Geschichten. Überall und Jederzeit

Die Letzte ihrer Art


von Carmen

Dextra öffnete die Kordel an ihrer rechten Hüfte und der raue Stoff der Kutte glitt langsam über die Schultern an ihrem Rücken entlang auf den felsigen Boden. Sie liebte diesen Moment. Die kratzige Berührung des Stoffes, das Gefühl, wie die kühle Luft fast in Zeitlupe immer mehr von ihrer Haut umhüllte. Zuerst spürte sie den kalten Wind an ihrer Schulter, dann an ihrer Brust. Sie fühlte, wie sich die Brustwarzen zusammenzogen. Dann fiel der schwere Sackstoff ohne Unterbrechung ganz zu Boden und die Kälte umhüllte ihren Bauch, ihre Hüften, Oberschenkel und ihren Schambereich. Die Vorfreude erreichte ihren Höhepunkt.
Es ging los.

Sie blieb einen Moment mit geschlossenen Augen stehen, konzentrierte sich auf den Wind, die Kälte, die Gänsehaut auf ihren Armen und Brüsten, das Rauschen in den Bäumen, das helle Sprudeln des künstlichen Baches in der Nähe, die Schraffur der Felsen unter den Füßen.
Sie hatte von Anfang an keine Schwierigkeiten gehabt, alle anderen Geräusche auszublenden. Störfaktoren zu übersehen. Zuschauer zu ignorieren.

Ein unterdrücktes Kichern ging durch die Reihen.

Tief atmete sie ein, während sie ihre Füße hüftbreit aufstellte, den Rücken gerade durchdrückte und die Arme nach oben streckte. Sie lehnte ihren Kopf nach hinten, atmete tief durch und öffnete die Augen.
Laut und klar, voller Inbrunst begann sie die erste Stufe des Rituals:
„Mutter Erde, Meisterin der Schöpfung, Ursprung der Wunder, deine Tochter ruft dich!“
Sie stellte ihre Beine so weit auseinander, wie sie noch aufrecht stehen konnte, und streckte die Arme mit aller Kraft zur Seite, so dass sie aussah wie ein X.
Sie wartete einen Moment, hielt die Spannung aufrecht. Dann ging sie in die Hocke, ohne die Beine vorher zusammenzustellen.
„Mutter Erde, Heimat allen Daseins, Anfang und Ende jeden Lebens, Deine Tochter ruft dich!“
Erneut pausierte sie und ließ den Worten Zeit, sich zu entfalten.
Bedächtig ließ sie sich anschließend in den Vierfüßlerstand gleiten.
„Ich bin Euer, ein Herzschlag der Schöpfung, ein Staubkorn im Universum. Gewährt mir, Euer Werkzeug zu sein.“

Dextras Weg war von kleinauf vorgegeben gewesen. Jedes Dorf schenkte pro Jahr fünf Säuglinge, geboren in Vollmondnächten, den Einigkeitsklöstern. Dort wurden sie ausgebildet und erzogen, als Teil der Gemeinschaft, als Teil des Großen Ganzen.
Dextra war eine Klosterwaise.
Keine der Nonnen oder Mönche kannte seine leiblichen Eltern. Warum auch? Warum die Scheuklappen auf zwei menschliche Elternteile richten, wenn doch die Natur Mutter aller Wesen war, wenn doch alles eins war, wenn alle Menschen unterschiedliche Formen ein und desselben waren. Sie waren keine Individuen, sondern Schwestern und Brüder, Mütter, Tanten, Onkel und Väter.

Sie war beim wichtigsten Teil der ersten Stufe des Rituals angelangt – der Teil, der sie daran erinnerte, wer sie war. Was sie war.
Langsam legte Dextra sich bäuchlings auf den Stein, Arme und Beine erneut wie ein X von sich gestreckt. Sie genoss diesen Augenblick. Ihr Geist war offen, die Art, wie ihr Körper schutzlos auf dem nackten Boden lag, war das sichtbare Symbol dafür. Sie war eins mit ihrer Umwelt, ihr ausgeliefert. Der Wind strich über ihren Rücken, der felsige Untergrund kratzte an ihrem Bauch, ihren Oberschenkeln, ihren Knien. Mit dem Gesicht direkt auf dem Boden spürte sie, wie ihr Atmen sich an ihren Wangen nach oben verflüchtigte. Der Untergrund roch nach Moos und Erde.
Sie wünschte, sie könnte den Moment festhalten. Die Zeit stoppen. Denn tiefer würde sie nie wieder in die Mystik der Klosterwaisen eintauchen können. Die Rituale waren nie für eine Einzelperson ausgelegt gewesen. Dass eine von ihnen jemals vollkommen alleine sein könnte, auf sich gestellt, war ein undenkbarer Gedanke.

Wären ihre Brüder und Schwestern noch am Leben, würden sie jetzt neben ihr liegen, sich an Händen und Füßen berührend, fühlend, dass man zusammengehörte, gleich war und doch nur winzig klein im Angesicht des Universums.
Alle würden sie gleichzeitig aufstehen, eines Stichwortes hatte es dazu nie bedurft. Die Trommeln würden beginnen, in einem sich immer weiter beschleunigenden Rhythmus schlagen und alle würden sie tanzen. Und wie sie tanzen würden! Schneller, immer schneller, zusammen, alle Sorgen, Ideen, Wünsche und Ängste ablegend, jeden einzelnen Gedanken, der sie zu Individuen degradierte, vergessend. Sie würden sich berühren, sich selbst und die Nebenperson, die ja nur eine andere Form ihrer selbst war, und sich vereinigen.

Doch ihre Brüder und Schwester gab es nicht mehr. Drei Tage und drei Nächte hatte es gedauert, während sie starben, einer nach dem anderen, oder vom Glauben abfielen, bis nur noch wenige übrig waren. Die Eroberer kannten keine Gnade als sie kamen und das Land sich zu eigen machten.

Wieder ging ein Kichern durch die Reihen.
„Keine Ahnung, warum unsere Eltern überhaupt so lange gebraucht haben, diese Tiere abzuschlachten. Ich hätte einfach gewartet, bis sich diese unzivilisierten Wilden wieder nackt auf die Schlachtbank gelegt hätten und hätte meine Axt tanzen lassen.“
Dextra hatte von Anfang an keine Schwierigkeiten gehabt, alle anderen Geräusche auszublenden. Störfaktoren zu übersehen. Zuschauer zu ignorieren. Sie atmete tief durch. Konzentrierte sich auf den Wind, das Blätterrascheln. Ich bin ein Staubkorn.
„Pff, du bist ein Idiot. Das wäre reine Verschwendung. Die bettelt doch danach, rangenommen zu werden, wie die da liegt.“
Ein Mann lachte.
„Nah, da ist doch nichts dran. Titten am Nabel und nirgendwo Fleisch…“

Der Moment entglitt ihr. Langsam richtete sich Dextra wieder vollkommen auf, blickte an den Zuschauern vorbei zum Horizont und sprach den letzten Satz:
„Ich bin Dein Staubkorn, tanze frei nach Deiner Gnade, gewähre mir Einsicht in deine Allwissenheit!“
Immer noch wartete sie an dieser Stelle auf die Trommeln, die seit Jahren beharrlich schwiegen.

Sie trat einen Schritt nach vorne, wandte sich den Zuschauern zu, wobei sie versuchte, niemanden von ihnen direkt anzusehen.
Die Lautsprecher knackten.
„Sehr geehrte Herren, das war das mystische Einigkeits-Ritual der letzten überlebenden Klosterwaise, nur hier auf dem Gelände des Hydro-Elemente-Zoos. Das nächste Einigkeits-Ritual findet heute Nachmittag um 15 Uhr statt. Vergesst nicht, auch unsere anderen Shows zu besuchen. In 30 Minuten startet die Fütterung der Seehunde. Wir wünschen Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt.“

Das Ritual verfehlte auch dieses Mal seine Wirkung nicht, auch wenn sie nur die erste Stufe durchführen konnte. Sie wusste genau, was sie war: ein übrig gebliebenes Puzzlestück, unklar, zu welchem Motiv sie einmal gehört hatte. Ein aus der Zeit gefallenes Instrument, an dessen Nutzen sich niemand mehr erinnerte. Ein Exponat zur Unterhaltung der Besucher. Sie war die letzte, lebende Klosterwaise. Sie fragte sich, wie lange noch.
Dextra bückte sich, hob ihre Kutte auf und wartete darauf, dass die Pfleger sie von der Bühne führten.

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1 Kommentar

  1. Gaby

    ???

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