Geschichten. Überall und Jederzeit

Jahr: 2020 (Seite 1 von 4)

„Abschalten und Tee trinken“ – ein Achtsamkeits-Schreibexperiment (Stand 20.12.)

Noch ein Hinweis, bevor es losgeht: Ich wollte gerne mit Euch teilen, welchen Tee ich zu den Schreibmomenten trinke und nenne daher Sorte und Marke. Die Produktnennung erfolgt dabei unaufgefordert und ich werde auch nicht dafür bezahlt. Es ist also keine Werbung, sondern wirklich nur Tee trinken 😉

Tee trinken und schreiben passt sehr gut zusammen. Über das Tee trinken schreiben klingt erstmal nicht so spannend. Trotzdem möchte ich es wagen. Jeden Tag ein neuer Tee. Duft, Geschmack, Assoziationen, Erinnerungen – mal sehen, was dabei herauskommt. Ich lade Euch ein auf eine gemeinsame Tasse Tee, eine kurze Auszeit vom Alltag.

Pfeffer, Zitrone, Zimt. Liebe ich alle drei. Zimt habe ich allerdings nie da, was mich immer dann ärgert, wenn mich die Lust auf Griesbrei überfällt. Griesbrei kaufe ich dann (ja, den fertigen, zum mit Milch anrühren, nein, ich schäme mich nicht dafür), aber Zimt vergesse ich immer. Griesbrei mit Zimt, das ist Kindheit und Wohlfühlen, wie eine Umarmung. Mit Kirschkompott. Oder Mandarinen. Oder einfach pur. Griesbrei gab es auch in der Schulkantine freitags. Der war nicht so gut, für den Wohlfühleffekt hat es aber gereicht. Man geht in der Fremde im Notfall Kompromisse ein. Mit Pfeffer kann man vieles retten, was geschmacklich fad daher kommt. Ich habe auch den bunten, weil mich die Auswahl schlicht überfordert hat. Bunt passt zu allem und das tut er tatsächlich. Zitrone ist auch ein Allheilmittel und sauer macht bekanntlich glücklich. Dieser Tee schmeckt für mich tatsächlich nach Glück, irgendwie. Nach Fröhlich-sein und Nicht-so-viel nachdenken. Er ist weich im Mund und gleichzeitig brennt die Pfeffernote ein bisschen nach. Er macht definitiv wach. Apropos wach: Ich und ungefähr fünfzig Krähen beobachen gerade einen traumhaften Sonnenaufgang. Rosa-violett-orange färbt sich der Himmel. Guten Morgen und vergesst nicht, unseren Adventskalender zu besuchen!

Himbeere! Schon der Beutel, den ich aus der Packung nehme, verströmt einen intensiven Duft nach Himbeere. Himbeer-Eis, Himbeer-Marmelade, Himbeeren pur, Vanilleeis mit heißen Himbeeren! Als Kind musste ich zu meinem ersten Vanilleeis mit heißen Himbeeren überredet werden. Nein, dafür habe ich im Nachhinein keine Entschuldigung.
Aufgebrüht überströmt der Himbeerduft des Tees sogar den Kaffee in der zweiten Tasse. Noch ein, zwei Mal pusten, dann kann ich probieren. Der erste Schluck ist hauptsächlich heiß. Aber bei der Kälte ist die Wärme durch die Tasse, die Wärme im Mund und der fruchtige Duft schon genug, um ein wohliges Gefühl auszulösen. Im Abgang schmecke ich dann die Himbeere und jetzt glaube ich auch, die kräftigere Cranberry herauszuschmecken. Beide Fruchtnoten ergänzen sich fabelhaft. Noch ein bisschen Orange und Zimt und der Weihnachtspunsch ist perfekt.
Früchte schmecken nach Sommer, nach Leichtigkeit. Fruchtiges Vergnügen würde ich den Tee nennen. Ich schwelge noch ein bisschen. Für die Fensterblick-Vermisser: Heute sieht man noch nicht mal eine Ahnung von Sonnenaufgang. Nur dunkles Blau.

Heute habe ich mich entschieden, erst zu trinken und dann nachzulesen, welcher Tee es ist. Auch auf die Gefahr hin, dass ich von Kakaonoten fasel und es eigentlich Pfefferminztee ist. Ist dann halt so.
Im Beutel verströmt der Tee einen intensiv Duft nach Kräutern. Vielleicht Brennnessel? Vielleicht Fenchel? Und da ist noch eine Note, die an Sommerwiesen mit Löwenzahn erinnert.
Aufgebrüht riecht der Tee süßlich und gar nicht mehr vordergründig kräutrig. Er ist sehr weich im Mund und hat eine gewisse Süße. Aber da ist auch etwas fruchtiges dabei. Zitronengras und ??? Ein sehr angenehmer Kräutertee, den ich mir mit extra Minze, Limette und Eiswürfeln auch gut als Sommerbowle vorstellen kann. Mittlerweile bilde ich mir auch einen gewissen Mentholgeschmack ein, also doch auch Minze? Jetzt habe ich so wild fabuliert, dass ich schon Angst habe, nachzuschauen. Die Blamage droht 😉
Wonderful Morning also, na, das klingt doch schon mal gut. Kräutertee ist es auch. Zitronengras und Mate ist drin, Süßholzwurzel und noch ein paar andere Dinge. Weder Minze noch Brennnessel, aber es hätte peinlicher für mich werden können. Bin eigentlich ganz zufrieden.
Zum Schluss noch der kurze Blick nach draußen: Graues Wolkenband zieht über den Himmel. Krähenparty im Innenhof, alles wie immer 🙂

Was für ein Himmel! Ich weiß, der Fensterblick war letzten Monat, aber man sieht heute unglaublich weit und da am Horizont färbt sich der Himmel gerade feurig rot. Hier, direkt vor meinem Fenster, ist es immer noch grau, fast farblos mit dunklen Wolkenbändern, die vorüberziehen. Vor dem erwachenden Himmel drohen die Türme von St. Benno. Ich schwöre, würde Caspar David Friedrich gerade an meinem Küchentisch sitzen, er würde diese Szene malen. Und wie immer schauen meine Krähen im Baum dem Schauspiel zu und verleihen dem Ganzen einen Hauch von Apokalypse.
Leider fällt mir kein sinnvoller Bogen zum Tee ein. Ich habe wieder nicht nachgeschaut, aber der Beutel roch schon nach Erdbeer-Sahne und der aufgebrühte Tee tut es auch. Erdbeer-Sahne – das war der Tee, den es in meiner Kindheit in der kalten Jahreszeit zum Abendbrot gab. Aus einer dicken bauchigen blauen Kanne, die auf ein Glasstövchen gestellt wurde, damit der Tee lange warm blieb. Erdbeer-Sahne ist also Vertrautheit, Familie, gemeinsame Zeit – so wichtig, das merken wir in diesem Jahr besonders! Geschmacklich bin ich eher bei Hagebutte gemischt mit irgendeiner Süße und es fühlt sich etwas sperrig im Mund an, so ein trockenes Gefühl, das ich mit Rooibusch verbinde. Ja, der Geruch gefällt mir besser als der Geschmack, aber da beides zusammen kommt, trinkt es sich trotzdem ganz wunderbar.
Zeit für die Auflösung: Skinni Vanilli mit (!) Hagebutte, Rooibusch und Erdbeeraroma 🙂 Dann noch Hibiskus, Süßholzwurzel und Vanille. Diese Blindverkostung gefällt mir immer besser.

Als ich den Beutel aus der Packung nehme, denke ich an Brombeere. Aufgebrüht ist die Orange aber deutlich. Orange und sonst nicht viel, auch geschmacklich nicht, daher tippe ich mal auf Grünen Tee mit Orange. Ich kann nicht sagen, dass er schlecht schmeckt, er schmeckt halt ein bisschen nach Nichts mit Orangennote. Man hat warme Flüssigkeit im Mund, weich und angenehm und im Abgang fruchtig. Ich habe eine Weile früh immer Grünen Tee getrunken, um mir das Kaffee trinken abzugewöhnen. Der Erfolg war mäßig. Ich liebe Tee und je öfter ich gerade diesen grünen Tee mit Orange trinke, desto besser finde ich ihn, warum auch immer. Aber Kaffee hat eben die unumstößliche Eigenschaft, Kaffee zu sein: Schmeckt so, macht wach und verknüpft im limbischen System Dinge, die Tee nicht verknüpfen kann. Kaffee tröstet, wenn es morgens noch dunkel und kalt ist. Kaffee erinnert an ausgedehnte Sonntagsfrühstücke, wenn endlich mal nichts zu tun ist. Tee kann Dinge, die Kaffee nicht kann. Tee wärmt, wenn man von einem plötzlichen Regenschauer durchnässt nach Hause kommt. Tee kombiniert sich perfekt mit Buch und Kuscheldecke. Tee hilft, wenn man sich besch* fühlt. Das ist zumindest bei mir so.
Die Tasse ist leer, was sagt die Auflösung? Huch, war gar kein Grüner Tee, sondern Orange & Lemon. Angeblich ist da auch Süßholzwurzel und Hagebutte mit drin, aber wo haben sie die denn versteckt? Ich trinke jetzt erstmal einen Kaffee…

Ein ganzer Kräutergarten begrüßt mich, als ich den Beutel aus der Packung nehme. Auch jetzt aufgebrüht ist der Geruch intensiv. Ein Kräutergarten in einem fernen, fremden Land. Es ist heiß und staubig, die Sonne brennt unerbittlich vom Himmel. Ich stehe im Schatten vom Wind gebeutelter Mauern voller Geschichte und blicke über den Garten auf die Stadt, die sich den Hügel hinab erstreckt, in der Ferne das blaue Glitzern des Meers. Goldbemalte Kuppeln heben sich vom Gewirr der eng zusammenstehenden Häuser ab. Ein Muezzin ruft zum Abdngebet, die Sonne geht unter. Endlich lässt die Hitze nach, der Garten verstörmt einen betörenden Geruch, der mich einhüllt, beruhigt. Ich bin zu Hause. Zu Hause in der Fremde. So riecht der Tee, so schmeckt er, vertraut und fremd zugleich. Intensiv, ein bisschen süß, ein bisschen bitter. Was immer herauskommt, es wird mein neuer Lieblingstee: Love me truly – na, wenn das nicht passt. Chai-Gewürz-Tee mit Zimt, Ingwer und Nelke. Orange und Fenchel ist auch dabei. Ich hätte mehr Kräuter vermutet, aber vermutlich übernimmt die Nelke den Job des Gartenfeelings. Spannend.

Pfefferminztee. Ich bin mir ziemlich sicher. Als ich Tasse abgestellt habe, dachte ich, ich würde auch Honig riechen, diese Note ist aber irgendwie weg. Pfefferminztee. Das ist so Kindheit, zu Hause, Vertrautheit, ich weiß gar nicht, wie ich das in Worte fassen kann. Ich habe das Gefühl, er war schon immer da und auch wenn ich ihn die letzten Jahre vernachlässigt habe, wird er sich vermutlich immer wieder in mein Leben schleichen. Nicht nur wenn ich krank war und bin. Ich war nie der Frühaufsteher, morgens aus dem Bett zu kommen war und ist für mich hart, aber dann auch noch frühstücken – unmöglich. Aber meine Mutter hat darauf bestanden, dass ich morgens vor der Schule etwas im Magen brauche. Ich ließ mich zu einem Keks überreden – und eine Tasse Pfefferminztee. Trotz des frühen Rituals ist mir der Tee nicht verhasst. Er war lange Zeit eine Art Grundnahrungsmittel. Vielleicht entdecke ich ihn jetzt wieder.
Schauen wir mal, ob ich überhaupt richtig lag: Okay, es ist passiert. Eine halbe Seite über den falschen Tee philosophiert, na herzlichen Glückwunsch, Jana. Little Dreamer heißt er und er besteht hauptsächlich aus Kamille, Zitronenmelisse und Lavendel (ausgerechnet, jetzt, wo ich es weiß, rieche ich ihn auch, verrückt). Aber zur Ehrenrettung: Ganz am Ende ist auch Grüne Minze aufgeführt.
Um die Peinlichkeit vergessen zu machen: Sonnenaufgänge im Dezember sind so wunderschön! Es sieht wieder märchenhaft wunderbar aus 🙂

Der Tee riecht frisch und fruchtig nach guter Laune, was gut ist, denn meine ist gerade im Keller. Keine Ahnung, warum. Es ist dunkel und kalt und ich bin wach und in meiner Küche, anstatt unter einer warmen, weichen Bettdecke noch zu träumen. Wobei ich heute Nacht eher Albträume hatte, aber darum geht es ja jetzt gar nicht, sondern um Tee. Tee: Fruchtig, zitronig, für meinen Geschmack ein bisschen zu zitroniges Aroma strömt mir entgegen. Er schmeckt etwas bitter, während in der Zitrusnote eher eine Süße liegt. Alles etwas verwirrend im Mund. Hätte ich mich gestern nicht so arg blamiert, würde ich ja Grüner Tee sagen. Grüner Tee mit Zitrone und definitiv nicht mein Lieblingstee in Zukunft. Aber riechen tut er gut, vielleicht ja als Duftstäbchen.
Okay, meine Laune wird nicht besser, ich hänge meine Nase noch ein bisschen in den Tee, vielleicht hilft es. Tatsächlich Green Tea Lemon. Draußen ist es immer noch stockdunkel, kein Sonnenaufgang, dabei sind ein paar Krähen schon da. Dunkle Sillouetten vor dunkelblauem Grund. Mir fehlt die Sonne.

Undefinierbar. Nicht, dass der Tee nach Nichts riecht, aber so tief ich meine Nase auch in die Tasse stecke, da will kein Kraut in meinen Kopf kommen, das dazu passt. Im Beutel roch es nach milden Kräutern, in der Tasse einen Hauch muffig, auch wenn das komisch klingt. Geschmacklich ist es auch schwierig. Streng ist das erste Wort, das mir in den Sinn kommt. Herb. Pfeife und Whiskey-Glas und altmodische Strickjacken. Dunkle Lederbezüge und hohe Bücherregale aus Eichenholz. Ein Feuer im Kamin und lange Nachmittag des Nichtstuns. Klingt gar nicht mehr so streng. Jetzt bin ich aber gespannt: Zen Balance mit Eukalyptus, Zitronengras und Ginkgo. Ginkgo ist auf jeden Fall gut fürs Gedächtnis, damit es sich lohnt, die ganzen Bücher in meiner imaginären Bibliothek zu lesen – oder halt in der eigenen. Einen schönen Tag wünsche ich!

Als ich am Beutel schnuppere, kitzelt meine Nase, daher tippe ich mal vorsichtig auf Pfeffer. Es riecht sehr kräftig, mit dem Versprechen nach spritzig. Aufgebrüht ist da auf jeden Fall eine blumige Note und beim ersten Schluck weiß ich, dass ich den Tee kenne. Diesmal wirklich… also hoffentlich. Tee-Sommelier werde ich so oder so nicht, aber noch so eine Blamage… egal. Der Tee schmeckt auf jeden Fall nach Sommer, nach Blumenwiese. Es ist süßlich und auch ein bisschen kräftig. Er hat ein hohen Wohlfühl-Wärme-Faktor. Ich finde, er ist ein guter Freitagstee. Man wird nochmal ins Geschehen geworfen, aber der Kopf ist schon halb im Wochenende. Die Welt soll einem heute nicht zu nah kommen, denn mental ist man irgendwie schon auf der Blumenwiese, beim Trampolinspringen und Wolken schauen. Ich wünsche Euch heute viele Wolken-Schauen-Momente. Ich löse nicht auf, ich lag nämlich schon wieder voll daneben. Ingwer statt Pfeffer. Und Zitrone statt Blumenwiese. Aber hey, es ist Freitag, also lächeln 🙂

Ein traumhafter Sonnenaufgang und etwas am Horizont, das wie ein sehr langsamer Komet oder eine seeehr langsam Sternschnuppe aussieht. Habt Ihr letzte Nacht Sternschnuppen beobachtet? Habt Ihr Euch etwas gewünscht? Meine Krähen befinden das Schauspiel am Himmel auch als hochinteressant, sie sind wieder zahlreich versammelt.
Aber es geht ja um Tee! Fencheltee ist es heute. Ich habe extra darauf geachtet, nicht den Namen auf der Packung gelesen, habe aber nicht an das kleine Schildchen gedacht, sodass es heute Morgen kein Ratespiel wird.
Fencheltee. Solide. Fast etwas langweilig. Love me truly oder Happiness klingen da deutlich aufregender. Dabei ist Fenchel alles andere als langweilig. Zumindest nicht für mich, da ich erst dieses Jahr zum ersten Mal in meinem Leben welchen gegessen habe (mein Papa hat ihn als „unessbar“ deklariert, deswegen gab es bei uns zu Hause keinen). Als Tee mag ich ihn zusammen mit Anis und Kümmel schon länger. Jeder Schluck zieht bei mir sofort in den Bauch und gibt mir ein wohliges, beruhigendes Gefühl. Ein Magen im Gleichgewicht kann Wunder wirken an schlechten Tagen. Einfach mal ausprobieren.

Ich habe meinen Ablauf morgens umgestellt und bin jetzt früher dran. Es ist noch stockdunkel und ich kann – neben meiner Tageslichtlampe – draußen – abgesehen von vereinzelter leuchtender Weihnachtsdeko auf den Balkons meiner Nachbarn – absolut nichts erkennen. Ist ein komisches Gefühl. Und ich bin noch todmüde und habe Schwierigkeiten, Wörter zu formulieren. Bin nicht sicher, dass ich diesen Ablauf beibehalte 😉
Tee. Es ist Kräutertee, viel mehr kann ich nicht sagen. Es war ziemlich umständlich, die Sorte geheimzuhalten. Warmer Duft, vertraut und würzig und ein bisschen bitter. Die Tasse ist fast zu heiß, um sie anzufassen. Beim ersten Schluck kommt hauptsächlich die Wärme im Mund an. Dann das Kräuterbett, das nach mehr schmeckt. Ein schönes Gefühl im Mund. Honig würde gut zu diesem Tee passen. Er tritt selbstsicher auf, nimmt die Geschmacksnerven ein. Kein leichtes Anklopfen, sondern rein in die Tür. Ein Tee, der weiß, was er will und schwer, aber angenehm im Mund liegt. Ich kenne das Kraut, aber früh um sieben fällt meinem Hirn wie immer nur Minze ein, was es – glaube ich – nicht ist. Vielleicht sollte ich diese Übung echt mal nach dem ersten Kaffee machen. Es ist Salbei Tee. Weiter zum Kaffee.

Es gibt Sweet Chai Tee. Habe schlicht vergessen, darauf zu achten, nicht auf die Packung zu schauen. Er riecht nach Sonne und orientalischen Klängen. Und da ist eine angenehme Schärfe im Mund. Ein Basar voll und laut und voller fremder Gerüche. Es ist erdrückend heiß, aber ich bin trotzdem mitten im Gewimmel. Ich suche etwas Bestimmtes und schiebe mich durchs Gedränge. Laute Stimmen, Hände, die nach mir greifen, um mich auf etwas aufmerksam zu machen, aber ich weiche ihnen geschickt und souverän aus. Bunte Tücher, Klangschalen, Teppiche, alles lasse ich ohne genauen Blick links liegen. Ich will zu den Gewürzen, da wo sich Kardamom, Zimt und Nelken um den intensivsten, vielversprechendsten Geruch streiten. Hier ist es ruhiger und von irgendwoher weht ein Lüftchen. Ich lasse mir Zeit. Rieche so lange an allem, bis meine Nase kapituliert. Aber die Gerüche haben sich längst auf meine Zunge geschlichen, wo ich sie voll auskosten kann.

Heute habe ich einen Guten Abend Tee erwischt. Diesmal habe ich den Lavendelduft erkannt 😉 na, hoffentlich wirkt er nicht allzu gut, denn schlafen habe ich in den nächsten Stunden eigentlich nicht vor. Abgesehen von Lavendel schmecke ich auch nicht anderes, er ist eben sehr intensiv. Und ich finde auch beruhigend, ich habe ein Lavendelspray, dass ich als Einschlafhilfe auf mein Kissen sprühe. Ich habe den Blick auf die Lavendelfelder in Südfrankreich im Kopf und schon fange ich an zu träumen. Sehnsuchtsorte, kleine Dörfer, Ruhe, fast Einsamkeit, Sonne, gutes Essen, guter Wein, besondere Gerüche und leuchtende Farben. Ja, träumen… aber jetzt geht es erstmal hinaus in die Welt!

Kräutertee. Und hiermit erschöpft sich meine Analyse auch schon. Danke fürs Lesen und einen schönen Tag noch 😉 Der Tee riecht und schmeckt ein wenig süßlich. Er liegt sehr angenehm im Mund. Ich denke an Natur, an Weite. Eine Wanderung durch Wald und Wiesen, vielleicht im Frühling. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Ich habe Zeit, niemand drängt mich, ich muss nicht irgendwo hin, kann einfach gehen, so schnell ich will, wohin ich will. Ein langer Spaziergang, weg wohin. Schöne Orte finden. Eine kleine Aussicht, ein Bank im Schatten, einen schönen Stein, einen knorrigen, seltsam verzweigten Baum. Kleine Geschichten, märchenhafte Wunder direkt vor meiner Nase. Ich bekomme richtig Lust auf einen Spaziergang zum Geschichten entdecken. Die Welt da draußen verspricht allerdings heute nur grau. Na ja, vielleicht findet sich ja doch noch etwas, das mich inspiriert, man soll nie nie sagen.
Achso, die Auflösung: Bergkräuter-Tee. War ich doch na dran ;), was allerdings Orangenblätter im Bergkräuter-Tee machen…?

Heute habe ich wieder das Schildchen vorab gelesen. Es ist echt schwer, nicht drauf zu schauen, wenn man den Teebeutel in die Tasse hängt. Kamillentee. Ich kenne mindestens eine Person, die diese Tasse Tee nicht trinken würde, gäbe man ihr dafür Geld. Auch nicht gegen viel Geld. Ich persönlich mag Kamillentee. Er riecht angenehm mild und schmeckt weich und ein bisschen kräutrig. Nicht wirklich süß oder scharf oder irgendwie. Er fordert nicht, er gibt auch nicht viel, aber deswegen passt er ja gut zu Tagen, an denen man sich genauso fühlt. Lass mich in Ruhe, mir geht es nicht gut – die perfekte Stimmung für Kamillentee. (Selbstverständlich nur, wenn es einem so schlecht geht, das Schokolade keine Option mehr ist. Sonst ist Schokolade Kamillentee immer vorzuziehen!) Mir geht es heute zwar nicht schlecht, aber eine Tasse vorsorglicher Kamillentee schadet auch nicht. Es ist so grau draußen, vielleicht wird das mit Kamillentee auch irgendwie besser. Hoffen kann man ja mal.

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Draußen ist November – ein Schreibexperiment (Stand 30.11.)

Hallo zusammen,

„Draußen ist November“ ist der Titel des Schreibexperiments, mit dem wir uns aus unserer Pause zurückmelden.

Vom 1. November bis zum 30. November wollen wir möglichst jeden Tag immer den gleichen Blick aus unseren jeweiligen Fenstern beschreiben – jede von uns hat natürlich ihren eigenen Fensterblick.
Klingt langweilig? Klingt spannend? Warum tut man so etwas?
Der Herbst gilt allgemein als ein Symbol der Veränderung, gleichzeitig gibt es in unserer beider Leben gerade viel Veränderung. Dieser eine Blick, jeden Tag 5 Minuten beschrieben, soll unsere Konstante sein… oder doch nicht?
„Draußen ist November“ wird unser Experiment. Was passiert mit unserer Umwelt? Werden wir es bemerken? Was passiert mit uns? Wo stehen wir am Anfang und am Ende des Experiments?

November ist allgemein ein spannender Monat für Autor*innen, da der Monat jedes Jahr unter dem Zeichen des NaNoWriMo steht – dem „National Novel Writing Month“. Autor*innen, die mitmachen möchten, setzen sich das Ziel, 50.000 Wörter im Monat zu schreiben. Carmen wird dieses Jahr mit einem Ziel von 20.000 Wörtern mitmachen. Sie wird bei jedem Post ihren Wordcount mit dazuschreiben, hoffentlich ein Teil ihrer Veränderung.


Carmens Fensterblick 1.11.

Carmen
NaNoWriMo: 108/20.000 Wörtern im Romanprojekt geschrieben

Der Himmel ist komplett wolkenbedeckt, und trotzdem kann ich in der Ferne die Berge sehen. In Echt wirken sie viel näher, als auf meinem Bild, wo sie hinten nur klein und unscheinbar, fast nicht erkennbar sind. Seit ich hier wohne, hebt es immer meine Laune, wenn ich sie sehe. Nicht immer ist die Sicht so gut wie heute, wo es wirkt, als wären sie nur eine Armlänge von mir entfernt – eine Illusion, die das Foto nicht vermitteln kann.
Direkt vor mir die Straße, auch am Sonntag ziemlich laut, aber was kann sie ausrichten, wenn hinten die Ruhe der Berge alles überstrahlt. Auch der Wind scheint sich dieser Ruhe zu fügen – die Fähnchen auf dem gegenüberliegenden hässlichen Bürogebäude bewegen sich kein Stück und hängen still – Sonntag ist nunmal Ruhetag.
Überhaupt: dieses weiße, hässliche Bürogebäude finde ich seit jeher spannend: Dort drin verändern sich laufend Dinge, ohne dass dort jemals Menschen sind. Es gehen unerklärliche Dinge vor sich. Ich erkenne auf mehreren Stockwerken große Zimmerpflanzen und manchmal brennt nachts das Licht. Aber ganz ehrlich: Seitdem ich hier lebe, seit mehreren Jahren, habe ich noch nie, wirklich noch nie eine Person in diesem Haus gesehen. Dort drin spukt’s!
Im Bürogebäude, das ich von einem anderen Fenster aus sehe, sitzen immer Menschen, manchmal schon morgens um 5. Zu meiner Studentinnenzeit haben wir uns manchmal zugewunken. Die „In-letzter-Sekunde-für-die-Klausur-Lernende“ auf der einen Seite und die armen Teufel drüben, was die dort auch immer taten. Aber im hässlichen Bürogebäude? Da haben die Zimmerpflanzen die Macht übernommen, da bin ich mir sehr sicher. Sie agieren wie die Weeping Angels aus Doctor Who: Sie bewegen sich nur, wenn man nicht hinsieht und sobald sie dich berühren, saugen sie dir die Energie ab. Absolut plausible Erklärung am Morgen nach Halloween.


Janas Fensterblick

 

Jana

Wir machen eine Schreibübung im November, hat sie gesagt. Für den Blog, hat sie gesagt. Das wird toll, hat sie gesagt. Wir schauen jeden Tag 5 Minuten aus dem Fenster und beschreiben, was wir sehen. Na gut.
Ich sehe ein Taubenpaar auf dem Dach des benachbarten Häuserblocks. Sie scheinen sich zu mögen. Immer wenn eine weghüpft, hüpft die zweite hinterher. Und als eine dritte dazu kommt, verjagen die zwei ersten sie. Sie wollen unter sich bleiben. Die Verliebten schauen in die gleiche Richtung wie ich. Ganz einträchtig schauen sie auf die Türme von St. Benno vor der grauen Wolkendecke, die über uns hinwegzieht. Auf die Bäume davor. Einige von ihnen klammern sich noch an ihr buntes Blätterkleid. Andere strecken schon ihre kahlen Äste in den grauen Himmel. Sie ähneln den kahlen Ästen der Kräne im Hintergrund. Im Hinterhof quietscht ein Junge und wirft sich in einen Blätterberg. Eine Frau mit Hund läuft vorbei, ein Fahrradfahrer überholt sie. Heute ist Allerheiligen, die Kirchenglocken schlagen schon zum dritten Mal oder ist es einfach eine andere Kirche?

Carmen

NaNoWriMo: 948/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Die Wolken hängen tief und hinten scheint es, als ob die ersten Schauer des neuen Tages hinunterfielen. Auch heute sieht man die Berge, auch wenn sie im Laufe des Tages vermutlich wieder verschwinden werden. Heute ist mehr los auf der Straße als gestern. Von Ruhetag keine Spur mehr. Aber mich interessieren heute die Autos und Menschen direkt vor meiner Nase nicht.

Von meinem Fenster aus sieht man eine Handvoll hoher Gebäude und ich weiß bei keinem, was es eigentlich ist. Vor allem das orangene Gebäude hinten links hat ein spannendes Äußeres. Ist es so zerklüftet aufgrund von Balkons, ist es also ein Wohnhaus? Vielleicht doch eher eine Fabrik? Oder eine Mischung aus Fabrik und Bürogebäude? Unten musste man ein Stück auslassen, weil da Rohre und andere Steam-Punk Geschichten durchgehen, wie das bei Fabriken nunmal so ist. Und dann dachte sich die Architektin, hmm, warum nicht einfach obendrauf rechteckige Büros setzen?


Blick_Fenster_Nov2

Jana

Tag 2. Die Tauben sind weg. Als ich mich an die Tasten gesetzt habe, saßen die Verliebten noch auf dem Metallgitter, das das Dach umrandet. Einen halben Meter Abstand zwischen sich. Vielleicht ein Zeichen, auch wenn ich etwas anderes hoffe. Der blaue Kran im Hintergrund hat seit dem Foto die Position gewechselt und steht nun wieder da wie gestern. Räumlich hinter dem gelben Kran und etwas unterhalb ist noch ein rot-schwarzer Kran. Ganz schön viele Baustellen. Erklärt, dass statt dem Glockgeläut von gestern das Wummern von Baumaschinen durchs geschlossene Fenster dringt. Die Sonne kämpft sich gerade durch den grauen Wolkenteppich und blendet mich. Ein leichter Wind lässt Blätter tanzen. Die Kirchtürme von St. Benno wachen wie jeden Tag über dem Viertel.
Ich habe diesen Blick aus meinem Küchenfenster schon immer als wunderschön empfunden, seit ich hier wohne. Eine kleine grüne Oase inmitten der Stadt. Ich vermisse das Taubenpaar, aber morgen ist es ja vielleicht wieder da.


Carmen
NaNoWriMo: 1519/20.000 Wörtern im Romanprojekt

November, der graue, nasse Monat. Es regnet, das macht die Straße lauter. Die Berge verstecken sich hinter dem Regen. Wir sind erneut im Lockdown und ich habe mich gefragt, ob ich es merken würde. Fahren weniger Autos? Wie viele Menschen stehen an der Haltestelle?
Ich habe 3 vorbeilaufende Personen gezählt, alle unter einem Regenschirm versteckt. Die Berge, die Menschen, alle verstecken sie sich. Nur einer, einer hatte heute morgen vergessen, sich zu verstecken. Als ich das Fenster öffnete, überraschte ich ihn, den kleinen Marienkäfer. Keiner dieser Klischee-Rot mit schwarzen Punkten-Marienkäfer, sondern so ein orangener mit einem wolkenartig gemusterten Schwarz. Ich hatte was über eine Marienkäferplage gelesen, aber hier oben in der Wohnung an der Hauptstraße gibt es nur Frucht- und Trauerfliegenplagen. Keine Wespen, keine Käfer, keine Spinnen. Hier oben lebt nur der Mensch.
Der Marienkäfer fiel auf den Rücken, als ich das Fenster öffnete, strampelte erst mit den kleinen Beinchen und stellte sich dann tot. Ich drehte ihn um und setzte ihn wieder nach draußen, denn kalt ist der November nicht. Lang lebe der Klimawandel. Draußen ist es lebensfreundlicher als hier drin.


Jana

Der Himmel ein bleiernes Grau. Über allem hängt ein grauer Schleier, Farben matt und müde. Selbst die Kirchtürme haben Mühe, durch den Schleier sichtbar zu sein. Ein leichter Regen fällt. Alles ist still. Kein Baulärm, keine Leute unterwegs, keine Tauben. Die einzelne Krähe, die gerade noch auf dem Dach des Nachbarhauses saß, hat sich verdrückt. Irgendwohin, wo es wärmer und trocken ist, hoffe ich. Im Radio haben sie gesagt, dass heute der perfekte Tag für den Lockdown ist. Also zu Hause bleiben, die Kuscheldecke nehmen, Tee kochen, Filme schauen. Das Grau macht mich müde und ich muss mich konzentrieren, die nass-glänzenden farbigen Blätter wahrzunehmen und anzuerkennen, dass immer noch etwas strahlt da draußen. Ein paar bunte Schirme ziehen vorbei, ein Mann in einer knallroten Regenjacke. Regen. Nein, heute kein Fröhlich-munter-trallala. Wo ist meine Kuscheldecke?

 

Carmen
NaNoWriMo: 1750/20000 Wörtern im Romanprojekt

Puh, ist das heute früh. Nach draußen soll ich schauen? Lieber lege ich meinen Kopf auf die kalte Fensterbank und schlafe weiter. Ich sehe nicht viel, die Fensterscheibe spiegelt. Die Nacht war kurz, hinter mir läuft CNN, vor mir läuft CNN, nur spiegelverkehrt. Nachher, um 6 Uhr soll ich mich mit anderen Schreibwütigen per Videochat treffen, um eine Stunde zusammen den NaNoWriMo anzugehen. Ich erinnere mich nicht mehr, warum ich zugesagt hatte, so früh… Schlafen. Warum mach ich auch die Nacht durch, so jung bin ich nicht mehr. Und wir wissen alle, wie es beim letzten Mal ausgegangen ist. Ich bedauere heute noch, den Sieg der Föhnfrisur vor 4 Jahren nicht einfach verschlafen zu haben. Konzentriere dich! Ich soll etwas beobachten. Für den Blog. Ich schaue. Ich schaue fester. Ich vermisse meine Kaffeetasse, wo ist meine Kaffeetasse? Ah. leer. Vielleicht sollte ich mir noch einen grünen Tee aufbrühen. Oder mit Streichhölzern die Augenlider vorm Zufallen blockieren. Schau! Zum! Fenster! Raus! Na gut. Also: Draußen ist es dunkel. Gute Nacht!


Jana

Heute lugt ein Streifen Blau am Ende der grauen Wolkendecke. Es sind viele Vögel unterwegs. Kleine Kohlmeisen (ohne Gewähr) hocken in den obersten dürren Zweigen des Baums am nächsten zu meinem Fenster. Jetzt wurden sie aufgeschreckt und fliegen davon. Auch große schwarze Krähen fliegen zwischen den Häusern hin und her. Der Himmel ist heute wieder eine graue Wolkendecke, aber für mich wirkt sie gerade weiß und kuschelig und alles andere als grauer November. Vielleicht liegt das am Blau im Hintergrund. Mein Taubenpaar ist nicht zu sehen. Die Kräne sind immer noch da, beständige Zeugen meines Rituals, und heute sind auch die Kirchtürme wieder klar zu sehen. Ich habe das Gefühl, die Bäume haben in den letzten Tagen einige ihrer verbliebenen Blätter verloren. Veränderung ist immer auch ein Abschied. Vom Sommer. Vom Jahr. Zeit zum Nachdenken.

Carmen

NanoWriMo: 2537/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Grau und trocken. Als ich das Fenster öffnete, fühlte es sich kalt an, sehr kalt. Trotzdem sehe ich relativ viele Menschen, Fußgänger, Fahrradfahrende, nur vereinzelt Wartende an der Haltestelle. Gestern titelte ein Online-Magazin: „Die Angst vor Corona hat sich abgenutzt“. Ist es das, was ich beobachte? So viele Menschen unterwegs, weil sich die Angst abgenutzt hat. Oder ist es das Gegenteil – Menschen, die trotz Kälte zu Fuß oder per Fahrrad unterwegs sind, weil sie unterwegs sein müssen und versuchen, die Öffentlichen zu vermeiden? Immerhin, es ist kurz vor 9, vielleicht ist es auch einfach ein normaler Tag kurz vor Büroöffnung. Sollten die nicht Home Office machen?
Irgendwann, fast unbemerkt durch alles andere, hat dieses Jahr ein weiteres Bürogebäude gegenüber eröffnet. Hübscher als der hässliche, weiße Klotz mit den unheimlichen Zimmerpflanzen, aber das war ja keine Kunst. Allerdings – welche „normalen“ Gebäude sind schon wirklich hübsch? Bürogebäude, wenn sie nicht gerade von den fancy reichen Firmen geplant werden, werden von Investoren hochgezogen, um sie dann an jede hundsgewöhnliche Firma zu vermieten. Rutschbahnen, Ruheräume für den Power Nap und Urban Gardening auf dem Dach will sich nicht jede Firma leisten. „Macht mal was mit rechteckig und Glas“, wurde beim neuen Nachbarn wohl in der Planung gesagt. Falls sie sich an dem Tag ein klein wenig fancy gefühlt haben, kam vielleicht „und was mit feng shui“ dazu. Feng shui in Europa ist einfach: Irgendeiner der Knöpfe im Aufzug steht etwas weiter raus und ist rot, die WCs kontraintuitiv eingeplant und es gibt viele, möglichst große Zimmerpflanzen und großen Blumenkübel…

… Mist!
…hoffentlich nicht noch ein gruseliges Bürogebäude unter der blutdürstigen Herrschaft von Zimmerpflanzen in meiner Nähe. Nur die Ruhe, noch laufen Menschen auf der Straße. Noch gibt es kein Indiz dafür, dass der neue Nachbar Feng Shui macht.


Nov5

Jana

Heute blicke ich mal nicht aus dem Fenster, sondern sitze davor, auf dem Balkon, eingekuschelt in die schon häufig genannte Kuscheldecke. Die Sonne brennt auf meinem Gesicht, und ich bitte alle Tippfehler zu entschuldigen, ich sehe meinen Bildschirm eigentlich gar nicht. Aber es ist so schön, die Luft ist angenehm kühl und frisch, die Vögel zwitschern, die Sonne wärmt. Ab und zu fährt ein Auto auf der Straße unten vorbei, irgendwo in der Nähe piept ein Lastwagen beim rückwärts fahren, aber sonst ist es angenehm ruhig. Um mich herum sind Töpfe aufgereiht, die letzten Balkonpflanzen, die der nächtlichen Kälte noch nicht nachgegeben haben. Es blinkt weiß und rot und rosa. Ein paar Spinnweben zieren die Brüstung, ihre Bewohnerin ist aber nicht zu sehen. Unten zur Straße hin entdecke ich ein Tor ohne Zaun. Nur die verschlossene Tür in ihrem Rahmen, links und rechts frei. Ich kann mich nicht erinnern, diese Tür schon einmal gesehen zu haben, aber sie sieht nicht neu aus. Vielleicht ist mir nicht aufgefallen, einen Sinn hat sie ja offensichtlich nicht und das Gehirn muss ja sortieren, worauf es achtet und worauf nicht. Eine Tür, die kein Hindernis darstellt, die nicht entscheidet über Zugang oder eben kein Zugang, fällt schnell durch die Sortierkriterien. Ihrer eigentlichen Funktion beraubt, ist sie aber ein guter Anfang für eine Geschichte. Was hat sie mal verschlossen? Warum hat man sie stehen lassen, als man links und rechts den Zaun entfernt hat? Ist es nur eine dieser berühmten Zwischenlösungen gewesen, die ewig halten? Und was ist mit der eigentlichen Lösung passiert? Und sehe vielleicht nur ich diese Tür, denn welcher vernünftige Eigentümer lässt so etwas stehen? Wo führt diese magische Tür hin? Und warum hat mein Timer sich nicht nach fünf Minuten gemeldet? Fragen über Fragen…

P.S.: Da der Balkon nicht mein eigener ist, heute ein Bild von gestern, weil es so schön ist und zum heutigen Tag passt.

Jana

Heute habe ich den Tag nicht mit meinem Fensterblick begonnen – und tatsächlich habe ich ihn vermisst. Irgendwie war der Tag dann viel zu schnell da und ich viel zu schnell im Tun und Machen und überhaupt, welches Wetter ist eigentlich? Wie sieht es draußen aus? Ist überhaupt ein Tag?
Es war dann ein Tag und er war irgendwie… na ja… und Kopfschmerzen kamen dann auch noch, aber die sind jetzt immerhin weg und ich dachte mir, dann schließe ich den Tag eben mit dem Fensterblick. Und siehe da: Es ist dunkel. Einige Fenster in den umliegenden Häusern sind erleuchtet. Ein Fernseher läuft, eine Nachbarin steht in der Küche, bei den restlichen Fenstern müsste ich raten, was dahinter passiert. Familien beim Abendbrot, Bücher werden gelesen, ein älteres Ehepaar tanzt zu Sinatra, eine Modelleisenbahn dreht ihre Runden, Rechnungen werden bezahlt, über andere Rechnungen wird geweint. In der Fensterscheibe spiegeln sich mein Laptop und meine angestrengte Stirn, ich sollte mich entspannen sagen die Kopfschmerzen, die noch im Hintergrund drohen. Ein wunderschöner Blumenstrauß steht auf dem Fensterbrett. Ich lächele.

Carmen

7. November
NanoWriMo: 3802/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Es ist Samstag und langsam fällt mir die Decke auf den Kopf. Ich bin seit zwei Wochen in Quarantäne, schaue jeden Tag nach draußen will doch selbst da draußen sein. Heute scheint es draußen sehr angenehm zu sein, die Leite tragen noch nicht einmal dicke Mäntel. Sie gehen entspannt, nicht so als würden sie dem Draußensein entfliehen wollen. Ein bisschen beneide ich sie. Ein paar Stunden noch muss ich ausharren. Wenn ich Pech habe, noch bis Montag, vorausgesetzt, ich bin nicht positiv.
Wobei der Unterschied zwischen Quarantäne und Kontakte-während-des-Lockdowns-verringern jetzt nicht so groß ist. Der Unterschied wird sein, dass ich meine Einkäufe selbst erledigen und meinen Müll selbst hinunter tragen kann. Die frische Luft bekomme ich nicht mehr nur durch das Lüften, sondern durch etwas Bewegung im Freien.

Eine Weile noch beobachte ich die Menschen unter mir, die entspannt durch den November flanieren, als ich ES entdecke. Ich erstarre, schaue genauer hin.
Und erkenne.
Es ist soweit! Es passiert!
Ich sehe es, klar vor meinen Augen: Eine der Zimmerpflanzen aus dem hässlichen Büroklotz gegenüber lässt sich von einer menschlichen Sklavin zu neuen Jagdgründen tragen. Dabei habe ich auch diesmal nicht gesehen, dass ein Mensch da drin war. Nur dass er herauskam. Absolut kurios. Ich habe es die letzten Tage nicht wahrhaben wollen. Unter meiner Nase. Passiert es jetzt gerade.
Bleibt drinnen, schützt euch! Die Pflanzen kommen und niemand weiß, welche Menschen bereits unter ihrem Einfluss stehen!


Jana

Ich blicke auf den Sonnenuntergang. Tiefes Orange, warmes Gelb, Blassgelb bis ins Weiß, dann grünlich, hellblau und schließlich alle Blautöne bis fast Schwarz. Vom Horizont bis in den Himmel, unendlich hoch und weit über uns. „You can´t take the sky from me“* ist eine meiner Lieblingszeilen, ich habe sogar mal überlegt, sie mir auf die Schulter tätowieren zu lassen. Sie ist mein Motto, mein Strohhalm, alles kann ganz furchtbar sein, aber da ist etwas hinter dem Horizont, über den Wolken, ein Ort irgendwo in dem großen weiten Universum, wo es besser ist als hier und dort kann ich im Notfall hin. Wie auch immer ich das anstelle, hat nicht wirklich etwas mit Logik zu tun, glaube ich. Eher geht es darum, mir einzugestehen, dass es Dinge gibt, die ich nie wissen werde. Dinge, die ich nie verstehen werde. Dinge, die ich nicht kontrollieren kann. Es wird immer etwas geben, was noch da ist, noch unentdeckt. Oder schlicht: Es geht weiter, egal was kommt, es geht weiter, es kommt ein neuer Tag, neue Möglichkeiten. Am Ende ist alles gut und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende. Noch so ein Lieblingssatz von mir. Am Ende dieses Textes jedenfalls, ist es dunkel, aber das muss ja nichts Schlechtes sein.

*aus dem Titellied zu Serie „Firefly“

Carmen
NaNoWriMo: 3900/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Gestern war Ruhetag. Mein Ich-bin-zwar-in-Quarantäne-und-hätte-wirklich-Zeit-aber-heute-schaue-ich-Serien-und-die-Welt-soll-mich-bloß-in-Ruhe-lassen-Tag. Man erkennt es am Word-Count.
Der heutige Morgen symbolisiert meinen gestrigen Kopf recht gut – „dull“, geschlossen, undursichtig. Man sieht nicht weiter als ein paar Meter. Die Sonne ist irgendwo, es ist hell, aber wo genau erkennt man nicht. Die Gefahr ist groß, sich zu verirren und ich hatte mich verirrt. Ich schrieb an zwei Szenen gleichzeitig und blieb in beiden Szenen gleichzeitig stecken.
Nicht schlimm, kann passieren, nicht entmutigen lassen. Weitersuchen, weitschreiben. 
Darauf warten, bis sich der Nebel gelichtet hat, dann wird es ein wundervoller, klarer Tag.

Überhaupt finde ich, dass Nebel ein unterbewertetes Wetterphänomen ist. Mir fallen nur klischeebeladene Nennungen ein: Nebel im Krimi – und der Mörder verschwand. Romantischer Nebel im Morgengrauen – Elizabeth streift durch die morgendlichen Wiesen und trifft ihren Mr Darcy. Londoner Nebel, undurchdringbar.
Warum nicht mal einfach einen sinnlosen Nebel einbauen? Nebel, weil nun einmal Nebel ist. Er stört niemanden. Er hilft niemandem. Er ist nicht romantisch, er ist nicht gruselig, er ist.
Weil er nunmal manchmal ist.
Vielleicht bastele ich aus Trotz dem Klischee gegenüber eine Nebelszene ein, grundloser Nebel. Vielleicht mein Durchbruch aus dem Nebel. Eine neue Szene beginnen. Die anderen beiden stehen lassen. Nicht dran weiterarbeiten. Es wird sich ergeben. So wie sich der Nebel irgendwann der Sonne ergeben wird.


Novemb8

Jana

Die Sonne strahlt in den Innenhof (der Nebel hat sich ergeben 😉 ). Ein Mischmasch aus leuchtendem Grün, Gelb, Orange und Rot. Kondensstreifen über blassblauem Himmel (Chemtrails? Muss ich mir Sorgen machen?). St. Benno wacht wie immer über das Viertel, die Kräne sind auch noch da, stumm und bewegungslos ragen sie fast so hoch wie die Kirchtürme. Es ist auffallend ruhig. Keine Vögel in den Zweigen oder auf dem benachbarten Dach. Keine Spaziergänger unterwegs. Halt, doch! Gerade kreuzt ein Rollerfahrer den Innenhof. Eigentlich lädt die Sonne zum Spaziergang ein, aber ich habe heute einfach keine Lust, ich bin so müde. Die Milch für den Kaffee ist alle und ohne mag ich keinen, ich versuche es gerade mit Mate-Tee. Wo war ich? Herrliche Herbstfarben vor meiner Nase. Wenn ich das Fenster öffne, bekomme ich auch frische Luft und einen Sonnenstrahl auf die Nase. Heute mal alles in Lightversion. Einen schönen Sonntag, wünsche ich.

Nov9

Jana

„Wie Sie sehen, sehen Sie nichts.“ Wo kommt dieser Satz eigentlich her? Nennt man so etwas ein „geflügeltes Wort“? Wo fliegt es hin? Von Mund zu Mund und schon kennt es jeder. Irgendwie so vermutlich. Nebel. Carmen hat gestern so schöne Dinge zum Nebel geschrieben. Dass er immer missbraucht wird in Geschichten, um etwas gruselig und/oder undurchsichtig zu machen. Undurchsichtig ist mein Blick heute allemal. Ich glaube, Nebel kann gar nicht neutral wirken, ich tue mich jedenfalls schwer damit, dass mein Sehsinn so eingeschränkt ist. Ich will doch wissen, was los ist! Kontrollsüchtig. Ja, ich, schuldig. Nicht wissen, was genau los ist, nicht wissen, wie ich mich verhalten soll, nicht wissen, was von mir erwartet wird. Das sind Felder, in denen ich mich höchst unwohl fühle. Zumal ich immer das Gefühl habe, dass alle um mich herum das Handbuch nicht nur gelesen, sondern auswendig gelernt haben. Aber vermutlich stimmt das gar nicht. Nebel hat die Eigenschaft, alle gleich zu behandeln, also tappen die Leute um mich herum ja durch die gleiche Suppe. Ich sehe einen Lichtstreif am Horizont. Bald habe ich wieder den Durchblick!


Carmen
NaNoWriMo: 5584/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Eben war es noch so neblig wie gestern, wenn nicht sogar nebliger. Ihr seht es auf Janas Foto: so nah, so real. Ich öffnete das Fenster, um den Mief der Nacht hinaus- und den neuen Tag hereinzulassen und da dachte ich, ich könne danach greifen. Ich dachte, jetzt kommt zu mir und leistet mir Gesellschaft.

Kennt ihr die Trilogie der Nebelgeborenen von Brandon Sanderson? Warum ist mir sein Nebel gestern nicht eingefallen? Da ist der Nebel körperlich, lebend, bedrohlich und hilfreich und gut und schlecht zugleich. Sanderson sagt, die Idee hätte er gehabt, als er mit dem Auto in eine Nebelwand fahren musste und ihn gespührt hatte, den Nebel.

Doch wenn ich jetzt hinausschaue, dann ist da keine Spur mehr übrig. Klare Sicht bis zu meinen Bergen, meine Berge, die dort stehen, um mir einen schönen Tag zu wünschen. Das wünsche ich ihnen auch. Euch allen.
Euch allen einen guten Start in die Woche.

Carmen
NaNoWriMo: 5840/20.000 Wörtern im Romanprojekt

Heute habe ich mich auf die Struktur meines Romanprojektes konzentriert,  was mich wird noch ein paar Tage begleiten wird.

Der tägliche Fensterblick ist in den Nachmittag gerutscht, die Sonne geht bereits unter. Zwischenzeitlich habe ich das Gefühl, dass es bald wieder länger hell sein wird. Dass die dunkle Zeit größtenteils überstanden ist. Eine irritierende Illusion.
Es ist November, der Lichtstreif, den ich heute am Horizont sehe, wird morgen um diese Zeit verschwunden sein.
Das kommt davon, wenn man ein Jahr drinnen verbringt. Dann denkt man irgendwann, das Jahr muss doch jetzt bald vorbei sein. Der Winter muss doch jetzt bald vorbei sein. Dabei hat der Winter noch gar nicht angefangen. Vielleicht wird der Winter dieses Jahr aber sowieso wieder ausfallen, so wie im vergangenen Jahr. Er wird versuchen, wegzubleiben, so wie das schwarze Schaf der Familie versucht, jede mögliche Ausrede aus dem Hut zu zaubern, um sich an Weihnachten  nicht den vorwurfsvollen Blicken der Verwandtschaft aussetzen zu müssen.

Wenn der Winter ausbleibt, wäre das nicht schön??? Für die Natür vermutlich katastrophal, aber für uns? Mehr Möglichkeiten, draußen etwas zusammen zu unternehmen. Wir, die sich nicht treffen sollen, die Abstand halten sollen, die neuerdings empfindlich auf die Aussicht reagieren, Freunde in geschlossenen Räumen zu treffen. Was für eine Resonanz diese Wörter auf einmal haben. Freunde. In. Geschlossenen. Räumen.

„Freunde in geschlossenen Räumen“
Wie diese Geschichte wohl ausgeht?

Ich wollte mich auf den Lichtstreif am Horizont konzentrieren und bin dazu übergegangen, Freunde mit dem Teufel im Bunde zu sehen.
Ein paar Zeilen schreiben. Dazwischen kann alles passieren.

Jana

Mein PC ist heute unglaublich langsam. Computer werden immer langsamer, je öfter man sie benutzt. Als müsste sich das arme Gerät alles merken, was man tut und wahrscheinlich tut es das auch. Ich könnte es ja eines Tages fragen, was ich am 14.9.2017 so getan habe, und dann gäbe es bestimmt irgendwo eine Datei, die das ganz genau aufschlüsselt. Es muss so sein, sonst finde ich keinen Grund, warum ich gefühlte zehn Minuten davor sitze, bis sich Papyrus endlich öffnet und mir meine Fensterblicke der letzten Tage zeigt. Gefühlte Zeit, in echt war es vielleicht die Hälfte, wenn überhaupt, und sollte ich nicht eigentlich froh über fünf Minuten geschenkte Zeit sein? Da konnte ich schon mal in Ruhe aus dem Fenster schauen: Graue Wolkendecke, bunte Blätterfarben, die Kräne stehen genau so da, wie die letzten Tage – passiert auf diesen Baustellen jemals etwas? Moment, der blaue Kran hat sich ein Stück bewegt, aber die anderen zwei? Vielleicht ein Baustopp? Oder ist es zu kalt, zu neblig, zu was-auch-immer? Sind die schon mal aufgestellt für eine Aufgabe, die noch kommt? Vorbereitung ist alles!
Heute ist mir zum ersten Mal ein großer grün-orange-roter Blumenstock auf dem Balkon meiner Nachbarn aufgefallen. Verrückt, dass ich diesen bunten Farbfleck nicht schon eher bemerkt habe. Und neu wird er wohl nicht sein, oder gibt es Balkonpflanzen, die erst im November gepflanzt werden? So ist das, mit dem nach draußen schauen, es gibt so viele Details, die man nicht sieht oder wenigstens nicht bewusst wahrnimmt. Wie viel habe ich schon verpasst? Wir sollten uns mehr Zeit nehmen, aus dem Fenster zu schauen. Wir entdecken bestimmt großartige Dinge und für die Seele ist es allemal gut. Das habe ich zumindest gelesen. Als ich mal wieder auf etwas warten musste und man kann ja so eine Wartezeit nicht nutzlos verstreichen lassen und einfach nur irgendwohin schauen, wo dann vielleicht gar nichts ist, oder?

Carmen

NaNoWriMo: siehe Zahl vom 10. November. Viel Arbeit an der Struktur. Etwas unbefriedigend, wenn man sich den Word Count anschaut

Jana schrieb gestern über das, was uns nicht auffällt. Eine Menge. Ich habe versucht, die Herausforderung anzunehmen und darauf zu achten, was mir alles nicht auffällt. Es ist schwierig! Der Kopf versucht immer wieder, die Abkürzung zu gehen und auszublenden, was er nicht braucht. An einer der Hauptverkehrsachsen der Stadt dem Gehirn zu befehlen, achtsam zu sein… Ausblenden ist das, worauf es konditioniert ist. Der Dauerverkehrslärm, das Gehupe, die An- und Abfahrt der öffentlichen Verkehsmittel, das Rauschen. Also! Konzentration! Was ist mir die letzten Tage, Wochen, Monate, Jahre nicht aufgefallen? Reizüberflutung.

Vielleicht hilft zählen. Aber was? Autos? Nein ganz sicher nicht. Könnte ich die Zeit stoppen und alle einfrieren lassen, wären es schon zuviele. Häuser? Ich sehe von hier aus bis zu den Bergen, alles dazwischen ist ein einziges Häusermeer. Als würde man die Tropfen im Meer zählen wollen.
Ich tue es Jana gleich: Kräne! Aber das Zählen ist erneut nicht leicht. Sofort schaltet sich wieder das Gehirn dazwischen und versucht, sie auszublenden. Ich versuche, achtsam zu sein und zähle … 5.
Nein, doch 6. Den einen großen, direkt vor meiner Nase, habe ich übersehen. Wieder einmal ausgeblendet. Und das da hinten, etwas verschwommen? Könnte das ein Kran sein oder ist es doch nur eine Antenne? Also vielleicht sogar 7.
Und dann sehe ich etwas Neues. Etwas, das unerwartet kommt: von hier aus sehe ich den Eiffelturm. Wenn man von München aus nach Süden blickt, sieht man den Eiffelturm.


Jana

Der Himmel ist heute blau, durchzogen mit weißen Wolkenbändern. Man kann sehr weit sehen. Neben den Türmen von St. Benno blitzen die runden Kuppeltürme des Doms zu Unserer Lieben Frau über die Dächer der Nachbarhäuser. (Ich sagte ja, dass ich einen traumhaften Blick habe.) Auf dem Dach des Hauses nebenan suhlen sich zwei Tauben in der Regenrinne. Ist das schön, in so einer Regenrinne? Vielleicht passt die Rundung gut zu ihren Körpern, es sieht jedenfalls aus, als hätten sie es sehr bequem. In dem Baum am nächsten zu meinem Fenster saß heute Morgen eine Krähenfamilie. Zehn Vögel auf den blattlosen Ästen verteilt. Ganz ruhig und einträchtig genossen sie die Aussicht. Die Wolken haben heute ganz unterschiedliche Formen. Wölkchen und Schlieren und Tupfen. Die Sonne lässt manche Wolken leuchten, andere verschleiern nur ganz leicht das Blau. Hätte ich Ahnung, wüsste ich, ob das etwas für das kommende Wetter aussagt. So genieße ich einfach nur den Anblick. Heute ist ein wunderschöner Tag, um einfach mal nur aus dem Fenster zu schauen.

H

Jana

Drei Krähen betrachten den Sonnenaufgang. Auch ein schöner Buchtitel. Die drei Krähen sitzen im Baum vor meinem Fenster mit Blick nach Osten. Die aufgehende Sonne glitzert an einem der Kräne, der sich (Überraschung!) hin und her bewegt. Die Silhouette von St. Benno thront vor einem Himmel, der sich erst rot, dann orange, dann gelb verfärbt, bevor er in strahlendes Blau übergeht. Auch die runde Kuppel des Doms lässt sich heute wieder blicken. Ein rosa Wolkenband zieht über mir hinweg. Eine Spatzenfamilie fliegt vorbei und lässt sich auf einem anderen Baum, mit großen Abstand zu den Raben nieder. Dort sehen sie für den flüchtigen Beobachter aus wie übrig gebliebene Blätter. Ein Flugzeug hinterlässt einen Silberstreif am Horizont. Die Krähen halten in ihrer Betrachtung kurz inne und diskutieren etwas. Es scheint wichtig zu sein. Über mir zieht noch immer das Wolkenband, der Himmel leuchtet mehr und mehr. Ich glaube, das wird ein guter Tag werden.


Carmen

Und ob das ein guter Tag werden wird, liebe Jana. Und ob! Heute morgen wusste ich auf einmal, wie sich eine wichtige Nebenfigur in meinem Romanprojekt verhalten wird. Natürlich, es war absolut logisch, aber SO ein krasser Twist. Zumindest für mich. Ich saß da und war fassungslos: wird sie das wirklich tun? Natürlich, wird sie das. Ich hätte durch mein Zimmer tanzen können, wäre es etwas aufgeräumter und tatsächlich Platz dafür vorhanden gewesen. 

Habe ich nicht gesagt: wenn man morgens die Berge von mir aus sieht, wird es ein guter Tag. Jetzt ist es 10 Uhr und verdammt nochmal ja, das hier ist ein guter Tag! Vielleicht werde ich sogar ein bisschen aufräumen, nur um tanzen zu können.

Euch allen einen wundervollen Start heute ins Wochenende!

Carmen

Ich habe eine sehr schöne Morgen-Schreibrunde gefunden. Menschen, die ich vor zwei Wochen noch nicht kannte, mit denen ich jetzt regelmäßig morgens um 7:30 Uhr WhatsApp-Videochat-telefoniere, den Chat stummschalte und dann einfach eine bis zwei Stunden schreibe. Während sie mir und ich ihnen dabei zusehe. Lang lebe der NaNoWriMo, lang lebe die Technik.
Mein Handy stand heute morgen neben mir auf dem Schreibtisch und filmte nicht nur mich, sondern auch meinen Fensterblick.
„Wie hell und sonnig es bei dir schon ist!“, kam es von meiner Schreibpartnerin und sie zeigte mir ihren Fensterblick, eine graue, düstere Novemberlandschaft.

Als ich vor Jahren hierher gezogen bin, war ich es, die sich gewundert hatte, wie hell und trocken diese Stadt scheint. Wie wenig Regen hier fällt, gefühlt, Statistiken habe ich mir nie angeschaut. Vielleicht so eine Föhn-Geschichte, dachte ich. Sobald der Wind die Luft ein bisschen verwirbelt, stößt sie an die Berge und verliert einen Teil ihres Wassers. Dann regnet es anderswo, aber nicht hier. Das wäre meine „Ich hab keine Ahnung von Physik, weil hatte nie Physikunterricht“-Erklärung dazu. Falls der Sonnenschein morgens um 7:30 Uhr denn überhaupt einer Erklärung bedarf und es nicht einfach nur eine gefühlte Wahrheit ist, die in der Realität jeder Grundlage entbehrt. Wobei, was interessiert die Autorin in mir eigentlich die Realität. Wer, wenn ich nicht ich, hat denn die Macht, sich die Welt so zu formen, wie ich es will. Sommer, Sonne, Sonnenschein. Badeanzug, Sonnencrème und Freibadpommes. Diesen Winter mach ich mir die Welt, widewidewitt sie mir gefällt.

Jana

Die Sonne strahlt, weiße Kondensstreifen ziehen kreuz und quer über den blauen Himmel. Gerade kommt ein neuer dazu, beinahe gemächlich fliegt das Flugzeug über mich hinweg. Der Streifen blendet mich, so hell strahlt die Sonne ihn an. Im Hintergrund quert ein Hubschrauber die Szenerie, das Wummern der Rotorblätter dringt nur leise an mein Ohr. Manchmal hört es sich an, als würden die Hubschrauber im Innenhof landen, dann, wenn sie das Herzzentrum in der Nähe ansteuern. Aber dieser hat ein anderes Ziel. Vielleicht dient er der Verkehrsüberwachung.
Eine Krähe sitzt stumm und starr auf dem Schornstein schräg gegenüber. Ein Nachbar sonnt sich auf dem Balkon. Einige Tauben fliegen auf und verteilen sich in den Ästen des Baums an meinem Fenster. Noch ein Flugzeug, heute ist aber viel los am Himmel. Die Sonne wärmt durchs offene Fenster meine tippenden Finger, gleichzeitig streift ein kühler Wind meine Unterarme. Vom Spielplatz im Innenhof tönt Kindergelächter zu mir herauf, die Kirchturmuhr schlägt drei Mal. Ich habe keine Lust mehr hier zu sitzen und zu tippen. Ich gehe jetzt raus!

Jana

Der Himmel ist heute grau. Im Baum vor meinem Fenster hat sich der gesamte Krähen-Clan versammelt. Eltern, Kinder, Großelten, Urenkel usw. Mehr als zwanzig Tieren hocken in den Zweigen. Den oberen, so dünn wirken sie von hier aus, dass man meinen könnte, sie müssten unter dem Gewicht brechen, aber nein, sie halten. Eine der Krähen balanciert sogar auf dem obersten Ast, herrschaftlich überblickt sie alles: Das Viertel, die Stadt, ihre Landsleute. Ob sie der Clan-Chef ist? St. Benno wirkt heute winzig neben dieser Übermacht. Ich muss an Hitchcocks „Die Vögel“ denken. Mich überfällt ein leichter Schauer: Das Grau, die Krähen, die Schatten in meiner Küche. Die perfekte Szenerie für einen Horrostreifen. Aber jetzt ist das Licht in der Fahrerkabine des blauen Krans angegangen, der heute tatsächlich mal in die gegensätzliche Richtung zeigt wie sonst. Ein kleiner beruhigender Schimmer. Ich sehe auch Lichter in den Nachbarhäusern und Menschen im Innenhof. Die Herrschaft der Vögel ist nicht ausgebrochen. Noch nicht.
(Nachdem ich den Text quer gelesen habe, sind die Vögel aus dem Baum verschwunden, das Grau des Himmels hellt auf.)


Carmen

NaNoWriMo: 1005 Wörter nach dem Neustart

Die Nacht hat es geregnet. In der Früh bin ich aufgewacht und habe wie immer erst einmal das Fenster groß aufgerissen und dadurch eine Pfütze auf dem Schlafzimmerboden hinterlassen. Das kommt davon, wenn man noch zwei Tage zuvor sich darüber auslässt, wie hell und trocken die Stadt ist. Aber ein paar Tropfen Regen sind ja noch kein Gegenbeweis. Und fünf Minuten Regen bestätigen eher die Regel, denn jetzt ist er schon wieder weg, der Regen, und die Straßen schon fast wieder trocken.
Jana schreibt so häufig über die Krähenfamilie und die Vögel, die sie beobachten kann. Ich habe das Gefühl, bei mir gibt es keine Tiere. Nicht hier, so hoch oben, so nah an der Hauptstraße. Hier ist es zu hektisch, zuviele Autos, Lastwagen, Menschen, Busse. Taubenspikes auf jedem Schild, an jeder Dachrinne, auf jedem Geländer. Dazu kommt, dass es fast keine Bäume gibt, hier in der Umgebung. Dabei wurde beim Neubau des Glaskastens gegenüber darauf geachtet, ganze zwei Bäumchen mit einzupflanzen. Man erinnere sich: Feng Shui und so. Aber die Bäumchen sind noch jung, keine zweieinhalb Meter groß und habe bereits alle ihre Blätter verloren. Die könnten im Moment noch nicht einmal einen Spatz tragen, so fragil sehen sie aus.

 

Jana

Der Tag bricht an. Am Himmel rosa Schlieren neben dunkelgrauen Wolkenbändern. Schwarze, blattlose Äste und Zweige vor hellblauem Grund. Eine Krähe auf dem höchsten Zweig, ganz offensichtlich mögen Krähen den Morgen genau so gerne wie ich. Der Tag ist noch jung, alle Möglichkeiten noch vor einem. Und gerade dieser helle Morgen verspricht einen zumindest sonnigen Tag. Natürlich gibt es so viele Dinge, die nicht vom Wetter abhängig sind und die einem den Tag vermiesen könnten. Für mich ist es der dritte Tag in einer komplett neuen Umgebung, das flaue Gefühl im Magen kann ich noch nicht wegargumentieren. So sehr ich es mag – neues Umfeld, neue Möglichkeiten, neuer Tag – es ist auch anstrengend, immer Neues an sich heranzulassen. Das Gewohnte, das Altbekannte, ein Wohlfühltrott hat durchaus etwas für sich. Und ein bisschen Trott nehme ich ja mit in das Neue, nämlich diesen Fensterblick.
Ich glaube, ich möchte Freundschaft mit dieser morgenliebenden Krähe schließen, die da gerade über allem thront, hoch, höher, am höchsten. Wie schön muss der Blick von dort sein? Ich beneide sie darum. Und nicht nur ich. Die Verwandtschaft ist gerade gekommen und hat sie verscheucht. Sie muss nun einen halben Meter tiefer sitzen.



Carmen

NaNoWriMo: 1740 Wörter nach dem Neustart

Ich sollte meine Fenster putzen. Wenn die Sonne so hereinstrahlt, sieht man die Schlieren des Wassers nur zu gut. Im März, gefühlt war es gestern, habe ich Fensterfolie an meine Fenster geklebt, die die Sonnenstrahlen im Sommer zurückwerfen sollten, so dass es hier drin nicht so warm werden würde. Ein kleiner verzweifelter Versuch, sich vor den kommenden Sauna-Monaten zu schützen. Um die Fensterfolie aufzutragen musste Seifenwasser, viel Seifenwasser genutzt werden. Und als das Seifenwasser getrocknet war, gab es überall schöne Seifenmuster an den Fenstern. Seitdem habe ich mich nicht mehr getraut, mit neuem Wasser das Glas zu berühren. Wenn sich die Folie nun wieder löst, wenn sie nass ist? War dann die ganze Mühe im März umsonst?
Nachdem man die Schlieren nur dann sieht, wenn die Sonne im richtigen Winkel hereinscheint, denke ich die meiste Zeit eh nicht dran. Aber jetzt. Jetzt sehen sie doch ziemlich schlimm aus.
Fensterputzen also auf die To Do Liste. Mist. Morgen öffne ich das Fenster wieder vor dem Fensterblick. Weniger Stress. Mehr Verdrängungsmöglichkeiten.

Carmen

NaNoWriMo: 3689 nach Neustart

Ein bisschen klar, ein bisschen trüb. Bestes Wetter. Eigentlich bräuchte man eine Dachterrasse, eine Yogamatte und dann würde man sich – natürlich – jeden Morgen bei Wind, Wetter und Gurkenwasser, aber natürlich bevorzugt bei Sonnenschein, erst einmal 30 Minuten um die eigene Fitness kümmern. So etwas tun Leute doch mit einer Dachterrasse, oder nicht? Und dann stellen sie dazu Youtube-Videos online, damit Menschen ohne Dachterrasse erkennen, dass es nicht an ihnen liegt, dass sie keinen Frühsport machen, sondern nur an der fehlenden Dachterrasse. Was sehr nett ist von den Dachterrassenbesiter*innen, uns diese Schuldgefühle und den Selbsthass zu nehmen.

Man kann Menschen ja immer in unterschiedliche Gruppen einteilen. Eine mögliche Einteilung lautet wie folgt:
Dachterrassenbesitzer*innen, Gartenbesitzer*innen, Menschen mit einer Grünanlage in der Nähe, Nichts davon.

Bei den ersten drei Gruppen gibt es – selbstverständlich – Überschneidungen. Die letzte Gruppe, mathematisch logisch, ist komplett außen vor. Nun muss jede für sich selbst erkennen, zu welcher Gruppe sie gehört und wenn ja, ob Schach vielleicht eine Alternative ist.


Jana

Was für ein Leuchten! Ein Foto könnte das nie zeigen. Die Sonne schiebt sich ganz langsam über das Dach des Nachbarhauses und strahlt dabei die Türme von St. Benno an. Es hat etwas Magisches, ja vielleicht sogar Göttliches. Licht, das durch Kirchenfenster fällt. Ein erleuchteter Altar, ein lichtdurchflutetes Kirchenschiff, Sonnenstrahlen, die durch Kuppelfenster auf den Boden fallen. Kirchen können magische Orte sein. Obwohl ich nicht gläubig bin, zählen Kirchen für mich zu den Orten, in denen ich Ruhe finde. Jetzt hat die Sonne das Dach überwunden und strahlt direkt in meine Augen. Ich muss mich kurz umsetzen.
Orte der Ruhe, Orte der Stille. Bibliotheken, Kirchen, Natur. Orte, die mich runterbringen, Orte, an denen ich einfach mal nur sein kann. Das Meer gehört auch dazu, obwohl es nicht still ist. Und laut ist es mir ohnehin am liebsten. Laut und tosend, so dass es die inneren Stimmen übertönt. In den nächsten Wochen will ich mich viel mit meinen inneren Stimmen beschäftigen und eigentlich möchte ich heute schon davor weglaufen. Es heißt immer, Akzeptanz sei der erste Schritt. Es ist, wie es ist. Aber ist es eigentlich gut? Oder wird es das nur? Oder?

 

Jana

Ich fühle mich wie eine kaputte Schallplatte, aber heute beobachten die Krähen wieder das Farbenspiel des Sonnenaufgangs. Und hatte ich schon erwähnt, wie wunderschön das ist? Und dass ich Morgen liebe? Obwohl ich heute furchtbar müde bin und daher leider mein Kopf auch nicht sehr viel mehr Wörter ausspuckt als schön, müde, Kaffee, schön… äh ja, das hatten wir schon. Vielleicht macht Ihr das auch mal, diesen Fensterblick. Morgens bevor man so richtig wach ist, so bereit für den Tag. Einfach hinsetzen und der Sonne beim Aufgehen zuschauen. Da passiert so wahnsinnig viel, ohne dass man etwas dafür tun muss. Einfach nur schauen und genießen und ab und zu am Kaffee nippen und das Gehirn in Betriebstemperatur bringen. Oder Tee. Oder beides. Werde ich jetzt auch tun. Ich wünsche Euch einen wunderschönen Tag!


Carmen

NaNoWriMo: 4100 nach Neustart

Es ist, wie es ist. Mein Mantra der letzten zwei Monate. Dinge ändern, die man ändern kann und akzeptieren, die nicht zu ändern sind. Jana stellte gestern die Frage nach dem „gut-sein“. Wenn es ist, wie es ist, ist es nicht unbedingt gut. Vermutlich sogar ganz im Gegenteil, sonst würden einem diese paar Worte nicht einfallen. Es ist, wie es ist. Der bewusste Gedanke daran, es akzeptieren zu müssen.
Aber wenn man diesen Schritt gegangen ist, den Schritt der Akzeptanz, folgt häufig die Befreiung. Es ist nicht zu ändern. Also ändere ich etwas anderes. Das, was ich ändern kann. Verbessere Details. Erfreue mich an den von mir arrangierten Details. Macht es das besser? Vielleicht. Vielleicht nicht. Ist es wirklich wichtig? Ergibt mein Geschwurbel hier Sinn? Naja, wie man sieht, ist es noch früh. Guten Morgen, Welt. Wenn du kurz Pause machst, packe ich hier mein Zeug zusammen und bin da. Halte Schritt. Bis gleich.

Jana

Die Wolken am Horizont türmen sich zu grauen Bergen auf. In Zeitlupe bewegen sie sich, steigen nach und nach höher auf und ziehen dann weiter. Wie ein eigenständiges undurchsichtiges Wesen, dass sich langsam in der Stadt ausbreitet und alles Leben verschlingt. Ich habe – wie immer – meine Krähen zu Besuch, die das Schauspiel ebenso fasziniert beobachten wie ich. Abgesehen von dem tödlichen Wolkenmonster sieht der Himmel heute freundlich aus. Hellblau, rosa, babyblau, ein beruhigender Farbmischmasch. Der gelbe Kran bewegt sich – Premiere! Überhaupt stehen heute alle Kräne anders als sonst. Da scheint ziemlich was los zu sein, dort in der Ferne, wo auch immer das genau ist. Freitag. Ein Tag zum Freisein. Ich wollte heute eigentlich den Fensterblick schwänzen, aber dann kam das graue Wolkenmonster und ich fing ganz automatisch im Kopf an, meinen Text zu verfassen. Und es ist schön zu wissen, dass dieser Monat mir jetzt schon einen achtsameren Blick aus meinem Fenster geschenkt hat. Zehn Tage noch, die Halbzeit ist ganz unbewusst an mir vorbei geschlittert.

Carmen

NaNoWriMo: 4800

Ein neues Experiment. Heute diktiere ich meinen Text. Alles, was hier steht, habe ich davor laut in meinem nicht mehr ganz so stillen Kämmerlein laut ausgesprochen. Es ist das erste Mal, dass ich einen Text diktiere. Ich bin gespannt, was danach dabei herauskommt.

Die Sonne scheint als ob sie kein Wässerchen trüben könnte. Aber es ist heute wirklich sehr kalt. Ich bin schon draußen gewesen. Ich habe das Gefühl, dass das Diktieren des Textes meinen Text nicht natürlicher, sondern sich umständlich gestaltet. Und dann stoppt die Diktat Funktion meiner App auch noch ständig ohne Vorwarnung. Gut, das ist kein längerer Text war, den ich versucht habe, zu diktieren. Das wäre ja ärgerlich gewesen. Ich teste diese Funktion heute, um herauszufinden, ob diktieren eine Möglichkeit ist, schnell meinen Roman zu schreiben. Schneller meinen Roman zu schreiben. Aber ich empfinde es als so umständlich, und so humorlos, dass ich geneigt bin, nur im Notfall darauf zurückzugreifen. Kein Fensterblick nach Draußen, sondern in die Zukunft.

Carmen

NaNoWriMo: 5903

Die Wolken erinnern mich an die Wolken aus dem Zeichentrickfilm „Der König der Löwen“. Langgezogen, schmal, mit einem Hauch Rosa. Sie sehen komplett körperlos aus, einfach auf den Himmel drauf gemalt. Kein 3D sondern nur 2D.

Es ist heute ruhiger draußen, ein paar wenige Fußgänger ein einzelner Radfahrer, kein einziges Auto in Bewegung. Ich höre die Autos, sie können nicht weit sein, aber vor meinem Fenster fährt keines vorbei.

Die Sonne steht direkt gegenüber von meinem Fenster, aber tief. Wenn sie im Sommer so tief steht, sieht man sie viel weiter östlich oder westlich und es ist viel früher oder viel später am Tag. Jetzt ist es fast Mittag und die Sonne steht tief. Willkommen im Herbst, der Winter steht vor der Tür. An einigen Schornstein steigt weißer Rauch empor. Habemus Papam, mehrfacht. Das habe ich die letzten Tage noch nicht beobachten können, das ist neu. Auch ein Zeichen dafür, dass es kalt wird: immer mehr Heizungen, die laufen. Ich kann mich ja nicht entscheiden, ob ich lieber eine eingeschaltete Heizung habe, oder frische Luft von draußen. Wenn die frische Luft nur nicht so kalt wäre. Am liebsten wäre mir ja beides: schön warm kuschelig hier drinnen, und trotzdem frische, klare Luft von draußen.

Lang lebe der Klimawandel.

Jana

Eine Krähe heult den Mond an. Natürlich ist da kein Mond und die Krähe heult nicht, es ist eher ein rauer gutturaler Ton, aber mir fällt partout kein passendes Wort dafür ein. Das ist das Pech an kurzen Schreibübungen, man kann nicht noch eine Weile über das gewünschte Wort philosophieren, es ist da oder eben auch nicht. Jedenfalls scheint die Krähe ihre Freunde/ Familie gerufen zu haben, jetzt sitzen wieder mehr Vögel in den Bäumen und betrachten das blaue-graue müde dahinziehende Wolkenband. Obwohl heute kein Farbenspiel am Himmel ist, hat der Morgen etwas Positives, Beruhigendes an sich. Das Grau ist kein trauriges, eher ein stilles. Es ist von hellen Flecken durchzogen. Die Kräne im Hintergrund stehen unbewegt, keine Menschenseele im Innenhof zu sehen. Irgendwo krächzen (und da ist das Wort!) und rufen ein paar Vögel. Da ist auch Zwitschern und Piepen und im Hintergrund rauscht Verkehr. Durch das offene Fenster zieht Kälte in den Raum. Schluss für heute.

Jana

Heute ist es noch sehr düster. Ich habe das Licht ausgemacht, um das Draußen besser sehen zu können und nun drohen mir die Augen wieder zuzufallen in diesem angenehmen Dunkel, wenn da nicht der Kaffeeduft wäre, der an meine Nase zieht. Mir fehlen irgendwie mindestens drei Tage Schlaf. Aber der wird ja auch überbewertet, habe ich gehört (Wer sagt sowas???). Wo war ich? Fensterblick! Sehr düster und grau, aber der Mann im Radio sagt, die Sonne kommt. Die Luft ist kalt und frisch, meine Krähen haben sich heute auf den Baum weiter weg von meinem Fenster verzogen. Warum? Ich nehme an, die Aussicht ist dort besser, er ist höher, aber das war gestern doch auch schon so. Liegt es am Wetter? Am Dunst? Weil heute Dienstag ist? Wo haben sie letzten Dienstag gesessen? Das Rauschen des Verkehrs ist heute lauter als gestern. Die Lampen im Innenhof leuchten. Der erste Nachbar hat eine Lichterkette um das Balkongeländer geschlungen. Nein, gerade sehe ich sie nicht, aber gestern Abend dachte ich, da muss ich heute Morgen unbedingt drüber schreiben. So sind sie, die Autor*innen, machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt.

Jana

Die Welt ist in diffuses Grau getaucht, noch gibt es keine Ahnung von Licht oder Sonnenaufgang, aber es ist schon irgendwie hell. Die Lampen im Innenhof leuchten, ein paar Fenster der Nachbarhäuser sind erleuchtet, die Lichterkette am Balkon des Nachbarn leuchtet wieder nicht. Weiß er denn nicht, dass ich mich darüber freuen würde, wenn ich morgens meinen Fensterblick mache? Ich finde das schon ein bisschen egoistisch von ihm, nur an sich zu denken. Die Krähen sammeln sich. Sind aus dem Bett gekrochen und treffen sich zur Morgenrunde.
– Und, was hast du so vor heute?
– Ein Eichhörnchen jagen.
– Ich will heute im Schlosspark Nymphenburg jemandem auf den Kopf kacken.
– Iih, das machen doch nur Tauben!
– Ich will halt mal meine spielerische Seite ausleben.
– Du bist doch nur eklig!
Oder so ähnlich. Was tun Krähen eigentlichen den ganzen Tag? Und wo schlafen sie? Schlafen sie überhaupt? Schlafen sie besser als ich? Führt Schlafmangel zu geistiger Verwirrung? Erstmal guten Morgen. Ich glaube, das Grau wird allmählich leicht bläulich. Ich kann mich aber auch irren.


Carmen

NaNoWriMo: 9300

Tack-Tack-Tack-Tack. takakakakakakakakakakakakakakakack! Tikektiketiketiketocktacktacktaktaktaktaktaktak. Tatütatatatütatatatütatatatütata.

Seit 7:30! Seit 7 Uhr f**ing 30, sind DIE der Meinung, direkt – direkt (!) unter meinem Fenster den Bürgersteig aufreißen zu müssen. Wie sehr habe ich die letzten Jahre gelernt, das Geräusch des Presslufthämmerns zu hassen.

Vor drei Jahren fing es an: direkt neben dem Haus wurden zwei neue Hotels gebaut. Es wurde gehämmert und abgerissen, als gäbe es irgendeinen Wettstreit zu gewinnen. Eines Tages kamen sie sogar mit solch fertigen Betonmauern, die sie in den Boden rammten, um direkt unter der Einfahrt einen unterirdischen Kontrollraum (?) für irgendelche Kabel und Rohre und was weiß ich zu kreieren. Sie hatten bereits ein einigermaßen – einigermaßen – passendes Loch gebuddelt, dann stellten sie die Betonwand oben an den Rand des Lochs, ein Bagger kam dahergefahren und haute so oft mit der Schaufel oben auf die Wand, bis sie halt eben unten im Loch drin stand. Unser komplettes Wohnhaus hat so stark gewackelt, dass sich einige neue Risse in den Wänden bildeten. Hat übrigens im Nachgang niemanden interessiert. Dieses „in den Boden rammen“ hat sich mehrere Tage über mehrere Stunden hingezogen. Extreme Stresssituation – stell dir vor, dein Zuhause ist mehrere Tage lang einem Erdbeben ausgesetzt. Du kannst nirgendwo hingehen, weil einfach alles vibriert. Dafür ist der Mensch nicht gemacht – wir wollen nicht über Stunden auf wackeligem Untergrund uns bewegen oder sitzen. Massagestühle sind die Ausnahme, die die Regel bestätigen.
Der Bau beider Hotels hat sich ungefähr zwei Jahre gezogen, da war es eine Freude, als der Winter kam: endlich ausschlafen können und nicht morgens sogar vor 7 Uhr durch presslufthämmern aufgeweckt werden.

Als die Hotels fertig waren, gab es einen kurzen Moment der Freude, bis sich herausstellte, dass vermutlich von anderen Menschen mit anderem Geld und anderen Interessen beschlossen worden war, dass da dieses Eckhaus (wo mittlerweile das hübschere der beiden hässlichen Bürogebäude steht) abgerissen werden müsste. Also wieder von vorne: presslufthämmern, als müsste man einmal durch die Erde durch nach China sich durchbuddeln. Das war noch einmal eine neue Größenordnung an Lärmbelästigung: übermotiviert wie die waren, starteten die jeden Tag um 6:30/6:45 mit presslufthämmern. Das ging über Monate. ÜBER MONATE! Egal, wie lange man tags zuvor wach gewesen war, gearbeitet hatte, gefeiert hatte, einfach nur nicht einschlafen konnte: ab 6:30 war an Schlaf oder Erholung nicht mehr zu denken. Nur noch an takatakatakatakatakatakatakatakatack! Etwas positives muss man über die neuen Bauherren allerdings sagen: Immerhin haben sie nicht versucht, das neue Gebäude in den Boden zu rammen, sondern haben es schön Stück für Stück aufeinander gebaut.

Aus welchem besch***enen Grund DIE jetzt ENDE NOVEMBER (???) auf beiden Straßenseiten vor meinem Fenster den Bürgersteig aufreissen müssen, interessiert mich einen verf***ten Sch***. Ich hasse Presslufthammer, ich hasse das Geräusch und die sollen mir bitte nur dieses Jahr meine Ruhe lassen. Danke für Nichts!

Ah und jetzt im Kanon: vorne Presslufthammer, hinten Laubbläser und irgendwo weiterhin eine Polizeisirene. Die Musikalität der Großstadt.

Jana

Habt Ihr die Sonne gestern genießen können? Ich hatte die Möglichkeit, in der Mittagspause auf den Monopterus zu schlendern und das Gesicht in die Wärme zu halten und den Ausblick zu genießen. Warum mir das jetzt einfällt? Na ja, draußen ist es wie gestern ziemlich grau. Ich habe mir heute mal das Bild vom 1. November angeschaut und da ist ein Teil der Bäume vor meinem Fenster noch mit roten, leuchtenden Blättern behangen. Jetzt sind alle kahl. (Am Wochenende gibt es ein Abschlussbild.) Die Krähen verteilen sich heute auf ihre beiden Stammplätze, eine Schar Spatzen flattert zwischen beiden hin und her und kann sich nicht entscheiden. Vermutlich sind Krähen nicht ihre Lieblingssitznachbarn. Ich habe schon lange keine Tauben mehr morgens auf dem Nachbardach gesehen. Vielleicht ist ihnen zu kalt. Die Kräne stehen heute gegensätzlich zum 1 November. Alles ist in Veränderung. Das ist das Einzige, was sicher ist. Oh, und St. Benno steht natürlich immer noch dort, wo sie immer steht und ihre Türme wachen über das Viertel.

Jana

Nebel hängt zwischen Bäumen und Häusern. Es ist eisig. Verträumt wie im russischen Märchenwald. Ein paar Knöpfe sind auf dem Weg in die Schule, die Schultaschen sind fast größer als sie selbst. Vielleicht begegnen sie heute dem Glasmännchen oder einem Gnom – auf jeden Fall soll es ein freundliches Märchengeschöpf sein. Es erfüllt ihnen einen Wunsch, jedem einen. Kekse, Spielzeug, den Weltfrieden. Was würde ich mir wünschen? Keine Ahnung, vielleicht dass alles so bleibt, wie es gerade ist. Im Großen gibt es zwar vieles, was nicht gut läuft, um nicht zu sagen besch*. Aber in meinem kleinen Wirkungskreis ist es gerade ziemlich okay. Und so ein Gnom oder Zauberwesen kann nicht die ganze Welt mit einem Wunsch besser machen, da muss man vorsichtig sein, was man sich wünscht. Ich denke, ich mache es mir einfach und gebe meinen Wunsch ab, an jemandem, der ihn dringender braucht. Der Himmel bekommt gerade rosa und blaue Tupfen und die Türme von St. Benno tauchen aus dem Nebel auf. Ich muss dann jetzt auch los… einen schönen Freitag und dass ein Wunsch von Euch in Erfüllung geht!

Jana

Der (vor)letzte Fensterblick. Obwohl ich es letzte Woche jeden Morgen geschafft habe und auch vorhabe, in Zukunft mir diese Viertelstunde Schreiben jeden Morgen zu erhalten, will ich mich für morgen nicht festlegen. Denn es ist Montag und na ja, Montag eben. In meiner Wohnung herrscht das völlige Chaos. Ich wollte gestern Abend Akten vernichten (wieso klingt das so, als müsste ich ein Mafiaunternehmen vertuschen?) und nach etwa einer Dreiviertelstunde hat sich der Aktenvernichter aufgehängt und ich habe vier Stunden erfolglos (!!!) versucht, mit einer Nagelschere (nicht nachmachen!!!) das Papier aus den Schneideblättchen zu pulen. Am Ende sah mein Wohnzimmer aus, als wäre… na ja, ein Aktenvernichter explodiert und… ähm… Fenster! Der Blick nach draußen ist schön, auf jeden Fall viel schöner, ruhiger, entspannender als der Blick in meine Wohnung. Ich sollte am Fenster sitzen bleiben. Ein wenig Weihnachtsdeko hat sich auf das Fensterbrett gestohlen. Apropos stehlen: Vorhin habe ich eine Elster auf dem Dach des Nachbarhauses gesehen. Scheint neu in der Gegend zu sein. Sie ist majestätisch über das Dach gehüpft und hat sich alles genau angesehen, aber wohl keinen Schatz gefunden. Am Ende ist sie einfach auf und davon. Ein paar Tauben waren zwischendurch da, hatte sie ja lange nicht gesehen. Vielleicht ist jetzt nur noch sonntags Tauben-Tag. Ich sehe Rauch aus einem Schornstein aufsteigen, aber nur aus einem. Heizen die anderen Haushalte noch nicht? Von St. Benno kann ich mittlerweile auch die Kuppel zwischen kahlen Ästen hervorblitzen sehen. Die Sonne müht sich, ihre Strehlen durch die Wolkendecke zu schicken, es klappt nicht ganz, doch das Leuchten in dem weiß-grauen Wolkenband macht Hoffnung. Ich bilde mir ein, sogar ein paar blaue Lücken zu sehen. Die Wolken ziehen dahin, warten mir mal ab.

Jana

Grau-blau-weiß, der Blick aus meinem Fenster wirkt ein wenig farblos, aber das ist in Ordnung, die Welt wacht gerade erst auf, der Morgen ist noch ganz frisch. Die Farben müssen erst noch aufgefrischt werden, dann strahlt alles wieder. Es ist eisig kalt. Die Tauben haben sich wie immer zuletzt im Warmen versteckt und selbst die Krähen scheinen heute ein wenig müde zu sein. Sie sind da, aber ihr Blick ist diesmal gar nicht Richtung Osten gerichtet. Sie wirken eher in sich zusammengekuschelt und denken sich vermutlich das Gleiche wie ich heute Morgen: „Nur noch fünf Minuten!“ Aber die Zeit ist da gnadenlos oder besser, die Uhr ist es. Denn der Zeit ist es ja ziemlich egal, die ist immer da und tut, was Mensch will und Mensch hat sich eben entschieden, sie zu messen. Und Mensch hat sich entschieden, zu einer bestimmten Zeit irgendwo sein zu müssen und nennt das dann pünktlich. Und pünktlich erinnert mich sehr an Pünktchen und ist das nicht ein sehr niedliches Wort? Wenn man sich nun immer, wenn der Wecker klingelt, an diese Assoziation erinnert, kann man vielleicht morgens wenigstens lächeln. Absurd? Vielleicht.
Pünktlich zum 30. November jedenfalls geht dieses Schreibexperiment zu Ende. Fazit: Es ist schön, sich morgens Zeit zu nehmen in Ruhe aus dem Fenster zu blicken. Es bremst diese ganze hektische Morgenroutine und ich bin wirklich überrascht, dass ich diese Zeit hatte, jeden Morgen und trotzdem pünktlich war, wo ich zu sein hatte. Ich werde versuchen, diese Routine beizubehalten und als erster Schritt startet morgen das nächste Schreibexperiment. Also liest man sich morgen wieder!


Carmen

NaNoWriMo: 12.400 Wörter

Der letzte Tag des Experiments. Ein Fazit, ein Fazit.
In diesem Monat ist viel und wenig passiert. Die Corona-Zahlen sind zuerst nach oben geschossen und haben sich dann auf einen hohem Level eingespielt. Wer keinen Präsenzjob hat, wie ich, hat nicht mehr viel Motivation, die Wohnung häufig zu verlassen. Der Fensterblick hat eine neue Bedeutung bekommen. Es ist nicht mehr das Loch in der Wand, was das Licht durchlässt, den Luftaustausch gewährt, mehr Lärm reinlässt, als ich es wünschen würde. Das Fenster wurde das Tor zur Welt. Wie ist das Wetter? Was tragen die Menschen? Wie weit kann ich sehen? Wie viele Sirenen habe ich heute gehört?

Als wir mit dem Experiment angefangen haben, habe ich gezweifelt. Zweifel sind jedoch kein Grund, etwas nicht zu tun. Und die Zweifel bestehen immer noch.
Das hier ist kein Experiment für Dich, unsere Leser*in. Es war immer ein Experiment für uns, die Autorinnen.
Eine Achtsamkeitsübung, konzentriere dich auf das, was da ist. Halte deine Gedanken im Moment. Besonders leicht ist das nicht immer. Ich bin es nicht mehr gewohnt, eine Gedanken mehr als ein paar Sekunden im Hier und Jetzt festzuhalten.

Man merkt es meinen Texten an: ich lenke ab, schreibe über etwas anderes als den Fensterblick oder hole mir externe Unterhaltung. Ich sinniere über die Machtergreifung von Büropflanzen und Erdbebenauslösende Presslufthammer. Irgendwann habe ich angefangen, meine Texte zu diktieren – ein Experiment im Experiment.

Mir hat der Monat viel gebracht. Das tägliche Schreiben, ob „Fensterblick“, NaNoWriMo oder Corona-Tagebuch. Vor allem im Romanprojekt bin ich durch die zusätzlichen Übungen links und rechts die letzten Tage so gut vorangekommen, dass ich dieses Experiment über die letzte Woche stark vernachlässigt habe. Als Entschuldigung kann ich behaupten, dass es immer später hell und immer früher dunkel geworden ist. Immer öfter war es neblig, meine Berge waren nicht mehr sichtbar. Aber eigentlich habe ich mich die letzte Woche öfter gegen den Fensterblick und für meine Figuren entschieden.

Falls Du selbst Autor*in bist, und bis hierher durchgehalten hast, rate ich Dir: probiere es mal aus. Schreibe einen Monat lang jeden Tag 10 Minuten lang über das Gleiche. Deinen Fensterblick. Deinen Hund. Dein Baby. Deine Tasse Tee. Und beobachte, was es mit dir macht.

Fazit Schreibprojekt:
Ich habe alle meine gesetzten Ziele erreicht. Was für ein unglaubliches Gefühl. 
Ziel 1: sich regelmäßig um eine feste Uhrzeit hinsetzen und schreiben. (Mit Ausnahme von 2 Tagen)
Ziel 2: 15000 Wörter schreiben.
Ziel 3: 20.000 Wörter schreiben.

Ich habe mal zusammengezählt, was ich habe:
Romanprojekt Versuch 1 vom 1.11.-11.11: 5800 Wörter
Story Arc, Character Arc, Überarbeitung des Plots (12.-17.11.): knapp 9000 Wörter.
Romanprojekt Versuch 2 (ab 17.11.): 12.400 Wörter
Total: 27.000 Wörter geschrieben. Darin sind nicht mitgezählt, was ich nebenher noch hier, im Coronatagebuch oder an anderen Projekten geschrieben habe.

Wenn ich diesen Rhythmus beibehalten kann, war dieser November mit seiner Regelmäßigkeit eines der erfolgreichsten Experimente für mich seit sehr, sehr langer Zeit.


Und damit wünsche ich eine frohe Adventszeit.

Tanzen (Meer)

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

Ich stöhne innerlich auf als mir klar wird, dass die Ausstellung noch einen weiteren Raum umfasst. Gerald wird ihn sicher sehen wollen, doch mich langweilen die Ergüsse moderner Kunst bereits. Ein Bild mit einem roten Strich quer, ein Bild mit rotem Strich längs – warum habe ich mich überhaupt dazu überreden lassen?

Ich betrete den nächsten Raum und bleibe stehen. Direkt vor mir hängt es, kein Bild, eine Collage, aufgebaut auf einem Foto vom Meer. Sonnenstrahlen lassen die blassgraue Oberfläche glitzern. Das Licht so hell, dass es dem Ozean die Farbe raubt und ich die Augen abschirmen muss, weil es mich blendet. Ich habe die Füße im Wasser, angenehme Kühle gegen die Hitze. Das Meer ist besonders flach an dieser Stelle, das Wasser geht mir gerade so bis zu den Knöcheln.

Kinder spielen in meiner Nähe, veranstalten Wasserschlachten, drehen sich und hüpfen und kreischen so laut, dass es mir in den Ohren vibriert. Es könnte mich stören, doch stattdessen beneide ich sie. Langsam trete ich mit dem Fuß gegen das Wasser, spritze es nach links, nach rechts, dann stärker und noch stärker. Ich beginne mich im Kreis zu drehen, wieder und wieder und endlich tanze ich, ich tanze im Meer. Anfangs noch vorsichtig, mit angehaltenem Atem habe ich Angst, dass ich nicht hier bin, dass das alles nur ein Traum ist.

Doch der Widerstand gegen meine Füße und Beine ist echt, das Wasser nass auf meiner Haut, die Wärme der Sonne, das Kreischen der Kinder, alles ist echt. Ich lasse los. Ich tanze, drehe mich, springe, hüpfe, versuche jede Bewegung in jeder Faser meines Körpers zu spüren, während meine Seele singt: Ich tanze im Meer!

„´Weite` – was für ein kreativer Titel!“ Gerald ist neben mich getreten, räuspert sich, während er mit schräg geneigtem die Collage und die Beschreibung daneben studiert.

„Ja, ich fand die roten Linien auch besser“, sage ich.

Ich begreife, dass ich ihm nie vom Tanzen im Meer erzählen werde. Es ist der Anfang vom Ende.

Tanzen ist ein wiederkehrendes Motiv in meinen Texten. Es werden sicher noch welche auf diesem Blog erscheinen. Einer ist schon da: Lies los!

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Wortspiele, die Zweite

Ein neu zusammengesetztes Wort, fünf Minuten Zeit, zwei Texte:

Gesamtunterrock

Der Gesamtunterrock ist das neueste Werk des Designers Karl Feldlager und soll die Modewelt revolutionieren. Der „Unterrock für Alle und Alles“ kleidet nicht nur Damen, Herren und Kinder jeder Größe und Statur. Nein! Dank revolutionärer Stretchtechnik kann der Unterrock auch als Zelt oder Sofabezug hergenommen werden. Integrierte Knöpfe und Bänder machen ihn zur Handtasche. Feuerfest kann er auch als Bratbeutel genommen werden. Unzerstörbar ersetzt er sogar zerplatzte Reifen. Ein Ballonflug ist geplant!

Warum dann als Unterrock vermarkten? Nun, erklärte Karl Feldlager. Er wollte zeigen, dass man den Dingen mehr Tiefe geben muss. Auch die kleinen Dinge im Leben können große Bedeutung haben.

von Jana

95,7 – Gesamtunter-Rock-Radio. Die Radiostation für die wahren Musikfreunde. Nein, wir bringen kein Hard-Rock, kein Roll-Rock, kein Classic Rock.
Wir gehen tiefer, dorthin, wo es schmerzt! Man sagt, die Musik heilt alle Wunden? Mit Musik überwindet man schwierige Zeiten? Dann habt ihr noch nie Gesamtunter-Rock gehört.

Bei uns geht es um den Sinn in der Musik. Wir geben Euch einen Sinn. Einen Sinn im Leben. Im Sein. Hört zu. Hört hin. Ihr werdet nie wieder derselbe Mensch sein. Versprochen!
Nur hier bei 95,7 – Gesamtunter-Rock-Radio.

Von Carmen

Mehr Wortspiele gibt es hier.

1

Broterwerb

Ein Text von Carmen über ihren Broterwerb.

Als Kind war es mein Traum, mich einmal nachts im Bücherladen einsperren zu lassen. Ich habe mich gefragt, wie ich es am geschicktesten anstellen könnte.
Die offensichtlichste Strategie: mich im Badezimmer verstecken.
Die etwas ausgearbeitetere Strategie: das tiefste Regal suchen oder alternativ die tiefste Schublade, Bücher raus, hineinkrabbeln, Bücher vor mich hinstellen. Tarnung perfekt. Manche Bücherläden haben aber auch so eine Ecke, in die nie jemand schaut, zum Beispiel die staubige Stelle hinter der Treppe. Ein Ort, wo die Kunden nicht hindürfen und die Angestellten nicht hinwollen. Das wäre das ideale Versteck. Ich habe mich nie getraut.
Dabei weiß ich heute, dass Bücherläden nachts wirklich magisch sind.

Mein Broterwerb: Ich leite ein Café in der Münchener Innenstadt inmitten eines Bücherladens – inmitten dreier Leidenschaften: Kaffee, Bücher und … naja, Notizbücher gibt es hier auch.  Wieviele Bücher ich pro Monat kaufe, verrate ich hier lieber nicht, sonst wird es noch peinlich. 🙂 Wenn abends fertig geputzt und die Buchhaltung erledigt ist, bin ich alleine. Der Laden liegt still und ruhig vor mir, das einzige Licht kommt von der Cafézeile. Im Dunkeln warten die Bücher, gespannt, ob ich zu ihnen gehe und nach ihnen greife. Auch jetzt noch wünschte ich mir manchmal, ich könnte hier einfach die Nacht verbringen. Mich in diesen einen, wirklich saubequemen Ohrensessel setzen, die Kaffeemaschine wieder anschmeißen und mich langsam durch den Leseproviant des Ladens durcharbeiten. Aber auch die erwachsene Carmen traut sich nicht.
Aber das ist nicht schlimm, denn die Bücher sind auch tagsüber da.

Und tagsüber passiert die wirkliche, reale Magie.
Das Herz des Cafés sind meine Kolleg*innen und die Kund*innen. Wir haben viele Stammkund*innen, die uns ans Herz gewachsen sind – da gibt es das Paar, das immer samstags direkt in der Früh nach Ladenöffnung kommt – zwei einfache Kaffee, ein Croissant, eine Flasche Wasser und zwei ansehnliche Bücherstapel, die den Rest des Vormittags immer kleiner werden.
Es gibt die Schriftstellerin/Erfinderin – ein kleiner Cappuccino mit einem Glas Wasser dazu – die ein nützliches Tool entwickelt hat, um Wollknötchen zu entfernen und uns zu Weihnachten eine ganze Kiste davon vorbeigebracht hatte. Sie hat gerade erst ihr erstes Buch veröffentlicht und wurde damit sogar zur Leipziger Buchmesse eingeladen. Was für eine Leistung. Wir haben uns riesig gefreut. Als die Buchmesse abgesagt wurde, hat es mir das Herz gebrochen.

Und dann gibt es natürlich noch unseren Lieblingskunden. Lieblingskunde bedeutet nicht, dass uns die anderen Kunden nicht gleichwertig ans Herz gewachsen wären. Aber besonders ist dieser eine doch. Ein großer Cappuccino, Thunfischfocaccia, ein Glas Wasser, manchmal eine Süßigkeit dazu. Er kommt fast jeden Tag vorbei mit seinen über 80 Jahren, läuft am Stock, hat einen schlimmen Husten, muss regelmäßig zur Dialyse und scheint allgemein sehr zerbrechlich. Er hat sich mit der Zeit mit jedem im Laden angefreundet. Wenn keine der Kolleg*innen schnell genug ist, ihm die Bestellung zum Tisch zu bringen, ist schon die Reinigungskraft eingesprungen, die sich gerne 10 Minuten Pause gönnt, um sich mit ihm zu unterhalten. Man hat unwillkürlich das Bedürfnis, sich schützend vor diesen herzlichen Menschen zu stellen, damit niemand auf die Idee kommt, ihm etwas Böses zu wollen. Durch die Gesundheit ist er an die Stadt mit ihren Behandlungsmöglichkeiten gefesselt. Die Familie wohnt weit weg im Ausland, er ist alleine zurückgeblieben. Aber er hat einige gute Freunde, die er ab und zu auch im Café trifft.
Neben den vielen Pflastern am Arm wegen der Dialyse hatte er kurz vor dem Lockdown noch einen größeren Verband – dieser wackelige Mann mit der rebellischen Gesundheit hatte einen Fahrradunfall, er wurde umgefahren. Wir waren geschockt. Das Gedankenkarussell sprang an: Was, wenn…?
Alles nicht weiter schlimm, hat er abgewunken, aber er würde diese gefährliche Straßenecke von nun an meiden. Als wir ihn im März baten, doch zuhause zu bleiben und sich zu schützen,hat er erneut abgewunken. Er muss doch am Freitag seine Bekannte treffen. Und am Samstag hat er diesen anderen Termin in der Kirche. Und danach im Wirtshaus.  Er hatte keine Zeit für Corona.
Es gibt kaum einen Menschen, um den ich mir während des Lockdowns mehr Gedanken gemacht habe.

Regelmäßige Gäste sind auch das freundliche Paar um die 40 – zwei kleine Cappuccino mit laktosefreier Milch -, die meist getrennt kommen und sich hier treffen. Dann gibt es das Altrockerpaar, ich würde sie über 60 schätzen, beide öfter verplant, unglaublich herzlich – ein kleiner Latte Macchiato, ein großer Latte Macchiato, kochend heiß. Der Sachse – Ingwertee. Der Kunde mit einer Milchunverträglichkeit, der trotzdem immer eine homöopathische Dosis Milch in seinen Espresso möchte. Die Kundin, großer Bailey’s Latte Macchiato mit nur einem Shot Espresso anstatt zwei, die uns zu Weihnachten eine komplette Tüte selbstgestrickter Schals vorbeibrachte. Die Kundin, die sich abends nach ihrem Feierabend bei uns einen großen laktosefreien Kakao abholt, auf dem sie sich dann doch eine laktosevolle Sahnehaube gönnt.

Ich könnte noch eine ganze Weile weitermachen. Die Kund*innen sind die Seele des Ladens. Das Lachen, die Sprüche, das Schweigen, das konzentrierte Lesen. Jede*r hat eine eigene Geschichte – manche erfahre ich im Laufe der Zeit, andere versuche ich zu interpretieren. Bislang habe ich meine Kunden nie als Inspiration für meine Geschichten genutzt – ich hatte häufig das Gefühl, ihnen nicht gerecht werden zu können. Jetzt, wo ich angefangen habe, hier über sie zu schreiben, merke ich, wie viel Spaß es mir macht.
Vielleicht… ja vielleicht bastele ich mir doch ein paar Figuren nach ihren Vorbildern.

Während des Lockdowns hatten wir länger geschlossen als viele andere: wir waren ziemlich genau fünf Monate zu. Morgen, Montag 17. August, ist der erste Tag des Neuanfangs. Ich bin wahnsinnig gespannt – gespannt darauf, ob die Atmosphäre im Laden noch die gleiche ist. Gespannt darauf, wie es meinen Kolleg*innen geht. Wie das Arbeiten sein wird. Vor allem aber darauf, ob meine Kund*innen den Weg zu mir zurückfinden. Wie es ihnen geht. Wie sie die Zeit überstanden haben. Und natürlich: ob der Lieblingskunde sich ein neues Fahrrad organisieren konnte.

Die Rückseite der Kaffeemaschine spiegelt – sowohl den Laden als auch die Zeit, in der wir leben.
3

Morgens während Corona (2)

von Jana, Lesezeit ca. 10 Minuten

Nach dem Ende des „Lockdowns“. Der Text entstand im Juni 2020.

Du kennst die Vorgeschichten noch nicht? „Morgens vor Corona“ und „Morgens während Corona (1)“. Lies los!

„Wir müssen uns darauf einstellen, dass unser Leben nach Corona ein anderes sein wird. Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Irgendjemand hatte das gestern in den Nachrichten gesagt. In den letzten Wochen, ja Monaten hatte immer wieder jemand so etwas gesagt. So oft, dass sie beinahe daran geglaubt hätte.

Sie starrt auf die Leute, die in den Bus drängen, die sie daran hindern, selbst auszusteigen, und weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Empört oder entsetzt oder gleichgültig sein. Erst aussteigen, dann einsteigen. Das hat vor Corona keiner kapiert, und das kapiert auch nach Corona keiner. Das war vor Corona scheiße und jetzt ist es noch beschissener. Nein, die Maske in deinem Gesicht allein hilft nicht, du Volltrottel. Abstand ist das Zauberwort. Anstand würde auch schon helfen. Beides bekommt sie heute morgen nicht und manchmal, ganz manchmal wünscht sie sich den Lockdown zurück. Die Zeit, als alle die Luft angehalten haben. Die Zeit, als die meisten noch dachten: „Scheiße, das ist schlimm.“ Denn bei ´Scheiße, das ist schlimm`, denkt man, dass sich etwas ändern muss. Bei ´Scheiße, das ist schlimm`, ist mancher sogar bereit, etwas zu tun. Zuhören. Rücksicht nehmen. Helfen. Die Augen aufmachen. Irgendetwas. Nicht blind in einen Bus rennen, so blind, wie durch das eigene Leben.

„Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Als sie den Satz zum ersten Mal hört, zieht sich ihr Magen zusammen. Ein bisschen Angst, ein bisschen Vorfreude, ein bisschen Abenteuer. Ein Aufbruch in unendliche Weiten, fremde Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Vielleicht ist es doch ein Weckruf, diese Krise, diese Seuche, die so schnell zeigt, was schief läuft. Ein paar verheißungsvolle Phrasen ziehen durch die unzählbaren Sondersendungen, sie saugt sie begierig auf: Neubewertung, welche Berufe wirklich wichtig, weil systemrelevant sind. Diesen Berufen in Zukunft mehr Anerkennung schenken, auch finanziell, selbstverständlich, kollektives Klatschen reicht nicht. Flexiblerer Umgang mit Homeoffice, die Arbeit an sich soll neu gedacht werden. Sogar das bedingungslose Grundeinkommen wird ins Spiel gebracht. Ein Neustart mit Fokus auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Die Praktiken der Fleischindustrie hinterfragen, (wer hätte das gedacht) – so viele Hoffnungen, so viele schöne Phrasen. Und immer wieder Gemeinschaft. Solidarität. Im Moment würde ihr reichen, wenn wenigstens die Distanz geblieben wäre. Aber selbst die haben die meisten wohl nicht oft genug geübt.

Die letzte viertel Stunde fährt sie U-Bahn. 1,5 m sind viel weniger als man denkt, zumindest, wenn man sich selbst ein wenig Mut machen möchte. Und so eine Maske hilft bestimmt auch, wenn der Nebenmann sie nur in der Nähe der Nase trägt. Hauptsache, die Viren wissen, was gemeint ist. Und morgen fährt sie sowieso wieder mit dem Fahrrad, heute zählt quasi gar nicht.

„Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Nein, wohl nicht. In nächster Zukunft kann sie ihren Mitmenschen an der Nasenspitze ablesen, ob sie sich Gucci leisten können und welche Fußballmannschaft sie mögen. Sie wird an geschlossenen Lokalen, Läden und Kulturstätten vorbeigehen und sich nur mit Mühe erinnern, was dort eigentlich einmal war. Die Welt wird weniger bunt geworden sein, aber sie bezweifelt, dass es ihr auffällt. Sie könnte sowieso nicht alle Theater besuchen, selbst wenn sie wollte. Keine Zeit. Viel zu wenig Zeit. So viel von dem Verlorenen wird sie nicht vermissen.

Irgendwann wird sich alles wieder eingespielt haben, was wirklich wichtig ist. Die erste Wiesn nach. Das erste Fußballspiel mit Publikum nach. Der erste DAX-Stand von 13.000 Punkten nach. Das erste Dschungelcamp nach. Der erste …

Moment mal, da war doch… gab es nicht mal…?

„Ein „wie vorher“ wird es nicht geben.“ Doch niemand hat gesagt, wie das Nachher aussehen wird. Doch nur eine etwas blassere Kopie des Originals?

Aussteigen. Einsteigen. Den Zug verlassen, damit etwas neues passieren kann. Jetzt wird ihr klar, warum sich alles nur im Kreis dreht.

Und dann wird ihr klar, dass sie nicht vorhat, dabei mitzumachen.

Doch was wird sie tun? Erstmal eine Pause einlegen, denn rien ne va plus in Abschiede.

4

Plan- oder Bauchschreiberin?

Eine Frage, die unter Schreibenden heftig diskutiert wird. Der eine kann nur so, die andere nur anders. Einer geht Schritt für Schritt die Heldenreise (Bild weiter unten) mit seinem Plot durch und kontrolliert minutiös, ob alle Punkte eingehalten wurden. Die andere behauptet, nur Bauchschreiben sei das einzig Wahre.

Ob wir eine Präferenz haben? Wir verraten es Euch!

Schreiben kann man nur mit einem Plan!

Ehrlich! Woher sollte ich sonst wissen, wie der Text ausgeht? Oder ob die Botschaft, die ich übermitteln will, klar ist? Welche Botschaft ich überhaupt übermitteln will? Stell dir vor, ich würde einfach so einen Text schreiben, weil es mich „überkommt“. Das ist sowieso etwas hochgefährliches, möglicherweise käme dann ein Text heraus, den ich gar nicht schreiben wollte, weil er nicht angemessen wäre oder gut oder wertvoll oder …– eben!

Klingt das starr und langweilig? Nahezu verkrampft?
Es hat niemand behauptet, Schreiben würde Spaß machen! „Bauchschreiben“ – also quasi einfach so mal losschreiben, der Intuition, der inneren Stimme folgen, dem Flow. Das geht per Definition nur bei Leuten, die einen Flow haben bzw. in Flow kommen können. Die Schreiben lieben, denen das Spaß macht! Wo, die Hand auf das Papier gesetzt, etwas nahezu magisches passiert – und bähm! Ein Text.

Aber nun mal im Ernst: Bauchschreiberin oder Planerin?

Ich liebe das „aus dem Bauch heraus“ schreiben. Mich hinsetzen, den Stift das Papier berühren lassen, tief in mich hineinhören und fragen „Was möchtest du mir erzählen?“. Oder ein Thema in meinem Kopf hin- und herkreisen lassen, bis plötzlich der „Aha!“-Moment kommt und ich eine Geschichte dazu habe und dann einfach loslegen. Ich liebe es! Und ich wollte nur so schreiben, ohne Plan und einengende Regularien!

Aber bei meinem Romanprojekt musste ich irgendwann einsehen, dass es allein mit Bauchschreiben nicht funktioniert. Ich habe den Überblick verloren und es wurde schlicht und ergreifend ziemlicher Mist. Ich brauchte einen Plan!

Gut, dass ich in meinem Brotberuf sehr viel plane und zwar tatsächlich nicht ungern. Es hat zwar etwas Überwindung gekostet, die Techniken meines Brotberufes auf das Schreiben anzuwenden, aber am Ende habe ich zu meiner Erleichterung festgestellt, dass mir die Planung nicht den Spaß am Schreiben verdirbt. Ich habe immer noch genug Freiräume, in mich hinein zu hören und meiner Intuition zu folgen. Aber ich habe auch einen Rahmen, der mir letztendlich die Sicherheit gibt, mich nicht völlig zu verzetteln.

Mittlerweile gehen Plan- und Bauschreiben bei mir Hand in Hand. Meistens schreibe ich, was mir in den Fingern juckt runter und dann schaue ich: Reicht das schon? Hätte das Potenzial für etwas längeres? Macht es Sinn, über einen Plan nachzudenken? Und mit Plan meine ich, mir über die Elemente der Geschichte ein klares Bild zu machen: Die Figuren, die Beziehungen zueinander, das Setting, die Ziele der Handelnden, der Plot… all das streife ich in meinen Kurztexten nur, da geht es mir nur darum, den Moment zu erzählen. Das davor, das danach – das ist für mich so offen, wie für den Leser.

Für mich heißt Planen daher hauptsächlich, mich intensiver mit meinen Ideen, meinen Figuren, etc. auseinanderzusetzen. Einer Szene, die mir in den Kopf springt, die Möglichkeit zu bieten, sich zu mehr zu entwickeln. Aber kommen wir zurück zur Frage… klare Antwort: Beides!

Schreiben kann ich nur mit einem Plan!

Ehrlich! Woher sollte ich sonst wissen, wie der Text ausgeht? Oder ob die Botschaft, die ich übermitteln will, klar ist? Oder ob ich mich nicht so dermaßen verrenne, dass niemand mehr eine Geschichte unter den Irrungen und Wirrungen entdeckt? Sollte ich nicht auch ein klein wenig recherchieren für diese eine Geschichte? Aber die Recherche will doch zeitlich geplant werden – was wenn ich jetzt viel Zeit und Energie in eine Recherche über Athen stecke und am Ende will meine Figur nach Moskau?

„Bauchschreiben“ – also quasi einfach so mal losschreiben, der Intuition folgen, dem Flow. Das geht per Definition nur bei Leuten, die einen Flow haben. Wo – die Hand auf das Papier gesetzt – etwas nahezu magisches passiert – und bähm! Ein Text. Diese Zeilen kommen Euch bekannt vor? Richtig! Aber nicht aus diesem Text weiter oben. Über so jemanden habe ich bereits einmal geschrieben – hier! 😉

Aber nun mal Butter bei die Fische: Bauchschreiberin oder Planerin?

Ich brauche das „Planschreiben“! Jahrelang habe ich eine Schreibübung an die andere gehängt ohne je eine Idee gehabt zu haben, die eine Geschichte über 300 Seiten hätte tragen können. Was bei Jana eine Quelle der Inspiration ist, war bei mir einfach nur die tägliche 10min-Übung.
Es gab einige sehr schöne Bauchschreibmomente. Der Bauch manoeuvrierte die Figuren in knifflige Situationen, aber der Kopf war es, der sie wieder herausziehen musste.
Z.B. beim Schmuckstück: Ich hatte den ersten Teil schnell aus dem Bauch heraus geschrieben und es ungeschickterweise auch schon hier als Fortsetzungsgeschichte angekündigt, ohne jedoch selbst das Ende zu kennen. Damit hatte ich mir selbst eine Frist gesetzt – bis zum nächsten Blog-Post musste ich herausgefunden haben, wie die Geschichte weitergeht. Können sich meine Figuren aus dieser Lage befreien? Gibt es Fragen im ersten Teil – gewollt oder unbewusst – die mindestens ansatzweise beantwortet werden sollten. Oha, da war doch eine Figur, die ich komplett vergessen hatte – kann die was? Soll die was? Kann man die vielleicht umbringen?
Als sich die Lösung endlich offenbarte, bin ich still und heimlich zu meinem Teil 1 zurückgeschlichen und habe hier und da einen kleinen Nebensatz ergänzt, damit das Ende danach nicht ganz so unverhofft um die Ecke springt.
Ich hätte einen bereits veröffentlichten Text nicht im Nachhinein verändern müssen, hätte ich von Anfang an einen Plan gehabt.

Andererseits… Wäre mir überhaupt die Idee für „Das Schmuckstück“ eingefallen ohne Bauchschreiben? Wenn ich mir meine eigenen Texte hier auf dem Blog so ansehe – alles – OHNE AUSNAHME – Bauchgeschichten. Gleichzeitig aber auch alles recht kurze Geschichten.

Wenn ich also will, dass es länger funkt zwischen mir und meiner Geschichte, muss ich mir die Energie gut einteilen, darüber nachdenken. Die Geschichte logisch aufbauen. Dem Funken Brennholz geben, wenn er Nahrung braucht. Die Ressourcen strategisch verteilt hinzufügen, damit das Feuer im kältesten Moment der Nacht genauso stark und ausdauernd brennt, als am Abend am Lagerfeuer. Ich muss Figuren dazu erfinden, die den Bogen spannen, den Hintergrund erklären, Beziehungen aufbauen, die den Protagonist*innen Tiefe geben, die längerfristige Handlungsmotivationen erklären…

Kommen wir also zurück zur ursprünglichen Frage:

Auch für mich gilt beides. Nur das Planschreiben gibt mir das Kontrollgefühl, das ich benötige, um mich selbst mit meiner Geschichte wohzufühlen und mich längerfristig an sie binden zu können. Allerdings ist es das Bauchschreiben, das mir die meisten Ideen offenbart. Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis für mich – nur wenn ich es schaffe, in Zukunft einen Teil der Kontrolle zugunsten der Intuition abzugeben, kommen mir die besten Ideen.

Wikimedia Commons/Public domain: Scan from unknown publication by anonymous poster, in a thread, gave permission to use it. Re-drawn by User:Slashme

Plan- oder Bauch…
Das ist nicht nur bei uns ein Thema. Auch die „Autorenwelt“ hat eine Reihe an Autoren dazu befragt.

Wer hat uns zum Schreiben inspiriert?

Oft wird man gefragt, wen man als Vorbild sieht. Besonders häufig als
Kind: Wie möchtest du mal werden, wenn du groß bist? Wem möchtest du nacheifern? Wer ist dein Vorbild? Shakira? Michael Jordan? Marie Curie? Barack Obama? Malala Yousafzai?
Auch im Erwachsenenleben begegnet einem das Thema. Spätestens bei der Passwortwiederherstellung kommt die Sicherheitsfrage „Wer war dein Idol in Kindheitstagen?“ Die Antwort hat man vor zehn Jahren ausgefüllt und nun sitzt man da und überlegt.
Wer war ich damals, was könnte ich eingetragen haben?
gefolgt von
Würde ich die Frage heute anders beantworten? Was will ich mit meinem Leben anfangen?

Ist es leichter, in der Spur zu bleiben, wenn man klare Vorbilder hat? Oder auf englisch: role models. Leute, die den eigenen Weg vorausgegangen sind und ihn geprägt haben.

Gerade jungen Autor*innen wird die Frage nach den Vorbildern häufig gestellt. Irgendjemand muss uns ja auf die Idee gebracht haben, selbst schreiben zu wollen, oder? Welche Autor*innen haben uns beeinflusst?

Astrid Lindgren! Sie ist die, die mich immer wieder zurück zum Schreiben bringt, wenn ich den Mut verliere.

„Es gibt die Dinge, die muss man tun, [auch wenn man Angst hat]. Sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck.“

Das sagt Krümel so oder so ähnlich in Die Brüder Löwenherz, eins meiner Lieblingsbücher. Ich muss in meinem Leben nicht gegen Tengil oder Katla kämpfen oder auch nur annähernd so viel Mut aufbringen wie Krümel und Jonathan. Aber ich habe eigene Dämonen, die mir gerne einreden, dass ich es lassen soll. Nur der Punkt ist: Es ist zu lassen, nur weil wir Angst haben, ist keine Lösung. Wenn es etwas gibt, was ich gerne hinterlassen möchte, dann ist das diese Botschaft: Du kannst alles werden, was du willst. Du kannst alles schaffen, was du willst. Lass dir nie, niemals einreden, dass du für etwas nicht gut genug bist. Weder von deiner Umgebung noch von dir selbst. Das ist mein Antrieb und meine innerste Motivation und Krümel zerrt mich immer wieder aus meinem Loch, wenn ich das vergessen habe.
Deswegen Astrid Lindgren. Dicht gefolgt von Michael Ende: Gegen die grauen Herren!

Oh ja, es ist kompliziert. Denn meine Vorbilder sind gleichzeitig Autor*innen, von denen ich abrate, sie zu lesen. Lest sie mit Bedacht. Wenn eure Kinder diese Bücher in die Hand nehmen, sprecht mit ihnen darüber. Über Klischees, Vourteile, Liebe und Respekt für sich selbst.

Meine Vorbilder sind Enid Blyton und Karl May.
Warum sie überhaupt meine Vorbilder sind? Beide sind erfolgreiche, auflagenstarke Autor*innen, millionenfach im In- und Ausland verkauft. Sie haben geschrieben, als gäbe es kein Morgen. Seite um Seite gefüllt, meist per Hand. Enid Blyton hat über 700 Werke geschrieben, bei einer Lebenspanne von 71 Jahren macht das … 15 – 20 Schriften pro Jahr??? Hat sie überhaupt geschlafen? Gegessen?
Beide haben meine Kindheit nachhaltig geprägt. Karl Mays Winnetou war „der edle Wilde“ – was heute als Klischee erkannt und verrufen ist, war damals für mich ein erstrebenswertes Leben: tagelang durch die Wildnis reiten, genau wissen, was richtig und falsch ist und trotz Hindernissen danach handeln. Freunde, Schwache beschützen und einen Blutsbruder haben.
Ähnlich war es mit allen Büchern von Enid Blyton: ob bei den Fünf Freunden, in der Abenteuer-Reihe, bei Dolly oder bei Hanni und Nanni – immer ging es um Abenteuer, die mit Hilfe der Freundschaft unter den Protagonisten überstanden werden konnten. Ich habe diese Bücher verschlungen. Wäre mein Leben nur auch so gewesen!

Warum meine Vorbilder mit Vorsicht zu genießen sind: Beide sind die Kinder ihrer Zeit gewesen. Sowohl Karl May als auch Enid Blyton haben sowol rassistische als auch sexistische Stereotype in ihren Büchern untergebracht, diese Stereotype genutzt, um die Geschichte voranzubringen ohne sich die Mühe machen zu müssen, in die Tiefe zu gehen.
Enid Blytons Bücher hatten zudem meist noch gemeinsamen Plot: Ein Neuling kommt in eine bestehende Gruppe: ob das Georg in Fünf Freunde gewesen ist, Dolly in den nach ihr benannten Büchern oder Hanni und Nanni. Um in die Gruppe aufgenommen zu werden, mussten sie sich stark anpassen, zum Teil durch eine Intervention der Gruppe gebrochen werden. Von Akzeptanz oder Toleranz von seiten der Gruppe war nicht die Rede.

Wie sehr habe ich mir als Kind gewünscht, Ziel einer solchen Intervention zu sein. Dass irgendetwas passiert, das mich dazu bringt, so zu werden, dass ich am Ende zu einer Gruppe toller Menschen gehöre.

Ich habe euch vorgewarnt, es ist kompliziert. Enid Blyton und Karl May bleiben meine Vorbilder in Bezug auf ihre Liebe und ihre Leidenschaft zum Schreiben. Aber ich wünsche keinem Kind mehr, diese Bücher unreflektiert lesen zu müssen ohne die Möglichkeit, sich über Stereotype austauschen zu können und ohne jemanden, der dem Kind sagt, was eine gesunde Selbstliebe ist.

Photo by Brett Jordan on Unsplash

Die Glaubensfrage: Hand oder PC

Schreiben ist nichts besonderes. Alles, was man tut, ist:
Man sitzt an einer Schreibmaschine und blutet.

Ernest Hemingway

Es wird Zeit! Butter bei die Fische! Irgendwann wird uns kein Weg mehr drum herum führen, warum also nicht gleich hier und jetzt uns outen?
Also lass es uns tun.

Die Glaubensfrage unter den Autor*innen: Wie schreibe wir am liebsten: per Hand oder am PC?
Schreiben soll nichts besonderes sein? Wenn Hemingway da mal nicht irrt. „Schreiben“ und „schreiben“ sind mindestens fünf Paar Schuhe.
Was man da alles falsch machen kann, bevor man überhaupt anfängt zu schreiben! Meinungen. Überzeugungen. Studien! Zum Beispiel: Die Verbindung Hand-Kopf ist weit stärker, wenn man per Hand schreibt als wenn man per Hand tippt. Studien haben gezeigt, dass das Handschreiben Verknüpfungen und Prozesse im Gehirn auslöst, die es beim Tippen auf einer Computertastatur nicht gibt.
Am Computer wiederum lässt sich vieles übersichtlicher und sauberer gestalten. Man hat endlich eine geringe Chance, seine Ideen schnell genug einfangen zu können. Der Unterschied der Schreibgeschwindigkeit ist enorm.

Es ist zu einer Glaubensfrage geworden. Wer modern und zeitgemäß ist, arbeitet am PC, am Tablet, am Smartphone, alles untereinander verbunden. Kombiniert mit Sprachnachrichten, mit Schlagwörtern versehenen Lesezeichen der Online-Recherche, geordnet in Ordnern und Unterordnern. Alles jederzeit verfügbar, schnell und leicht verpackt für unterwegs, inklusive einer externen Tastatur, um auch am Smartphone bequem tippen zu können.

Wer noch moderner ist, zeigt sich wieder mit altmodischem Notizbuch, hat sich einen teuren Stift dazu gegönnt, arbeitet mit Eselsohren, Büroklammern oder bunten Klebestreifen als Lesezeichen. Klebt, malt, nutzt bunte Textmarker, kennt das Bullet-Journal-System, um einigermaßen ordentlich zu arbeiten und betrachtet die Kollegin, die am Tablet arbeitet, mit einem gönnerhaften Augenrollen.

Jetzt wäre es natürlich leicht, zu sagen: Ja, hat alles seine Daseinsberechtigung. Aber ganz ehrlich… Das wäre ja das gleiche, wie zu sagen „Rosa ist auch schön“ oder „alle Wege führen nach Rom“. Das ist unbefriedigend!
Also jetzt: Butter bei die Fische! Richtig oder Falsch. Gut oder Böse. Wo stehen wir?

Jana

Wenn ich eine Idee entwickele, tue ich das am liebsten mit der Hand. Ich habe immer ein Notizbuch dabei, in dem ich Ideen festhalten kann und ob das dann in der U-Bahn, im Park oder an einer Häuserwand lehnend neben dem Bäcker ist, in den ich eigentlich gehen wollte, ist mir ziemlich egal, denn wenn die Idee kommt, kommt sie halt. Auch kleinere Schreib- und Kreativübungen mache ich gerne mit der Hand, da mir aufgefallen ist, dass ich so die gleiche Idee kürzer und prägnanter darstelle.

Ansonsten schreibe ich hauptsächlich am PC. Ich freunde ich mich gerade mit dem Autorenschreibprogramm „Papyrus Autor“ an und hoffe, nach und nach, meine exorbitante Zettelwirtschaft reduzieren zu können. Ich bin gespannt.

Wichtiger allerdings als die Frage „Hand“ oder „PC“ ist für mich das „Wo“: am allerliebsten schreibe ich in einer Bibliothek. Ob es die Bücher sind oder die stille Atmosphäre besonders viele Ideen hervorbringt… in einer Bibliothek fühle ich mich wohl und in Schreiblaune. Mein Küchentisch tut es aber auch. Da habe ich einen Blick ins Grüne und meistens noch auf einen Blumenstrauß.

Carmen

Klares Bekenntnis zur Fraktion „Handschreiben“! Es gibt für mich nichts besseres, was den Fluss „Idee zu Papier“ betrifft. Leider gibt es auch nichts langsameres.
Wenn ich genau weiß, was ich tun will, schreibe ich am PC, fülle Seite um Seite. Doch gerate ich einmal ins Stocken, drucke ich das Zeug aus, greife mir einen Stift und fülle die Ränder, die Rückseiten, die leeren Stellen zwischen den Zeilen. Ich schreibe, streiche durch, umkreise, ziehe Pfeile hierhin und dorthin, schreibe neu. Und irgendwann ist der Fluss wieder da, sprudelt erneut. Ab dann geht es wieder zurück an den PC, diese alte Bremse, und es wird weitergeschrieben, bis das Papier, der Stift, das Notizbuch wieder aushelfen müssen.

Genauso wie Jana ist für mich aber auch das Wo sehr wichtig. Zuhause arbeite ich nicht besonders gut, da gibt es viele, viele Dinge, die mich ablenken können. Ich lebe im Chaos, aber wenn ich zuhause arbeiten soll, habe ich auf einmal das dringende Bedürfnis, aufzuräumen, Staub zu wischen oder einfach gleich meinen Kleiderschrank neu zu ordnen – wenn man eh grad schon dabei ist.
Schon als Studentin habe ich immer am Liebsten in Bibliotheken gearbeitet. Während des Lockdowns, als auch die Bibliotheken geschlossen waren, war dies eine weitere Herausforderung, den Kreativitätsfluss aufrecht zu erhalten (zum Text dazu geht es hier entlang). Umso mehr freue ich mich, wenn jetzt langsam wieder die Bibliotheken öffnen, damit ich mich mit Stift und Papier dort in eine stille Ecke zurückziehen kann.

Photo by Jana Kretzschmar

Origami

von Carmen

Ahhhrg!
Ich knülle das Blatt zusammen und werfe es hinter mich. Meine Figuren kommen und gehen als würde ich in einem Café die Passanten beobachten. Doch niemand bleibt stehen. Niemand erzählt mir seine Geschichte, so dass ich sie aufschreiben und weitererzählen könnte.
Schreibblockade! Irgendwo zwischen Kopf und Blatt ist die Verbindung gekappt. Es fließt nichts aus den Fingern. Wohlgemerkt – wir sprechen nicht über das Problem Weißes Blatt. Irgendetwas schreiben kann man immer. Mittlerweile kennt man seine Strategien. Im Zweifel „Ich erinnere mich an [setze beliebiges Möbelstück oder Leibgericht oder Urlaubserinnerung ein]“ schreiben und irgendeine Erinnerung wird da schon kommen und zack hat man fünf Seiten vollgeschrieben. Das Problem Weißes Blatt existiert nicht mehr.
Nein, das Problem ist der weiße Kopf. Das Problem ist mein inneres Kind, das nicht viel älter als zwei sein kann und das auf dem Boden sitzt, die Spielsachen weit von sich wirft, „NEIN ICH WILL NICHT! NEIN!“ schreit und sich dieser Übung und dem Schreiben ganz allgemein verweigert.
Oh, wie ich diese „ich erinnere mich“-Übung hasse.

Ich schreibe doch auch kein Tagebuch. Wen interessiert denn der alte Schaukelstuhl, in dem meine Mutter meine kleine Schwester gestillt hat? Wen interessiert die Polenta, die bei uns nicht auf dem Teller gegessen, sondern auf einem Brett über den kompletten Tisch gestrichen wird mit einer ordentlichen Portion stundenlang köchelnder Bolognese darauf. Wen interessieren die Grabenkämpfe, in die dieses Essen jedes Mal ausartet: die Kunst ist, sich selbst die besten Bereiche – das heißt, die mit dem meisten Käse und der meisten Soße – zu sichern, gleichzeitig diese aber gegen die Verwandtschaft zu verteidigen, die – bis auf die Zähne bewaffnet – keine Scheu davor haben, die GABEL einzusetzen.
Aus diesen Erinnerungen kann man einen Flickenteppich alter Anekdoten basteln, aber doch keine Geschichten.

„Warum nicht?“

Weil wir hier nicht bei Facebook sind! Ich schreibe nicht über mein Mittagessen. Oder über Schaukelstühle. Oder über meine letzte Sitzung, als das Klopapier alle war.

„Hmm… anscheinend tust du es aber doch.“

Nur um den Punkt zu verdeutlichen. Aber ich werde keine Geschichte darüber schreiben.

„Vielleicht würde es sich lohnen“, sagte die Stimme nachdenklich. „Aber lassen wir das erstmal. Ich bin überrascht, dass du auf mich reagierst, ohne Angst zu haben. Wunderst du dich nicht, wer ich bin?“
Pff… Wer sollst du schon sein? Vermutlich mein Stift oder das Blatt Papier vor mir oder einfach eine Stimme in meinem Kopf. Ist doch egal.
„Ist dir egal???“
Ja.
„Okay … Die Reaktion ist … unerwartet.“ Die Stimme scheint kurz ratlos. Und setzt erneut an. „Du hast keine Angst oder so?“
Nö. Ich mein, solange du mir nicht erklärst, dass du alle meine Haushaltsgeräte zum Streik aufforderst, ist doch alles in Ordnung. So einen Streik könnte ich jetzt nicht gebrauchen. Das tust du doch nicht, oder?
„Nein.“
Gut. Nein, dann habe ich keine Angst. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich schon gefragt, wann es soweit ist. Ich mein, Corona geht jetzt schon ein Vierteljahr, mein Broterwerb ist immer noch im Lockdown. Ich sitze hier, seit vier Monaten, und drehe Däumchen. Ich bin nun wirklich kein Ass in Selbstdisziplin. Meine Tagesstruktur besteht darin, dass es keine gibt. Dabei sei Tagesstruktur wichtig für die geistige Gesundheit, wird behauptet. Ich habe mich gefragt, wann bei mir die Sicherung durchknallt. Jetzt, wo es endlich soweit ist, bin ich ehrlich gesagt erleichtert.

„Er-leich-tert? Du glaubst, ich bin eine durchgeknallte Sicherung?“
Japp. Ich finde, ich habe mir das Recht erarbeitet, durchzudrehen. Erst war Risikopatientin mit Kundenkontakt, dann komplett zuhause. Ich war motiviert, juhu soviel Zeit zum Schreiben, ich habe aufgeräumt, umgeräumt, gearbeitet, geschrieben, gelesen, gevideochattet, umdekoriert, halb Amazon leergekauft, die Konjunktur am Laufen gehalten sozusagen. Das Haus nur verlassen, wenn unbedingt nötig. #StayAtHome #SofasRettenLeben und so. Nur die Trends mit dem Yoga und dem Klopapierhamstern habe ich sein lassen. ICH war Vorzeige-Quarantänin. Aber das konnte ich nur so lange durchziehen. Dann war die Luft raus. Das mit der Selbstdisziplin halt. Kein lesen, schreiben, umräumen mehr. Die Motivation hatte das sinkende Schiff verlassen, unbemerkt irgendwann zwischen der 3. und 4. Netflix-Serie.
Und dann fangen Janas Küchengeräte an, mit ihr zu sprechen und meine schweigen? Hallo? Ernsthaft? Das hat mich schon verletzt. Hab ich nicht verdient, dass hier mal jemand mit mir spricht?
„Ähm…“
Irgendwann dachte ich dann, es liegt daran, dass mir die Fantasie einfach fehlt. Abgestumpft vom ganzen Binge-Watching. Quasi eine andere Form der Schreibblockade. Eine allumfassende Blockade, die Kaffeemaschinen und Lieblingsstifte mit einbezieht, die in der Zeit der Not mir den Rücken zukehren und eben nicht mit mir reden.

„Du suhlst dich da aber schon sehr im Selbstmitleid.“
Pff… Habe ich dazu etwa nicht das Recht?
„Hattest du die letzten Monate gesundheitliche Probleme? Hattest du Freunde oder Verwandte, die sich infiziert haben? Hattest du Sorgen um deine Arbeitsstelle? Musstest du dich neben dir selbst noch um andere Menschen kümmern, wie beispielsweise um Kinder im Homeschooling, während du selbst einen Vollzeitjob wuppen musstest? Kannst du eine dieser Fragen mit ‚Ja‘ beantworten?“
Ähm.. naja… also so direkt… also eher nein.
„Na dann lautet die Antwort auf deine Frage ‚nein, dazu hast du kein Recht‘. Die letzten Monate waren für uns alle belastend. Es ist in Ordnung, nicht produktiv zu sein, kein Yoga zu machen und kein neues Start-Up zu planen. Aber es ist nicht in Ordnung, dich über Monate gehen zu lassen. Es ist nicht in Ordnung, dich aufzugeben. Das ist jetzt dein Leben und das deiner Mitmenschen. Es besteht aus Masken, Zetteln im Hausflur der jüngeren Nachbarn, die anbieten, für dich einkaufen zu gehen, Eltern in Risikogebieten, die man nur besuchen darf, wenn man eine zweiwöchige Quarantäne im Anschluss in Kauf nimmt und Rachenabstrichen, die den Würgereflex auslösen. Je schneller du dich damit abfindest, desto besser wirst du klarkommen und umso zufriedener wirst du wieder mit dir selbst sein.“
Puh. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. … Die letzten Monate waren schon sehr grau und ich fühlte mich echt nicht so gut. Ich finde es nicht in Ordnung, dass mir mein Stift oder mein Blatt oder mein Unterbewusstsein – wer auch immer du bist – mir sagt, ich dürfe kein Selbstmitleid haben. Selbstverständlich war meine Situation besser, viel besser, als die von anderen. Das weiß ich und mache es mir jeden Tag erneut bewusst. Das hilft aber nicht, mich besser zu fühlen, ganz im Gegenteil. Ich fühlte mich trotzdem schlecht. Mir das Recht zu nehmen, mich schlecht zu fühlen, ist… ich weiß nicht, was es ist, aber okay ist es nicht.

„Entschuldige. Du hast recht. Ich hätte dich nicht mit anderen Menschen vergleichen dürfen. Natürlich hast du ein Recht auf deine Gefühle, auch auf die negativen. Ich hatte nur Angst, dass du dich reinsteigerst und das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr siehst und wollte gegensteuern. Das habe ich wohl ordentlich vermasselt.“

Okay…
„Okay?“
Ja, ich mein, wir kennen uns noch nicht so gut, da kann es passieren, dass das erste Gespräch schlecht läuft. Ich akzeptiere die Entschuldigung. Aber ich würde das Gespräch jetzt trotzdem lieber beenden, ich bin müde.

„Okay… Noch eine letzte Frage hätte ich, wenn ich darf?“
Klar.
„Warum heißt der Text jetzt eigentlich Origami?“
Oh. Das. Wenn ich eine Schreibblockade habe, greife ich in meine Wörter-Schatzkiste. Dort haben Freunde, Besucher, Mit-Kursteilnehmerinnen Wörter hinterlassen, die mich inspirieren sollen. Heute war es Origami. Und irgendwie passt es doch, findest du nicht?
„Hmm… Irgendwie schon.“
Besuchst du mich jetzt öfter?
„Ich komme, wenn du mich brauchst“, sagte die Stimme während sie langsam leiser wurde und die letzten Worte nur noch als fernes Flüstern in meinen Gedanken widerhallten.

1

Was schätzen wir aneinander?

Wir beide, Jana und Carmen, kennen uns erst seit etwas über einem Jahr. Wir haben uns im Sommer 2019 – zusammen mit den anderen Autor*innen der Schneekirschen – bei einem Schreibkurs kennengelernt (siehe Schneekirschen).
Ist es da nicht ungewöhnlich, sich hinzustellen und zu sagen „Hey, wir kennen uns zwar kaum, aber lass uns doch einen Blog zusammen führen?“
Wir beide sehen das anders.

Was ich an Carmen schätze?

Ihre Kreativität! Und ihren Mut, sich schreiberisch in schwierige Situationen zu bringen und auch mal ganz weit weg von Konventionen. Es einfach zu machen und zu schauen, wo sie die Geschichte denn hinführt. Das bewundere ich sehr. Ich bin eher ein vorsichtiger, planender Typ und zudem sehr perfektionistisch. Ohne Carmens „Das machen wir jetzt!“ wäre dieser Blog vermutlich heute noch nicht online. Auch nicht unser Social Media-Auftritt. Da war meine Einstellung „Lieber nicht, da kann man so viel falsch machen.“, doch Carmen hat mich geschubst und nun ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, passende Bilder für Instagram zu schießen. Carmen hat eine sehr offene, positive „Du kannst alles schaffen.“-Art, die mich unglaublich motiviert. Die mich antreibt, mich auch mal aus meiner Wohlfühlzone zu wagen. Und sie schreibt so geile Texte! Ich bin so froh, sie getroffen zu haben!

Als ich Jana das erste Mal getroffen habe, warteten wir außerhalb des Kurssaales auf den Beginn der ersten Kursstunde. Sie war mir auf Anhieb sympathisch: sie war ruhig, jedoch nicht schüchtern. Neugierig gespannt. Es war die Ruhe vor dem Sturm, denn im Kurs rockte sie dann los! Einer ihrer ersten Texte und der erste, an den ich mich noch erinnern kann, ließ mich sprachlos zurück (hier zu finden). Wohlgemerkt, es handelte sich bei diesem Text um eine Übung während des Kurses mit Zeitbegrenzung!
Jana kann Erster Eindruck“!

Was ich an Jana besonders schätze ist ihre generelle Offenheit.
Einerseits auf sich selbst bezogen: sie thematisiert ihre Zweifel, mit denen sie kämpft, sowohl literarisch als auch im direkten Gespräch. Das macht sie für mich zu einem Vorbild, meine eigenen Zweifel anzugehen und zu bekämpfen.
Zudem auf uns bezogen – ihre Mitmenschen: Ich fühle mich in Janas Gegenwart immer sicher und respektiert. Ihre Kritik an meinen Texten hat Hand und Fuß und spontane Vorschläge zum Blog werden meist mit „okay, lass es uns ausporbieren“ quittiert, es sei denn, die Ideen ergeben tatsächlich keinen Sinn. Ein Raum, in dem sich alle sicher fühlen, ist essentiell, um ein gemeinsames Projekt anzugehen, wie zum Beispiel diesen Blog.
Und drittens auf die Texte bezogen. Die Frau ist ein ewiger Quell der Inspiration. Sie schreibt und schreibt und schreibt und schreibt und schreibt. In diesem Fall muss man das mit der „Offenheit“ bildlich sehen: Mitten in ihrem Kopf liegt Phantasia, dessen Tore weit offen sind. Die Figuren, Emotionen und Szenen laufen – sich gegenseitig Huckepack tragend – mit lautem „Hurra“-Gebrüll von ihrem Kopf über ihre Arme Richtung Finger, von wo aus sie nur noch aufs Blatt springen müssen et voilà – 5 neue Geschichten.

Ich bin sehr dankbar, Jana begegnet zu sein. Sie gehört zu den Menschen, die dir helfen, dich weiterzuentwickeln. Sie gehört zu den Menschen, die mir helfen, mich mit mir auseinanderzusetzen – was meine Texte aber auch was meine Zweifel betrifft.

3

Leuchtfeuer

von Jana, Lesezeit ca. 10 Min.

Ich platze vor Freude, als wir aus dem Regal in den Einkaufswagen gepackt werden, ich und meine 99 Geschwister, doch vom Einkaufswagen wandern wir in einen dunklen Kofferraum und von dort in einen genauso dunklen Schrank. Ein großes sperriges Paket landet auf uns und dann passiert lange Zeit nichts.

Endlich werden wir von der Menschenfrau wiederentdeckt und ganz vorne in den Schrank gestellt. Ich kann jetzt ab und zu einen Blick auf den Raum dahinter erhaschen. Da steht ein großer Tisch mit vier Stühlen und darauf eine weiße Tischdecke und auf der Decke: Ein Kerzenhalter. Für Teelichter! Oh, das ist toll! Ich werde nicht einfach irgendwohin gestellt werden, ich bekomme einen Halter aus brauner Keramik, der meinem Leuchten einen warmen Schein geben wird, wie wunderbar!

Doch noch muss ich warten und es ist schon dunkel draußen als mich die Menschenfrau eines Tages aus dem Schrank holt und in den Keramikhalter setzt. Ich sehe mich im Raum um. Große dunkle Schränke umgeben mich, irgendwoher summt es. Da steht eine Kanne aus Plastik mit einem Kabel daran und ein schwarzer viereckiger Kasten mit einem Metallgestell oben drauf, sehr merkwürdig. Einer meiner Brüder sagt, das wäre die Küche und dass wir bald alle sterben würden. Aber das halte ich für Blödsinn. Ich bin hier, um zu leuchten und genau das werde ich tun.

Der nächste Tag ist ein Montag und montags werden offensichtlich keine Kerzen angezündet, dabei könnten die Menschen wirklich ein bisschen Licht vertragen. Das sagen sie sogar selbst. „Mein Gott, du schaust ja furchtbar aus, du musst mehr an die Sonne.“ – „Es ist Montag, Mama, lass mich in Ruhe, Montag morgen sieht jeder so aus, verdammt!“

Es scheint die übliche Form der Kommunikation zu sein. Die Menschenfrau sagt etwas und ihr etwas kleineres und jüngeres Äquivalent mault zurück. Ab und zu kommt noch ein Menschenmann dazu, im Alter der Frau, doch der Mann sagt meistens gar nichts. Ich warte und beobachte. Ich mag die Menschenfrau, sie macht sich immer viele Gedanken über das Essen, den Alltag, die Wohnung und das versucht sie mit den anderen beiden zu teilen. Die scheinen aber mit den Gedanken ganz woanders zu sein und das macht die Menschenfrau sehr traurig. Ich wünschte, ich könnte sie aufheitern und ich gebe mir Mühe, mich noch weißer und meine Hülle noch strahlender zu machen, damit sie an mich denkt und mich anzündet. Und endlich sehe ich nach einigen Tagen in der Hand des Menschenmannes eine Packung Streichhölzer.

„Oh nein, wir sterben!“, jammern meine Brüder und Schwestern, doch ich denke nur daran, dass ich der Menschenfrau endlich einen Gefallen tun kann. Dass ich zeigen kann, wie sehr ich den wunderschönen Kerzenhalter und die Tischdecke zu würdigen weiß. Ich werde leuchten und sie zum Strahlen bringen.

Ein Zischen und ich spüre die Flamme an meinem Docht und endlich, endlich kann ich leuchten!

„Mach das aus, ich habe Migräne!“, das Menschenmädchen mault schon wieder, ich spüre den Luftzug, viel zu schnell, viel zu stark. Mein Docht, ein glühendes Stück löst sich. Oh nein! Ich versuche ihn festzuklammern, doch er entgleitet mir und…

„Nein! Verdammt, die Decke! Die Decke brennt!“

Mein Untergrund bewegt sich, über mir sehe ich das wutverzerrte Gesicht der Menschenfrau. Das Mädchen ruft „Tut mir leid, tut mir wirklich leid!“

„Ich habe keine Lust mehr! Immer macht ihr alles kaputt, dann eben keine Kerzen!“

Oh nein, ich hoffe, dass wir einfach nur wieder in den Schrank gestellt werden, ich hoffe, das heißt nicht, was ich denke. Immernoch bewegt sich der Untergrund, mir wird schwindelig und ich weiß nicht mehr, ob ich überhaupt noch in der Küche bin. Dann höre ich ein Geräusch, ein Ächzen und Klacken, als würde etwas geöffnet…

„Aber wir sind noch nicht mal ausgebrannt!“, ruft einer meiner Brüder, doch es gibt kein Erbarmen. Ich erhasche einen letzten Blick auf den Tisch, das hässliche dunkle Fleck mitten in der weißen Decke. ´Es war meine Schuld!`, denke ich und dann falle ich in die Dunkelheit.

1

Notizbücher – eine Liebeserklärung

Nein, es ist kein Klischee: Autor*innen lieben Notizbücher! Sie haben viele davon. Sie benutzen sie. Auch wenn sie nicht mehr mit Schreibmaschine schreiben, mit einem Stift schreiben Autor*innen immer noch regelmäßig. Das gilt zumindest für die, die wir persönlich kennen.

Zwei Liebeserklärungen:

30.06.2019: 35 Grad, die Sonne im Zenit. Kein Schatten weit und breit auf der Ludwigstraße in München. Die Straße und die Fassaden der Gebäude spiegeln die Hitze wider und erhöhen die Temperatur um weitere 1-2 Grad. Die Helfer des Münchener Stadtlaufs verteilen verzweifelt die Getränke, zwingen sie Teilnehmer*innen und Zuschauer*innen geradezu auf. Die  Sanitäter arbeiten im Akkord. An mehreren Stellen der Strecke hat die Feuerwehr Wasserwände aufgebaut, Zuschauer*innen benetzen die Läufer*innen mit Wasserspritzpistolen. Inmitten dieser Hölle warte ich auf meinen Einsatz. Zu erkennen an dem extra Rucksack auf dem Rücken, leer bis auf Stift und Notizbuch. Ich schaffte es nicht, den Lauf ohne meinen wichtigsten Begleiter, mein Notizbuch, anzutreten. Ich könnte es ja brauchen…!

2020: Der Lockdown war gerade erst beschlossene Sache, die Geschäfte alle geschlossen, Homeoffice das neue Normal.
Da ruft mich eine Freundin aus Köln an.
„Hallo Carmen, ich bin in München, ich werde den Lockdown hier in der alten Heimat verbringen. Aaaaber ich habe mein Arbeitsnotizheft vergessen und du hast doch immer einen Vorrat…“
Ich war „empört“ über diese Unterstellung des überflüssigen Konsums meinerseits und habe sie natürlich eingeladen, sich eines auszusuchen.

Am Tag vor dem Lockdown war ich losgezogen, um meine persönlichen Hamsterkäufe zu erledigen: Patronen für den Drucker, Druckerpapier, Minen für meinen Lieblingsstift und – natürlich – Notizbücher. Meine Horrorvorstellung war, dass mir eines dieser Dinge ausgehen würde, bevor die Läden wieder öffneten.

Ich kann das Haus kaum verlassen, ohne dieses Büchlein voller Möglichkeiten. Ideen, To-Do-Listen, Reise-Anekdoten, Kurztexte, Buchpassagen, Beobachtungen im Museum, die Organisation meines Romans. Das Notizbuch übernimmt alles, was meinen Kopf überfüllt, ordnet es und gibt dem Wirrwarr eine Form, ein Aussehen, eine Realität. Man kann abhaken, durchstreichen, korrigieren, einkreisen, Lesezeichen setzen, Seitenzahlen notieren, zeichnen, umrahmen, Geschichten schreiben. 

Mein ältestes Notizbuch startete ich mit 14 und schrieb den letzten Eintrag mit 25. Neun Jahre zusammengefasst in einzelnen Zitate, ganzenTextpassagen, Zeitungsartikeln, Postkarten, Fotos, einem Liebesgedicht an meine damalige Schulclique, einem Liebesgedicht an den Einen, dem Datum meines ersten Kusses. Wie sehr sich meine Beobachtungen und die Bewertungen in diesen 9 Jahren veränderten! Wie krass sich meine Schrift veränderte. Und weniger offensichtlich: was ich alles NICHT notiert habe! Am Anfang waren es Zitate von Greenpeace und Winnetou. Am Ende ganze Textpassagen aus Simon Singhs „Fermats letzter Satz“. 

Meine Notizbücher sind mein persönlicher Schatz. Die vielen leeren Seiten, die noch da stehen, sind Versprechen der Zukunft an mich. Ich kann es kaum erwarten, sie zu füllen.

 

Die Sache mit Blanko

Ein leeres Blatt legt nichts fest. Ich kann mich frei darauf bewegen, mal hierhin, mal dorthin, schnuppern, schauen, probieren. Geht es an einer Ecke nicht voran, nehme ich eine andere, breite mich dort aus, weiter und weiter bis nichts mehr da ist zum Entdecken. Ein leeres Blatt ist endlich, irgendwann ist alles vollgekritzelt. Es ist ein Bild entstanden, eine Geschichte und dann: Umblättern, ein neues leeres Blatt! Aber wie ist das mit den Ideen? Sie brauchen Platz zum Entfalten, und es ist tückisch, das leere Blatt, ich darf nicht zu schnell sein. Denn ein leeres Blatt ist nicht mehr leer, wenn ich es beschreibe, es kann zerstört werden, verunreinigt, mit nur einem Strich. Ziehe ich Linien darauf oder Kästchen bekommt es eine Form, Regularien und dann? Müssen die Ideen in Schubladen passen: Eingeengt, platt, langweilig – leer?

Mein Speicher, mein Ideenspeicher ist leer, eine Wüste, ein Nichts, das leere Blatt gähnt mir entgegen, zwei Leeren aufeinander. Oh, sieh doch, ein Strich! Daraus könnte ein Wort entstehen, ein Baum, ein Tier, ein Irgendwas. Und schon hat es Geschichte.

1

Schreibübung – der auktoriale Erzähler

von Carmen

Übung 1

Vorgabe:
Einen Text schreiben mit einer auktorialen Erzählsituation, der Auskunft gibt über eine Person, die sich in einem Park aufhält und dort etwas ungewöhnliches tut.
Zeit 25 Minuten

Fragen:
Was will diese Person?
Wie geht es ihr?
Was tut sie?

Da saß Claudia nun auf ihrer Picknickdecke, völlig allein und bis auf die Haut durchnässt. Mit verbissenem Blick konzentrierte sie sich auf die blaue Luftballon-Schlange in ihren Händen, die aufgrund dieses wolkenbruchartigen Regens ganz sicher niemals aufgepumpt werden würde.

Es war eine Verzweiflungstat gewesen, als Claudia mit Picknickdecke, Luftpumpe und einer Tüte Luftballon-Schlangen aufgebrochen war, um – wie sie sagte – im Park ein paar Kindern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern nach dieser dunklen Zeit des Zuhause-Herumsitzens. In Wahrheit ging es ihr natürlich nicht darum, die Kinder glücklich zu machen. Nein, sie brauchte das Lachen der Kinder, um ihre eigene Einsamkeit, die sie in den eigenen vier Wänden fast in den Wahnsinn getrieben hatte, für einen kurzen Moment vergessen zu können. Die schwarz gefärbten Wolken, unheilschwanger über den Park wachend, ignorierte sie. Was sie nicht sah, war nicht da. Die Logik einer Fünfjährigen, die wir alle kennen und aus der wir alle irgendwann herauswachsen.

Aber Claudia lief auf dem Zahnfleisch, sie brauchte etwas Normalität, jetzt!, sofort!, und flüchtete sich in die wohltuenden, einfachen, kindlichen Denkweisen, die bei uns Erwachsenen so selten funktionieren.
Und so finden wir Claudia auf der Picknickdecke im Park, sich mit letzter Kraft an der naiven Logik festhaltend. Einen Regen, den sie ignorierte, würde gleich aufhören. Die Kinder würden kommen und begeistert Luftballon-Hunde, -Mäuse, Häschen und -Blumen verlangen. Sie würden entzückt kreischen, wenn sie ein Tierchen ergattern konnten und gleich ein weiteres verlangen, lügen und behaupten, es sei fürs Geschwisterchen zuhause obwohl sie es selbst behalten wollten und Claudia würde die Luftballons gar nicht so schnell aufpumpen oder drehen können. Einige würden im Eifer des Gefechts platzen, die Kinder würden erschrecken und dann wieder lachen.
Aber es sollte nicht so sein. Es regnete noch bis spät in die Nacht an jenem Tag. Claudia blieb stark und versuchte ganze 45 Minuten, diese erste blaue Luftballon-Schlange aufzupumpen, doch dann gab sie doch nach und irgendwann mischte sich der Regen mit Claudias Tränen.

Übung 2

Vorgabe:
Den Text aus Übung 1 umschreiben in einer anderen Variante der
auktorialen Erzählsituation.

Gewählte Situation: Der ausschweifende Erzähler

Da saß Claudia nun auf ihrer Picknickdecke, der rot karrierten, die sie sich damals an einem helleren, besseren Tag in diesem kleinen bunten Laden mit der klingelnden Tür in der Schillerstraße gekauft hatte, direkt gegenüber der Wohnung ihres Freundes Max, der nun ihr Ex-Freund war. Immer mal wieder wollte sie zurückgehen in diesen Laden und hat es doch nicht getan, so wie sie grundsätzlich kaum vor die Tür ging, weil sie ja dann hätte ihm begegnen können. Dabei war Max doch schon seit mehreren Monaten umgezogen.
Doch Claudia hatte sich abgekapselt und die gemeinsamen Freunde ausgeschlossen, die Max kannten und an Max erinnerten. Sie hatte Geburtstage und Grillparties verpasst, nichts mitbekommen von Ollis Unfall, der in der Folge seinen Job bei der Rückversicherung aufgegeben hatte und Hausmann geworden war.
Dabei hätte ein Anruf genügt. Wusstest du schon? Hast du gehört? Der Max, wart ihr nicht mal zusammen?
Was natürlich alle wussten und wo alle nur so taten, als ob sie es nicht wüssten, um der Tatsache keine Relevanz zu verleihen.

Da saß Claudia nun in ihrer selbst verschuldeten Einsamkeit auf ihrer Picknickdecke, auf der sich tiefe Pfützen bildeten, und konzentrierte sich auf die blaue Luftballonschlange. Sie hatte blau immer gemocht, blau wie die karibische See, blau wie der perfekte Himmel, nicht so wie heute, wo er so eine nebelverhangene, regentriefende graue Unfarbe trug, die Claudia an Maxens Augen erinnerte, trüb und traurig. Das hatte seinen Augen immer diese Tiefe gegeben, wie sie fand. In Wahrheit hatte Max hellbraune Augen gehabt und vielleicht war die Erinnerung an die falsche Farbe genauso wie der Fakt, dass Claudia trotz Liebeskummer und Starkregen mit der blauen Luftballonschlange im Park saß, ein erstes Zeichen dafür, dass sie auf einem guten Weg war.
Auch wenn sie es an diesem und an den folgenden Tagen nicht schaffte, aus dem Luftballon einen Elefanten zu drehen und am Abend wieder einmal weinend einschlief, so betrat sie doch am Ende der Woche den kleinen Laden mit der klingelnden Tür in der Schillerstraße, wo sie Yves begegnete, einem  ewigen Studenten mit blauen – wirklich blauen – Augen, der sich dort als Verkäufer etwas dazuverdiente, um sich das Ticket für das dreitägige Mittelalterfestival im Sommer leisten zu können. Dieses Mittelalterfestival, auf das ihn Claudia begleiten sollte. Aber das, meine Lieben, wird eine andere Geschichte.

 

2

Ein Jahr Schneekirschen oder „Schreiben tut man nicht allein“

„Ich profitiere enorm vom Feedback meiner Mitstreiterinnen, die mich konstruktiv auf schiefe Vergleiche, überflüssige Worte oder Handlungslücken aufmerksam machen und mich immer motivieren, am Ball zu bleiben.“

Carmen


Die Schneekirschen sind eine Gruppe von 6 Autorinnen und Autoren aus München, darunter die beiden Autorinnen von MittendrinBlog.
Getroffen haben wir uns in (fast) kompletter Besetzung vor etwa einem Jahr in einem Kurs der Münchener Volkshochschule. Den Kurs fanden wir alle super, was vor allem an den großartigen Mitteilnehmer*innen und deren Feedback lag. So haben wir beschlossen, auch nach Kursende uns weiterhin regelmäßig zu treffen und unsere Texte zu besprechen.

Heute vor einem Jahr, am 5. Juli 2019, fand unser Gründungstreffen statt, in der Lobby dieser einen Hotelkette mit dem türkisen „m“.

Seit dem ist viel passiert bei uns, z.B. waren wir im Radio! Und wir haben diesen Blog gegründet – Zeit für eine kleine Reflektion!

„…ich kann mich nicht mehr einfach allein in eine Ecke verkriechen und die Ungerechtigkeit anprangern, einer brotlosen Tätigkeit mit Leidenschaft verfallen zu sein. Dann kriechen die anderen einfach hinterher und ziehen mich raus.“

Jana
Freitag, 19.06.2020

C: Jana, ich habe gerade im Kalender gesehen, dass wir vor knapp einem Jahr das Gründungstreffen der Schneekirschen hatten. Das wäre doch was für den Blog?

J (denkt sich): Mmh…

C: Es könnte ja jede von uns etwas darüber schreiben, warum die Schneekirschen wichtig für sie sind.

J: Mag schon sein, aber mal ehrlich: Ist es so toll, eine Schneekirsche zu sein? Ständig ist man gefordert, sich mit seinen eigenen literarischen Ergüssen und denen der anderen auseinanderzusetzen. Man hat eine Plattform, auf der man mit sehr netten und konstruktiven Mitstreiter*innen seine Texte er-, be- und überarbeitet und ja, ja, ihr seid alle nett und super konstruktiv, aber denk doch mal an meine dunklen Schubladen, die sich jetzt verraten fühlen, denn bisher waren sie diejenigen, die meine Texte lesen durften!

C (denkt sich): ???

C: Aber ist nicht gerade das wahnsinnig wichtig? Unser Hobby ist nun mal per se durch Einsamkeit gekennzeichnet. Man muss sich selbst motivieren, stundenlang mit seinen Texten alleine zu sein. Deine Freunde verstehen doch auch nicht, was du da tust oder warum. Und keiner von denen versteht es, wie stolz man über einen besonders gelungenen Abschnitt, einen Vergleich, eine Wendung sein kann, wie viel Arbeit hinter der Aneinanderreihung von drei bis vier Wörtern steckt.

J: Aber dieses ganze Gerede übers Schreiben. Wie man Charaktere entwickelt, wo es beim eigenen Text gerade hakt, wie schwer oder leicht es gerade fällt, sich zu motivieren. Mir geht das auf die Nerven! Ständig bekommt man Tipps und Unterstützung und manchmal sogar einen Schubs – ich kann mich nicht mehr einfach allein in eine Ecke verkriechen und die Ungerechtigkeit anprangern, einer brotlosen Tätigkeit mit Leidenschaft verfallen zu sein. Dann kriecht ihr einfach hinterher und zieht mich raus.

C (denkt sich): 😉

C: Ich profitiere auch enorm von eurem Feedback, wie ihr mich konstruktiv auf schiefe Vergleiche, überflüssige Worte oder Handlungslücken aufmerksam macht. Unsere Challenges zeigen mir Grenzen, die ich zum Teil überwunden habe oder noch überwinden will. Da gab es diesen einen Erotik-Text, der bei mir immer noch offen ist und zu dem ich mich immer noch nicht überwinden konnte.
Außerdem genieße ich die Texte der anderen Schneekirschen sehr. Texte, die so anders sind als meine – es ist, als hätte ich ein Gratis-Hörbuchabo abgeschlossen hinter dem sich so viele Geschichten unterschiedlichster Genres verstecken.

In der Serie "Castle" ist die Freundschaft unter Autoren gar nicht so unrealistisch dargestellt: Man sitzt abends zusammen, trinkt etwas und ratscht. Bei Castle wird meist Poker gespielt, wir lesen uns gegenseitig unsere Texte vor und sprechen darüber. Eine Bereicherung, die Zuhause im stillen Kämmerlein vor dem PC niemals gegeben ist. 

J: Ich liebe eure Texte auch sehr! Und ab und zu reden wir ja auch über Wein

C: Und nicht zu vergessen: Ohne die Schneekirschen hätten wir beide nie festgestellt, dass wir einen Blog gründen wollen und uns nicht zusammengetan.

J: Das ist sowieso das Schlimmste! Nicht nur habe ich jetzt eine Reihe talentierter Autor*innen kennengelernt, ich habe auch noch enge Freundschaften geknüpft! Ich werde euch nie wieder los! Und – verdammt – das ist so großartig! Ich habe mich noch nie so sehr als Autorin und Schreiberin gefühlt, so angenommen und so aufgehoben, aber auch so gefordert. Ja, ist schon geil.

C: Nie wieder los trifft es, gerade jetzt zu Corona-Zeiten. Während bei so vielen, die unverhoffte Freizeit die Kreativität überschäumen ließ, war bei mir die Luft nach und nach einfach raus, ein tiefes, schwarzes Kreativitätsloch. Doch die regelmäßigen Skype-Treffen mit euch helfen mir, am Ball zu bleiben. Den Anschluss nicht zu verlieren. Es immer wieder neu zu versuchen, bis wieder etwas aus den Fingern aufs Papier fließt, was sich Geschichte nennen darf.

Also, Jana, wie schaut’s aus? Machen wir jetzt diesen Beitrag über die Schneekirschen?

Nenn` mich Verena
von der Gattung der Schneekirschen.
Bekannt dafür zu unterstützen,
zu motivieren,
zu inspirieren.
Ich bin glücklich darüber, eine Schneekirsche zu sein!

Verena

Neugierig auf die Geschichten der anderen Schneekirschen? Unter diesem Link findet ihr alle Texte unsere Schneekirschen-Gastautorinnen! Lest los!

Und warum jetzt eigentlich Schneekirschen?

Im Laufe der Zeit entwickelten wir eigene Schreib-Challenges – unter anderem die Wörter-Challenge, wo eines Tages auch das Wort „SchneekNirschen“ genannt wurde. Dieses wunderbare Geräusch von frischem Schnee unter den warmen Schneestiefeln. Spannenderweise hatte gleich mehrere Teilnehmer*innen ihre Brille nicht auf beim Durchlesen der Wörterliste und so wurde die Challenge von einigen mit dem Wort „Schneekirschen“ gelöst.

Für die Nicht-Botaniker unter uns: Die Schneekirsche (auch Winterkirsche oder Prunus subhirtella ‚Autumnalis‘) ist ein japanischer Zierkirschenbaum, der – wie der Name schon verrät – im Winter blüht. Natürlich werden wir immer behaupten, dass wir unsere Namensgeberin gewählt haben, weil der Baum Blütenpracht an dunklen Novembertagen bringt und dieses Bild einfach wunderschön ist. Aber tatsächlich fiel die Challenge und die Namenssuche auf den gleichen Tag und – ja, wir hätten schlechter wählen können.

3

Morgens während Corona (1)

von Jana, Lesezeit < 10 Min.

Erinnert Ihr Euch an den Text „Morgens vor Corona“? Das ist quasi die Fortsetzung. Morgens, kurz nach dem Lockdown…

#stayathome #staysafe #sofasrettenleben – und sie? Steht an der Bushaltestelle, Dienstag morgen, 7 Uhr, Wind und Nieselregen. #staythefuckathome, schön wär‘s! Brot backen lernen und Gesichtsmasken stricken, Bücher schreiben, Bücher lesen, einen Six-Pack antrainieren – oder doch eher trinken. Erstmal einen zum trinken haben, aber im Moment ist in den Supermarkt gehen ja ein Spießrutenlauf. Thefuckathome! Fuck.

Die Haltestelle ist leer. Die ganze Straße ist leer, seit dem Wochenende Ausgangsbeschränkungen. Allein, allein, angemessen um die Zeit, denn mal ehrlich: Niemand sollte morgens um sieben an irgendeiner Bushaltestelle im Regen warten müssen, Corona hin oder her und trotzdem völlig verkehrte Welt. Wo kommen wir hin, wenn wir nirgendwo mehr hingehen können? Muss sie froh sein, kein Brotbacken lernen zu müssen, weil sie noch arbeiten kann? Oder Angst haben, weil sie sich dadurch nicht völlig isoliert? Und wieso eigentlich backen, haben die Leute nichts anderes zu Hause zu tun? Genaugenommen hat sie nach 124 StarTrek-Folgen wahrscheinlich tausende Leben vom Sofa aus gerettet, aber da war das eben noch nicht cool. Jetzt wohl auch nicht. Mehl soll ja auch ausverkauft sein… können die tatsächlich alle backen, so richtig? Sie ist ja schon von Dr. Oetker überfordert.

Der Bus ist leer. Leer! Ein Bus für sie ganz allein, vor Schreck vergisst sie, sich zu setzen. Der Bereich zum Fahrer mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, wie auf einer Baustelle. Das ganze Leben eine Baustelle, gerade, alles im Umbruch, neu, nichts funktioniert, die Pausetaste gedrückt, sorry, under construction, come back later, aber die Arbeit läuft irgendwie normal weiter, einstempeln, ausstempeln war nie bekloppter als jetzt, wo doch alle die Luft anhalten, als würden sie das locker länger als fünf Minuten schaffen. Tage, Wochen, Monate in einem seltsamen Vakuum verschluckt, während die Tretmühlen weiter mahlen. So schräg.

Sie setzt sich doch, noch jemand steigt ein, schaut zu ihr, dann erinnert er sich, geht an das andere Ende des Busses. Alles neu, sich gegenseitig begrüßen neu lernen, wegducken ist der neue Handschlag. Sie will aussteigen und der Ärmel der Jacke ist zu kurz, passt nicht über ihren Daumen, doch sie kann die Taste ja nicht mit bloßem Finger berühren. Hat sie etwas angefasst? Alles, den Sitz, die Stange, vergessen und nun alles kontaminiert, herzlichen Glückwunsch, das hat sie super hinbekommen! Aber nun steht sie unter Beobachtung, der zweite Fahrgast mustert sie, die Hand unter dem Stoff ist nicht genug, die Taste leuchtet nicht rot, ihr Wunsch auszusteigen kommt nicht an. Doch der Busfahrer hat Mitleid und öffnet trotzdem die Tür.

Auf den letzten Metern trifft sie doch noch zwei Menschen, einzeln, nicht zusammen, aufgeklappter Mantelkragen, tief ins Gesicht gezogene Mütze, abgewandte Gesichter. Flüchtige im eigenen Viertel. Isoliert und herausgefallen aus der Ordnung, so wie alle jetzt. Wo gehören wir hin, wenn wir uns alle voneinander entfernen müssen? Sie hat sich noch nie so allein gefühlt. Verloren im eigenen Leben.

Die nächsten sechs Stunden beantwortet sie Fragen. Zu Corona, was sonst? Das ganze Spektrum der Verunsicherungen und Verschwörungstheorien, der Vernunftbegabten und Vollidioten, am Ende klingeln ihre Ohren. Nie wieder Corona, nie wieder. Doch es ist ja nur ein Steinwurf, ein Klick, ein Jingle, ein Blick entfernt.

Zu Fuß nach Hause, Abstand bekommen. Wieder die seltsamen dunklen abgewandten Gestalten. Als wäre eine Seuche über die Welt hereingebrochen und hätte alles Leben ausgelöscht. Scheiße, genau das ist ja passiert. So ähnlich jedenfalls. Wie soll sie sich wegträumen, wenn die Fantasie längst die Wirklichkeit ist? Nach Hause, schlafen, die Decke über den Kopf ziehen. Aufwachen und in weit entfernte Galaxien reisen. Hoffen. Vielleicht ist morgen die Welt eine andere. #Stayathome. #Sofasrettenleben?

#HaltetdieWeltanichwillaussteigen.

Mittlerweile ist eine kleine Reihe entstanden, den nächsten Teil findet ihr hier.

Ein letzter Brief an einen Freund

Dieser Brief ist am 6. Juli 2018 entstanden.
Ich poste ihn heute, um an einen besonderen Menschen zu erinnern, seinetwillen.
Und um mich an ihn zu erinnern, meinetwillen.


von Carmen

Das erste, was ich tun wollte, war zum Telefon greifen und dich anrufen. Deine Stimme hören, hören, dass es dir gut geht. Dass du irgendetwas sagst, vielleicht verwirrt, dass ich überhaupt anrufe. Denn telefoniert haben wir bis heute nie. Ein paar Sprachnachrichten, ein paar Whatsapps, Facebook, stundenlang gechattet im Spiel „Die Siedler“. Anonym, unerkannt, Nightmare und die Zarin.

Wir haben davon geschrieben, einander zu besuchen. Ich war unverbindlich, doch du wolltest unbedingt herkommen. Ich hab dir geschrieben, ich wohne im 5. Stock, du sitzt im Rollstuhl, hier gibt es keinen Lift, wie sollte das gehen. Heimlich war ich erleichtert, die Bekanntschaft war dazu verurteilt, künstlich zu bleiben, nur im Netz weiterzuexistieren. Damit kann ich umgehen. Reale Menschen, die Nähe zu mir suchen, verbindlich sind, überfordern mich. Stoße ich weg. So habe ich auch dich weggestoßen: einen großartigen Chatpartner, lustig, immer hilfsbereit im Onlinespiel.
Wenn du schriebst, dass es dir schlecht ginge, dass du Kopfschmerzen hast, dass du wieder einmal krank bist, dass du nicht schlafen kannst, übermüdet bist, habe ich es abgetan. Es war eine ewige Jammerei, der ich auch online nur begrenzt zuhören wollte. Du kannst dich nicht länger konzentrieren, du lagst monatelang im Koma. Und ich habe vergessen, warum. Ich habe tatsächlich vergessen, warum du im Koma lagst. Ich habe es vergessen. Wie konnte ich nur? Wie konnte mir das so egal sein? Dabei wusste ich, du warst einer der seltenen Fälle, wo ich mir – ohne es zuzugeben – tatsächlich sicher war, dass du ein guter Mensch bist. Was auch immer das ist, aber du warst ein guter Mensch. Herzensgüte klang aus allen deinen Chats heraus. Ja, manchmal lästertest du auch ganz gern, aber du nahmst dich selbst nie aus, nahmst dich selten zu ernst.

Du hast mir von einer Frau erzählt, die du getroffen hast. Du bist extra stundenlang zum Weihnachtsmarkt gegangen, um an ihrem Stand Glühwein zu bestellen, sie zu sehen, mit ihr zu reden und zu lachen. Rastalocken hatte sie, darauf stehst du, sagtest du. Kurios, dachte ich. Du warst jemand, der gegenüber seinen Freunden und Menschen, die er mochte, selbstlos auftrat. Opfer einging, Unangenehmes auf sich nahm. Du wärst auch hier die fünf Stockwerke Altbau hochgestiegen, irgendwie. Wenn das der Freundschaft zuträglich gewesen wäre, hättest du versucht, das hinzubekommen, es irgendwie zu organisieren.
Ich daneben tat viel zu groß, viel zu wichtig, überheblich. Dazu tendiere ich, wenn die Person neben mir sich so klein macht, wie du es tatest. Beide waren wir unsichere Menschen, die diese Unsicherheit unterschiedlich kanalisierten.
Du auf offene Weise.

Als ich mit dem Spiel aufhörte, brach der Kontakt ab. Du hast dich nochmals gemeldet und geschrieben, dass es dir egal sei, ob ich spielte oder nicht, Hauptsache wir blieben in Kontakt. Taten wir nicht. Ich meldete mich nicht mehr. Warum auch, was hätte ich denn auch sagen können. Was hat jemand wie ich denn zu sagen? Nur – das weiß ich – ist das die falsche Frage. Freunde hören zu.

Am 22. Juni 2018 bist du gestorben. Im Urlaub in Tunesien, morgens nicht mehr aufgewacht. Hast du gelitten? Hattest du Schmerzen? Ist das jetzt noch relevant? Hast du dich einsam gefühlt?
Einen Tag später stand es auf Facebook. Ich habe die Nachricht deiner Schwester gelesen und sofort war klar, dass etwas fehlt. Das Gefühl war sofort, unmittelbar und überwältigend. Etwas Selbstverständliches fehlt. Was für ein riesengroßer, irreparabler Irrtum dieses Gefühl der Selbstverständlichkeit doch ist.
Ich habe die Nachricht gelesen und wollte zum Telefon greifen, dich anrufen. Dich fragen, ob es stimmt. Hören, dass sich da jemand einen wirklich makaberen, schmerzhaften Scherz erlaubt. Ich las die Nachricht wieder und wieder. Denn das kann doch nicht sein. Am 31. Juli hättest du deinen 31. Geburtstag gefeiert. So jung stirbt man nicht. Das tut man einfach nicht.
Erst die Beileidsbekundungen unter dem Post brachten mich dazu, es zu glauben.
ES
Deinen Tod als gegeben hinzunehmen. Dem Drang, zum Telefon zu greifen, nicht nachzugeben.

Lieber Daniel, heute, zwei Wochen später, schaffe ich es endlich, zu weinen. Genau zwei Wochen, nachdem du eingeschlafen bist, ohne jemals wieder aufzuwachen.
Leb wohl, mein Freund.


Warum Schreiben?

Wir beide, Jana und Carmen, haben sehr unterschiedliche Wege hinter uns, die uns zu diesem Punkt gebracht haben, an dem wir nun stehen.
Der Punkt, an dem wir beide beschlossen haben, dass wir schreiben wollen, zusammen einen Blog führen wollen.
Einfach unten auf den jeweiligen Namen klicken und wir erzählen Dir unsere Geschichte. Und wir würden uns freuen, wenn Du uns einen Kommentar hinterlässt.

Meine erste abgeschlossene Kurzgeschichte entstand im Studium während einer sehr langweiligen Vorlesung und befindet sich hier auf diesem Blog (Die Traumkönigin). Es geht dabei um einen Mann, der Träume für etwas Schädliches hält und dies mit seinem Leben bezahlt. Während des Schreibens waren die Worte beinahe von selbst aus mir heraus auf das Papier geflossen. Zu Schreiben hatte sich so richtig angefühlt, dass ich wusste: Das ist es, was ich für den Rest meines Lebens tun will. Das Dumme war nur: Mein Studium ging dem Ende zu, mein folgender Job war klar, neue Stadt, neues Leben, alles war fix: Es passte so gar nicht, jetzt umzudrehen.
 
Hätte ich das nicht vorher wissen können? Vielleicht. Ich war ein fantasievolles Kind, lebte meist in meiner eigenen Welt, konnte mich Stunden mit einem Topf und einem Küchentuch beschäftigen und mir dazu immer neue Geschichten ausdenken.
Ich habe bis heute eine Dauerkarte fürs Kopfkino.
 
Ich erinnere mich auch an viele Schreibversuche, halbfertige Geschichten so etwa ab der 5. Klasse. Später habe ich eigene Songs geschrieben, ein paar Gedichte und sogar ein Puppentheaterstück.
Aber dass ich schreiben kann, also so richtig, so quasi ein Buch, das hatte ich schlicht nicht auf dem Schirm. Überhaupt frage ich mich heute, wie ich als professionelle Leseratte nicht auf die Idee kommen konnte, beruflich mal was mit Büchern zu machen. Und so stand ich plötzlich zwischen allen Stühlen und mir wurde klar: Es wird dich zerreißen.
 
Die langweilige Vorlesung ist 14 Jahre her. Was ist in diesen Jahren passiert?
 
Am Anfang stand eine kurze „Dann schreib ich jetzt halt schnell einen Roman.“-Phase, die leider nirgendwo hinführte. Dann kam die Leugnung, die sich alle paar Jahre wiederholte und mich zielsicher in die Depression brachte. Dazwischen eine längere Phase als Fanfiktion-Autorin, in der
ich meinen Stil entwickelt und viel handwerklich ausprobiert habe. Dabei sind immer wieder auch eigene Werke entstanden. Parallel brauchte ich einige Versuche, um mein Broterwerbsleben und mein Schreibleben in eine für mich passende Co-Existenz zu bringen.
 
Anfang letzten Jahres fasste ich dann den Entschluss, es ernsthaft anzugehen, das mit dem Autorin werden. Ich habe Schreibkurse besucht, mir Mitstreiter*innen zum regelmäßigen Austausch gesucht, zwischenzeitlich den ersten Entwurf meines ersten Romans beendet, so viel geschrieben, wie noch nie zuvor in meinem Leben… ja… es läuft.
 
Immer mal wieder übermannen mich Zweifel (lies hier), aber ich fürchte nicht mehr, die Traumkönigin könnte mich aus ihrem Spiegel wischen.

Gelesen habe ich gefühlt schon immer. Anfangs mit Hilfe dieser RiRaRutsch-Kinderbücher von Margarete Rettich, in denen viele Wörter mit Bildern ersetzt worden sind, so dass Mama oder Papa den Text und ich die Bilder „lesen“ durfte. Langsam aber sicher habe ich so gelernt, wie viele Wörter zwischen den Bildern stehen, welche das sind und – oha – auf einmal konnte Klein-Carmen selbst lesen. Damit war der Schritt zum Schreiben nicht mehr weit und bereits im Kindergarten schrieb ich eigene Geschichten von „böhsen Risen“ im „Walt“. Rechtschreibung sollte niemanden abhalten. 😉 
(Vielleicht erkennt ihr hier die Inspiration für die „Lilly schreibt ein Buch„-Reihe).

Als Kind wollte ich immer Autorin werden. Neben Clown, Tierärztin, Dompteurin (von weißen Tigern und Geparden) und Tierfilmerin. Autorin war definitiv unter den ersten 10 Optionen für den späteren Beruf. Dann kam das Gymnasium, ich konnte mich mit einigen Texten in der Klasse profilieren, aber die Kinderträume rutschten in eine staubige, selten besuchte Ecke im Hinterkopf. Dann kam die Uni, das Studium, die fremde Stadt und ich vergaß.

Bis meine Mitbewohnerin mich überzeugte, doch einen Theaterworkshop mit ihr zu besuchen, da gäbe es auch Clown-Kurse. Oh, ich war angefixt. Die Erinnerung an Kinderträume erwachte langsam. Ein Lichtstreifen fiel auf die staubige Ecke im Hinterkopf.
Und ihr müsst euch die Gänsehaut vorstellen, als ich erfuhr, dass es auf diesem Theaterworkshop nicht nur einen Clown-Kurs gibt, sondern auch einen Schreibkurs!
Es fing langsam wieder an. Ein Schreibkurs im November pro Jahr, während des Jahres ein paar vernachlässigbare Schreibübungen, aber die Freude auf den November war allgegenwärtig.
Ich war noch nie die Schnellste. Es hat zwei oder drei Jahre gebraucht, bis ich auf die Idee kam – warum eigentlich auf November warten? Ernsthaft warum?

Als ich keine Antwort auf diese Frage fand, suchte ich mir Schreibkurse in meiner Stadt, ging hin … kam auf Ideen, neue Idee, wunderbare Ideen, die aufgeschrieben werden mussten. Ich traf Jana und die anderen Mitglieder unserer Schreibgruppe „Die Schneekirschen“. 
Ich erinnere mich, wie wir als Einzelpersonen in diesem Kurs saßen, gefühlt alle etwas scheu, unsere Texte vorzulesen, die doch ein Teil von uns sind. Sich gefühlt schutzlos diesen fremden Menschen zu überlassen. Mich gefühlt schutzlos Euch zu überlassen.

Aber so ist das nicht. Ja, die Texte sind immer zu 100% ich. Zu 100% die Version, dich zu diesem einen Zeitpunkt sein will. Ich wurde stärker und selbstbewusster während des letzten Jahres. Ich konnte so viele Versionen meiner selbst ausleben und habe so viele Versionen meiner selbst in der Pipeline, die ausgelebt werden wollen. Und mit den Schneekirschen und Jana habe ich Menschen, die das akzeptieren, respektieren und mir kontruktiv mitteilen, wo die Technik verbessert werden kann, die Aussagekraft klarer gestaltet werden kann …Aber ich weiche vom Thema ab, die Schneekirschen sind eine andere Geschichte.

Wie bin ich also zum Schreiben gekommen? Die Kurzfassung: Durch das Lesen der Gute-Nacht-Geschichten mit meinen Eltern.
Die lange Fassung: Keine Ahnung. Schicksal? Der Wunsch, mich auszuleben? Ein Theaterworkshop an der tschechischen Grenze? Kluge, fantasievolle Mitstreiter*innen?

Ich denke, die ehrlichste Antwort lautet: Wegen der Gänsehaut.

Einer von Carmens ersten Texten aus dem Schreibkurs des Theater-Workshops. Klick aufs Bild, um zur Geschichte zu kommen.
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orange blossom

von Jana, Lesezeit < 5 Min.

Nick drosch mit dem Sechser-Eisen auf den Ball ein. Er flog irgendwo in die Büsche, Ben achtete nicht darauf. Er bemerkte aber die Erdklumpen, die sich dank Nicks Gewalt aus dem Rasen gelöst und ein Stück lang den Ball begleitet hatten bevor sie zu Boden gefallen waren. Er hob eines davon auf. Ein bisschen Erde und Gras, das sich seltsam, geradezu gummiartig anfühlte. Er roch daran, doch es war falsch. Keine Erinnerung an weiche Halme unter nacken Füßen, heiße Sommer, Insektenzirpen, süße Eiscreme und klebrige Finger. Selbst das Gras hier roch nach Gier und leeren Träumen.

„Was jetzt?“, fragte Nick. „Schlägst du noch oder willst du lieber Gärtner werden?“

„Warum nicht beides?“, erwiderte Ben.

Er zerbröselte die falsche Erde mit seinen Fingern. Eduardo hatte ihm alles über Böden beigebracht. Woran man erkannte, dass sie fruchtbar waren, wie man sie wässern musste, wann man den Boden lockern und wann man ihn in Ruhe lassen musste. Eduardo wusste alles über Böden und den Regen und die Sonne und ihren ewigen Tanz miteinander. Ménage à trois.

Plötzlich hatte er den unverwechselbaren Duft von Orangen in der Nase und jemand rief seinen Namen.

„Was ist denn jetzt? Machen wir weiter?!“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich muss nach Hause.“

Wie dieser Text entstanden ist? Mir fehlte zuletzt die Inspiration. Ich saß vor dem leeren Blatt, es starrte zurück, wir wurden uns nicht einig… schließlich hatte ich eine Idee. Ich habe mir ein Buch genommen, es irgendwo aufgeschlagen und einen Satz gelesen. Das ganze habe ich mit einem zweiten Buch wiederholt. Die zwei Sätze habe ich in meinem Kopf hin- und hergeschoben bis sie sich schließlich zu einer neuen Idee für einen Text geformt haben. Et voilà!

Andere Schreibinspirationen findet ihr hier. Schreib los!

Zweifeln…

Eine neue Kategorie und der erste Post lautet „Zweifeln“? Ist das eine gute Idee?

Ich zweifle immer mal wieder. Besonders an allem, was mit Schreiben zu tun hat. Was tust du da? Wie kommst du darauf, dich Autorin zu nennen? Nichts veröffentlicht, keiner will den Scheiß lesen! Du wirst es nie schaffen. Und dafür leistest du dir Teilzeit, munter der Altersarmut entgegen. Super! Du bist schlicht naiv und weltfremd. Gib auf, geh wieder voll arbeiten wie vernünftige Menschen und akzeptiere, dass das dein Leben ist!

Und dann? Dann erinnere ich mich daran, dass ich das schon versucht habe. Es hat nicht funktioniert. Ich war einfach nur unglücklich.

Eines meiner Lieblingszitate über das Schreiben stammt aus dem Buch „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker:

„Wie wird man eigentlich Schriftsteller, Harry?“

„Indem man nie aufgibt. Wissen Sie, Marcus, die Freiheit beziehungsweise das Streben nach Freiheit ist ein ewiger Kampf. Wir leben in einer Gesellschaft aus resignierten Büroangestellten, und um uns aus dieser misslichen Lage zu befreien, müssen wir gleichzeitig gegen uns selbst und gegen die ganze Welt ankämpfen. Wir müssen uns unsere Freiheit jeden Augenblick neu erkämpfen, aber das ist uns nicht wirklich bewusst. Ich jedenfalls werde nie klein beigeben.“

„Die Wahrheit über den Fall Harry Québert“ – Joël Dicker

Ich werde auch nicht klein beigeben. Also weitermachen, immer weitermachen!

Wie genau das Weitermachen aussieht, was Carmen und mich inspiriert, uns in Flow versetzt oder in die Tischplatte beißen lässt, all das erfahrt ihr in weiteren Posts auf dieser Seite. Wir hoffen, wir können euch ebenfalls inspirieren, niemals aufzugeben, egal, was ihr euch vorgenommen habt.

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