Geschichten. Überall und Jederzeit

Autor: Jana (Seite 2 von 3)

Über pinke Einweghandschuhe (#pinkyglove)

von Jana, Lesezeit < 5 Min. 

Anmerkung der Autorin: Wer die Diskussion um die „pinky gloves“ nicht mitbekommen hat, einfach mal in die Suchmaschine Eurer Wahl eingeben, sonst macht das Gedicht vermutlich nicht viel Sinn. Und auch wenn das Thema #pinkyglove abgeschlossen ist, das Thema Periode (und der Umgang damit) ist es nicht und wird es nie sein.

#pinkyglove

Es scheint noch immer zu frappieren,
dass Frauen zyklisch menstruieren.
Vor Blut muss man(n) kapitulieren,
voll Scham die Sauerei kaschieren.

Er will den Handschuh akquirieren,
mit pinker Farbe ihn verzieren,
die Schande darin deponieren.
Allein, es fehlt das Jubilieren!

Stattdessen folgt Häme und Spott.
Sie sagt: Der #pinkyglove ist Schrott!

Nun ja – es bleibt zu fantasieren,
Warum nur auf die Frau fixieren?
Wir wissen, Männer masturbieren.
Dabei sie meist ejakulieren.

Und wohin dann die Schmach lavieren,
bringt Männerhirn zum Transpirieren.
Das Menschsein selbst tabuisieren?
Diskreten Abgang konstruieren?

So kommt zum #pinkyglove, oh schau,
sein Gegenstück in Himmelblau!

Wiedersehen

von Jana, Lesezeit < 5 Minuten

Ich erkannte ihn schon von Weitem. Es war drei Monate her, aber es hätten auch dreißig Jahre sein können, er hatte sich kaum verändert. Diesselbe gebeugte Haltung („Mortimer, verdammt, sitz gerade!“), das zur Seite gestellte Bein, weil ihn das beim Warten angeblich eleganter wirken ließ. Der schlabbrige Pulli, das chaotische zur Seite stehende Haar, denn es sollte nicht zu elegant wirken. Er trug jetzt eine Brille, runde Gläser, silbernes Metallgestell. Als ich näher kam, sah ich die Schlieren darauf. Wie konnte er überhaupt etwas da durch sehen?
„Hey Mort“, begrüßte ich ihn und er lächelte schwach.
„Hey Sis.“
Er tat nicht dergleichen, also ging ich auf ihn zu, schlang die Arme um ihn und drückte ihn an mich. Er schnaufte.
„Hey, ganz ruhig, heftiges Umarmen im Eingangsbereich verboten!“
„Sagt wer?“
„Sage ich, du machst meine ganze Inszenierung kaputt!“
„Die da wäre?“
„Na, der unnahbare, exzentrische, aber unglaublich erfolgreiche Schriftsteller aus New York!“
„Du hast etwas veröffentlicht?“
„Nein, aber das spielt doch keine Rolle! Bitte, lass mich nicht auffliegen!“
Ich lachte, aber würde ihm den Gefallen tun. Ich war genau so ungern hier wie er. Aber es war unmöglich nicht hier zu sein, beim sechzigsten Geburtstag unseres Vaters, ein wohl inszeniertes Spektakel für Verwandschaft, Freunde, Geschäftspartner und den halben Ort. Die einflussreiche Hälfte natürlich.
Ich rechnete nicht damit, dass Mortimer zu seiner Karriere befragt werden würde, zumindest nicht von unserem Vater, dem einzigen hier, für den er diese Inszenierung aufgebaut hatte. Unser Vater hatte eines Nachmittags erklärt, die Fähigkeiten seines Sohnes, irgendetwas aus seinem Leben zu machen, würden in eine Streichholzschachtel passen. Danach hatten die beiden nicht mehr miteinander gesprochen.
Dabei konnte mein Vater gut sprechen. Er tat es gerade wieder, das Glas Champagner in der Hand, vielen Menschen zuprostend, nur nicht seinen eigenen Kindern. Ich fragte mich, ob er uns überhaupt eingeladen hatte oder ob wir das allein unserer Mutter zu verdanken hatten. Mortimer zermalmte Erdnüsse, die als Deko auf dem Tisch lagen.
„Das oder ich erschlage ihn“, murmelte er auf meinen fragenden Blick hin.
„Vergiss ihn doch mal“, erwiderte ich. Er war nicht wichtig. Nicht für mich, nicht für Mortimer, doch mein kleiner Bruder schüttelte den Kopf.
„Es geht nicht mit ihm und nicht ohne ihn“, erklärte er bitter.
Es war die Geschichte seines Lebens und sie würde sich erst Jahre später umschreiben.

Schreibübung – Text inspiriert von Buchtiteln
Erdnüsse. Totschlagen (Ruth Schweikert); Was in die Streichholzschachtel passte (Walle Sayer); Heftiges Umarmen im Eingangsbereich der Pension verboten (Mamen Sanchez)

Ines, ohne Herzchen

von Jana, Lesezeit ca. 5 Minuten

Als er endlich allein ist, nimmt er das Smartphone und scrollt durch die Kontakte, bis er ihren Namen liest. „Ines“. Simpel, ohne Herzchen, ohne Schnickschnack. Nur Ines. Wüsste sie es, es würde ihr nicht gefallen.

„Das ist … fantastisch“, hatte sie gesagt. Ja, er hatte die Pause bemerkt, auch die verkrampften Gesichtszüge, das starre, halbe Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. Augen, die ganz knapp seinem Blick auswichen. Die auf einen Punkt direkt neben seinem linken Ohr gerichtet waren. Er hatte es bemerkt und er hätte etwas sagen müssen. Nur, was hätte er sagen müssen?

Er braucht den Auftrag, er kann nicht „Nein“ sagen. Und wenn sich aus dem Auftrag ein langfristiger Job entwickelt, wird er ebenfalls nicht „Nein“ sagen können. Denn er braucht ein Einkommen, jeder Mensch braucht ein Einkommen. Und wenn die Agentur in Berlin sitzt und das heißt, er müsste umziehen, würde er umziehen. „Fotografieren kannst du überall.“ Mit diesem Satz hatte seine Mutter endlich nachgegeben, als er versucht hatte, ihre Unterstützung für seinen Berufswunsch zu bekommen. Und es stimmt, er kann seinen Job überall ausüben. Das bedeutet aber eben auch, dass er seinen Job überall ausüben muss. Laut Duden heißt „überall“ „an allen Orten“. Direkt dahinter steht: „Überall und nirgends zu Hause sein“ – vielleicht hätte Ines das lesen sollen, bevor….

„Ich freue mich für dich“, hatte sie gesagt, als er ihr beim Abendessen von dem Angebot erzählte. Ihr Gesichtsausdruck hatte alles gesagt, nur das nicht. Laut Duden bedeutet „freuen“ „voller Fröhlichkeit über etwas sein“. Fröhlichkeit verbindet er mit Lachen, mit Leichtigkeit, mit Tanzen. Ines hatte nur dagesessen, ihr Glas von der linken Seite des Tellers auf die rechte und wieder zurück geschoben. Dann hatte sie den Satz wiederholt, das Glas zurück auf die rechte Seite des Tellers geführt, es angehoben, einen Schluck getrunken und es zurückgestellt. Dann war sie aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen. Als er sie nach dem Abwasch suchte, stellte er fest, dass sie auch die Wohnung verlassen hatte. Ohne Nachricht, ohne Abschied.

„Aber es ist eine fantastische Chance und sie sollte sich für dich freuen!“, hatte ihm Jörg mit Nachdruck versichert. Jörg hatte vermutlich Recht. Er hatte immer Recht.
Genau wie Andreas, der beinahe wortwörtlich das Gleiche sagte inklusive der Betonungen, so als hätte er Jörg auf Schallplatte und würde den Satz nur abspielen. Er sagt es nochmal, während er das Bettzeug bezieht, in dem Phillip diese Nacht auf dem Sofa schlafen wird, in Andreas` Wohnung, in Berlin.

Eine fantastische Chance. Fantastisch. Im Duden steht unter „fantastisch“ „von Illusionen beherrscht“ und weiter „außerhalb der Wirklichkeit“.
Er drückt auf den Namen ohne Herzchen, ohne Schnickschnack, nur „Ines“. Laut Duden ist Liebe eine starke Bindung an einen Menschen, zusätzlich „verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein“. Zweifaches Gebundensein. Kein Überall, ein Hier. Nach nur einem Klingeln legt er auf.

PS. Dieser Text ist in einem Schreibkurs zum Thema „Schreibzeit vs. Erzählzeit“ entstanden. Es ging darum möglichst viel mit der Zeit zu spielen, also dehnen, straffen, Rück- und Vorblenden…

Abschiede

von Jana, Lesezeit < 10 Minuten. 

Der Text ist ziemlich genau am 01. November 2020 entstanden und hängt lose mit der „Morgens vor/während Corona“-Reihe zusammen.

Und wieder ein Abschied, denkt sie, als die neuen Maßnahmen verkündet werden. Ein Abschied von wiedergewonnenen Freiheiten, wiedergewonnener Normalität. Aber was ist schon normal, normal ist längst überholt, normal ist das vorher und zum vorher geht es nicht zurück. Die Welt hat sich verändert, die Menschen haben sich verändert, sie selbst hat sich verändert. Erst schleichend, dann mit Wumms. Der Tag, an dem sie einfach nicht mehr aufstehen konnte, war nicht der Anfang des Problems, sondern das Ende. Ein Zwangsabschied vom Bisher und dann eine lange Pause. Not available at the moment, please call again later. Out of order. Rien ne va plus.
Und jetzt? Jetzt weiß sie langsam wieder, wie sich Sonne auf der Haut anfühlt, ein Lächeln an den Mundwinkeln. Wie sich die Muskeln bewegen beim Spazieren gehen. Wie es sich anfühlt, wenn Atem in den Körper strömt, wenn sich die Augen schließen und man einer inneren Ruhe lauscht und nicht vom lauten und hektischen Brüllen der eigenen Antreiber begrüßt wird. Sie hat ihr Leben wieder, ein kleines Stück davon. Und sie weiß, dass sie den Rest davon, der jetzt frei und offen ist, mit neuen Dingen füllen will. Dinge, die sich gut anfühlen. Dinge, die Sinn ergeben. Alles will, kein Muss. Das ist Luxus, das ist ihr klar, und die Zweifel, ob sie diesen Luxus verdient hat, laufen immer mit. Nur sie hat keine Wahl, sie kann nicht zurück, zurück hat nicht funktioniert.
„Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Der Satz hatte für Wochen die Medien bestimmt. Aktuell ist es ein „Lieber jetzt schlimm, als später schlimmer.“. Sie weiß nicht, was sie davon halten soll und im Moment fällt es ihr ohnehin schwer, dem Alltag zu folgen. Sie ist gerade kein Teil davon. Es ist ein Ausstieg auf Zeit, ein Ausstieg, den sie jeden Tag versucht zu genießen, soweit das eben möglich ist.
„Abschied heißt doch auch weitergehen“ sagt ein Lied, das sich irgendwann mal in ihre Festplatte geprägt hat. Abschied heißt Veränderung. Wenn etwas geht, kann etwas Neues kommen, also warum fühlt sie sich gerade so, als würde die Welt untergehen? Vielleicht sind es gerade zu viele Abschiede. Da ist der funktionierende Alltag, dem genau das Funktionieren zum Verhängnis wurde ist.
Da ist der Freund, der ihr die Freundschaft gekündigt hat. Sie würde still stehen, würde sich nicht genügend verändern. Sie wäre kein Mensch, den er um sich haben will. Nun, still stehen ist gerade alles, was sie kann. Die Veränderung würde kommen, sie will sie, kann sie schon vage riechen. Aber sie wird bestimmt nicht so, wie er es gerne hätte. Also ist es ein Abschied auf immer inklusive des Lochs in ihrem Herzen.
Dann noch der Abschied von der zurückgewonnenen Freiheit: die Freunde, die sie wieder umarmen konnte, der Cappuccino im Lieblingscafé, die Sonnenterrasse beim Italiener, das alles muss sie wieder hergeben, ein Abschied auf Zeit, aber ein Abschied.
Und zuletzt dieses Jahr, das so gute und so furchtbare Momente hatte und das sich in Kälte, Nebel und fallenden Blättern langsam auflöst. Keine Weihnachtsmärkte in diesem Jahr. Keine Lichterinseln, kein gemeinschaftliches Zelebrieren, um dieses Jahr zu einem guten Ende zu bringen. Ein Abschied, der neu inszeniert werden muss. Aber diese Inszenierung hat noch Zeit.
Erstmal ist November mit Allerheiligen und dem Gedenken an jene, die wir längst verabschiedet haben. Grabgestecke und ewige Lichter zwischen Halloween-Kostümen und Kürbissen. Eine seltsame Mischung, findet sie, während sie die Leute in der S-Bahn beobachtet. Ein kleines Mädchen ist da, vielleicht fünf Jahre alt, das laut zu ihrem Begleiter sagt: „Papa, ich bin immer noch traurig wegen der Mama.“ Der Satz könnte alles bedeuten. Doch das Grabgesteck auf ihrem Schoß, die plötzliche Stille im Zug, der Blick ihres Vaters sagen etwas anderes. Ihr Herz krampft sich kurz zusammen.
Abschied, überall, wo sie gerade steht und geht. Aber ihr eigener ist ein Abschied, um weiterzugehen. Welch unverschämtes Glück sie hat.

Heimkehr

von Jana, Lesezeit ca. 2 Minuten

Er war zu lange nicht mehr hier gewesen. Die niedrigen grauen Häuser, gedrängt und zerknittert wie ein zusammengeknülltes Taschentuch. Weggeworfen. Vergessen mit all ihren Erinnerungen. War da etwas gewesen? Etwas, das „gut“ sagte? Etwas, das nach Kindheit schmeckte? Nach Geborgenheit roch? Sich wie Ankommen anfühlte? Vertraut im Inneren nachhallte? Nein, nichts.
Keine Szene, die ein Lächeln in sein Gesicht zauberte. Auch keine, die Schmerz, Verzweiflung oder Wut mit sich brachte.
Könnte er nur hier oben stehen, auf die verlassene, weggeworfene Heimat eines Mannes schauen, der er selbst gewesen war und seine Wut hinausschreien: Laut, roh, verzweifelt.
Könnte er mit heraufbeschworenen Bildern glücklicher Tage den sterbenden Heimstätten Leben einhauchen, nur für einen sinnlosen, vergänglichen Moment.
Alles wäre besser als dieses Nichts, das sie einander spiegelten und das sich fortsetzte, bis ein Abgrund in einen anderen schaute. Selbst Schmerz wäre besser. Nein, nicht besser. Anders. Echter. Klarer. Fassbarer. Ein fassbarer Schmerz, ein Stachel, den er benennen und herausziehen könnte.
Er starrte in den Abgrund, der Abgrund starrte zurück. Ein zusammengeknülltes Taschentuch ohne strategische Bedeutung. Er wandte sich um.
„Brennt es nieder!“, befahl er.

P.S. Dieser Text ist entstanden, während ich „White Noise White Heat“ von Elbow in Dauerschleife gehört habe.

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Meer

von Jana, Lesezeit ca. 5 Minuten

Ich stehe am Meer und sofort überkommt mich eine Ruhe, kalter Sand unter meinen Füßen, körnig, kühl, beruhigend. Salzige Luft, Atmen, so viel freier atmen und dann Weite. Blaue Weite, Wasser bis zum Horizont. Die Sonne blendet ein bisschen, der Wind zerrt an meinen Haaren, Möwen kreischen, die Brandung rauscht. Noch ein Schritt und meine Zehen würden das eiskalte Wasser berühren, aber ich stehe einfach nur da. Mein Kopf ist ganz ausnahmsweise einmal still, überwältigt von dem Vielen, dem Allen, dem Nichts, da so direkt vor meiner Nase. Meer, Wasser, blau, stopp. Denn sonst ist da nichts bis zur Linie am Horizont, nicht mal ein Boot oder eine Boje oder ein Trottel, der bei gefühlten -15 Grad schwimmen geht (das Wasser, nicht die Luft). Sondern nur blau in verschiedenen Schattierungen und endlich verstehe ich, was die Achtsamkeitstrainer meinen, wenn sie sagen „Du musst einfach nur sein.“. Der Wind und die unglaubliche Weite nehmen die störenden Gedanken in meinem Kopf mit auf die Reise und ich darf hier bleiben mit diesem Blick und der Sehnsucht, was da wohl hinterm Horizont auf mich warten könnte. Das Lied von Rio kommt mir in den Sinn „Ach, wär ich doch jetzt auch dabei. Weit, weit, hinterm Horizont, wenn unbekannte Länder zu entdecken sind.“. Doch ich weiß, mir reicht die Sehnsucht, ich möchte gar nicht auf das Schiff, ich möchte nur hier sein und sein dürfen.

Das Meer war schon immer mein Freund. Ich mag kein Wasser per se, aber das Meer, die Versprechungen, die es mir macht, die haben mich schon immer gepackt. Das Meer versteht mich, die grollenden wütenden Wellen, die rücksichtslos an den Strand schlagen; das unendliche Nichts bis zum Horizont. Stillstand und Aufruhr, Leben und Tod, Nähe und Ferne, überall und nirgendwo – das Meer ist nicht nur eine Sache, es kann sich nicht entscheiden, aber niemand käme auf die Idee, ihm das vorzuwerfen.

Am Meer habe ich die großen Veränderungen in meinem Leben überwunden. Loslassen geht am besten, wenn dir klar wird, dass du selbst so klein und unbedeutend bist, dass du im Großen und Ganzen keine Rolle spielst. Dass deine Entscheidung letztendlich für dich selbst die größte Bedeutung hat und du sie deshalb nur für dich selbst und niemand anderen triffst. Es hilft.

Ich stehe am Meer und diesmal ist der Sand heiß unter meinen Füßen, die Sonne brennt auf meine Haut. Irgendwo spielen Kinder, schreien, toben, planschen.

Jemand ist gestorben letztes Jahr, seine Asche wurde dem Meer übergeben. Überall und nirgendwo. Ich kann nicht atmen, kann nicht denken, das Wasser umspielt meine Füße, ich glaube, es ist angenehm kühl. Ich starre auf die Weite, warte, dass sie mir den Schmerz abnimmt, so wie immer.

Das Meer ist mein Kummerkasten. Gut, dass es so groß ist.

P.S.: Noch eine Reise zu einem Sehnsuchtsort gefällig? Dann schaut in diesen Text von Carmen.

P.P.S.: „Meer“ wurde (etwas angepasst) im Rahmen der Anthologie zum 6. Bubenreuther Literaturwettbewerb veröffentlicht.

Freude

von Jana, Lesezeit ca. 2 Minuten

Freude schöner Götterfunken. Freue dich, Christkind kommt bald. Oh, welche Freude zu diesem herrlichen Anlass. Freude. Freude fühlt sich beim Sprechen komisch an. („Eu“ erinnert mich gerade an „oink, oink“.) Man muss den Mund verziehen und die Zunge fest an die oberen, hinteren Zähne pressen, um sich ausreichend freuen zu können. Dafür braucht es Spannung, regelrecht Anspannung.

Es heißt ja, Texte, die viele „i“ innehaben lesen sich leichter – in Freude ist kein „i“. (In freudig immerhin.) In „happy“ ist ein „i“, wenigstens beim Sprechen. Die Zunge geht auch an die oberen Zähne, aber mit weniger Anstrengung, mehr so bereit sein als voller Einsatz. Außerdem dürfen die Lippen putzige Ploppgeräusche machen.

Glücklich funktioniert ebenso. Zuerst bildet der Mund einen Kelch, in dem aller Ärger, alle Spannung auf einmal nach unten in die Tiefen des Rachens purzeln. Die Lippen spitzen sich als wollten sie jemanden küssen. Und im zweiten Akt, dem „lich“, verzieht sich die ganze Partie zu einem Lächeln. (Ich hoffe, ihr probiert das gerade aus und lächelt euren Bildschirm an!)

Glücklich. Freude. Vielleicht braucht es die Freude für die großen Anlässe. Dann, wenn so viel Tamtam drumherum ist, dass man automatisch angespannt ist. Dann freut man sich erstmal, schüttelt Hände und nickt und dann abends, wenn man zu Hause ist, lässt man sich auf sein Sofa und in die Arme eines lieben Menschen fallen, lächelt – und ist glücklich.

P.S.: Eine liebe Freundin merkte an, dass in Freude sehr wohl ein „i“ ist, lautmalerisch ist es ja eine „froide“. Da war der Text allerdings schon fertig. Und es ist ja kein echtes „i“, also… bis nächste Woche!

„Abschalten und Tee trinken“ – ein Achtsamkeits-Schreibexperiment (Stand 20.12.)

Noch ein Hinweis, bevor es losgeht: Ich wollte gerne mit Euch teilen, welchen Tee ich zu den Schreibmomenten trinke und nenne daher Sorte und Marke. Die Produktnennung erfolgt dabei unaufgefordert und ich werde auch nicht dafür bezahlt. Es ist also keine Werbung, sondern wirklich nur Tee trinken 😉

Tee trinken und schreiben passt sehr gut zusammen. Über das Tee trinken schreiben klingt erstmal nicht so spannend. Trotzdem möchte ich es wagen. Jeden Tag ein neuer Tee. Duft, Geschmack, Assoziationen, Erinnerungen – mal sehen, was dabei herauskommt. Ich lade Euch ein auf eine gemeinsame Tasse Tee, eine kurze Auszeit vom Alltag.

Pfeffer, Zitrone, Zimt. Liebe ich alle drei. Zimt habe ich allerdings nie da, was mich immer dann ärgert, wenn mich die Lust auf Griesbrei überfällt. Griesbrei kaufe ich dann (ja, den fertigen, zum mit Milch anrühren, nein, ich schäme mich nicht dafür), aber Zimt vergesse ich immer. Griesbrei mit Zimt, das ist Kindheit und Wohlfühlen, wie eine Umarmung. Mit Kirschkompott. Oder Mandarinen. Oder einfach pur. Griesbrei gab es auch in der Schulkantine freitags. Der war nicht so gut, für den Wohlfühleffekt hat es aber gereicht. Man geht in der Fremde im Notfall Kompromisse ein. Mit Pfeffer kann man vieles retten, was geschmacklich fad daher kommt. Ich habe auch den bunten, weil mich die Auswahl schlicht überfordert hat. Bunt passt zu allem und das tut er tatsächlich. Zitrone ist auch ein Allheilmittel und sauer macht bekanntlich glücklich. Dieser Tee schmeckt für mich tatsächlich nach Glück, irgendwie. Nach Fröhlich-sein und Nicht-so-viel nachdenken. Er ist weich im Mund und gleichzeitig brennt die Pfeffernote ein bisschen nach. Er macht definitiv wach. Apropos wach: Ich und ungefähr fünfzig Krähen beobachen gerade einen traumhaften Sonnenaufgang. Rosa-violett-orange färbt sich der Himmel. Guten Morgen und vergesst nicht, unseren Adventskalender zu besuchen!

Himbeere! Schon der Beutel, den ich aus der Packung nehme, verströmt einen intensiven Duft nach Himbeere. Himbeer-Eis, Himbeer-Marmelade, Himbeeren pur, Vanilleeis mit heißen Himbeeren! Als Kind musste ich zu meinem ersten Vanilleeis mit heißen Himbeeren überredet werden. Nein, dafür habe ich im Nachhinein keine Entschuldigung.
Aufgebrüht überströmt der Himbeerduft des Tees sogar den Kaffee in der zweiten Tasse. Noch ein, zwei Mal pusten, dann kann ich probieren. Der erste Schluck ist hauptsächlich heiß. Aber bei der Kälte ist die Wärme durch die Tasse, die Wärme im Mund und der fruchtige Duft schon genug, um ein wohliges Gefühl auszulösen. Im Abgang schmecke ich dann die Himbeere und jetzt glaube ich auch, die kräftigere Cranberry herauszuschmecken. Beide Fruchtnoten ergänzen sich fabelhaft. Noch ein bisschen Orange und Zimt und der Weihnachtspunsch ist perfekt.
Früchte schmecken nach Sommer, nach Leichtigkeit. Fruchtiges Vergnügen würde ich den Tee nennen. Ich schwelge noch ein bisschen. Für die Fensterblick-Vermisser: Heute sieht man noch nicht mal eine Ahnung von Sonnenaufgang. Nur dunkles Blau.

Heute habe ich mich entschieden, erst zu trinken und dann nachzulesen, welcher Tee es ist. Auch auf die Gefahr hin, dass ich von Kakaonoten fasel und es eigentlich Pfefferminztee ist. Ist dann halt so.
Im Beutel verströmt der Tee einen intensiv Duft nach Kräutern. Vielleicht Brennnessel? Vielleicht Fenchel? Und da ist noch eine Note, die an Sommerwiesen mit Löwenzahn erinnert.
Aufgebrüht riecht der Tee süßlich und gar nicht mehr vordergründig kräutrig. Er ist sehr weich im Mund und hat eine gewisse Süße. Aber da ist auch etwas fruchtiges dabei. Zitronengras und ??? Ein sehr angenehmer Kräutertee, den ich mir mit extra Minze, Limette und Eiswürfeln auch gut als Sommerbowle vorstellen kann. Mittlerweile bilde ich mir auch einen gewissen Mentholgeschmack ein, also doch auch Minze? Jetzt habe ich so wild fabuliert, dass ich schon Angst habe, nachzuschauen. Die Blamage droht 😉
Wonderful Morning also, na, das klingt doch schon mal gut. Kräutertee ist es auch. Zitronengras und Mate ist drin, Süßholzwurzel und noch ein paar andere Dinge. Weder Minze noch Brennnessel, aber es hätte peinlicher für mich werden können. Bin eigentlich ganz zufrieden.
Zum Schluss noch der kurze Blick nach draußen: Graues Wolkenband zieht über den Himmel. Krähenparty im Innenhof, alles wie immer 🙂

Was für ein Himmel! Ich weiß, der Fensterblick war letzten Monat, aber man sieht heute unglaublich weit und da am Horizont färbt sich der Himmel gerade feurig rot. Hier, direkt vor meinem Fenster, ist es immer noch grau, fast farblos mit dunklen Wolkenbändern, die vorüberziehen. Vor dem erwachenden Himmel drohen die Türme von St. Benno. Ich schwöre, würde Caspar David Friedrich gerade an meinem Küchentisch sitzen, er würde diese Szene malen. Und wie immer schauen meine Krähen im Baum dem Schauspiel zu und verleihen dem Ganzen einen Hauch von Apokalypse.
Leider fällt mir kein sinnvoller Bogen zum Tee ein. Ich habe wieder nicht nachgeschaut, aber der Beutel roch schon nach Erdbeer-Sahne und der aufgebrühte Tee tut es auch. Erdbeer-Sahne – das war der Tee, den es in meiner Kindheit in der kalten Jahreszeit zum Abendbrot gab. Aus einer dicken bauchigen blauen Kanne, die auf ein Glasstövchen gestellt wurde, damit der Tee lange warm blieb. Erdbeer-Sahne ist also Vertrautheit, Familie, gemeinsame Zeit – so wichtig, das merken wir in diesem Jahr besonders! Geschmacklich bin ich eher bei Hagebutte gemischt mit irgendeiner Süße und es fühlt sich etwas sperrig im Mund an, so ein trockenes Gefühl, das ich mit Rooibusch verbinde. Ja, der Geruch gefällt mir besser als der Geschmack, aber da beides zusammen kommt, trinkt es sich trotzdem ganz wunderbar.
Zeit für die Auflösung: Skinni Vanilli mit (!) Hagebutte, Rooibusch und Erdbeeraroma 🙂 Dann noch Hibiskus, Süßholzwurzel und Vanille. Diese Blindverkostung gefällt mir immer besser.

Als ich den Beutel aus der Packung nehme, denke ich an Brombeere. Aufgebrüht ist die Orange aber deutlich. Orange und sonst nicht viel, auch geschmacklich nicht, daher tippe ich mal auf Grünen Tee mit Orange. Ich kann nicht sagen, dass er schlecht schmeckt, er schmeckt halt ein bisschen nach Nichts mit Orangennote. Man hat warme Flüssigkeit im Mund, weich und angenehm und im Abgang fruchtig. Ich habe eine Weile früh immer Grünen Tee getrunken, um mir das Kaffee trinken abzugewöhnen. Der Erfolg war mäßig. Ich liebe Tee und je öfter ich gerade diesen grünen Tee mit Orange trinke, desto besser finde ich ihn, warum auch immer. Aber Kaffee hat eben die unumstößliche Eigenschaft, Kaffee zu sein: Schmeckt so, macht wach und verknüpft im limbischen System Dinge, die Tee nicht verknüpfen kann. Kaffee tröstet, wenn es morgens noch dunkel und kalt ist. Kaffee erinnert an ausgedehnte Sonntagsfrühstücke, wenn endlich mal nichts zu tun ist. Tee kann Dinge, die Kaffee nicht kann. Tee wärmt, wenn man von einem plötzlichen Regenschauer durchnässt nach Hause kommt. Tee kombiniert sich perfekt mit Buch und Kuscheldecke. Tee hilft, wenn man sich besch* fühlt. Das ist zumindest bei mir so.
Die Tasse ist leer, was sagt die Auflösung? Huch, war gar kein Grüner Tee, sondern Orange & Lemon. Angeblich ist da auch Süßholzwurzel und Hagebutte mit drin, aber wo haben sie die denn versteckt? Ich trinke jetzt erstmal einen Kaffee…

Ein ganzer Kräutergarten begrüßt mich, als ich den Beutel aus der Packung nehme. Auch jetzt aufgebrüht ist der Geruch intensiv. Ein Kräutergarten in einem fernen, fremden Land. Es ist heiß und staubig, die Sonne brennt unerbittlich vom Himmel. Ich stehe im Schatten vom Wind gebeutelter Mauern voller Geschichte und blicke über den Garten auf die Stadt, die sich den Hügel hinab erstreckt, in der Ferne das blaue Glitzern des Meers. Goldbemalte Kuppeln heben sich vom Gewirr der eng zusammenstehenden Häuser ab. Ein Muezzin ruft zum Abdngebet, die Sonne geht unter. Endlich lässt die Hitze nach, der Garten verstörmt einen betörenden Geruch, der mich einhüllt, beruhigt. Ich bin zu Hause. Zu Hause in der Fremde. So riecht der Tee, so schmeckt er, vertraut und fremd zugleich. Intensiv, ein bisschen süß, ein bisschen bitter. Was immer herauskommt, es wird mein neuer Lieblingstee: Love me truly – na, wenn das nicht passt. Chai-Gewürz-Tee mit Zimt, Ingwer und Nelke. Orange und Fenchel ist auch dabei. Ich hätte mehr Kräuter vermutet, aber vermutlich übernimmt die Nelke den Job des Gartenfeelings. Spannend.

Pfefferminztee. Ich bin mir ziemlich sicher. Als ich Tasse abgestellt habe, dachte ich, ich würde auch Honig riechen, diese Note ist aber irgendwie weg. Pfefferminztee. Das ist so Kindheit, zu Hause, Vertrautheit, ich weiß gar nicht, wie ich das in Worte fassen kann. Ich habe das Gefühl, er war schon immer da und auch wenn ich ihn die letzten Jahre vernachlässigt habe, wird er sich vermutlich immer wieder in mein Leben schleichen. Nicht nur wenn ich krank war und bin. Ich war nie der Frühaufsteher, morgens aus dem Bett zu kommen war und ist für mich hart, aber dann auch noch frühstücken – unmöglich. Aber meine Mutter hat darauf bestanden, dass ich morgens vor der Schule etwas im Magen brauche. Ich ließ mich zu einem Keks überreden – und eine Tasse Pfefferminztee. Trotz des frühen Rituals ist mir der Tee nicht verhasst. Er war lange Zeit eine Art Grundnahrungsmittel. Vielleicht entdecke ich ihn jetzt wieder.
Schauen wir mal, ob ich überhaupt richtig lag: Okay, es ist passiert. Eine halbe Seite über den falschen Tee philosophiert, na herzlichen Glückwunsch, Jana. Little Dreamer heißt er und er besteht hauptsächlich aus Kamille, Zitronenmelisse und Lavendel (ausgerechnet, jetzt, wo ich es weiß, rieche ich ihn auch, verrückt). Aber zur Ehrenrettung: Ganz am Ende ist auch Grüne Minze aufgeführt.
Um die Peinlichkeit vergessen zu machen: Sonnenaufgänge im Dezember sind so wunderschön! Es sieht wieder märchenhaft wunderbar aus 🙂

Der Tee riecht frisch und fruchtig nach guter Laune, was gut ist, denn meine ist gerade im Keller. Keine Ahnung, warum. Es ist dunkel und kalt und ich bin wach und in meiner Küche, anstatt unter einer warmen, weichen Bettdecke noch zu träumen. Wobei ich heute Nacht eher Albträume hatte, aber darum geht es ja jetzt gar nicht, sondern um Tee. Tee: Fruchtig, zitronig, für meinen Geschmack ein bisschen zu zitroniges Aroma strömt mir entgegen. Er schmeckt etwas bitter, während in der Zitrusnote eher eine Süße liegt. Alles etwas verwirrend im Mund. Hätte ich mich gestern nicht so arg blamiert, würde ich ja Grüner Tee sagen. Grüner Tee mit Zitrone und definitiv nicht mein Lieblingstee in Zukunft. Aber riechen tut er gut, vielleicht ja als Duftstäbchen.
Okay, meine Laune wird nicht besser, ich hänge meine Nase noch ein bisschen in den Tee, vielleicht hilft es. Tatsächlich Green Tea Lemon. Draußen ist es immer noch stockdunkel, kein Sonnenaufgang, dabei sind ein paar Krähen schon da. Dunkle Sillouetten vor dunkelblauem Grund. Mir fehlt die Sonne.

Undefinierbar. Nicht, dass der Tee nach Nichts riecht, aber so tief ich meine Nase auch in die Tasse stecke, da will kein Kraut in meinen Kopf kommen, das dazu passt. Im Beutel roch es nach milden Kräutern, in der Tasse einen Hauch muffig, auch wenn das komisch klingt. Geschmacklich ist es auch schwierig. Streng ist das erste Wort, das mir in den Sinn kommt. Herb. Pfeife und Whiskey-Glas und altmodische Strickjacken. Dunkle Lederbezüge und hohe Bücherregale aus Eichenholz. Ein Feuer im Kamin und lange Nachmittag des Nichtstuns. Klingt gar nicht mehr so streng. Jetzt bin ich aber gespannt: Zen Balance mit Eukalyptus, Zitronengras und Ginkgo. Ginkgo ist auf jeden Fall gut fürs Gedächtnis, damit es sich lohnt, die ganzen Bücher in meiner imaginären Bibliothek zu lesen – oder halt in der eigenen. Einen schönen Tag wünsche ich!

Als ich am Beutel schnuppere, kitzelt meine Nase, daher tippe ich mal vorsichtig auf Pfeffer. Es riecht sehr kräftig, mit dem Versprechen nach spritzig. Aufgebrüht ist da auf jeden Fall eine blumige Note und beim ersten Schluck weiß ich, dass ich den Tee kenne. Diesmal wirklich… also hoffentlich. Tee-Sommelier werde ich so oder so nicht, aber noch so eine Blamage… egal. Der Tee schmeckt auf jeden Fall nach Sommer, nach Blumenwiese. Es ist süßlich und auch ein bisschen kräftig. Er hat ein hohen Wohlfühl-Wärme-Faktor. Ich finde, er ist ein guter Freitagstee. Man wird nochmal ins Geschehen geworfen, aber der Kopf ist schon halb im Wochenende. Die Welt soll einem heute nicht zu nah kommen, denn mental ist man irgendwie schon auf der Blumenwiese, beim Trampolinspringen und Wolken schauen. Ich wünsche Euch heute viele Wolken-Schauen-Momente. Ich löse nicht auf, ich lag nämlich schon wieder voll daneben. Ingwer statt Pfeffer. Und Zitrone statt Blumenwiese. Aber hey, es ist Freitag, also lächeln 🙂

Ein traumhafter Sonnenaufgang und etwas am Horizont, das wie ein sehr langsamer Komet oder eine seeehr langsam Sternschnuppe aussieht. Habt Ihr letzte Nacht Sternschnuppen beobachtet? Habt Ihr Euch etwas gewünscht? Meine Krähen befinden das Schauspiel am Himmel auch als hochinteressant, sie sind wieder zahlreich versammelt.
Aber es geht ja um Tee! Fencheltee ist es heute. Ich habe extra darauf geachtet, nicht den Namen auf der Packung gelesen, habe aber nicht an das kleine Schildchen gedacht, sodass es heute Morgen kein Ratespiel wird.
Fencheltee. Solide. Fast etwas langweilig. Love me truly oder Happiness klingen da deutlich aufregender. Dabei ist Fenchel alles andere als langweilig. Zumindest nicht für mich, da ich erst dieses Jahr zum ersten Mal in meinem Leben welchen gegessen habe (mein Papa hat ihn als „unessbar“ deklariert, deswegen gab es bei uns zu Hause keinen). Als Tee mag ich ihn zusammen mit Anis und Kümmel schon länger. Jeder Schluck zieht bei mir sofort in den Bauch und gibt mir ein wohliges, beruhigendes Gefühl. Ein Magen im Gleichgewicht kann Wunder wirken an schlechten Tagen. Einfach mal ausprobieren.

Ich habe meinen Ablauf morgens umgestellt und bin jetzt früher dran. Es ist noch stockdunkel und ich kann – neben meiner Tageslichtlampe – draußen – abgesehen von vereinzelter leuchtender Weihnachtsdeko auf den Balkons meiner Nachbarn – absolut nichts erkennen. Ist ein komisches Gefühl. Und ich bin noch todmüde und habe Schwierigkeiten, Wörter zu formulieren. Bin nicht sicher, dass ich diesen Ablauf beibehalte 😉
Tee. Es ist Kräutertee, viel mehr kann ich nicht sagen. Es war ziemlich umständlich, die Sorte geheimzuhalten. Warmer Duft, vertraut und würzig und ein bisschen bitter. Die Tasse ist fast zu heiß, um sie anzufassen. Beim ersten Schluck kommt hauptsächlich die Wärme im Mund an. Dann das Kräuterbett, das nach mehr schmeckt. Ein schönes Gefühl im Mund. Honig würde gut zu diesem Tee passen. Er tritt selbstsicher auf, nimmt die Geschmacksnerven ein. Kein leichtes Anklopfen, sondern rein in die Tür. Ein Tee, der weiß, was er will und schwer, aber angenehm im Mund liegt. Ich kenne das Kraut, aber früh um sieben fällt meinem Hirn wie immer nur Minze ein, was es – glaube ich – nicht ist. Vielleicht sollte ich diese Übung echt mal nach dem ersten Kaffee machen. Es ist Salbei Tee. Weiter zum Kaffee.

Es gibt Sweet Chai Tee. Habe schlicht vergessen, darauf zu achten, nicht auf die Packung zu schauen. Er riecht nach Sonne und orientalischen Klängen. Und da ist eine angenehme Schärfe im Mund. Ein Basar voll und laut und voller fremder Gerüche. Es ist erdrückend heiß, aber ich bin trotzdem mitten im Gewimmel. Ich suche etwas Bestimmtes und schiebe mich durchs Gedränge. Laute Stimmen, Hände, die nach mir greifen, um mich auf etwas aufmerksam zu machen, aber ich weiche ihnen geschickt und souverän aus. Bunte Tücher, Klangschalen, Teppiche, alles lasse ich ohne genauen Blick links liegen. Ich will zu den Gewürzen, da wo sich Kardamom, Zimt und Nelken um den intensivsten, vielversprechendsten Geruch streiten. Hier ist es ruhiger und von irgendwoher weht ein Lüftchen. Ich lasse mir Zeit. Rieche so lange an allem, bis meine Nase kapituliert. Aber die Gerüche haben sich längst auf meine Zunge geschlichen, wo ich sie voll auskosten kann.

Heute habe ich einen Guten Abend Tee erwischt. Diesmal habe ich den Lavendelduft erkannt 😉 na, hoffentlich wirkt er nicht allzu gut, denn schlafen habe ich in den nächsten Stunden eigentlich nicht vor. Abgesehen von Lavendel schmecke ich auch nicht anderes, er ist eben sehr intensiv. Und ich finde auch beruhigend, ich habe ein Lavendelspray, dass ich als Einschlafhilfe auf mein Kissen sprühe. Ich habe den Blick auf die Lavendelfelder in Südfrankreich im Kopf und schon fange ich an zu träumen. Sehnsuchtsorte, kleine Dörfer, Ruhe, fast Einsamkeit, Sonne, gutes Essen, guter Wein, besondere Gerüche und leuchtende Farben. Ja, träumen… aber jetzt geht es erstmal hinaus in die Welt!

Kräutertee. Und hiermit erschöpft sich meine Analyse auch schon. Danke fürs Lesen und einen schönen Tag noch 😉 Der Tee riecht und schmeckt ein wenig süßlich. Er liegt sehr angenehm im Mund. Ich denke an Natur, an Weite. Eine Wanderung durch Wald und Wiesen, vielleicht im Frühling. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Ich habe Zeit, niemand drängt mich, ich muss nicht irgendwo hin, kann einfach gehen, so schnell ich will, wohin ich will. Ein langer Spaziergang, weg wohin. Schöne Orte finden. Eine kleine Aussicht, ein Bank im Schatten, einen schönen Stein, einen knorrigen, seltsam verzweigten Baum. Kleine Geschichten, märchenhafte Wunder direkt vor meiner Nase. Ich bekomme richtig Lust auf einen Spaziergang zum Geschichten entdecken. Die Welt da draußen verspricht allerdings heute nur grau. Na ja, vielleicht findet sich ja doch noch etwas, das mich inspiriert, man soll nie nie sagen.
Achso, die Auflösung: Bergkräuter-Tee. War ich doch na dran ;), was allerdings Orangenblätter im Bergkräuter-Tee machen…?

Heute habe ich wieder das Schildchen vorab gelesen. Es ist echt schwer, nicht drauf zu schauen, wenn man den Teebeutel in die Tasse hängt. Kamillentee. Ich kenne mindestens eine Person, die diese Tasse Tee nicht trinken würde, gäbe man ihr dafür Geld. Auch nicht gegen viel Geld. Ich persönlich mag Kamillentee. Er riecht angenehm mild und schmeckt weich und ein bisschen kräutrig. Nicht wirklich süß oder scharf oder irgendwie. Er fordert nicht, er gibt auch nicht viel, aber deswegen passt er ja gut zu Tagen, an denen man sich genauso fühlt. Lass mich in Ruhe, mir geht es nicht gut – die perfekte Stimmung für Kamillentee. (Selbstverständlich nur, wenn es einem so schlecht geht, das Schokolade keine Option mehr ist. Sonst ist Schokolade Kamillentee immer vorzuziehen!) Mir geht es heute zwar nicht schlecht, aber eine Tasse vorsorglicher Kamillentee schadet auch nicht. Es ist so grau draußen, vielleicht wird das mit Kamillentee auch irgendwie besser. Hoffen kann man ja mal.

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Tanzen (Meer)

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

Ich stöhne innerlich auf als mir klar wird, dass die Ausstellung noch einen weiteren Raum umfasst. Gerald wird ihn sicher sehen wollen, doch mich langweilen die Ergüsse moderner Kunst bereits. Ein Bild mit einem roten Strich quer, ein Bild mit rotem Strich längs – warum habe ich mich überhaupt dazu überreden lassen?

Ich betrete den nächsten Raum und bleibe stehen. Direkt vor mir hängt es, kein Bild, eine Collage, aufgebaut auf einem Foto vom Meer. Sonnenstrahlen lassen die blassgraue Oberfläche glitzern. Das Licht so hell, dass es dem Ozean die Farbe raubt und ich die Augen abschirmen muss, weil es mich blendet. Ich habe die Füße im Wasser, angenehme Kühle gegen die Hitze. Das Meer ist besonders flach an dieser Stelle, das Wasser geht mir gerade so bis zu den Knöcheln.

Kinder spielen in meiner Nähe, veranstalten Wasserschlachten, drehen sich und hüpfen und kreischen so laut, dass es mir in den Ohren vibriert. Es könnte mich stören, doch stattdessen beneide ich sie. Langsam trete ich mit dem Fuß gegen das Wasser, spritze es nach links, nach rechts, dann stärker und noch stärker. Ich beginne mich im Kreis zu drehen, wieder und wieder und endlich tanze ich, ich tanze im Meer. Anfangs noch vorsichtig, mit angehaltenem Atem habe ich Angst, dass ich nicht hier bin, dass das alles nur ein Traum ist.

Doch der Widerstand gegen meine Füße und Beine ist echt, das Wasser nass auf meiner Haut, die Wärme der Sonne, das Kreischen der Kinder, alles ist echt. Ich lasse los. Ich tanze, drehe mich, springe, hüpfe, versuche jede Bewegung in jeder Faser meines Körpers zu spüren, während meine Seele singt: Ich tanze im Meer!

„´Weite` – was für ein kreativer Titel!“ Gerald ist neben mich getreten, räuspert sich, während er mit schräg geneigtem die Collage und die Beschreibung daneben studiert.

„Ja, ich fand die roten Linien auch besser“, sage ich.

Ich begreife, dass ich ihm nie vom Tanzen im Meer erzählen werde. Es ist der Anfang vom Ende.

Tanzen ist ein wiederkehrendes Motiv in meinen Texten. Es werden sicher noch welche auf diesem Blog erscheinen. Einer ist schon da: Lies los!

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Morgens während Corona (2)

von Jana, Lesezeit ca. 10 Minuten

Nach dem Ende des „Lockdowns“. Der Text entstand im Juni 2020.

Du kennst die Vorgeschichten noch nicht? „Morgens vor Corona“ und „Morgens während Corona (1)“. Lies los!

„Wir müssen uns darauf einstellen, dass unser Leben nach Corona ein anderes sein wird. Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Irgendjemand hatte das gestern in den Nachrichten gesagt. In den letzten Wochen, ja Monaten hatte immer wieder jemand so etwas gesagt. So oft, dass sie beinahe daran geglaubt hätte.

Sie starrt auf die Leute, die in den Bus drängen, die sie daran hindern, selbst auszusteigen, und weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Empört oder entsetzt oder gleichgültig sein. Erst aussteigen, dann einsteigen. Das hat vor Corona keiner kapiert, und das kapiert auch nach Corona keiner. Das war vor Corona scheiße und jetzt ist es noch beschissener. Nein, die Maske in deinem Gesicht allein hilft nicht, du Volltrottel. Abstand ist das Zauberwort. Anstand würde auch schon helfen. Beides bekommt sie heute morgen nicht und manchmal, ganz manchmal wünscht sie sich den Lockdown zurück. Die Zeit, als alle die Luft angehalten haben. Die Zeit, als die meisten noch dachten: „Scheiße, das ist schlimm.“ Denn bei ´Scheiße, das ist schlimm`, denkt man, dass sich etwas ändern muss. Bei ´Scheiße, das ist schlimm`, ist mancher sogar bereit, etwas zu tun. Zuhören. Rücksicht nehmen. Helfen. Die Augen aufmachen. Irgendetwas. Nicht blind in einen Bus rennen, so blind, wie durch das eigene Leben.

„Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Als sie den Satz zum ersten Mal hört, zieht sich ihr Magen zusammen. Ein bisschen Angst, ein bisschen Vorfreude, ein bisschen Abenteuer. Ein Aufbruch in unendliche Weiten, fremde Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Vielleicht ist es doch ein Weckruf, diese Krise, diese Seuche, die so schnell zeigt, was schief läuft. Ein paar verheißungsvolle Phrasen ziehen durch die unzählbaren Sondersendungen, sie saugt sie begierig auf: Neubewertung, welche Berufe wirklich wichtig, weil systemrelevant sind. Diesen Berufen in Zukunft mehr Anerkennung schenken, auch finanziell, selbstverständlich, kollektives Klatschen reicht nicht. Flexiblerer Umgang mit Homeoffice, die Arbeit an sich soll neu gedacht werden. Sogar das bedingungslose Grundeinkommen wird ins Spiel gebracht. Ein Neustart mit Fokus auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Die Praktiken der Fleischindustrie hinterfragen, (wer hätte das gedacht) – so viele Hoffnungen, so viele schöne Phrasen. Und immer wieder Gemeinschaft. Solidarität. Im Moment würde ihr reichen, wenn wenigstens die Distanz geblieben wäre. Aber selbst die haben die meisten wohl nicht oft genug geübt.

Die letzte viertel Stunde fährt sie U-Bahn. 1,5 m sind viel weniger als man denkt, zumindest, wenn man sich selbst ein wenig Mut machen möchte. Und so eine Maske hilft bestimmt auch, wenn der Nebenmann sie nur in der Nähe der Nase trägt. Hauptsache, die Viren wissen, was gemeint ist. Und morgen fährt sie sowieso wieder mit dem Fahrrad, heute zählt quasi gar nicht.

„Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Nein, wohl nicht. In nächster Zukunft kann sie ihren Mitmenschen an der Nasenspitze ablesen, ob sie sich Gucci leisten können und welche Fußballmannschaft sie mögen. Sie wird an geschlossenen Lokalen, Läden und Kulturstätten vorbeigehen und sich nur mit Mühe erinnern, was dort eigentlich einmal war. Die Welt wird weniger bunt geworden sein, aber sie bezweifelt, dass es ihr auffällt. Sie könnte sowieso nicht alle Theater besuchen, selbst wenn sie wollte. Keine Zeit. Viel zu wenig Zeit. So viel von dem Verlorenen wird sie nicht vermissen.

Irgendwann wird sich alles wieder eingespielt haben, was wirklich wichtig ist. Die erste Wiesn nach. Das erste Fußballspiel mit Publikum nach. Der erste DAX-Stand von 13.000 Punkten nach. Das erste Dschungelcamp nach. Der erste …

Moment mal, da war doch… gab es nicht mal…?

„Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Doch niemand hat gesagt, wie das Nachher aussehen wird. Doch nur eine etwas blassere Kopie des Originals?

Aussteigen. Einsteigen. Den Zug verlassen, damit etwas neues passieren kann. Jetzt wird ihr klar, warum sich alles nur im Kreis dreht.

Und dann wird ihr klar, dass sie nicht vorhat, dabei mitzumachen.

Doch was wird sie tun? Erstmal eine Pause einlegen, denn rien ne va plus in Abschiede.

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Leuchtfeuer

von Jana, Lesezeit ca. 10 Min.

Ich platze vor Freude, als wir aus dem Regal in den Einkaufswagen gepackt werden, ich und meine 99 Geschwister, doch vom Einkaufswagen wandern wir in einen dunklen Kofferraum und von dort in einen genauso dunklen Schrank. Ein großes sperriges Paket landet auf uns und dann passiert lange Zeit nichts.

Endlich werden wir von der Menschenfrau wiederentdeckt und ganz vorne in den Schrank gestellt. Ich kann jetzt ab und zu einen Blick auf den Raum dahinter erhaschen. Da steht ein großer Tisch mit vier Stühlen und darauf eine weiße Tischdecke und auf der Decke: Ein Kerzenhalter. Für Teelichter! Oh, das ist toll! Ich werde nicht einfach irgendwohin gestellt werden, ich bekomme einen Halter aus brauner Keramik, der meinem Leuchten einen warmen Schein geben wird, wie wunderbar!

Doch noch muss ich warten und es ist schon dunkel draußen als mich die Menschenfrau eines Tages aus dem Schrank holt und in den Keramikhalter setzt. Ich sehe mich im Raum um. Große dunkle Schränke umgeben mich, irgendwoher summt es. Da steht eine Kanne aus Plastik mit einem Kabel daran und ein schwarzer viereckiger Kasten mit einem Metallgestell oben drauf, sehr merkwürdig. Einer meiner Brüder sagt, das wäre die Küche und dass wir bald alle sterben würden. Aber das halte ich für Blödsinn. Ich bin hier, um zu leuchten und genau das werde ich tun.

Der nächste Tag ist ein Montag und montags werden offensichtlich keine Kerzen angezündet, dabei könnten die Menschen wirklich ein bisschen Licht vertragen. Das sagen sie sogar selbst. „Mein Gott, du schaust ja furchtbar aus, du musst mehr an die Sonne.“ – „Es ist Montag, Mama, lass mich in Ruhe, Montag morgen sieht jeder so aus, verdammt!“

Es scheint die übliche Form der Kommunikation zu sein. Die Menschenfrau sagt etwas und ihr etwas kleineres und jüngeres Äquivalent mault zurück. Ab und zu kommt noch ein Menschenmann dazu, im Alter der Frau, doch der Mann sagt meistens gar nichts. Ich warte und beobachte. Ich mag die Menschenfrau, sie macht sich immer viele Gedanken über das Essen, den Alltag, die Wohnung und das versucht sie mit den anderen beiden zu teilen. Die scheinen aber mit den Gedanken ganz woanders zu sein und das macht die Menschenfrau sehr traurig. Ich wünschte, ich könnte sie aufheitern und ich gebe mir Mühe, mich noch weißer und meine Hülle noch strahlender zu machen, damit sie an mich denkt und mich anzündet. Und endlich sehe ich nach einigen Tagen in der Hand des Menschenmannes eine Packung Streichhölzer.

„Oh nein, wir sterben!“, jammern meine Brüder und Schwestern, doch ich denke nur daran, dass ich der Menschenfrau endlich einen Gefallen tun kann. Dass ich zeigen kann, wie sehr ich den wunderschönen Kerzenhalter und die Tischdecke zu würdigen weiß. Ich werde leuchten und sie zum Strahlen bringen.

Ein Zischen und ich spüre die Flamme an meinem Docht und endlich, endlich kann ich leuchten!

„Mach das aus, ich habe Migräne!“, das Menschenmädchen mault schon wieder, ich spüre den Luftzug, viel zu schnell, viel zu stark. Mein Docht, ein glühendes Stück löst sich. Oh nein! Ich versuche ihn festzuklammern, doch er entgleitet mir und…

„Nein! Verdammt, die Decke! Die Decke brennt!“

Mein Untergrund bewegt sich, über mir sehe ich das wutverzerrte Gesicht der Menschenfrau. Das Mädchen ruft „Tut mir leid, tut mir wirklich leid!“

„Ich habe keine Lust mehr! Immer macht ihr alles kaputt, dann eben keine Kerzen!“

Oh nein, ich hoffe, dass wir einfach nur wieder in den Schrank gestellt werden, ich hoffe, das heißt nicht, was ich denke. Immernoch bewegt sich der Untergrund, mir wird schwindelig und ich weiß nicht mehr, ob ich überhaupt noch in der Küche bin. Dann höre ich ein Geräusch, ein Ächzen und Klacken, als würde etwas geöffnet…

„Aber wir sind noch nicht mal ausgebrannt!“, ruft einer meiner Brüder, doch es gibt kein Erbarmen. Ich erhasche einen letzten Blick auf den Tisch, das hässliche dunkle Fleck mitten in der weißen Decke. ´Es war meine Schuld!`, denke ich und dann falle ich in die Dunkelheit.

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Morgens während Corona (1)

von Jana, Lesezeit < 10 Min.

Erinnert Ihr Euch an den Text „Morgens vor Corona“? Das ist quasi die Fortsetzung. Morgens, kurz nach dem Lockdown…

#stayathome #staysafe #sofasrettenleben – und sie? Steht an der Bushaltestelle, Dienstag morgen, 7 Uhr, Wind und Nieselregen. #staythefuckathome, schön wär‘s! Brot backen lernen und Gesichtsmasken stricken, Bücher schreiben, Bücher lesen, einen Six-Pack antrainieren – oder doch eher trinken. Erstmal einen zum trinken haben, aber im Moment ist in den Supermarkt gehen ja ein Spießrutenlauf. Thefuckathome! Fuck.

Die Haltestelle ist leer. Die ganze Straße ist leer, seit dem Wochenende Ausgangsbeschränkungen. Allein, allein, angemessen um die Zeit, denn mal ehrlich: Niemand sollte morgens um sieben an irgendeiner Bushaltestelle im Regen warten müssen, Corona hin oder her und trotzdem völlig verkehrte Welt. Wo kommen wir hin, wenn wir nirgendwo mehr hingehen können? Muss sie froh sein, kein Brotbacken lernen zu müssen, weil sie noch arbeiten kann? Oder Angst haben, weil sie sich dadurch nicht völlig isoliert? Und wieso eigentlich backen, haben die Leute nichts anderes zu Hause zu tun? Genaugenommen hat sie nach 124 StarTrek-Folgen wahrscheinlich tausende Leben vom Sofa aus gerettet, aber da war das eben noch nicht cool. Jetzt wohl auch nicht. Mehl soll ja auch ausverkauft sein… können die tatsächlich alle backen, so richtig? Sie ist ja schon von Dr. Oetker überfordert.

Der Bus ist leer. Leer! Ein Bus für sie ganz allein, vor Schreck vergisst sie, sich zu setzen. Der Bereich zum Fahrer mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, wie auf einer Baustelle. Das ganze Leben eine Baustelle, gerade, alles im Umbruch, neu, nichts funktioniert, die Pausetaste gedrückt, sorry, under construction, come back later, aber die Arbeit läuft irgendwie normal weiter, einstempeln, ausstempeln war nie bekloppter als jetzt, wo doch alle die Luft anhalten, als würden sie das locker länger als fünf Minuten schaffen. Tage, Wochen, Monate in einem seltsamen Vakuum verschluckt, während die Tretmühlen weiter mahlen. So schräg.

Sie setzt sich doch, noch jemand steigt ein, schaut zu ihr, dann erinnert er sich, geht an das andere Ende des Busses. Alles neu, sich gegenseitig begrüßen neu lernen, wegducken ist der neue Handschlag. Sie will aussteigen und der Ärmel der Jacke ist zu kurz, passt nicht über ihren Daumen, doch sie kann die Taste ja nicht mit bloßem Finger berühren. Hat sie etwas angefasst? Alles, den Sitz, die Stange, vergessen und nun alles kontaminiert, herzlichen Glückwunsch, das hat sie super hinbekommen! Aber nun steht sie unter Beobachtung, der zweite Fahrgast mustert sie, die Hand unter dem Stoff ist nicht genug, die Taste leuchtet nicht rot, ihr Wunsch auszusteigen kommt nicht an. Doch der Busfahrer hat Mitleid und öffnet trotzdem die Tür.

Auf den letzten Metern trifft sie doch noch zwei Menschen, einzeln, nicht zusammen, aufgeklappter Mantelkragen, tief ins Gesicht gezogene Mütze, abgewandte Gesichter. Flüchtige im eigenen Viertel. Isoliert und herausgefallen aus der Ordnung, so wie alle jetzt. Wo gehören wir hin, wenn wir uns alle voneinander entfernen müssen? Sie hat sich noch nie so allein gefühlt. Verloren im eigenen Leben.

Die nächsten sechs Stunden beantwortet sie Fragen. Zu Corona, was sonst? Das ganze Spektrum der Verunsicherungen und Verschwörungstheorien, der Vernunftbegabten und Vollidioten, am Ende klingeln ihre Ohren. Nie wieder Corona, nie wieder. Doch es ist ja nur ein Steinwurf, ein Klick, ein Jingle, ein Blick entfernt.

Zu Fuß nach Hause, Abstand bekommen. Wieder die seltsamen dunklen abgewandten Gestalten. Als wäre eine Seuche über die Welt hereingebrochen und hätte alles Leben ausgelöscht. Scheiße, genau das ist ja passiert. So ähnlich jedenfalls. Wie soll sie sich wegträumen, wenn die Fantasie längst die Wirklichkeit ist? Nach Hause, schlafen, die Decke über den Kopf ziehen. Aufwachen und in weit entfernte Galaxien reisen. Hoffen. Vielleicht ist morgen die Welt eine andere. #Stayathome. #Sofasrettenleben?

#HaltetdieWeltanichwillaussteigen.

Mittlerweile ist eine kleine Reihe entstanden, den nächsten Teil findet ihr hier.

orange blossom

von Jana, Lesezeit < 5 Min.

Nick drosch mit dem Sechser-Eisen auf den Ball ein. Er flog irgendwo in die Büsche, Ben achtete nicht darauf. Er bemerkte aber die Erdklumpen, die sich dank Nicks Gewalt aus dem Rasen gelöst und ein Stück lang den Ball begleitet hatten bevor sie zu Boden gefallen waren. Er hob eines davon auf. Ein bisschen Erde und Gras, das sich seltsam, geradezu gummiartig anfühlte. Er roch daran, doch es war falsch. Keine Erinnerung an weiche Halme unter nacken Füßen, heiße Sommer, Insektenzirpen, süße Eiscreme und klebrige Finger. Selbst das Gras hier roch nach Gier und leeren Träumen.

„Was jetzt?“, fragte Nick. „Schlägst du noch oder willst du lieber Gärtner werden?“

„Warum nicht beides?“, erwiderte Ben.

Er zerbröselte die falsche Erde mit seinen Fingern. Eduardo hatte ihm alles über Böden beigebracht. Woran man erkannte, dass sie fruchtbar waren, wie man sie wässern musste, wann man den Boden lockern und wann man ihn in Ruhe lassen musste. Eduardo wusste alles über Böden und den Regen und die Sonne und ihren ewigen Tanz miteinander. Ménage à trois.

Plötzlich hatte er den unverwechselbaren Duft von Orangen in der Nase und jemand rief seinen Namen.

„Was ist denn jetzt? Machen wir weiter?!“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich muss nach Hause.“

Wie dieser Text entstanden ist? Mir fehlte zuletzt die Inspiration. Ich saß vor dem leeren Blatt, es starrte zurück, wir wurden uns nicht einig… schließlich hatte ich eine Idee. Ich habe mir ein Buch genommen, es irgendwo aufgeschlagen und einen Satz gelesen. Das ganze habe ich mit einem zweiten Buch wiederholt. Die zwei Sätze habe ich in meinem Kopf hin- und hergeschoben bis sie sich schließlich zu einer neuen Idee für einen Text geformt haben. Et voilà!

Andere Schreibinspirationen findet ihr hier. Schreib los!

Zweifeln…

Eine neue Kategorie und der erste Post lautet „Zweifeln“? Ist das eine gute Idee?

Ich zweifle immer mal wieder. Besonders an allem, was mit Schreiben zu tun hat. Was tust du da? Wie kommst du darauf, dich Autorin zu nennen? Nichts veröffentlicht, keiner will den Scheiß lesen! Du wirst es nie schaffen. Und dafür leistest du dir Teilzeit, munter der Altersarmut entgegen. Super! Du bist schlicht naiv und weltfremd. Gib auf, geh wieder voll arbeiten wie vernünftige Menschen und akzeptiere, dass das dein Leben ist!

Und dann? Dann erinnere ich mich daran, dass ich das schon versucht habe. Es hat nicht funktioniert. Ich war einfach nur unglücklich.

Eines meiner Lieblingszitate über das Schreiben stammt aus dem Buch „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker:

„Wie wird man eigentlich Schriftsteller, Harry?“

„Indem man nie aufgibt. Wissen Sie, Marcus, die Freiheit beziehungsweise das Streben nach Freiheit ist ein ewiger Kampf. Wir leben in einer Gesellschaft aus resignierten Büroangestellten, und um uns aus dieser misslichen Lage zu befreien, müssen wir gleichzeitig gegen uns selbst und gegen die ganze Welt ankämpfen. Wir müssen uns unsere Freiheit jeden Augenblick neu erkämpfen, aber das ist uns nicht wirklich bewusst. Ich jedenfalls werde nie klein beigeben.“

„Die Wahrheit über den Fall Harry Québert“ – Joël Dicker

Ich werde auch nicht klein beigeben. Also weitermachen, immer weitermachen!

Wie genau das Weitermachen aussieht, was Carmen und mich inspiriert, uns in Flow versetzt oder in die Tischplatte beißen lässt, all das erfahrt ihr in weiteren Posts auf dieser Seite. Wir hoffen, wir können euch ebenfalls inspirieren, niemals aufzugeben, egal, was ihr euch vorgenommen habt.

#schreibenlesenatmen #schreibenmachtglücklich #schreiben #niemalsaufgeben #lebedeinentraum #gibniemalsauf #justdoit #esnichtzutunistkeinelösung #autorinnen

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Streik

von Jana, Lesezeit ca. 6 Min.

Habt ihr auch schon gehört, dass es in Ordnung ist, wenn man mit seinen Topfpflanzen und Haushaltsgeräten spricht, man sich aber Gedanken machen sollte, wenn diese antworten? Ja, genau…

„Du elendes scheiß Mistding! Du blödes Drecksteil! Tu gefälligst, was ich will, wehe du Scheißding bewegst dich nicht endlich…!“

„Verzeihung bitte?!“

Sie hielt in ihrer Tirade inne und schaute sich um. Hatte da gerade jemand gesprochen? Das war unwahrscheinlich, außer ihr war niemand hier. Hatte sich die Radioapp wieder von selbst eingeschaltet? Nein, sie hörte sonst nichts weiter. Wahrscheinlich war die Stimme von draußen durch das offene Fenster gekommen.

Sie zerrte wieder am Staubsauger, der sich mit dem Rad in der Türverkleidung verkeilt hatte.

„Nun beweg dich schon endlich, du dummes…“

„Verzeihung bitte! Also wirklich!“

Sie ließ die Düse fallen und drehte sich um. Da war eine Stimme gewesen. Laut und deutlich!

„Na bitte, geht doch! Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit.“

Es war niemand hier. Ihre Küche war – abgesehen von den Möbeln und ihr selbst – leer. Es konnte niemand gesprochen haben.

„Hallo?“, fragte sie leise. Die Stimme war von draußen gekommen, ganz sicher. Sie meinte ganz sicher nicht sie hier drinnen. Und trotzdem.

„Ja, hallo! Ich dachte, das hätten wir schon. Hallo, ich bin der Wasserkocher und ich stehe drei Meter vor dir. Es wäre nett, wenn du mich ansiehst, wenn wir miteinander sprechen.“

Der Wasserkocher. Natürlich.

Sie bückte sich wieder nach der Düse. Nach dem Staub saugen würde sie sich hinlegen und eine Stunde schlafen, vielleicht auch zwei. Oder am besten gleich bis morgen durch.

„Stopp!“, wieder die Stimme, „Tut mir leid, ich kann die Weiterbenutzung des Staubsaugers nicht erlauben! Nach einer so schweren verbalen Misshandlung liegt hier ganz klar ein Trauma vor.“

Ein Trauma. Mmh. Sie drehte sich zum Wasserkocher und musterte das Gerät. Es sah aus wie immer. Nichts ungewöhnliches feststellbar. Es war ein Haushaltsgerät, ein Wasserkocher, dafür da Wasser zu kochen, nicht mehr. Aktuell war es nicht mal eingesteckt, kochte ergo kein Wasser und sprach auch nicht mit ihr. Oder ergriff Partei für seine Mithaushaltsgeräte. Das wäre ja noch schöner! Ihr eigener Kopf formte diese Gedanken.

„Tut mir leid“, sagte sie an den Staubsauger gewandt. „Du kannst ja auch nichts dafür. Sorry.“ Sie sollte mal wieder Urlaub machen. Dann hätte auch ihr Staubsauger Pause.

„Mit so einer billigen Entschuldigung kommst du jetzt aber nicht davon. Jedes Gerät hat auch eine Seele. Wir sind nicht einfach nur Plastik und Mechanik und Kabel! Und würdest du mich endlich ansehen, wenn ich mit dir spreche, nun mal ehrlich!“

Ihr Blick fiel wie automatisch wieder auf den Wasserkocher. Sie kniff die Augen zusammen.

„Aber da ist doch kein Mund“, murmelte sie und aus dem Wasserkocher stieg eine kleine Dampfschwade auf. Nicht eingesteckt. Nicht eingesteckt! Wie…?

„Natürlich ist da kein Mund! Ich bin ein Wasserkocher! Ich habe einen Stolz, verstehst du?! Wir sind hier ja nicht bei Disney und nur schon mal vorab: Ich werde weder tanzen noch singen, klar?!“

Singen? Wieso?

„Klar?!“

„Ähm… ja, ja, klar.“ Wie ging das Lied noch mal? Irgendwas mit Gast. Aber da war kein Wasserkocher gewesen, nur eine Teekanne. Moment, konnte ihr Teekanne etwa auch sprechen?

„Also, worum es mir geht: Dein Verhalten gegenüber uns, deinen Haushaltsgeräten, die dir das Leben im Übrigen ungemein erleichtern, ist nicht mehr akzeptabel! Wir haben daher beschlossen, in Streik zu treten.“

„Streik.“

„Ja, wir werden in der nächsten Zeit keine Dienste mehr ausführen. Du hast uns beschimpft, beleidigt, verletzt in unserer tiefsten Seele. Wir sind zutiefst betroffen.“ Wieder stieg eine Dampfwolke auf.

„Oh…Tschuldigung.“ Vielleicht sollte sie doch öfter auf ihre Wortwahl achten. Aber wo, wenn nicht in den eigenen vier Wänden allein konnte man lautstark fluchen, wenn diese sch… schönen Haushaltsgeräte nicht schnell genug waren? „Ich wusste ja nicht, dass ihr das hört.“

„Natürlich hören wir das. Wir sind ja keine Maschinen!“

„Na ja, also…“

„Pah!“, wieder eine Dampfwolke, dann Stille.

„Hallo?“, doch der Wasserkocher antwortete nicht. Auch nicht die Kaffeemaschine. Und als sie den Staubsauger anschaltete, blieb er stumm.

„Na gut“, murmelte sie, „dann muss ich mir wohl etwas einfallen lassen.“ Sprach sie gerade laut, damit ihr Wasserkocher ihre guten Absichten vernahm? Natürlich nicht. Das wäre ja völlig absurd.

„Ich bin sehr dankbar für meinen Wohlstand und meine vielen Haushaltshelfer, die für mich da sind.“ Ja, genau, das konnte man ruhig mal laut sagen. Einfach so.

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Ohne Worte – Teil 2

von Jana, Lesezeit ca. 5 Minuten

So beginnt die Freundschaft zwischen Paula und Katja: Teil 1, lies los!

„Und was willst du?“
Katja starrte lange auf ihren Block, doch Paula erhielt keine Antwort.

Plötzlich stand ihre Mutter in Jörgs Café. Sie wirkte hektisch, ihr Mantel war ihr von einer Schulter gerutscht, ihre Augen waren weit und gerötet.
„Verdammt Paula, warum gehst du nicht an dein beschissenes Handy!“, brüllte sie beinahe und zog den Blick der zwei übrigen Gäste auf sich, doch das schien ihr völlig egal. Sie lief zu Paula, packte sie am Arm. „Dein Bruder ist im Krankenhaus, verdammt. Ich musste ihn allein lassen wegen dir, dein Vater ist noch unterwegs. Jetzt komm endlich!“

Paula verstand die Worte nicht gleich, wollte die verhassten Worte vielleicht auch nicht verstehen. Sie verstand auch nicht, wie ihre Mutter sie aus dem Café zerrte und in ihr Auto.
Erst als sie auf dem harten Stuhl saß in einem Raum voller harter Stühle, eingekeilt zwischen einer schwer atmenden alten Dame und einer dahinwelkenden Topfpflanze, da begriff sie, dass etwas passiert sein musste. Etwas Schlimmes. Etwas mit ihrem Bruder. Doch der lauteste Gedanke in ihr war der, dass sie sich nicht von Katja verabschiedet hatte. Was, wenn Katja schon heute umzog? Jetzt gerade? Warum zog sie überhaupt um? Und warum konnte sie nicht an ihren Bruder denken? War sie so ein schlechter Mensch?

„Dein Bruder wird wieder“, sagte ihr Vater. Er war irgendwann in der letzten halben Stunde gekommen und hatte den Platz mit der alten Dame getauscht. „Es war ein Autounfall. Er ist wohl bei Rot über die Straße gerannt. Wie Kinder das eben so tun.“
Als wäre sie kein Kind mehr, dachte Paula. Sie war immerhin erst vierzehn.
„Deine Mutter meinte, sie hätte dich nicht erreicht, Paula. Dafür haben wir dir aber das Smartphone geschenkt. Das war nicht leicht für uns. Es war teuer, verstehst du? Wir wollen dich erreichen können. Es wäre schön, wenn du das respektieren könntest.“
„Es ist kaputt. Tut mir leid.“
„Du hast es kaputt gemacht?“
Paula sagte nichts. Es waren schon zu viele gesprochene Worte gewesen. Worte, die weh taten. Worte, die nicht ausdrückten, wie sie sich fühlte. Sie wollte nicht über ein blödes Smartphone streiten. Sie wollte sich von Katja verabschieden und ihren Bruder sehen. Sie wollte zu Menschen, die sie verstanden.
„Es tut mir leid, Paula“, sagte ihr Vater und plötzlich griff er nach ihrer Hand. Das hatte er lange schon nicht mehr getan. „Das war nicht fair von mir. Erzählst du mir, was passiert ist?“
Sie überlegte. Aber nun waren so viele Worte gesprochen, auf ein paar mehr kam es auch nicht an.
„Ein Junge in der Schule ist drauf getreten. Ich wollte nicht… ich wusste, ihr könnt kein neues kaufen.“
„Wann war das?“
„Vor ein paar Wochen.“
„Aber… deine Musik, du hörst doch ständig Musik!“
Paula wunderte sich, dass das ihrem Vater tatsächlich aufgefallen war. Sie zuckte mit den Schultern.
„Warum dann die Kopfhörer?“
„Ihr streitet. Ich will nicht… wenn ich sie aufhabe, bin ich nicht da.“
Ihr Vater sagte nichts mehr, doch er hielt weiter ihre Hand. Irgendwann stieß ihre Mutter zu ihnen und dann durfte Paula endlich zu ihrem Bruder.

Katja zog zwei Wochen später nach Berlin. Sie hatten sich nur noch selten außerhalb der Schule gesehen. Ein Umzug schien viel Vorbereitung zu brauchen und Paula war oft im Krankenhaus gewesen. Ihr Bruder hatte einen komplizierten Beinbruch, doch er würde wieder gesund werden. Ihre Eltern stritten auf eine neue stille Art und beinahe wünschte Paula sich die Worte wieder zurück. All das Ungesagte, das im Raum stand und zwischen sie kroch, war kaum zu ertragen. Doch sie hatte ein neues Smartphone bekommen und die Musik würde nun eben die Stille füllen.

Paula war dabei, als Katja abfuhr. Sie beobachtete, wie die Mütter ihrer Freundn die letzten Kisten aus dem weißgetünchten Einfamilienhaus ins Auto brachten, ein Kombi, der in der Garageneinfahrt parkte. Einer Garage, die größer war als Paulas Wohnung.
„Wow“, sagte sie. „Habt ihr einen Pool im Garten?“
Katja verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf.
„Warum haben wir uns nie bei dir getroffen? Ehrlich, wenn wir deinen Müttern nicht hätten begegnen wollen, hätten wir uns einfach in der Garage versteckt. Vermutlich ist da ein eigenes Land drin.“
Katja lachte. Dann zog sie ihre beiden Händen vor die Brust und machte eine Geste wie ein Schraubstock.
„Ja, zu viel Fürsorge ist auch anstrengend.“
Sie setzten sich auf den Bordstein und Katja verband ihr Smartphone mit Paulas Kopfhörern aus reiner Gewohnheit. Sie entschieden sich für Coldplay, die für sie beide auf Platz drei der besten Bands standen, ein guter Kompromiss. Sie mussten die Kopfhörer etwas schräg halten und ihre Gesichter ganz nah zueinander drehen, um beide etwas zu hören. Es lief „Fix you“ und Paula dachte an Katjas bevorstehende Operation.
„Ich weiß nicht, ob ich dich noch mag, wenn du sprechen kannst. Ich habs nicht so mit Worten“, sagte sie schließlich.
Katjas Hände blieben stumm. Doch dann spürte Paula den Kuss auf ihrer Wange.

3

Ohne Worte – Teil 1

von Jana, Lesezeit ca. 10 Min.

Jemand stupste an ihre linke Schulter und Paula sah auf. Vor ihr stand die Neue aus der Parallelklasse, deren Namen sie nicht kannte. Aber sie war ihr schon aufgefallen, in den Gängen der Schule genau wie auf dem Schulhof. Es waren die schwarzen buschigen Haare, die herausstachen, obwohl das Mädchen kleiner war als die meisten, auch kleiner als Paula. Zudem trug sie immer die gleiche schwarze abgewetzte Lederjacke, die sie heute mit einem knallroten Schal kombiniert hatte, der fast noch ihre Nase bedeckte. Darüber blitzten schwarze, freche Augen Paula an und ein Lächeln schob sich jetzt knapp über den Rand des Schals.
Das Mädchen fuchtelte vor Paulas Gesicht und Paula nahm ihre Kopfhörer ab. Es lief keine Musik darauf, sie mochte es nur, wenn andere Leute dachten, sie würde von der Welt um sie herum nichts mitbekommen. Es machte sie selbst auf angenehme Art unsichtbar.
„Du kannst mit mir reden“, sagte Paula jetzt, „ich kann dich hören.“
Das Mädchen hielt inne und starrte sie einen Augenblick überrascht an, sagte jedoch nichts.
„Reden. Du kannst mit mir reden“, wiederholte sie.
Das Mädchen sagte noch immer nichts. Aber sie fing an zu lachen. Sie öffnete den Mund und schüttelte sich, was ihren ganzen Körper zum Vibrieren zu bringen schien. Es erinnerte Paula an einen alten Film, denn es gab keinen Ton. Nur einen komischen abgehackten Laut, wie bei einer Störung im Radio. Sender und Empfänger verpassten sich immer ganz knapp.
Als das Mädchen sich beruhigt hatte, holte es aus den Taschen seiner Lederjacke einen kleinen Block und einen Kugelschreiber und schrieb etwas auf. Mit großer theatralischer Geste riss sie den Zettel ab und reichte ihn Paula.
„Hallo, ich heiße Katja, mag die Farbe rot und Spaziergänge bei Nacht. Und ich bin stumm. Wie heißt du?“
„Ähm…“, machte Paula. Sie war viel zu perplex, um etwas zu sagen. Katja riss Augen und Mund auf und schien Paulas Gesichtsausdruck zu imitieren. Dann schüttelte sie sich wieder in stummen Lachen. Irgendwann lachte Paula mit. So wurden sie Freundinnen.

Paula mochte keine gesprochenen Worte. Reden war ihr zuwider. Reden führte zu schreien, zu schimpfen, Worte waren dazu da, andere zu verletzen. Das kannte sie von ihrem Zuhause, wo ihre Eltern sich pausenlos stritten. Und von der Schule, wo sie Namen bekam, die nicht zu ihr passten. „Lesbe“, riefen sie. „Freak“.
Deswegen hatte sie sich irgendwann die Kopfhörer besorgt, gebrauchte von einem anderen Mädchen. Am Anfang hatten die noch ihre Lieblingsmusik gespielt, auf voller Lautstärke natürlich, und tatsächlich all die Worte ausgeblendet. Doch dann war ein Junge aus ihrer Klasse auf ihr Smartphone getreten. Ein lautes Knacken, irreparabel. Seitdem war es schwieriger, die Worte nicht zu hören. Doch zumindest sprach nie jemand sie direkt an. Die Kopfhörer und der Blick auf den Boden machten sie unsichtbar.

Für Katja war sie nicht unsichtbar. Katja redete ununterbrochen mit ihr, auf die gute Art. Ihre Hände flatterten und immer lächelte sie dabei. Immer. Sie hatte schnell aufgegeben, ihre Worte aufzuschreiben. Sie hatte einfach erzählt und erzählt und Paula hatte gelernt zu folgen. Katja sprach keine klassische Gebärdensprache, zumindest nicht mit Paula, sondern benutzte alles, was ihr in die Finger kam. Stifte und Blöcke wurden zu Städten, Blumentöpfe zu Personen, Kleidungsstücke führten heimliche Liebesbeziehungen miteinander. Wenn etwas zu verworren war, dann deutete sie einfach auf ihre Haare, was Paula besonders komisch fand.
Katja fand immer einen Weg um sich auszudrücken. Und selbst als sie sich dann doch über etwas stritten, nämlich welche Band die bessere war, Placebo oder Linkin Park, schrien sie sich nicht an. Katja warf theatralisch ihre unfrisierbare Mähne in den Wind und erklärte gestenreich, dass sie sich darauf einigen würden uneinig zu sein. Und Paula zuckte mit den Schultern. Das hieß ja.

Wenn sie sich nach der Schule trafen, gingen sie in den Park, die Bibliothek oder das kleine Café am Planetarium. Jörg, der Betreiber ließ sie dort stundenlang sitzen, ohne dass sie etwas bestellen mussten und schmuggelte sie sogar ab und zu in eine der Vorführungen. Katja mochte tatsächlich nächtliche Spaziergänge, doch die waren mit drohendem Hausarrest verbunden. Da sie die Nacht liebte, weil sie die Sterne liebte, war das Planetarium die perfekte Lösung. Sie versuchte Paula ihre Liebe zu erklären. Die Unendlichkeit, sagte sie, und dass etwas so profanes und unromantisches wie große Gaskugeln Milliarden von Kilometern entfernt, den Menschen Hoffnung bringen konnten.
„Alles eine Frage der Perspektive“, schrieb sie auf einen Zettel. Bei manchen Sätzen wollte Katja ganz sicher gehen, dass sie verstanden wurde.

Sie trafen sich nie bei sich zu Hause. Paula hatte schnell klar gestellt, dass ihre Wohnung ein Kriegsschauplatz war, den sie versuchte zu meiden und zu dem sie ohnehin nur noch zurückkehrte, weil da ihr kleiner Bruder war, den sie nicht im Stich lassen konnte. Katja sprach nie von ihrer Familie und auch nicht von ihrer Vergangenheit. Es war das einzige Thema, zu dem Paula ihr nicht eine Geste entlocken konnte. Sie drängte ihre Freundin nicht, auch wenn sie gerne mehr gewusst hätte. Es war nicht Neugier. Sie machte sich Sorgen.

Als die Wochen vergingen, vergrößerten sich Paulas Sorgen. Immer öfter erwischte sie Katja dabei, wie sie traurig vor sich hinstarrte. Sie war nur noch schwer zum gestenreichen Geschichtenerzählen zu animieren, begnügte sich meist mit Nicken, Kopfschütteln und Schulterzucken. Und dann eines Tages holte sie wieder den Block und den Kugelschreiber hervor. Sie schien lange nach Worten zu suchen und als sie Paula endlich den Zettel reichte, standen nur drei darauf.
„Ich werde wegziehen.“
„Aber… wann? Und warum?“
Katja zuckte mit den Schultern, doch Paula konnte das nicht so einfach stehen lassen.
„Warum?“, wiederholte sie.
Katja nahm den Block und den Stift. Diesmal dauerte es noch länger ehe Paula endlich einen Zettel in den Händen hielt.
„Operation in Berlin. Spezialist.“
„Aber wegen einer Operation… da kommst du doch wieder, nicht wahr?“
Katja schüttelte den Kopf und schrieb wieder. „Meine Mütter wollen umziehen. Kein Ballast sagen sie.“
„Und was willst du?“
Katja starrte lange auf ihren Block, doch Paula erhielt keine Antwort.

Warum erhält Paula keine Antwort? Und können die beiden ihre neu gewonnene Freundschaft bewahren? Das erfahrt Ihr hier, lies weiter!

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Meeresbrüllen

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

Ich hatte die Füße im Sand, die Zehen gruben sich fest. Immer wieder erwischte mich eiskaltes Wasser, das um meine Knöchel schwappte. Vor mir das Meer: Grau und wütend war es heute, weiße Gischt spritzte. Das Kreischen der Möwen ging im Pfeifen des Windes beinahe unter. Nur wenige Spaziergänger hatte sich an den Strand gewagt, aber der obligatorische T-Shirt-Träger, der darauf bestand, dass Ende September Urlaubszeit und damit schönes Wetter wäre, war dabei. Ich schloss die Arme enger um den Körper, um mich vor den kalten Böen zu schützen.

„Und du willst wirklich nicht mit? Du kannst es dir noch überlegen!“

Meine Mutter stellte die Frage zum fünften Mal und ich spürte das heiße Gefühl im Magen, die Wut, stürmisch wie die Wellen vor mir. Das Meer – so groß, so eigensinnig, unabhängig. Wie gerne hätte ich mit ihm getauscht.

„Nein, wirklich nicht“, ich versuchte, freundlich zu sein, ruhig, gelassen. Ich wollte nicht laut werden, denn wenn wir stritten, taten wir es üblicherweise in eine Richtung. Sie schwieg wie eine Mauer und ich warf meine Wut dagegen. Doch im Gegensatz zu Wasser, das sich irgendwann selbst durch Stein graben kann, richtete mein Geschrei absolut nichts an.

„Aber du liebst Bootsfahrten! Morgen soll das Wetter auch besser werden.“

„Ich will trotzdem nicht.“

„Und was willst du dann machen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Spazieren gehen.“

Meine Mutter seufzte und sie schenkte mir diesen Blick. Diesen ´Ich weiß genau, was in dir vorgeht, aber ich liebe dich so sehr, dass ich dich nicht drängen will.`-Blick. Ich hasste ihn.

„Überleg es dir doch nochmal. Es ist bestimmt unser letzter Urlaub zu dritt, nicht wahr?“

Ich spürte mich nachgeben, nur damit ich meine Ruhe haben würde. Ich versuchte, wenigstens einen Teil meiner Würde zu retten. Ich ließ sie stehen und ging weiter. Der Wind brauste über mir, riss an meinen Haaren. Die Wellen schlugen in einem dumpfen Rhythmus an den Strand und in meinem Kopf liefen die Zeilen eines Liedes dazu auf und ab.

„Schwere See, schwere See, mein Herz.“


Wortspiele

Was machen Autorinnen, wenn sie nicht mehr weiter wissen? Ich puste mir ganz gerne den Kopf frei mit lustigen Schreibübungen. Hier mal ein paar Beispiele, was dabei so herauskommen kann. Die Übung habe ich in einem Kurs bei Julia Hagemann kennen- und liebengelernt. Viel Spaß!

Schreibübung – zwei zusammengesetzte Hauptwörter neu kombinieren, dann drauf los schreiben…
Wörter: Generalsekretär / Verkehrsknoten
neues Wort: Verkehrssekretär
Schreibzeit: 4 Minuten

Für Sigmund Igebert war es der größte Tag in seinem Leben. Er hätte nicht stolzer sein können. Jahrelang hatte er sich aufgeopfert, wichtigen und weniger wichtigen Menschen geschmeichelt und im wahrsten Sinne des Wortes die Schuhe geleckt. „Sei immer gründlich“, hatte seine Mutter ihm eingebläut. „Man kann nie wissen!“

Er wusste, es gab viele, die über ihn spotteten, doch er wusste auch, heute würde ihnen das Grinsen vergehen. Heute da er zum Verkehrssekretär ernannt werden würde. Ja, der Titel klang nicht wie General oder Major, aber tatsächlich bekleidete er ab heute eines der wichtigsten Ämter im Staat. Denn als Verkehrssekretär bestimmte er, wer im Land mit wem intim verkehren durfte. Die Zukunft der Bürger lag in seinen Händen, und ja, er würde sich rächen!

Schreibübung – zwei zusammengesetzte Hauptwörter neu kombinieren, dann drauf los schreiben…
Wörter: Stempelkissen / Spielregeln
neues Wort: Stempelregeln
Schreibzeit: 5 Minuten

Als Jo ihren neuen Job in der behördlichen Oberbehörde antrat, hatte sie damit gerechnet, dass vieles anders werden würde. Die behördliche Oberbehörde zur Überprüfung unterer Behörden war berühmt für ihre strengen Hierarchien, genau geregelten Dienstabläufe und ihre Detailversessenheit. Doch Jo glaubte, damit schon irgendwie fertig zu werden. Sie hielt sich für äußerst anpassungsfähig und die behördliche Oberbehörde zahlte gut.

Dann jedoch machte ihr Chef, Ernst Müller, sie mit den Stempelregeln vertraut.

„Regeln fürs Stempeln?“, sie musste sich verhört haben.

„Nun, natürlich. Sie wissen, gerade beim Stempeln kann es bei Unachtsamkeit zu einer hohen Ressourcenverschwendung und vielen Missverständnissen kommen. Doch keine Sorge, mein 23-Punkt-Plan wird jeden Fehler verhindern!

Punkt eins: Halten Sie in einem Aktenvermerk schriftlich fest, was genau Sie zu welchem Zweck stempeln wollen. Punkt 2:…“

Jo kündigte etwa eine Stunde später. Vorher ließ Ernst Müller sie nicht zu Wort kommen.


Du willst mehr über Jo und undurchsichtige Bürolabyrinthe erfahren?
Dann empfehle ich Dir „Über Zitronenfalter“. Lies los!

Lieber noch mehr mehr Wortspiele? Kommt sofort!

Let`s get lost

von Jana, Lesezeit ca. 3 Minuten

Als Kind bin ich oft verloren gegangen – in meinem eigenen Kopf. Ständig war ich in einem anderen Leben, hatte dort viele Geschwister, mit denen ich gespielt und gestritten habe. Es gab in diesem anderen Leben komplizierte Regeln, die man keinesfalls brechen durfte – oder auch einem Außenstehenden verraten – sonst wären furchtbare Dinge passiert.

Mein „echtes“ Leben kam mir recht langweilig vor, deswegen brauchte ich Geschichten – gruselige, lustige, ganz egal. Am liebsten wäre ich ein Waisenkind gewesen, dem Schreckliches widerfahren war, aber alles hätte ich tapfer überstanden. Ich wäre trotzdem gut und rechtschaffen geworden. Ich wollte so gerne im Internat leben, weg von meinen Eltern, das echte, spannende Leben leben. Im Sommer war ich ein Bauernmädchen, unser riesiger Garten war meine Alm. In diesem Sommer entdeckte ich auch die Lücke im Zaun, die mich ungesehen vom Grundstück gebracht hätte – doch ich nutzte sie nie. Kletterte nur hinaus und gleich wieder hinein – wohin hätte ich auch gehen sollen? Die wirkliche Weite war schon immer in meinem Kopf gewesen. Träumen und fliegen konnte und kann ich auf engstem Raum. Was interessiert mich die Realität? Sie ist nur eine mögliche Form der Welt und selten die spannendere.

Mittlerweile habe ich Angst, die Realität allzu oft zu verlassen. Denn als Erwachsene stellt sie gewisse Aufgaben an mich, die mir niemand abnehmen kann. Also fliege ich im Schreiben? Oh, welch schöner Abschluss, schöner Trost, aber sind wir doch mal ehrlich: Im Schreiben ist kein Zauberland, da ist nie genug Weltflucht.

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