Geschichten. Überall und Jederzeit

Autor: Carmen (Seite 2 von 2)

Schmetterling und Reißzwecke

von Carmen

Da war er nun. Eine Unmöglichkeit. Sie war überzeugt gewesen, dass die Zeiten vorbei seien. Dass sie Gefühle überwunden hätte. Gefühle waren für Menschen, die damit umgehen konnten. Nicht für sie.

Da war er nun. So anders. So außerhalb ihrer Welt. So unerreichbar. So eine wahnsinnig präsente Reißzwecke, die in jedem ihrer Gedanken steckte. Bei der Einkaufsliste, beim Gespräch mit anderen, beim Einschlafen, beim Sport – sie sah sein Gesicht, seine Augen, seine Schuhe. Warum ausgerechnet seine Schuhe?
Sie, die harmlose, die naive, die unsichere. Sie hatte nie Reserven aufgebaut, auf die sie hätte zurückgreifen können. Und doch beschloss sie, ihre Comfort-Zone zu verlassen und ihre Fühler nach ihm auszustrecken. Wie ein zerbrechlicher Schmetterling war sie ab nun dem Wetter ausgesetzt. Ein bisschen falsches Timing, eine kleine, falsche Bewegung, ein sanfter Windstoß und sie würde davongetragen. Doch daran dachte die Naive nicht, nur an ihre Reißzwecke, ausschließlich an ihre Reißzwecke. Flatternd, taumelnd, tollpatschig kämpfte sie sich in seine Nähe.
Erschöpft, ohne Schutz, zart stand sie schlussendlich vor ihm.
Er sah sie an. Und sah sie nicht.
Und ein leiser Windhauch wehte.

1

Explosion über den Wolken

von Carmen

Ob das da draußen die Freiheit bedeutet? Dieses endlose Blau, wohin das Auge blickt. Er spürte diesen Drang in sich, sich einfach fallen zu lassen, diese Freiheit zu spüren, den Wind, die Kälte, die Einsamkeit. Nichts und niemanden, soweit das Auge reicht. Genau so stellte er sich wahre Freiheit vor.

Gedankenverloren blickte er zum kleinen, ovalen Bullauge hinaus, als ihm jemand auf die Schulter tippte. Neben ihm saß eine junge Frau, ungefähr in seinem Alter und blickte ihn fragend an.

„Was?“ Unwillig löste er seinen Blick vom Fenster.
Sie deutete lächelnd auf die Ohren und ihm fiel auf, dass er immer noch seine Ohrstöpsel trug, obwohl schon längst keine Musik mehr lief. Er zog den linken aus dem Ohr:
„Ja?“
„Ob. Du. Auch. Zur. Oldtimermesse. Unterwegs. Bist?“, fragte sie, dabei jedes Wort einzeln betonend, um sich gegen den Motorenlärm durchzusetzen.
Er schaute sie verwirrt an.
„Ich heiße übrigens Marie.“ Strahlend hielt sie ihm ihre rechte Hand entgegen, was aufgrund der engen Sitzreihe eine doch umständliche Bewegung war. Dabei streifte ihre Hand wie zufällig seinen Oberschenkel.
„Alex“, brummte er. Kurz ergriff er ihre Hand. Sehnsüchtig suchte sein Blick wieder das Fenster.
„Und?“
Alex wandte sich wieder Marie zu: „Wie bitte?“
„Die Oldtimer-Messe in Cork. Ob du auch dahin fliegst. Vielleicht hast du Lust, zusammen hinzugehen?“ Langsam strich sich Marie eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr, während sie Alex nicht aus den Augen ließ.
Alex rutschte auf seinem Sitz hin und her und versuchte, etwas mehr Distanz zwischen sich und seine Sitznachbarin zu bringen.
„Äh…nein, ich kenne keine Oldtimer…Dingens.“
„Messe“, korrigierte sie, „ich könnte sie dir zeigen. Morgen hätte ich Zeit.“ Sie schaute ihn immer noch unverwandt an.
Alex gab den Versuch auf, sich in dieser Enge von ihr wegzubewegen. Am Rücken spürte er die Wand mit dem Bullauge, während sein linkes Knie jetzt irgendwie gegen Maries Knie berührte.
„Morgen hab‘ ich was vor.“ Alex zog sein Bein weiter Richtung Wand.
„Macht nichts, die Messe ist sowieso die ganze Woche und mittwochs ist eh der BESTE Tag. Die ALLER-besten Shows, Feuerwerk, sogar ein Rennen der neuesten Elektro-Autos. Glaub mir, ich bin jedes Jahr da. Das wird super, ich zeige dir dann auch diesen einen Stand mit diesem GENIALEN indischen Curry. Das musst du einfach probieren. Das Lamm zergeht dir auf der Zunge.“ Dabei fuhr sich Marie wie in Zeitlupe mit der Zunge über ihre Oberlippe.

So langsam ging Marie Alex auf die Nerven. Er wollte seine Ruhe, mit niemandem reden, einfach nur seinen Gedanken nachgehen. Zudem meldete sich nun auch noch seine Blase. So unangenehm ihm diese engen Klos in Flugzeugen auch waren, diesmal war er seiner schwachen Blase richtig dankbar. Er brauchte eine Pause.
Alex befreite sich vom Sitzgurt. „Ähm, könntest du mich kurz…“
„Du magst doch Curry, oder? Was meinst du, wollen wir morgen telefonieren oder willst du gleich einen Treffpunkt ausmachen?“
Langsam wurde der Druck seiner Blase erbarmungslos.
„Ich müsste jetzt wirklich…“
Ach, gib mir einfach deine Nummer, ja? Das ist am Einfachsten. Ich ruf‘ dich kurz an, wenn wir gelandet sind, dann hast du auch gleich meine Nummer.“ Marie hielt ihm ihr Handy hin, damit Alex seine Nummer einspeichern konnte.
„SCHEIßE NOCHMAL! ICH HABE KEINEN BOCK AUF DEINEN BESCHEUERTEN OLDTIMER-SCHEIß ODER ÜBERHAUPT AUF DICH! KANNST DU NICHT EINFACH FÜR 5 MINUTEN DIE KLAPPE HALTEN??? WENN DU NUR NOCH EIN WORT SAGST, VERGESS ICH MICH!“
Damit ergriff Alex Maries Handy, pfefferte es gegen die gegenüberliegende Bordwand, was ihm einiges an Protest der anderen Fluggäste einbrachte, stieg mit einem Fuß auf seinen Sitz, um dann mit dem anderen über Marie drüber zu steigen.
„UND ICH WILL EINEN NEUEN SITZPLATZ!“, schrie er dem Flight Attendant entgegen, der sich erkundigen wollte, woher der Aufruhr stammte.  
Damit stampfte Alex Richtung Klo davon.

Die Lebkuchenräuber

Bei diesem Text handelt es sich um ein Adventsspiel der Schneekirschen. Jede(r) nennt ein beliebiges Wort. Die Aufgabe ist es, einen Text zu schreiben, in dem alle genannten Wörter mindestens einmal genannt werden. Der folgende Text musste diese 6 Wörter beinhalten: 
Käsekuchen, To-Do-Liste, Lebkuchenräuber, kunterbunt, DNA-Spur, Mäusekönig
Wer Lust hat, darf gerne loslegen und uns seinen eigenen Text mit diesen Wörtern oder den Wörtern aus der Radiosendung (siehe Foto) zuschicken unter
info [at] mittendrin.blog. Eine mögliche Geschichte mit den 5 Wörtern auf dem Foto findet ihr hier.

Wir freuen uns auf Deine Geschichte!
von Carmen

Ferdinand öffnete ein Augenlid, als die Kammerdienerin eintrat. Eine elegante Person, wie er fand, mit glänzendem weiß-braun-schwarz-geschecktem Fell. Solche Farben sah man selten in seinem Reich. Er selbst war schlicht grau, so wie die meisten seiner Untertanen. Nur sein linkes Vorderbein war schneeweiß, als sei dem Hohen Erzeuger auf einmal die Farbe ausgegangen. Diese Pfote hatte er von seinem Vater geerbt, der vor ihm Mäusekönig gewesen war.
“Guten Morgen, Euer Hoheit!”, fiepte die Kammerdienerin, während sie ihm die Frühstückskörner in die Mitte des Zimmers stellte. Sein Schlafgemach war ein kleiner, runder Raum, nicht zu hell und mit nur einem Eingang, so dass man sicher nicht überrascht werden konnte. Hier fühlte sich Ferdinand wohl und geborgen.
“Bereit für den Tag, Sire?”

Gemächlich stand er auf, streckte sich ausgiebig und gähnte mit Genuss. Ja, er freute sich auf den Tag. Selten sah seine To-Do-Liste so viel versprechend aus.
Heute war die Zeremonie der Lebkuchenräuber geplant. Es war eine kuriose Zeit im Jahr. Ferdinands Volk hatte früh festgestellt, dass die Primaten sich in merkwürdigen Mustern verhielten. Man konnte den Wecker nach ihnen stellen. Wenn es draußen kalt, nass und so weiß, wie Ferdinands Vorderbein wurde, taten die Zweibeiner absurde Dinge. In der Küche wurden auf einmal Unmengen an Leckereien gebacken und die Menschen dekorierten alles in den auffälligsten Farben: ihre Fenster, ihre Kleidung, ja sogar die Süßigkeiten. Sie nahmen sogar die Bäume von draußen mit in ihre Höhle, als ob es denen im Freien kalt würde, und dann schmückten sie auch die mit Lebkuchen und glänzenden Kugeln.
Und als ob das nicht reichen würde, wurde ihr Musikgeschmack furchtbar primitiv und eintönig. Jedes Jahr zur Winterzeit erklang in Dauerschleife:
[Last Christmas summen]

Das Mäusevolk hatte sich den Zweibeinern angepasst und die wichtigste Feier auf den Tag gelegt, an dem die Verrücktheit der Primaten ihren Höhepunkt erreichte. Dann war deren Speisesaal proppevoll mit lachenden und singenden Menschen und die Tische bogen sich unter der Masse kunterbunter Köstlichkeiten.

Das war die Zeit für die Zeremonie des Lebkuchenräuber-Ordens. Die mutigsten und flinksten Mäuse waren gefragt, um in haarsträubenden Aktionen die feinsten Leckerbissen unter den Tischen der Menschen einzusammeln. Der Trick dabei war, sich anfangs in Geduld zu üben und nicht gleich loszuflitzen, wenn die erste Delikatesse auf dem Boden landete. Denn dort wo ein Stück landete, folgten in der Regel noch weitere und je später der Abend, desto unaufmerksamer die Zweibeiner.
Ferdinand selbst ließ es sich nicht nehmen, als königliches Vorbild immer den ersten Marsch anzuführen. Er freute sich jedes Jahr wahnsinnig darauf, das erste Stück eines saftigen Käsekuchens aufzusammeln und genussvoll die Schnauze darin zu versenken. Man musste es den Menschen zugestehen – damit hatten sie die perfekte Erfindung gemacht. Mäuse lieben Käse, das ist bekannt. Aber Käse in Form eines Kuchens – das war das Mäuseparadies. Und wehe, jemand wagte es, auch nur vom Kuchen abzubeißen, bevor der König seine Chance hatte – bei einer solchen Respektlosigkeit verstand Ferdinand keinen Spaß. Das war ein Fall für den königlichen Geheimdienst, der notfalls sogar die DNA-Spur sicherte, sollte der Schuldige nicht den Anstand haben, sich selbst zu stellen. Aber solch eine Respektlosigkeit ist dem Hohen Erzeuger sei Dank seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Ferdinand hatte keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Und so begann der Mäusekönig an diesem Morgen gut gelaunt seine Körner zu frühstücken in stiller Vorfreude auf eine spannende Zeremonie und ein saftiges Stück Kuchen am Ende des Tages.

2

Agatha

von Carmen, Lesezeit < 5min

Agatha wurde in eine arme Familie geboren, die in einem ärmlichen Dorf lebte. Bis zur nächsten Stadt waren es mindestens sechs Stunden Autofahrt durch schmale Bergpässe, wenn es denn das Wetter überhaupt zuließ.

Agathas Familie schuftete rund um die Uhr auf ihrem kleinen Bauernhof und trotzdem reichte es oft nicht. Im Winter fror man, Kleidung wurde von der Mutter an die Tochter an die jüngere Schwester weitergereicht. Was Fremde als Schrott bezeichneten, wurde wiederverwertet, Dinge tausendmal repariert. Und weil man nichts hatte, gab man gerne und ohne Bedenken. Agatha wuchs in einer liebevollen Umgebung auf und spielte in jeder freien Minute mit den Nachbarskindern.
Die Mutter sagte oft: „Agatha, arbeite hart in deinem Leben. Sei fleißig. Dann wirst du es zu etwas bringen. Das ist dein Ticket raus aus diesem Dorf.“

Agatha nahm sich den Rat zu Herzen und klemmte sich hinter die Bücher. Die Grundschule beendete sie als Klassenbeste und durfte zu Verwandten in die Stadt ziehen und dort das Gymnasium besuchen. Auch hier war sie erfolgreich und gewann ein Stipendium der besten Universität des Landes, die sie summa cum laude abschloss. Doch seit ihrem Umzug zu den Verwandten in die Stadt sah Agatha die sie liebenden Eltern nur noch zu Weihnachten. Mit den Jahren fing Agatha an, das Dorf ihrer Kindheit zu hassen: Warum blieben die Eltern auf dem Hof, der doch nichts einbrachte außer Rückenschmerzen, rauen Händen und Geldsorgen? Warum musste sie es sich selbst so hart erarbeiten, hinaus in die Welt zu kommen? Wie konnten es sich ihre Eltern überhaupt erlauben, ihr so rein gar nichts bieten zu können? Die Eltern hatten es selbst so beschlossen und das, so Agathas Überzeugung, war ihr größter Fehler. Doch wie sture, stumpfsinnige Esel blieben die Eltern in diesem von Armut verseuchten Drecksloch.

Die Stimme ihrer Mutter klang jedoch weiterhin in Agathas Kopf, wie ein Motor, der sie antrieb: Sei fleißig, arbeite hart, sei fleißig, arbeite, arbeite, harte Arbeit, dein Ticket raus, dein Ticket, raus aus der Armut, raus aus dem Dorf, dein Ticket, arbeite.
Zurück – zurück wollte sie nie wieder.

Agatha nahm eine aussichtsreiche Stelle bei einer Bank an, arbeitete Tag und Nacht und häufte langsam aber stetig ein kleines Vermögen an. Aus den weihnachtlichen Besuchen wurden weihnachtliche Telefonate, doch auch die fielen irgendwann aus.
Die Freunde aus der Grundschulzeit ersetzt durch Studienfreunde, mit denen man feiern geht, ersetzt durch Kollegen und die dienstlichen Abendveranstaltungen.
Aus dem Studentenwohnheim wurde ein Appartement, wurde eine Maisonette-Wohnung, wurde ein kleines Anwesen am See mit eigenem Steg und leerem Gästehaus. Das Anwesen wurde von einem teuren Sicherheitsdienst überwacht, Kunstwerke hinter einbruchssicheren Vitrinen. Die Nachbarn unbekannt.
Die Spuren ihres alten Lebens verblassten zunehmend und wurden vom Schrott verschüttet.

Ich bin die Hässlichkeit

von Carmen, Lesezeit ca. 5 Min.

Tu mir den Gefallen und denke spontan an etwas Hässliches…

Jetzt würde mich natürlich interessieren, was dir eingefallen ist.
Ist es etwas essbares, wie ein schleimiger, bräunlich-stinkender Spinatbrei?
Ist es eine Person, eine alte Hexe mit krummem Buckel, Höckernase, langen, knochigen Fingern, einer furchtbar schrillen Stimme, bei der dir die Haare zu Berge stehen und einem dermaßen irren Blick, dass du erleichtert bist, ihr niemals außerhalb eines Märchens zu begegnen?
Ist es eine Müllhalde, ein Plattenbau, das Armenviertel von Neu Delhi?
Oder ist es ein Gegenstand? Dieser eine kotzgrüne Rock mit der leuchtend rosa Schleife oder dieser Pulli, bei dem man sich fragen muss, ob dem Designer die Nähmaschine ausgerutscht ist.
Oder vielleicht hast du auch nur an Donald Trump gedacht. Ihn habe ich wirklich ganz besonders gesegnet.

Denn ich bin die Hässlichkeit. Ich bin vieles und viele sind ich.

Häufig denkt man, ich sei abstoßend, widerwärtig. Hassenswert sogar – daher kommt mein Name: Hässlichkeit – hassenswert…
Dabei bin das nicht ich, sondern mein Job. Mein Job ist es, dich zu warnen. Ich bin multilingual, international, global.
Du siehst eine Müllhalde – krankheitserregend, Vergiftungsgefahr, Verletzungsmöglichkeiten. Ich sage dir in jeder Sprache, die du verstehst: Geh weiter! Hier ist es gefährlich!
Eine Betonwüste in der Vorstadt: Geh weiter! Hier wirst du unterfordert und zu Tode gelangweilt dahinvegetieren.
Donald Trump: Renn!

Aber du wirst nicht laufen. Die Menschen laufen selten wenn sie mich sehen. Du bleibst stehen und starrst. Du widersetzt dich meinem Gebot. Ich stoße dich ab und du kommst näher, bleibst stehen, mitten auf der Autobahn. Ich schreie, laut und überdeutlich: „Geh weg, hier ist der Tod! Gefahr! Hopphopp! Schleich dich!“ Du versuchst, ein Selfie mit dem Unfallopfer zu schießen.
„Sooo ein hässlicher Unfall“, wirst du später genussvoll erzählen, „und dieses ganze Blut!“

Das ist das frustrierende. Meine Aufgabe ist es, dich zu warnen. Dir zu zeigen, wo es nicht sicher ist, weil Krankheit, Tod, soziale Ausgrenzung oder andere – nun ja hässliche – Dinge dich erwarten. Deine Aufgabe scheint es zu sein, dich gerade dann fasziniert nähern zu wollen.

Das liegt vielleicht an einem Geheimnis, das kaum jemand von mir kennt. Oder wusstest du, dass ich ein Zwillingskind bin? Meine Schwester ist die Schönheit, fast alles, was wir tun, tun wir gemeinsam. Sie ist meine größte Inspiration. Häufig ahmen wir uns sogar gegenseitig nach, ihre Ideale mache ich mir dann zu Eigen. Dann werden sie langweilig und abstoßend. Würdest du heute noch eine weiß gepuderte Perücke tragen wollen?
Gleichzeitig musst du dich mir nur oft genug widersetzen, bis dir etwas so vertraut vorkommt, dass ich nicht mehr wirke. Dann hat sie zugeschlagen. Wenn du jeden Tag mit diesem einen lieben Menschen redest, dass du nach einer Weile die ganzen schiefen Zähne, die seine Zahnlücken unterbrechen, überhaupt nicht mehr wahrnimmst. „Innere Schönheit“ argumentierst du dann.
Wie wahrscheinlich alle Geschwister streiten wir auch ab und an. Wenn dann so richtig die Fetzen fliegen, ist es ein Fall von Hassliebe. Für dich bedeutet das: Du kannst nicht mit. Du kannst nicht ohne.

Schlussendlich ist das Paradoxe an mir, dass ich, so sehr ich mich auch anstrenge, dich nie wirklich abstoßen kann.
Ich interessiere dich, ich bewege dich. Ich bin das Prickeln auf deiner Kopfhaut und das Jucken an deiner Oberlippe, wenn du dir vor Ekel die Nase rümpfen musst. Ich bin die Hexe, ohne die ‚Hänsel und Gretel‘ niemals zu Weltruhm gekommen wären. Ich bin der Frosch in jedem König. Ich bin das Streben in dir, dich zu verbessern. Ich bin der Wunsch, weg von diesem Ort. Was wäre der Ehrgeiz ohne mich? Wüsstest du, von was du träumen solltest, wäre nicht ich?
Ich bin der Motor der Welt.

Denn ich bin die Hässlichkeit. Ich bin Alles. Und Alle sind ich.

Eine Schreibübung zur Personifikation abstrakter Begriffe

Knoten

Ja, da war ich ein klein wenig erkältet, als ich diesen Text eingelesen habe. 😉

von Carmen, Lesezeit <5 Min.

Sie stoppte außer Atem, hockte sich hin und band sich die Schnürsenkel neu.

Knoten sind schon faszinierend. So ein einfacher Knoten mit zwei Schleifen kann jedes Kind. Naja, vielleicht nicht jedes Kind und … naja, vielleicht hat jetzt auch nicht jedes Kind die gleiche Technik wie ich, aber hey, so einfach und der Schuh hält. Tie the knot, sagt man das nicht so? Also im Englischen? Für Heiraten. Zusammenbinden, festbinden, zusammen, was zusammen gehört. Symbolisch jetzt, nicht in echt. Nur gespielt. Fesselspiele? Zusammen, was zusammen gehört, zusammen. Wären sie nun ohne Knoten getrennt? Kein Knoten, keine Heirat, unverheiratet, auseinander, nicht zusammen, auseinander, getrennt? Braucht es den Knoten, die Fessel, den Bund, die Schleifen? Ohne kann ich nicht laufen, Schuh offen, Schnürsenkel am Boden, Stolpergefahr. Ein Paar Schnürsenkel, ein Paar, das Paar ohne Knoten, Stolpergefahr, Achtung! Zubinden, zusammen, was zusammen gehört. Stolpere nicht über das Paar, liebes Paar. Jedes Kind kennt einen Knoten, sah schon offene Knoten, im Kindergarten lernt man Knoten. Seemänner kennen Knoten, leicht zu lösende, schwierige, komplizierte Knoten. Auf der ganzen Welt gibt es Knoten, alle kennen Knoten, alle kennen Knoten, alle. Kinder lernen keine Seemannsknoten im Kindergarten. Sie würden sich verknoten, verlieren, zu kompliziert. Fesselspiele im Kindergarten?
Denk doch nicht sowas! Hörst du wohl auf!

Augenrollend stand sie auf, sprang zweimal auf der Stelle und setzte ihre Joggingrunde fort.

Eine Übung zum Bewusstseinsstrom

Neuere Beiträge »

© 2022 mittendrin

Theme von Anders NorénHoch ↑