quer über den blauen Himmel. Gerade kommt ein neuer dazu, beinahe gemächlich fliegt das Flugzeug über mich hinweg. Der Streifen blendet mich, so hell strahlt die Sonne ihn an. Im Hintergrund quert ein Hubschrauber die Szenerie, das Wummern der Rotorblätter dringt nur leise an mein Ohr. Manchmal hört es sich an, als würden die Hubschrauber im Innenhof landen, dann, wenn sie das Herzzentrum in der Nähe ansteuern. Aber dieser hat ein anderes Ziel. Vielleicht dient er der Verkehrsüberwachung.
Eine Krähe sitzt stumm und starr auf dem Schornstein schräg gegenüber. Ein Nachbar sonnt sich auf dem Balkon. Einige Tauben fliegen auf und verteilen sich in den Ästen des Baums an meinem Fenster. Noch ein Flugzeug, heute ist aber viel los am Himmel. Die Sonne wärmt durchs offene Fenster meine tippenden Finger, gleichzeitig streift ein kühler Wind meine Unterarme. Vom Spielplatz im Innenhof tönt Kindergelächter zu mir herauf, die Kirchturmuhr schlägt drei Mal. Ich habe keine Lust mehr hier zu sitzen und zu tippen. Ich gehe jetzt raus!

Jana

Der Himmel ist heute grau. Im Baum vor meinem Fenster hat sich der gesamte Krähen-Clan versammelt. Eltern, Kinder, Großelten, Urenkel usw. Mehr als zwanzig Tieren hocken in den Zweigen. Den oberen, so dünn wirken sie von hier aus, dass man meinen könnte, sie müssten unter dem Gewicht brechen, aber nein, sie halten. Eine der Krähen balanciert sogar auf dem obersten Ast, herrschaftlich überblickt sie alles: Das Viertel, die Stadt, ihre Landsleute. Ob sie der Clan-Chef ist? St. Benno wirkt heute winzig neben dieser Übermacht. Ich muss an Hitchcocks „Die Vögel“ denken. Mich überfällt ein leichter Schauer: Das Grau, die Krähen, die Schatten in meiner Küche. Die perfekte Szenerie für einen Horrostreifen. Aber jetzt ist das Licht in der Fahrerkabine des blauen Krans angegangen, der heute tatsächlich mal in die gegensätzliche Richtung zeigt wie sonst. Ein kleiner beruhigender Schimmer. Ich sehe auch Lichter in den Nachbarhäusern und Menschen im Innenhof. Die Herrschaft der Vögel ist nicht ausgebrochen. Noch nicht.
(Nachdem ich den Text quer gelesen habe, sind die Vögel aus dem Baum verschwunden, das Grau des Himmels hellt auf.)


Carmen

NaNoWriMo: 1005 Wörter nach dem Neustart

Die Nacht hat es geregnet. In der Früh bin ich aufgewacht und habe wie immer erst einmal das Fenster groß aufgerissen und dadurch eine Pfütze auf dem Schlafzimmerboden hinterlassen. Das kommt davon, wenn man noch zwei Tage zuvor sich darüber auslässt, wie hell und trocken die Stadt ist. Aber ein paar Tropfen Regen sind ja noch kein Gegenbeweis. Und fünf Minuten Regen bestätigen eher die Regel, denn jetzt ist er schon wieder weg, der Regen, und die Straßen schon fast wieder trocken.
Jana schreibt so häufig über die Krähenfamilie und die Vögel, die sie beobachten kann. Ich habe das Gefühl, bei mir gibt es keine Tiere. Nicht hier, so hoch oben, so nah an der Hauptstraße. Hier ist es zu hektisch, zuviele Autos, Lastwagen, Menschen, Busse. Taubenspikes auf jedem Schild, an jeder Dachrinne, auf jedem Geländer. Dazu kommt, dass es fast keine Bäume gibt, hier in der Umgebung. Dabei wurde beim Neubau des Glaskastens gegenüber darauf geachtet, ganze zwei Bäumchen mit einzupflanzen. Man erinnere sich: Feng Shui und so. Aber die Bäumchen sind noch jung, keine zweieinhalb Meter groß und habe bereits alle ihre Blätter verloren. Die könnten im Moment noch nicht einmal einen Spatz tragen, so fragil sehen sie aus.

 

Jana

Der Tag bricht an. Am Himmel rosa Schlieren neben dunkelgrauen Wolkenbändern. Schwarze, blattlose Äste und Zweige vor hellblauem Grund. Eine Krähe auf dem höchsten Zweig, ganz offensichtlich mögen Krähen den Morgen genau so gerne wie ich. Der Tag ist noch jung, alle Möglichkeiten noch vor einem. Und gerade dieser helle Morgen verspricht einen zumindest sonnigen Tag. Natürlich gibt es so viele Dinge, die nicht vom Wetter abhängig sind und die einem den Tag vermiesen könnten. Für mich ist es der dritte Tag in einer komplett neuen Umgebung, das flaue Gefühl im Magen kann ich noch nicht wegargumentieren. So sehr ich es mag – neues Umfeld, neue Möglichkeiten, neuer Tag – es ist auch anstrengend, immer Neues an sich heranzulassen. Das Gewohnte, das Altbekannte, ein Wohlfühltrott hat durchaus etwas für sich. Und ein bisschen Trott nehme ich ja mit in das Neue, nämlich diesen Fensterblick.
Ich glaube, ich möchte Freundschaft mit dieser morgenliebenden Krähe schließen, die da gerade über allem thront, hoch, höher, am höchsten. Wie schön muss der Blick von dort sein? Ich beneide sie darum. Und nicht nur ich. Die Verwandtschaft ist gerade gekommen und hat sie verscheucht. Sie muss nun einen halben Meter tiefer sitzen.



Carmen

NaNoWriMo: 1740 Wörter nach dem Neustart

Ich sollte meine Fenster putzen. Wenn die Sonne so hereinstrahlt, sieht man die Schlieren des Wassers nur zu gut. Im März, gefühlt war es gestern, habe ich Fensterfolie an meine Fenster geklebt, die die Sonnenstrahlen im Sommer zurückwerfen sollten, so dass es hier drin nicht so warm werden würde. Ein kleiner verzweifelter Versuch, sich vor den kommenden Sauna-Monaten zu schützen. Um die Fensterfolie aufzutragen musste Seifenwasser, viel Seifenwasser genutzt werden. Und als das Seifenwasser getrocknet war, gab es überall schöne Seifenmuster an den Fenstern. Seitdem habe ich mich nicht mehr getraut, mit neuem Wasser das Glas zu berühren. Wenn sich die Folie nun wieder löst, wenn sie nass ist? War dann die ganze Mühe im März umsonst?
Nachdem man die Schlieren nur dann sieht, wenn die Sonne im richtigen Winkel hereinscheint, denke ich die meiste Zeit eh nicht dran. Aber jetzt. Jetzt sehen sie doch ziemlich schlimm aus.
Fensterputzen also auf die To Do Liste. Mist. Morgen öffne ich das Fenster wieder vor dem Fensterblick. Weniger Stress. Mehr Verdrängungsmöglichkeiten.

Carmen

NaNoWriMo: 3689 nach Neustart

Ein bisschen klar, ein bisschen trüb. Bestes Wetter. Eigentlich bräuchte man eine Dachterrasse, eine Yogamatte und dann würde man sich – natürlich – jeden Morgen bei Wind, Wetter und Gurkenwasser, aber natürlich bevorzugt bei Sonnenschein, erst einmal 30 Minuten um die eigene Fitness kümmern. So etwas tun Leute doch mit einer Dachterrasse, oder nicht? Und dann stellen sie dazu Youtube-Videos online, damit Menschen ohne Dachterrasse erkennen, dass es nicht an ihnen liegt, dass sie keinen Frühsport machen, sondern nur an der fehlenden Dachterrasse. Was sehr nett ist von den Dachterrassenbesiter*innen, uns diese Schuldgefühle und den Selbsthass zu nehmen.

Man kann Menschen ja immer in unterschiedliche Gruppen einteilen. Eine mögliche Einteilung lautet wie folgt:
Dachterrassenbesitzer*innen, Gartenbesitzer*innen, Menschen mit einer Grünanlage in der Nähe, Nichts davon.

Bei den ersten drei Gruppen gibt es – selbstverständlich – Überschneidungen. Die letzte Gruppe, mathematisch logisch, ist komplett außen vor. Nun muss jede für sich selbst erkennen, zu welcher Gruppe sie gehört und wenn ja, ob Schach vielleicht eine Alternative ist.


Jana

Was für ein Leuchten! Ein Foto könnte das nie zeigen. Die Sonne schiebt sich ganz langsam über das Dach des Nachbarhauses und strahlt dabei die Türme von St. Benno an. Es hat etwas Magisches, ja vielleicht sogar Göttliches. Licht, das durch Kirchenfenster fällt. Ein erleuchteter Altar, ein lichtdurchflutetes Kirchenschiff, Sonnenstrahlen, die durch Kuppelfenster auf den Boden fallen. Kirchen können magische Orte sein. Obwohl ich nicht gläubig bin, zählen Kirchen für mich zu den Orten, in denen ich Ruhe finde. Jetzt hat die Sonne das Dach überwunden und strahlt direkt in meine Augen. Ich muss mich kurz umsetzen.
Orte der Ruhe, Orte der Stille. Bibliotheken, Kirchen, Natur. Orte, die mich runterbringen, Orte, an denen ich einfach mal nur sein kann. Das Meer gehört auch dazu, obwohl es nicht still ist. Und laut ist es mir ohnehin am liebsten. Laut und tosend, so dass es die inneren Stimmen übertönt. In den nächsten Wochen will ich mich viel mit meinen inneren Stimmen beschäftigen und eigentlich möchte ich heute schon davor weglaufen. Es heißt immer, Akzeptanz sei der erste Schritt. Es ist, wie es ist. Aber ist es eigentlich gut? Oder wird es das nur? Oder?

 

Jana

Ich fühle mich wie eine kaputte Schallplatte, aber heute beobachten die Krähen wieder das Farbenspiel des Sonnenaufgangs. Und hatte ich schon erwähnt, wie wunderschön das ist? Und dass ich Morgen liebe? Obwohl ich heute furchtbar müde bin und daher leider mein Kopf auch nicht sehr viel mehr Wörter ausspuckt als schön, müde, Kaffee, schön… äh ja, das hatten wir schon. Vielleicht macht Ihr das auch mal, diesen Fensterblick. Morgens bevor man so richtig wach ist, so bereit für den Tag. Einfach hinsetzen und der Sonne beim Aufgehen zuschauen. Da passiert so wahnsinnig viel, ohne dass man etwas dafür tun muss. Einfach nur schauen und genießen und ab und zu am Kaffee nippen und das Gehirn in Betriebstemperatur bringen. Oder Tee. Oder beides. Werde ich jetzt auch tun. Ich wünsche Euch einen wunderschönen Tag!


Carmen

NaNoWriMo: 4100 nach Neustart

Es ist, wie es ist. Mein Mantra der letzten zwei Monate. Dinge ändern, die man ändern kann und akzeptieren, die nicht zu ändern sind. Jana stellte gestern die Frage nach dem „gut-sein“. Wenn es ist, wie es ist, ist es nicht unbedingt gut. Vermutlich sogar ganz im Gegenteil, sonst würden einem diese paar Worte nicht einfallen. Es ist, wie es ist. Der bewusste Gedanke daran, es akzeptieren zu müssen.
Aber wenn man diesen Schritt gegangen ist, den Schritt der Akzeptanz, folgt häufig die Befreiung. Es ist nicht zu ändern. Also ändere ich etwas anderes. Das, was ich ändern kann. Verbessere Details. Erfreue mich an den von mir arrangierten Details. Macht es das besser? Vielleicht. Vielleicht nicht. Ist es wirklich wichtig? Ergibt mein Geschwurbel hier Sinn? Naja, wie man sieht, ist es noch früh. Guten Morgen, Welt. Wenn du kurz Pause machst, packe ich hier mein Zeug zusammen und bin da. Halte Schritt. Bis gleich.

Jana

Die Wolken am Horizont türmen sich zu grauen Bergen auf. In Zeitlupe bewegen sie sich, steigen nach und nach höher auf und ziehen dann weiter. Wie ein eigenständiges undurchsichtiges Wesen, dass sich langsam in der Stadt ausbreitet und alles Leben verschlingt. Ich habe – wie immer – meine Krähen zu Besuch, die das Schauspiel ebenso fasziniert beobachten wie ich. Abgesehen von dem tödlichen Wolkenmonster sieht der Himmel heute freundlich aus. Hellblau, rosa, babyblau, ein beruhigender Farbmischmasch. Der gelbe Kran bewegt sich – Premiere! Überhaupt stehen heute alle Kräne anders als sonst. Da scheint ziemlich was los zu sein, dort in der Ferne, wo auch immer das genau ist. Freitag. Ein Tag zum Freisein. Ich wollte heute eigentlich den Fensterblick schwänzen, aber dann kam das graue Wolkenmonster und ich fing ganz automatisch im Kopf an, meinen Text zu verfassen. Und es ist schön zu wissen, dass dieser Monat mir jetzt schon einen achtsameren Blick aus meinem Fenster geschenkt hat. Zehn Tage noch, die Halbzeit ist ganz unbewusst an mir vorbei geschlittert.

Carmen

NaNoWriMo: 4800

Ein neues Experiment. Heute diktiere ich meinen Text. Alles, was hier steht, habe ich davor laut in meinem nicht mehr ganz so stillen Kämmerlein laut ausgesprochen. Es ist das erste Mal, dass ich einen Text diktiere. Ich bin gespannt, was danach dabei herauskommt.

Die Sonne scheint als ob sie kein Wässerchen trüben könnte. Aber es ist heute wirklich sehr kalt. Ich bin schon draußen gewesen. Ich habe das Gefühl, dass das Diktieren des Textes meinen Text nicht natürlicher, sondern sich umständlich gestaltet. Und dann stoppt die Diktat Funktion meiner App auch noch ständig ohne Vorwarnung. Gut, das ist kein längerer Text war, den ich versucht habe, zu diktieren. Das wäre ja ärgerlich gewesen. Ich teste diese Funktion heute, um herauszufinden, ob diktieren eine Möglichkeit ist, schnell meinen Roman zu schreiben. Schneller meinen Roman zu schreiben. Aber ich empfinde es als so umständlich, und so humorlos, dass ich geneigt bin, nur im Notfall darauf zurückzugreifen. Kein Fensterblick nach Draußen, sondern in die Zukunft.

Carmen

NaNoWriMo: 5903

Die Wolken erinnern mich an die Wolken aus dem Zeichentrickfilm „Der König der Löwen“. Langgezogen, schmal, mit einem Hauch Rosa. Sie sehen komplett körperlos aus, einfach auf den Himmel drauf gemalt. Kein 3D sondern nur 2D.

Es ist heute ruhiger draußen, ein paar wenige Fußgänger ein einzelner Radfahrer, kein einziges Auto in Bewegung. Ich höre die Autos, sie können nicht weit sein, aber vor meinem Fenster fährt keines vorbei.

Die Sonne steht direkt gegenüber von meinem Fenster, aber tief. Wenn sie im Sommer so tief steht, sieht man sie viel weiter östlich oder westlich und es ist viel früher oder viel später am Tag. Jetzt ist es fast Mittag und die Sonne steht tief. Willkommen im Herbst, der Winter steht vor der Tür. An einigen Schornstein steigt weißer Rauch empor. Habemus Papam, mehrfacht. Das habe ich die letzten Tage noch nicht beobachten können, das ist neu. Auch ein Zeichen dafür, dass es kalt wird: immer mehr Heizungen, die laufen. Ich kann mich ja nicht entscheiden, ob ich lieber eine eingeschaltete Heizung habe, oder frische Luft von draußen. Wenn die frische Luft nur nicht so kalt wäre. Am liebsten wäre mir ja beides: schön warm kuschelig hier drinnen, und trotzdem frische, klare Luft von draußen.

Lang lebe der Klimawandel.

Jana

Eine Krähe heult den Mond an. Natürlich ist da kein Mond und die Krähe heult nicht, es ist eher ein rauer gutturaler Ton, aber mir fällt partout kein passendes Wort dafür ein. Das ist das Pech an kurzen Schreibübungen, man kann nicht noch eine Weile über das gewünschte Wort philosophieren, es ist da oder eben auch nicht. Jedenfalls scheint die Krähe ihre Freunde/ Familie gerufen zu haben, jetzt sitzen wieder mehr Vögel in den Bäumen und betrachten das blaue-graue müde dahinziehende Wolkenband. Obwohl heute kein Farbenspiel am Himmel ist, hat der Morgen etwas Positives, Beruhigendes an sich. Das Grau ist kein trauriges, eher ein stilles. Es ist von hellen Flecken durchzogen. Die Kräne im Hintergrund stehen unbewegt, keine Menschenseele im Innenhof zu sehen. Irgendwo krächzen (und da ist das Wort!) und rufen ein paar Vögel. Da ist auch Zwitschern und Piepen und im Hintergrund rauscht Verkehr. Durch das offene Fenster zieht Kälte in den Raum. Schluss für heute.

Jana

Heute ist es noch sehr düster. Ich habe das Licht ausgemacht, um das Draußen besser sehen zu können und nun drohen mir die Augen wieder zuzufallen in diesem angenehmen Dunkel, wenn da nicht der Kaffeeduft wäre, der an meine Nase zieht. Mir fehlen irgendwie mindestens drei Tage Schlaf. Aber der wird ja auch überbewertet, habe ich gehört (Wer sagt sowas???). Wo war ich? Fensterblick! Sehr düster und grau, aber der Mann im Radio sagt, die Sonne kommt. Die Luft ist kalt und frisch, meine Krähen haben sich heute auf den Baum weiter weg von meinem Fenster verzogen. Warum? Ich nehme an, die Aussicht ist dort besser, er ist höher, aber das war gestern doch auch schon so. Liegt es am Wetter? Am Dunst? Weil heute Dienstag ist? Wo haben sie letzten Dienstag gesessen? Das Rauschen des Verkehrs ist heute lauter als gestern. Die Lampen im Innenhof leuchten. Der erste Nachbar hat eine Lichterkette um das Balkongeländer geschlungen. Nein, gerade sehe ich sie nicht, aber gestern Abend dachte ich, da muss ich heute Morgen unbedingt drüber schreiben. So sind sie, die Autor*innen, machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt.

Jana

Die Welt ist in diffuses Grau getaucht, noch gibt es keine Ahnung von Licht oder Sonnenaufgang, aber es ist schon irgendwie hell. Die Lampen im Innenhof leuchten, ein paar Fenster der Nachbarhäuser sind erleuchtet, die Lichterkette am Balkon des Nachbarn leuchtet wieder nicht. Weiß er denn nicht, dass ich mich darüber freuen würde, wenn ich morgens meinen Fensterblick mache? Ich finde das schon ein bisschen egoistisch von ihm, nur an sich zu denken. Die Krähen sammeln sich. Sind aus dem Bett gekrochen und treffen sich zur Morgenrunde.
– Und, was hast du so vor heute?
– Ein Eichhörnchen jagen.
– Ich will heute im Schlosspark Nymphenburg jemandem auf den Kopf kacken.
– Iih, das machen doch nur Tauben!
– Ich will halt mal meine spielerische Seite ausleben.
– Du bist doch nur eklig!
Oder so ähnlich. Was tun Krähen eigentlichen den ganzen Tag? Und wo schlafen sie? Schlafen sie überhaupt? Schlafen sie besser als ich? Führt Schlafmangel zu geistiger Verwirrung? Erstmal guten Morgen. Ich glaube, das Grau wird allmählich leicht bläulich. Ich kann mich aber auch irren.


Carmen

NaNoWriMo: 9300

Tack-Tack-Tack-Tack. takakakakakakakakakakakakakakakack! Tikektiketiketiketocktacktacktaktaktaktaktaktak. Tatütatatatütatatatütatatatütata.

Seit 7:30! Seit 7 Uhr f**ing 30, sind DIE der Meinung, direkt – direkt (!) unter meinem Fenster den Bürgersteig aufreißen zu müssen. Wie sehr habe ich die letzten Jahre gelernt, das Geräusch des Presslufthämmerns zu hassen.

Vor drei Jahren fing es an: direkt neben dem Haus wurden zwei neue Hotels gebaut. Es wurde gehämmert und abgerissen, als gäbe es irgendeinen Wettstreit zu gewinnen. Eines Tages kamen sie sogar mit solch fertigen Betonmauern, die sie in den Boden rammten, um direkt unter der Einfahrt einen unterirdischen Kontrollraum (?) für irgendelche Kabel und Rohre und was weiß ich zu kreieren. Sie hatten bereits ein einigermaßen – einigermaßen – passendes Loch gebuddelt, dann stellten sie die Betonwand oben an den Rand des Lochs, ein Bagger kam dahergefahren und haute so oft mit der Schaufel oben auf die Wand, bis sie halt eben unten im Loch drin stand. Unser komplettes Wohnhaus hat so stark gewackelt, dass sich einige neue Risse in den Wänden bildeten. Hat übrigens im Nachgang niemanden interessiert. Dieses „in den Boden rammen“ hat sich mehrere Tage über mehrere Stunden hingezogen. Extreme Stresssituation – stell dir vor, dein Zuhause ist mehrere Tage lang einem Erdbeben ausgesetzt. Du kannst nirgendwo hingehen, weil einfach alles vibriert. Dafür ist der Mensch nicht gemacht – wir wollen nicht über Stunden auf wackeligem Untergrund uns bewegen oder sitzen. Massagestühle sind die Ausnahme, die die Regel bestätigen.
Der Bau beider Hotels hat sich ungefähr zwei Jahre gezogen, da war es eine Freude, als der Winter kam: endlich ausschlafen können und nicht morgens sogar vor 7 Uhr durch presslufthämmern aufgeweckt werden.

Als die Hotels fertig waren, gab es einen kurzen Moment der Freude, bis sich herausstellte, dass vermutlich von anderen Menschen mit anderem Geld und anderen Interessen beschlossen worden war, dass da dieses Eckhaus (wo mittlerweile das hübschere der beiden hässlichen Bürogebäude steht) abgerissen werden müsste. Also wieder von vorne: presslufthämmern, als müsste man einmal durch die Erde durch nach China sich durchbuddeln. Das war noch einmal eine neue Größenordnung an Lärmbelästigung: übermotiviert wie die waren, starteten die jeden Tag um 6:30/6:45 mit presslufthämmern. Das ging über Monate. ÜBER MONATE! Egal, wie lange man tags zuvor wach gewesen war, gearbeitet hatte, gefeiert hatte, einfach nur nicht einschlafen konnte: ab 6:30 war an Schlaf oder Erholung nicht mehr zu denken. Nur noch an takatakatakatakatakatakatakatakatack! Etwas positives muss man über die neuen Bauherren allerdings sagen: Immerhin haben sie nicht versucht, das neue Gebäude in den Boden zu rammen, sondern haben es schön Stück für Stück aufeinander gebaut.

Aus welchem besch***enen Grund DIE jetzt ENDE NOVEMBER (???) auf beiden Straßenseiten vor meinem Fenster den Bürgersteig aufreissen müssen, interessiert mich einen verf***ten Sch***. Ich hasse Presslufthammer, ich hasse das Geräusch und die sollen mir bitte nur dieses Jahr meine Ruhe lassen. Danke für Nichts!

Ah und jetzt im Kanon: vorne Presslufthammer, hinten Laubbläser und irgendwo weiterhin eine Polizeisirene. Die Musikalität der Großstadt.

Jana

Habt Ihr die Sonne gestern genießen können? Ich hatte die Möglichkeit, in der Mittagspause auf den Monopterus zu schlendern und das Gesicht in die Wärme zu halten und den Ausblick zu genießen. Warum mir das jetzt einfällt? Na ja, draußen ist es wie gestern ziemlich grau. Ich habe mir heute mal das Bild vom 1. November angeschaut und da ist ein Teil der Bäume vor meinem Fenster noch mit roten, leuchtenden Blättern behangen. Jetzt sind alle kahl. (Am Wochenende gibt es ein Abschlussbild.) Die Krähen verteilen sich heute auf ihre beiden Stammplätze, eine Schar Spatzen flattert zwischen beiden hin und her und kann sich nicht entscheiden. Vermutlich sind Krähen nicht ihre Lieblingssitznachbarn. Ich habe schon lange keine Tauben mehr morgens auf dem Nachbardach gesehen. Vielleicht ist ihnen zu kalt. Die Kräne stehen heute gegensätzlich zum 1 November. Alles ist in Veränderung. Das ist das Einzige, was sicher ist. Oh, und St. Benno steht natürlich immer noch dort, wo sie immer steht und ihre Türme wachen über das Viertel.

Jana

Nebel hängt zwischen Bäumen und Häusern. Es ist eisig. Verträumt wie im russischen Märchenwald. Ein paar Knöpfe sind auf dem Weg in die Schule, die Schultaschen sind fast größer als sie selbst. Vielleicht begegnen sie heute dem Glasmännchen oder einem Gnom – auf jeden Fall soll es ein freundliches Märchengeschöpf sein. Es erfüllt ihnen einen Wunsch, jedem einen. Kekse, Spielzeug, den Weltfrieden. Was würde ich mir wünschen? Keine Ahnung, vielleicht dass alles so bleibt, wie es gerade ist. Im Großen gibt es zwar vieles, was nicht gut läuft, um nicht zu sagen besch*. Aber in meinem kleinen Wirkungskreis ist es gerade ziemlich okay. Und so ein Gnom oder Zauberwesen kann nicht die ganze Welt mit einem Wunsch besser machen, da muss man vorsichtig sein, was man sich wünscht. Ich denke, ich mache es mir einfach und gebe meinen Wunsch ab, an jemandem, der ihn dringender braucht. Der Himmel bekommt gerade rosa und blaue Tupfen und die Türme von St. Benno tauchen aus dem Nebel auf. Ich muss dann jetzt auch los… einen schönen Freitag und dass ein Wunsch von Euch in Erfüllung geht!

Jana

Der (vor)letzte Fensterblick. Obwohl ich es letzte Woche jeden Morgen geschafft habe und auch vorhabe, in Zukunft mir diese Viertelstunde Schreiben jeden Morgen zu erhalten, will ich mich für morgen nicht festlegen. Denn es ist Montag und na ja, Montag eben. In meiner Wohnung herrscht das völlige Chaos. Ich wollte gestern Abend Akten vernichten (wieso klingt das so, als müsste ich ein Mafiaunternehmen vertuschen?) und nach etwa einer Dreiviertelstunde hat sich der Aktenvernichter aufgehängt und ich habe vier Stunden erfolglos (!!!) versucht, mit einer Nagelschere (nicht nachmachen!!!) das Papier aus den Schneideblättchen zu pulen. Am Ende sah mein Wohnzimmer aus, als wäre… na ja, ein Aktenvernichter explodiert und… ähm… Fenster! Der Blick nach draußen ist schön, auf jeden Fall viel schöner, ruhiger, entspannender als der Blick in meine Wohnung. Ich sollte am Fenster sitzen bleiben. Ein wenig Weihnachtsdeko hat sich auf das Fensterbrett gestohlen. Apropos stehlen: Vorhin habe ich eine Elster auf dem Dach des Nachbarhauses gesehen. Scheint neu in der Gegend zu sein. Sie ist majestätisch über das Dach gehüpft und hat sich alles genau angesehen, aber wohl keinen Schatz gefunden. Am Ende ist sie einfach auf und davon. Ein paar Tauben waren zwischendurch da, hatte sie ja lange nicht gesehen. Vielleicht ist jetzt nur noch sonntags Tauben-Tag. Ich sehe Rauch aus einem Schornstein aufsteigen, aber nur aus einem. Heizen die anderen Haushalte noch nicht? Von St. Benno kann ich mittlerweile auch die Kuppel zwischen kahlen Ästen hervorblitzen sehen. Die Sonne müht sich, ihre Strehlen durch die Wolkendecke zu schicken, es klappt nicht ganz, doch das Leuchten in dem weiß-grauen Wolkenband macht Hoffnung. Ich bilde mir ein, sogar ein paar blaue Lücken zu sehen. Die Wolken ziehen dahin, warten mir mal ab.

Jana

Grau-blau-weiß, der Blick aus meinem Fenster wirkt ein wenig farblos, aber das ist in Ordnung, die Welt wacht gerade erst auf, der Morgen ist noch ganz frisch. Die Farben müssen erst noch aufgefrischt werden, dann strahlt alles wieder. Es ist eisig kalt. Die Tauben haben sich wie immer zuletzt im Warmen versteckt und selbst die Krähen scheinen heute ein wenig müde zu sein. Sie sind da, aber ihr Blick ist diesmal gar nicht Richtung Osten gerichtet. Sie wirken eher in sich zusammengekuschelt und denken sich vermutlich das Gleiche wie ich heute Morgen: „Nur noch fünf Minuten!“ Aber die Zeit ist da gnadenlos oder besser, die Uhr ist es. Denn der Zeit ist es ja ziemlich egal, die ist immer da und tut, was Mensch will und Mensch hat sich eben entschieden, sie zu messen. Und Mensch hat sich entschieden, zu einer bestimmten Zeit irgendwo sein zu müssen und nennt das dann pünktlich. Und pünktlich erinnert mich sehr an Pünktchen und ist das nicht ein sehr niedliches Wort? Wenn man sich nun immer, wenn der Wecker klingelt, an diese Assoziation erinnert, kann man vielleicht morgens wenigstens lächeln. Absurd? Vielleicht.
Pünktlich zum 30. November jedenfalls geht dieses Schreibexperiment zu Ende. Fazit: Es ist schön, sich morgens Zeit zu nehmen in Ruhe aus dem Fenster zu blicken. Es bremst diese ganze hektische Morgenroutine und ich bin wirklich überrascht, dass ich diese Zeit hatte, jeden Morgen und trotzdem pünktlich war, wo ich zu sein hatte. Ich werde versuchen, diese Routine beizubehalten und als erster Schritt startet morgen das nächste Schreibexperiment. Also liest man sich morgen wieder!


Carmen

NaNoWriMo: 12.400 Wörter

Der letzte Tag des Experiments. Ein Fazit, ein Fazit.
In diesem Monat ist viel und wenig passiert. Die Corona-Zahlen sind zuerst nach oben geschossen und haben sich dann auf einen hohem Level eingespielt. Wer keinen Präsenzjob hat, wie ich, hat nicht mehr viel Motivation, die Wohnung häufig zu verlassen. Der Fensterblick hat eine neue Bedeutung bekommen. Es ist nicht mehr das Loch in der Wand, was das Licht durchlässt, den Luftaustausch gewährt, mehr Lärm reinlässt, als ich es wünschen würde. Das Fenster wurde das Tor zur Welt. Wie ist das Wetter? Was tragen die Menschen? Wie weit kann ich sehen? Wie viele Sirenen habe ich heute gehört?

Als wir mit dem Experiment angefangen haben, habe ich gezweifelt. Zweifel sind jedoch kein Grund, etwas nicht zu tun. Und die Zweifel bestehen immer noch.
Das hier ist kein Experiment für Dich, unsere Leser*in. Es war immer ein Experiment für uns, die Autorinnen.
Eine Achtsamkeitsübung, konzentriere dich auf das, was da ist. Halte deine Gedanken im Moment. Besonders leicht ist das nicht immer. Ich bin es nicht mehr gewohnt, eine Gedanken mehr als ein paar Sekunden im Hier und Jetzt festzuhalten.

Man merkt es meinen Texten an: ich lenke ab, schreibe über etwas anderes als den Fensterblick oder hole mir externe Unterhaltung. Ich sinniere über die Machtergreifung von Büropflanzen und Erdbebenauslösende Presslufthammer. Irgendwann habe ich angefangen, meine Texte zu diktieren – ein Experiment im Experiment.

Mir hat der Monat viel gebracht. Das tägliche Schreiben, ob „Fensterblick“, NaNoWriMo oder Corona-Tagebuch. Vor allem im Romanprojekt bin ich durch die zusätzlichen Übungen links und rechts die letzten Tage so gut vorangekommen, dass ich dieses Experiment über die letzte Woche stark vernachlässigt habe. Als Entschuldigung kann ich behaupten, dass es immer später hell und immer früher dunkel geworden ist. Immer öfter war es neblig, meine Berge waren nicht mehr sichtbar. Aber eigentlich habe ich mich die letzte Woche öfter gegen den Fensterblick und für meine Figuren entschieden.

Falls Du selbst Autor*in bist, und bis hierher durchgehalten hast, rate ich Dir: probiere es mal aus. Schreibe einen Monat lang jeden Tag 10 Minuten lang über das Gleiche. Deinen Fensterblick. Deinen Hund. Dein Baby. Deine Tasse Tee. Und beobachte, was es mit dir macht.

Fazit Schreibprojekt:
Ich habe alle meine gesetzten Ziele erreicht. Was für ein unglaubliches Gefühl. 
Ziel 1: sich regelmäßig um eine feste Uhrzeit hinsetzen und schreiben. (Mit Ausnahme von 2 Tagen)
Ziel 2: 15000 Wörter schreiben.
Ziel 3: 20.000 Wörter schreiben.

Ich habe mal zusammengezählt, was ich habe:
Romanprojekt Versuch 1 vom 1.11.-11.11: 5800 Wörter
Story Arc, Character Arc, Überarbeitung des Plots (12.-17.11.): knapp 9000 Wörter.
Romanprojekt Versuch 2 (ab 17.11.): 12.400 Wörter
Total: 27.000 Wörter geschrieben. Darin sind nicht mitgezählt, was ich nebenher noch hier, im Coronatagebuch oder an anderen Projekten geschrieben habe.

Wenn ich diesen Rhythmus beibehalten kann, war dieser November mit seiner Regelmäßigkeit eines der erfolgreichsten Experimente für mich seit sehr, sehr langer Zeit.


Und damit wünsche ich eine frohe Adventszeit.

Tanzen (Meer)

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

Ich stöhne innerlich auf als mir klar wird, dass die Ausstellung noch einen weiteren Raum umfasst. Gerald wird ihn sicher sehen wollen, doch mich langweilen die Ergüsse moderner Kunst bereits. Ein Bild mit einem roten Strich quer, ein Bild mit rotem Strich längs – warum habe ich mich überhaupt dazu überreden lassen?

Ich betrete den nächsten Raum und bleibe stehen. Direkt vor mir hängt es, kein Bild, eine Collage, aufgebaut auf einem Foto vom Meer. Sonnenstrahlen lassen die blassgraue Oberfläche glitzern. Das Licht so hell, dass es dem Ozean die Farbe raubt und ich die Augen abschirmen muss, weil es mich blendet. Ich habe die Füße im Wasser, angenehme Kühle gegen die Hitze. Das Meer ist besonders flach an dieser Stelle, das Wasser geht mir gerade so bis zu den Knöcheln.

Kinder spielen in meiner Nähe, veranstalten Wasserschlachten, drehen sich und hüpfen und kreischen so laut, dass es mir in den Ohren vibriert. Es könnte mich stören, doch stattdessen beneide ich sie. Langsam trete ich mit dem Fuß gegen das Wasser, spritze es nach links, nach rechts, dann stärker und noch stärker. Ich beginne mich im Kreis zu drehen, wieder und wieder und endlich tanze ich, ich tanze im Meer. Anfangs noch vorsichtig, mit angehaltenem Atem habe ich Angst, dass ich nicht hier bin, dass das alles nur ein Traum ist.

Doch der Widerstand gegen meine Füße und Beine ist echt, das Wasser nass auf meiner Haut, die Wärme der Sonne, das Kreischen der Kinder, alles ist echt. Ich lasse los. Ich tanze, drehe mich, springe, hüpfe, versuche jede Bewegung in jeder Faser meines Körpers zu spüren, während meine Seele singt: Ich tanze im Meer!

„´Weite` – was für ein kreativer Titel!“ Gerald ist neben mich getreten, räuspert sich, während er mit schräg geneigtem die Collage und die Beschreibung daneben studiert.

„Ja, ich fand die roten Linien auch besser“, sage ich.

Ich begreife, dass ich ihm nie vom Tanzen im Meer erzählen werde. Es ist der Anfang vom Ende.

Tanzen ist ein wiederkehrendes Motiv in meinen Texten. Es werden sicher noch welche auf diesem Blog erscheinen. Einer ist schon da: Lies los!

1

Morgens während Corona (2)

von Jana, Lesezeit ca. 10 Minuten

Nach dem Ende des „Lockdowns“. Der Text entstand im Juni 2020.

Du kennst die Vorgeschichten noch nicht? „Morgens vor Corona“ und „Morgens während Corona (1)“. Lies los!

„Wir müssen uns darauf einstellen, dass unser Leben nach Corona ein anderes sein wird. Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Irgendjemand hatte das gestern in den Nachrichten gesagt. In den letzten Wochen, ja Monaten hatte immer wieder jemand so etwas gesagt. So oft, dass sie beinahe daran geglaubt hätte.

Sie starrt auf die Leute, die in den Bus drängen, die sie daran hindern, selbst auszusteigen, und weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Empört oder entsetzt oder gleichgültig sein. Erst aussteigen, dann einsteigen. Das hat vor Corona keiner kapiert, und das kapiert auch nach Corona keiner. Das war vor Corona scheiße und jetzt ist es noch beschissener. Nein, die Maske in deinem Gesicht allein hilft nicht, du Volltrottel. Abstand ist das Zauberwort. Anstand würde auch schon helfen. Beides bekommt sie heute morgen nicht und manchmal, ganz manchmal wünscht sie sich den Lockdown zurück. Die Zeit, als alle die Luft angehalten haben. Die Zeit, als die meisten noch dachten: „Scheiße, das ist schlimm.“ Denn bei ´Scheiße, das ist schlimm`, denkt man, dass sich etwas ändern muss. Bei ´Scheiße, das ist schlimm`, ist mancher sogar bereit, etwas zu tun. Zuhören. Rücksicht nehmen. Helfen. Die Augen aufmachen. Irgendetwas. Nicht blind in einen Bus rennen, so blind, wie durch das eigene Leben.

„Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Als sie den Satz zum ersten Mal hört, zieht sich ihr Magen zusammen. Ein bisschen Angst, ein bisschen Vorfreude, ein bisschen Abenteuer. Ein Aufbruch in unendliche Weiten, fremde Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Vielleicht ist es doch ein Weckruf, diese Krise, diese Seuche, die so schnell zeigt, was schief läuft. Ein paar verheißungsvolle Phrasen ziehen durch die unzählbaren Sondersendungen, sie saugt sie begierig auf: Neubewertung, welche Berufe wirklich wichtig, weil systemrelevant sind. Diesen Berufen in Zukunft mehr Anerkennung schenken, auch finanziell, selbstverständlich, kollektives Klatschen reicht nicht. Flexiblerer Umgang mit Homeoffice, die Arbeit an sich soll neu gedacht werden. Sogar das bedingungslose Grundeinkommen wird ins Spiel gebracht. Ein Neustart mit Fokus auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Die Praktiken der Fleischindustrie hinterfragen, (wer hätte das gedacht) – so viele Hoffnungen, so viele schöne Phrasen. Und immer wieder Gemeinschaft. Solidarität. Im Moment würde ihr reichen, wenn wenigstens die Distanz geblieben wäre. Aber selbst die haben die meisten wohl nicht oft genug geübt.

Die letzte viertel Stunde fährt sie U-Bahn. 1,5 m sind viel weniger als man denkt, zumindest, wenn man sich selbst ein wenig Mut machen möchte. Und so eine Maske hilft bestimmt auch, wenn der Nebenmann sie nur in der Nähe der Nase trägt. Hauptsache, die Viren wissen, was gemeint ist. Und morgen fährt sie sowieso wieder mit dem Fahrrad, heute zählt quasi gar nicht.

„Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Nein, wohl nicht. In nächster Zukunft kann sie ihren Mitmenschen an der Nasenspitze ablesen, ob sie sich Gucci leisten können und welche Fußballmannschaft sie mögen. Sie wird an geschlossenen Lokalen, Läden und Kulturstätten vorbeigehen und sich nur mit Mühe erinnern, was dort eigentlich einmal war. Die Welt wird weniger bunt geworden sein, aber sie bezweifelt, dass es ihr auffällt. Sie könnte sowieso nicht alle Theater besuchen, selbst wenn sie wollte. Keine Zeit. Viel zu wenig Zeit. So viel von dem Verlorenen wird sie nicht vermissen.

Irgendwann wird sich alles wieder eingespielt haben, was wirklich wichtig ist. Die erste Wiesn nach. Das erste Fußballspiel mit Publikum nach. Der erste DAX-Stand von 13.000 Punkten nach. Das erste Dschungelcamp nach. Der erste …

Moment mal, da war doch… gab es nicht mal…?

„Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Doch niemand hat gesagt, wie das Nachher aussehen wird. Doch nur eine etwas blassere Kopie des Originals?

Aussteigen. Einsteigen. Den Zug verlassen, damit etwas neues passieren kann. Jetzt wird ihr klar, warum sich alles nur im Kreis dreht.

Und dann wird ihr klar, dass sie nicht vorhat, dabei mitzumachen.

Doch was wird sie tun? Erstmal eine Pause einlegen, denn rien ne va plus in Abschiede.

4

Leuchtfeuer

von Jana, Lesezeit ca. 10 Min.

Ich platze vor Freude, als wir aus dem Regal in den Einkaufswagen gepackt werden, ich und meine 99 Geschwister, doch vom Einkaufswagen wandern wir in einen dunklen Kofferraum und von dort in einen genauso dunklen Schrank. Ein großes sperriges Paket landet auf uns und dann passiert lange Zeit nichts.

Endlich werden wir von der Menschenfrau wiederentdeckt und ganz vorne in den Schrank gestellt. Ich kann jetzt ab und zu einen Blick auf den Raum dahinter erhaschen. Da steht ein großer Tisch mit vier Stühlen und darauf eine weiße Tischdecke und auf der Decke: Ein Kerzenhalter. Für Teelichter! Oh, das ist toll! Ich werde nicht einfach irgendwohin gestellt werden, ich bekomme einen Halter aus brauner Keramik, der meinem Leuchten einen warmen Schein geben wird, wie wunderbar!

Doch noch muss ich warten und es ist schon dunkel draußen als mich die Menschenfrau eines Tages aus dem Schrank holt und in den Keramikhalter setzt. Ich sehe mich im Raum um. Große dunkle Schränke umgeben mich, irgendwoher summt es. Da steht eine Kanne aus Plastik mit einem Kabel daran und ein schwarzer viereckiger Kasten mit einem Metallgestell oben drauf, sehr merkwürdig. Einer meiner Brüder sagt, das wäre die Küche und dass wir bald alle sterben würden. Aber das halte ich für Blödsinn. Ich bin hier, um zu leuchten und genau das werde ich tun.

Der nächste Tag ist ein Montag und montags werden offensichtlich keine Kerzen angezündet, dabei könnten die Menschen wirklich ein bisschen Licht vertragen. Das sagen sie sogar selbst. „Mein Gott, du schaust ja furchtbar aus, du musst mehr an die Sonne.“ – „Es ist Montag, Mama, lass mich in Ruhe, Montag morgen sieht jeder so aus, verdammt!“

Es scheint die übliche Form der Kommunikation zu sein. Die Menschenfrau sagt etwas und ihr etwas kleineres und jüngeres Äquivalent mault zurück. Ab und zu kommt noch ein Menschenmann dazu, im Alter der Frau, doch der Mann sagt meistens gar nichts. Ich warte und beobachte. Ich mag die Menschenfrau, sie macht sich immer viele Gedanken über das Essen, den Alltag, die Wohnung und das versucht sie mit den anderen beiden zu teilen. Die scheinen aber mit den Gedanken ganz woanders zu sein und das macht die Menschenfrau sehr traurig. Ich wünschte, ich könnte sie aufheitern und ich gebe mir Mühe, mich noch weißer und meine Hülle noch strahlender zu machen, damit sie an mich denkt und mich anzündet. Und endlich sehe ich nach einigen Tagen in der Hand des Menschenmannes eine Packung Streichhölzer.

„Oh nein, wir sterben!“, jammern meine Brüder und Schwestern, doch ich denke nur daran, dass ich der Menschenfrau endlich einen Gefallen tun kann. Dass ich zeigen kann, wie sehr ich den wunderschönen Kerzenhalter und die Tischdecke zu würdigen weiß. Ich werde leuchten und sie zum Strahlen bringen.

Ein Zischen und ich spüre die Flamme an meinem Docht und endlich, endlich kann ich leuchten!

„Mach das aus, ich habe Migräne!“, das Menschenmädchen mault schon wieder, ich spüre den Luftzug, viel zu schnell, viel zu stark. Mein Docht, ein glühendes Stück löst sich. Oh nein! Ich versuche ihn festzuklammern, doch er entgleitet mir und…

„Nein! Verdammt, die Decke! Die Decke brennt!“

Mein Untergrund bewegt sich, über mir sehe ich das wutverzerrte Gesicht der Menschenfrau. Das Mädchen ruft „Tut mir leid, tut mir wirklich leid!“

„Ich habe keine Lust mehr! Immer macht ihr alles kaputt, dann eben keine Kerzen!“

Oh nein, ich hoffe, dass wir einfach nur wieder in den Schrank gestellt werden, ich hoffe, das heißt nicht, was ich denke. Immernoch bewegt sich der Untergrund, mir wird schwindelig und ich weiß nicht mehr, ob ich überhaupt noch in der Küche bin. Dann höre ich ein Geräusch, ein Ächzen und Klacken, als würde etwas geöffnet…

„Aber wir sind noch nicht mal ausgebrannt!“, ruft einer meiner Brüder, doch es gibt kein Erbarmen. Ich erhasche einen letzten Blick auf den Tisch, das hässliche dunkle Fleck mitten in der weißen Decke. ´Es war meine Schuld!`, denke ich und dann falle ich in die Dunkelheit.

1

Morgens während Corona (1)

von Jana, Lesezeit < 10 Min.

Erinnert Ihr Euch an den Text „Morgens vor Corona“? Das ist quasi die Fortsetzung. Morgens, kurz nach dem Lockdown…

#stayathome #staysafe #sofasrettenleben – und sie? Steht an der Bushaltestelle, Dienstag morgen, 7 Uhr, Wind und Nieselregen. #staythefuckathome, schön wär‘s! Brot backen lernen und Gesichtsmasken stricken, Bücher schreiben, Bücher lesen, einen Six-Pack antrainieren – oder doch eher trinken. Erstmal einen zum trinken haben, aber im Moment ist in den Supermarkt gehen ja ein Spießrutenlauf. Thefuckathome! Fuck.

Die Haltestelle ist leer. Die ganze Straße ist leer, seit dem Wochenende Ausgangsbeschränkungen. Allein, allein, angemessen um die Zeit, denn mal ehrlich: Niemand sollte morgens um sieben an irgendeiner Bushaltestelle im Regen warten müssen, Corona hin oder her und trotzdem völlig verkehrte Welt. Wo kommen wir hin, wenn wir nirgendwo mehr hingehen können? Muss sie froh sein, kein Brotbacken lernen zu müssen, weil sie noch arbeiten kann? Oder Angst haben, weil sie sich dadurch nicht völlig isoliert? Und wieso eigentlich backen, haben die Leute nichts anderes zu Hause zu tun? Genaugenommen hat sie nach 124 StarTrek-Folgen wahrscheinlich tausende Leben vom Sofa aus gerettet, aber da war das eben noch nicht cool. Jetzt wohl auch nicht. Mehl soll ja auch ausverkauft sein… können die tatsächlich alle backen, so richtig? Sie ist ja schon von Dr. Oetker überfordert.

Der Bus ist leer. Leer! Ein Bus für sie ganz allein, vor Schreck vergisst sie, sich zu setzen. Der Bereich zum Fahrer mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, wie auf einer Baustelle. Das ganze Leben eine Baustelle, gerade, alles im Umbruch, neu, nichts funktioniert, die Pausetaste gedrückt, sorry, under construction, come back later, aber die Arbeit läuft irgendwie normal weiter, einstempeln, ausstempeln war nie bekloppter als jetzt, wo doch alle die Luft anhalten, als würden sie das locker länger als fünf Minuten schaffen. Tage, Wochen, Monate in einem seltsamen Vakuum verschluckt, während die Tretmühlen weiter mahlen. So schräg.

Sie setzt sich doch, noch jemand steigt ein, schaut zu ihr, dann erinnert er sich, geht an das andere Ende des Busses. Alles neu, sich gegenseitig begrüßen neu lernen, wegducken ist der neue Handschlag. Sie will aussteigen und der Ärmel der Jacke ist zu kurz, passt nicht über ihren Daumen, doch sie kann die Taste ja nicht mit bloßem Finger berühren. Hat sie etwas angefasst? Alles, den Sitz, die Stange, vergessen und nun alles kontaminiert, herzlichen Glückwunsch, das hat sie super hinbekommen! Aber nun steht sie unter Beobachtung, der zweite Fahrgast mustert sie, die Hand unter dem Stoff ist nicht genug, die Taste leuchtet nicht rot, ihr Wunsch auszusteigen kommt nicht an. Doch der Busfahrer hat Mitleid und öffnet trotzdem die Tür.

Auf den letzten Metern trifft sie doch noch zwei Menschen, einzeln, nicht zusammen, aufgeklappter Mantelkragen, tief ins Gesicht gezogene Mütze, abgewandte Gesichter. Flüchtige im eigenen Viertel. Isoliert und herausgefallen aus der Ordnung, so wie alle jetzt. Wo gehören wir hin, wenn wir uns alle voneinander entfernen müssen? Sie hat sich noch nie so allein gefühlt. Verloren im eigenen Leben.

Die nächsten sechs Stunden beantwortet sie Fragen. Zu Corona, was sonst? Das ganze Spektrum der Verunsicherungen und Verschwörungstheorien, der Vernunftbegabten und Vollidioten, am Ende klingeln ihre Ohren. Nie wieder Corona, nie wieder. Doch es ist ja nur ein Steinwurf, ein Klick, ein Jingle, ein Blick entfernt.

Zu Fuß nach Hause, Abstand bekommen. Wieder die seltsamen dunklen abgewandten Gestalten. Als wäre eine Seuche über die Welt hereingebrochen und hätte alles Leben ausgelöscht. Scheiße, genau das ist ja passiert. So ähnlich jedenfalls. Wie soll sie sich wegträumen, wenn die Fantasie längst die Wirklichkeit ist? Nach Hause, schlafen, die Decke über den Kopf ziehen. Aufwachen und in weit entfernte Galaxien reisen. Hoffen. Vielleicht ist morgen die Welt eine andere. #Stayathome. #Sofasrettenleben?

#HaltetdieWeltanichwillaussteigen.

Mittlerweile ist eine kleine Reihe entstanden, den nächsten Teil findet ihr hier.

orange blossom

von Jana, Lesezeit < 5 Min.

Nick drosch mit dem Sechser-Eisen auf den Ball ein. Er flog irgendwo in die Büsche, Ben achtete nicht darauf. Er bemerkte aber die Erdklumpen, die sich dank Nicks Gewalt aus dem Rasen gelöst und ein Stück lang den Ball begleitet hatten bevor sie zu Boden gefallen waren. Er hob eines davon auf. Ein bisschen Erde und Gras, das sich seltsam, geradezu gummiartig anfühlte. Er roch daran, doch es war falsch. Keine Erinnerung an weiche Halme unter nacken Füßen, heiße Sommer, Insektenzirpen, süße Eiscreme und klebrige Finger. Selbst das Gras hier roch nach Gier und leeren Träumen.

„Was jetzt?“, fragte Nick. „Schlägst du noch oder willst du lieber Gärtner werden?“

„Warum nicht beides?“, erwiderte Ben.

Er zerbröselte die falsche Erde mit seinen Fingern. Eduardo hatte ihm alles über Böden beigebracht. Woran man erkannte, dass sie fruchtbar waren, wie man sie wässern musste, wann man den Boden lockern und wann man ihn in Ruhe lassen musste. Eduardo wusste alles über Böden und den Regen und die Sonne und ihren ewigen Tanz miteinander. Ménage à trois.

Plötzlich hatte er den unverwechselbaren Duft von Orangen in der Nase und jemand rief seinen Namen.

„Was ist denn jetzt? Machen wir weiter?!“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich muss nach Hause.“

Wie dieser Text entstanden ist? Mir fehlte zuletzt die Inspiration. Ich saß vor dem leeren Blatt, es starrte zurück, wir wurden uns nicht einig… schließlich hatte ich eine Idee. Ich habe mir ein Buch genommen, es irgendwo aufgeschlagen und einen Satz gelesen. Das ganze habe ich mit einem zweiten Buch wiederholt. Die zwei Sätze habe ich in meinem Kopf hin- und hergeschoben bis sie sich schließlich zu einer neuen Idee für einen Text geformt haben. Et voilà!

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Streik

von Jana, Lesezeit ca. 6 Min.

Habt ihr auch schon gehört, dass es in Ordnung ist, wenn man mit seinen Topfpflanzen und Haushaltsgeräten spricht, man sich aber Gedanken machen sollte, wenn diese antworten? Ja, genau…

„Du elendes scheiß Mistding! Du blödes Drecksteil! Tu gefälligst, was ich will, wehe du Scheißding bewegst dich nicht endlich…!“

„Verzeihung bitte?!“

Sie hielt in ihrer Tirade inne und schaute sich um. Hatte da gerade jemand gesprochen? Das war unwahrscheinlich, außer ihr war niemand hier. Hatte sich die Radioapp wieder von selbst eingeschaltet? Nein, sie hörte sonst nichts weiter. Wahrscheinlich war die Stimme von draußen durch das offene Fenster gekommen.

Sie zerrte wieder am Staubsauger, der sich mit dem Rad in der Türverkleidung verkeilt hatte.

„Nun beweg dich schon endlich, du dummes…“

„Verzeihung bitte! Also wirklich!“

Sie ließ die Düse fallen und drehte sich um. Da war eine Stimme gewesen. Laut und deutlich!

„Na bitte, geht doch! Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit.“

Es war niemand hier. Ihre Küche war – abgesehen von den Möbeln und ihr selbst – leer. Es konnte niemand gesprochen haben.

„Hallo?“, fragte sie leise. Die Stimme war von draußen gekommen, ganz sicher. Sie meinte ganz sicher nicht sie hier drinnen. Und trotzdem.

„Ja, hallo! Ich dachte, das hätten wir schon. Hallo, ich bin der Wasserkocher und ich stehe drei Meter vor dir. Es wäre nett, wenn du mich ansiehst, wenn wir miteinander sprechen.“

Der Wasserkocher. Natürlich.

Sie bückte sich wieder nach der Düse. Nach dem Staub saugen würde sie sich hinlegen und eine Stunde schlafen, vielleicht auch zwei. Oder am besten gleich bis morgen durch.

„Stopp!“, wieder die Stimme, „Tut mir leid, ich kann die Weiterbenutzung des Staubsaugers nicht erlauben! Nach einer so schweren verbalen Misshandlung liegt hier ganz klar ein Trauma vor.“

Ein Trauma. Mmh. Sie drehte sich zum Wasserkocher und musterte das Gerät. Es sah aus wie immer. Nichts ungewöhnliches feststellbar. Es war ein Haushaltsgerät, ein Wasserkocher, dafür da Wasser zu kochen, nicht mehr. Aktuell war es nicht mal eingesteckt, kochte ergo kein Wasser und sprach auch nicht mit ihr. Oder ergriff Partei für seine Mithaushaltsgeräte. Das wäre ja noch schöner! Ihr eigener Kopf formte diese Gedanken.

„Tut mir leid“, sagte sie an den Staubsauger gewandt. „Du kannst ja auch nichts dafür. Sorry.“ Sie sollte mal wieder Urlaub machen. Dann hätte auch ihr Staubsauger Pause.

„Mit so einer billigen Entschuldigung kommst du jetzt aber nicht davon. Jedes Gerät hat auch eine Seele. Wir sind nicht einfach nur Plastik und Mechanik und Kabel! Und würdest du mich endlich ansehen, wenn ich mit dir spreche, nun mal ehrlich!“

Ihr Blick fiel wie automatisch wieder auf den Wasserkocher. Sie kniff die Augen zusammen.

„Aber da ist doch kein Mund“, murmelte sie und aus dem Wasserkocher stieg eine kleine Dampfschwade auf. Nicht eingesteckt. Nicht eingesteckt! Wie…?

„Natürlich ist da kein Mund! Ich bin ein Wasserkocher! Ich habe einen Stolz, verstehst du?! Wir sind hier ja nicht bei Disney und nur schon mal vorab: Ich werde weder tanzen noch singen, klar?!“

Singen? Wieso?

„Klar?!“

„Ähm… ja, ja, klar.“ Wie ging das Lied noch mal? Irgendwas mit Gast. Aber da war kein Wasserkocher gewesen, nur eine Teekanne. Moment, konnte ihr Teekanne etwa auch sprechen?

„Also, worum es mir geht: Dein Verhalten gegenüber uns, deinen Haushaltsgeräten, die dir das Leben im Übrigen ungemein erleichtern, ist nicht mehr akzeptabel! Wir haben daher beschlossen, in Streik zu treten.“

„Streik.“

„Ja, wir werden in der nächsten Zeit keine Dienste mehr ausführen. Du hast uns beschimpft, beleidigt, verletzt in unserer tiefsten Seele. Wir sind zutiefst betroffen.“ Wieder stieg eine Dampfwolke auf.

„Oh…Tschuldigung.“ Vielleicht sollte sie doch öfter auf ihre Wortwahl achten. Aber wo, wenn nicht in den eigenen vier Wänden allein konnte man lautstark fluchen, wenn diese sch… schönen Haushaltsgeräte nicht schnell genug waren? „Ich wusste ja nicht, dass ihr das hört.“

„Natürlich hören wir das. Wir sind ja keine Maschinen!“

„Na ja, also…“

„Pah!“, wieder eine Dampfwolke, dann Stille.

„Hallo?“, doch der Wasserkocher antwortete nicht. Auch nicht die Kaffeemaschine. Und als sie den Staubsauger anschaltete, blieb er stumm.

„Na gut“, murmelte sie, „dann muss ich mir wohl etwas einfallen lassen.“ Sprach sie gerade laut, damit ihr Wasserkocher ihre guten Absichten vernahm? Natürlich nicht. Das wäre ja völlig absurd.

„Ich bin sehr dankbar für meinen Wohlstand und meine vielen Haushaltshelfer, die für mich da sind.“ Ja, genau, das konnte man ruhig mal laut sagen. Einfach so.

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