Geschichten. Überall und Jederzeit

Der Ort

von Carmen, Lesezeit <5min.

Jeder von uns hat einen Ort. Diesen einen Ort, an dem du wieder Kind sein kannst. Zu dem du gehst, wenn das Leben beschissen ist und du dabei bist, zu vergessen, wer du bist. Wer du sein wolltest. Wer du einmal warst. Für jeden von uns gibt es diesen Ort. In Hollywoodfilmen ist es immer eine Parkbank – meist mit Ausblick – oder das Dach eines Hochhauses – immer mit Ausblick. Und vielleicht ist das der Grund, warum einige ihren Ort bislang übersehen haben, denn ich versichere dir, es ist selten eine Bank oder ein Hochhaus und es ist niemals eine Aussicht.
Wenn ich traurig bin und mich das Gefühl der Einsamkeit erdrückt, gehe ich zu meinem für mich besonderen Ort, der mich in alte Tage zurückführt und mich das unbeschwerte Lachen meine Oma hören lässt.
An solch grauen Tagen betrete ich das große Einkaufszentrum in der Stadt, lasse mich von der Rolltreppe in den dritten Stock in die Küchenwarenabteilung fahren und betrachte die Holzlöffel. Das ist mein Ort. Dort bin ich Kind, mit teigverschmiertem Mund, stolz, dass meine Großmutter mich beim Kuchenbacken helfen lässt.

Oma trug immer ein damals schon altmodisches Hauskleid in hellen Farben – rosa, gelb oder hellblau – und eine mit Rosen bestickte Schürze um den „großen“ Bauch. Und sie roch immer, wirklich immer, nach einer Mischung aus Kölnisch Wasser und Zimt.
Oma konnte am besten Kuchen backen „von allen Menschen auf der ganzen Welt“ – das wusste ich als Kind ganz genau. Georg Ruprecht behauptete zwar immer, seine Oma könne am besten backen, aber er log und weil er nicht aufhören wollte, zu lügen, haben wir uns geprügelt. Danach hat Oma gesagt, jeder mag den Kuchen der eigenen Oma am liebsten, das hat der liebe Gott so gewollt und dass ich mich entschuldigen müsse. Also habe ich mich beim Georg entschuldigt, aber ich habe trotzdem nicht mehr mit ihm gespielt, weil so richtig glauben konnte ich das nicht.
Wenn ich nachmittags keine Schule hatte, zeigte mir Oma, wie man bäckt. Natürlich nicht richtig, denn dafür war ich noch zu klein, aber manchmal, wenn ich brav war, hat sie mir eine kleine Schüssel mit rohem Teig gegeben, den ich mit einem Holzlöffel umrühren durfte. Ich wollte neben ihr rühren und brauchte deswegen einen Hocker, auf den ich mich stellen konnte. Mit ihren warmen, stets lächelnden Augen hat sie aufgepasst, dass ich nicht vom Hocker falle und mir dann über die Schulter geschaut und mir gesagt, wie gut ich das mache. Zwischendurch musste ich ein oder zwei Stückchen Apfel probieren, damit wir sicher waren, dass der Apfel auch gut genug war für Omas Apfelkuchen. Und später, wenn der Kuchen schön warm und dampfend aus dem Ofen kam, musste ich den Zimt darüber streuen. Das war meine Aufgabe. Erst dann war der Kuchen fertig. Und meistens habe ich dann genauso gerochen wie Oma.

Heute meide ich Zimt. Ich habe weder Zimt noch einen Holzlöffel zuhause. Diese Gegenstände sind mir zu wertvoll geworden und ich will ihre Bedeutung nicht abnutzen, indem ich sie zu oft sehe.

An dem einen Nachmittag lief ich nach den Schule so schnell ich konnte zur Oma. Die Schule war früher fertig als sonst, vielleicht war eine Lehrerin krank geworden, und ich hatte mir große Mühe gegeben, brav zu sein. Ich und Oma konnten also früher anfangen mit backen, ich war sehr aufgeregt.
Stolz rührte ich den Teig in der Schüssel. Aber diesmal wollte Oma mir nicht über die Schulter sehen und sie sagte mir auch nicht, wie gut ich das mache. Sie lächelte nicht, nicht einmal mit ihren Augen. Ihre Augen waren halb geschlossen. Sie sei müde, sagte sie, sie setze sich kurz hin. Also lief ich zu ihr, hielt ihr den Holzlöffel hin, und forderte sie auf, mir zu helfen.

Das war heute, vor zwanzig Jahren. Meine Eltern und mein Bruder wissen, dass ich sie nicht zum Friedhof begleiten werde. Das tue ich nie. Ich bin hier, im Einkaufszentrum zwischen den Leuten, die umherschwirren, in ihre Handys hineinschreien und keine Augen für die Welt haben. Dies ist mein Ort, hier bin ich.
Ich sehe die Holzlöffel.
Und auf einmal bin ich Kind. Ich rieche die Mischung aus Zimt und Kölnisch Wasser, fühle ihr warmes Lächeln in meinem Rücken und weiß, dass sie hinter mir steht und aufpasst, dass ich nicht falle.

 

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1 Kommentar

  1. Gaby

    Berührend, ergreifend,
    Gerade in diesen Zeiten in denen wir diese Werte die wirklich zählen fast schon vergessen haben.
    Danke

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