Geschichten. Überall und Jederzeit

Jahr: 2019

Agatha

von Carmen, Lesezeit < 5min

Agatha wurde in eine arme Familie geboren, die in einem ärmlichen Dorf lebte. Bis zur nächsten Stadt waren es mindestens sechs Stunden Autofahrt durch schmale Bergpässe, wenn es denn das Wetter überhaupt zuließ.

Agathas Familie schuftete rund um die Uhr auf ihrem kleinen Bauernhof und trotzdem reichte es oft nicht. Im Winter fror man, Kleidung wurde von der Mutter an die Tochter an die jüngere Schwester weitergereicht. Was Fremde als Schrott bezeichneten, wurde wiederverwertet, Dinge tausendmal repariert. Und weil man nichts hatte, gab man gerne und ohne Bedenken. Agatha wuchs in einer liebevollen Umgebung auf und spielte in jeder freien Minute mit den Nachbarskindern.
Die Mutter sagte oft: „Agatha, arbeite hart in deinem Leben. Sei fleißig. Dann wirst du es zu etwas bringen. Das ist dein Ticket raus aus diesem Dorf.“

Agatha nahm sich den Rat zu Herzen und klemmte sich hinter die Bücher. Die Grundschule beendete sie als Klassenbeste und durfte zu Verwandten in die Stadt ziehen und dort das Gymnasium besuchen. Auch hier war sie erfolgreich und gewann ein Stipendium der besten Universität des Landes, die sie summa cum laude abschloss. Doch seit ihrem Umzug zu den Verwandten in die Stadt sah Agatha die sie liebenden Eltern nur noch zu Weihnachten. Mit den Jahren fing Agatha an, das Dorf ihrer Kindheit zu hassen: Warum blieben die Eltern auf dem Hof, der doch nichts einbrachte außer Rückenschmerzen, rauen Händen und Geldsorgen? Warum musste sie es sich selbst so hart erarbeiten, hinaus in die Welt zu kommen? Wie konnten es sich ihre Eltern überhaupt erlauben, ihr so rein gar nichts bieten zu können? Die Eltern hatten es selbst so beschlossen und das, so Agathas Überzeugung, war ihr größter Fehler. Doch wie sture, stumpfsinnige Esel blieben die Eltern in diesem von Armut verseuchten Drecksloch.

Die Stimme ihrer Mutter klang jedoch weiterhin in Agathas Kopf, wie ein Motor, der sie antrieb: Sei fleißig, arbeite hart, sei fleißig, arbeite, arbeite, harte Arbeit, dein Ticket raus, dein Ticket, raus aus der Armut, raus aus dem Dorf, dein Ticket, arbeite.
Zurück – zurück wollte sie nie wieder.

Agatha nahm eine aussichtsreiche Stelle bei einer Bank an, arbeitete Tag und Nacht und häufte langsam aber stetig ein kleines Vermögen an. Aus den weihnachtlichen Besuchen wurden weihnachtliche Telefonate, doch auch die fielen irgendwann aus.
Die Freunde aus der Grundschulzeit ersetzt durch Studienfreunde, mit denen man feiern geht, ersetzt durch Kollegen und die dienstlichen Abendveranstaltungen.
Aus dem Studentenwohnheim wurde ein Appartement, wurde eine Maisonette-Wohnung, wurde ein kleines Anwesen am See mit eigenem Steg und leerem Gästehaus. Das Anwesen wurde von einem teuren Sicherheitsdienst überwacht, Kunstwerke hinter einbruchssicheren Vitrinen. Die Nachbarn unbekannt.
Die Spuren ihres alten Lebens verblassten zunehmend und wurden vom Schrott verschüttet.

Drachentöterin

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

„Papa, wenn ich groß bin, möchte ich Schwertkämpferin werden.“
Thomas sieht überrascht vom Tischdecken auf, hin zu dem großen Teppich in der Mitte des Wohnzimmers, der aktuell große Ähnlichkeit mit der Barbie-Produkte-Ausstellung im hiesigen Spielzeugladen hat. Zwischen Barbie-Haus, Barbie-Auto, diversen Puppen und Bergen von Barbie-Kleidern sitzt die sechsjährige Sara und verpasst Barbie Nr. 17 mit blauem Edding eine neue Haarfarbe. Alles normal eigentlich. Er wirft einen Blick auf die große Schwester, doch Kati grinst ihn nur breit an. Sie liegt auf dem Sofa und aus ihren Kopfhörern dringt Rockmusik, die verdächtig nach ACDC klingt. Er hat offensichtlich wenigstens bei einer von beiden etwas richtig gemacht.
„Aha“, stellt er neutral fest, „und wie kommst du darauf?“
„Wir haben heute im Kindergarten einen Film darüber gesehen.“
„Über Schwertkämpfer?“ Im letzten Film, der seiner Tochter gefallen hat, ging es noch um ein flauschiges Einhorn. Allerdings spielte auch ein Superschurke mit, wenn er sich richtig erinnert.

„Nein, nicht so richtig. Aber der Prinz hat die Prinzessin vor dem Drachen gerettet, weil er voll gut mit dem Schwert umgehen konnte. Ich will auch mit dem Schwert kämpfen und Prinzen retten können. Oder Prinzessinnen.“

Kati gibt ein schnaubendes Geräusch von sich, was ihre kleine Schwester huldvoll ignoriert.
„Aber hättest du keine Angst vor so einem großen Drachen?“, fragt Thomas und Sara legt den Edding zur Seite (offen natürlich, aber der Teppich ist anthrazitfarben, er ist seiner Mutter für immer dafür dankbar) und schüttelt vehement den Kopf.
„Nö, ich habe ja dann ein riesiges Schwert, da hat doch der Drache Angst vor mir.“

Kati nickt im Takt der Musik und grinst weiter vor sich hin.

Durch das angekippte Küchenfenster hört Thomas das Knirschen von Schnee. Luisa ist heimgekommen, lässt jedoch die Vordertür links liegen und schleicht sich am Haus vorbei zur Terrasse. Sie klopft an die große Scheibe der Terrassentür und als sie die Aufmerksamkeit von ihnen allen hat, zieht sie wilde Fratzen. Sara quiekt vor Freude und Kati verdreht die Augen. Luisa scheint damit völlig zufrieden. Sie winkt Thomas zu, er solle nach draußen kommen.
Er hat eigentlich keine Lust auf die Kälte, doch Luisa hüpft auf und ab, rudert weiter mit den Armen und er gibt auf. Er schlüpft in den Mantel und stapft in den Vorgarten.
In der Einfahrt steht ein Wagen, der nicht ihm gehört. Und auch nicht Luisa. Es ist auch nicht wirklich ein Auto, sondern eher ein kleiner Panzer. Die Scheinwerfer sind noch an. Das seltsame neue Licht, das Autos jetzt haben, taucht den niederrieselnden Schneeflockentanz in einen mystischen Silberschein.

„Was ist das?“, fragt Thomas. Luisa hüpft noch immer auf und ab.

„Mercedes, G-Klasse“, erklärt sie stolz und atemlos.

„Willst du in den Krieg ziehen?“

„Nein, aber wir wollten doch morgen in die Berge und es liegt doch Schnee und Matthias schuldete mir noch einen Gefallen. Er gehört das ganze Wochenende uns!“

„Aha.“

Luisa knufft ihn in den Arm. „Ach, komm schon, Thomas, sieh es als Geburtstagsgeschenk!“

„Ich habe im Juli Geburtstag.“ Außerdem besitzt er nicht mal einen Führerschein.

„Ich meine doch meinen!“

„Du hast im September.“

„Eben!“

Thomas schüttelt den Kopf. Er kann Luisas Faszination keinesfalls nachvollziehen, aber er wird ihr nicht den Spaß verderben.

„Sara will Drachen töten, wenn sie groß ist“, sagt er schließlich und Luisa strahlt ihn an.

„Unsere Tochter!“, verkündet sie stolz und dann fällt sie ihm um den Hals und küsst ihn. Es ertönt ein leises Piepen und die Scheinwerfer gehen aus.

Luisa nimmt seine Hand und sie gehen zurück zum Haus. Hinter der hohen Terrassentür, aus der warmes Licht in den Vorgarten fällt, erkennt Thomas Sara, die gerade mit Edding etwas auf die Scheibe malt, das einem Drachen verdammt ähnlich sieht.

´Vielleicht besteht doch noch Hoffnung für das arme Tier`, denkt er.

Übung: Geschichte, in der folgende Wörter vorkommen mussten:

Rockmusik, Silberschein, Schwertkämpfer, Schneeknirschen, Flockentanz, flauschig

Anne liebt Paul

von Jana, Lesezeit < 5 Min.

„Anne liebt Paul“ – so hatte es in verschnörkelten roten Buchstaben an der grau-gestrichenen Trennwand in der Mädchentoilette gestanden, zwischen anderen Sprüchen, manche klug, manche eklig und manche wenig kreativ wie „Mathe ist doof.“.

„Paul liebt Anne“ hatte auch jemand an die schmutzigen Fliesen in der Jungentoilette geschrieben in einer krakeligen Schrift, die aber ebenso wenig zuzuordnen war, wie die verschnörkelten Buchstaben, obwohl die ganze Schule rätselte, wer das Geheimnis ausgeplaudert hatte.

Das Geheimnis – oder war es nur ein Gerücht? Eine Erfindung?

Anne und Paul kannten sich schon ihr ganzes Leben lang. Sie wohnten in der gleichen Straße, nur zwei Häuser voneinander entfernt, ihre Eltern waren befreundet. Das führte zu Begegnungen, an die man sich nicht mal mehr halb so gern erinnerte, wenn man erst in der Pubertät war.

Paul hatte Anne in den geblümten Kleidchen gesehen, in die ihre Mutter sie früher gezwängt hatte. Anne wusste, dass Paul Stützräder an seinem Fahrrad hatte bis er sechs Jahre alt gewesen war – ein Jahr länger als sie selbst. Natürlich hatten beide auch gemeinsam Kirschen im Nachbargarten geklaut. Doch diese Verbundenheit hielt nicht mehr an, wenn man dreizehn wurde und es plötzlich cool war, Mädchen blöd oder Jungs kindisch zu finden.

„Anne liebt Paul“ – Anne fand, dass Paul großartig war, wenn er ihrer Nachbarin, der alten Frau Schneider, die Einkäufe nach Hause trug – doch er würde sie umbringen, wenn sie das jemandem erzählte.

„Paul liebt Anne“ – Paul fand, dass Anne am hübschesten aussah, wenn sie mit verstrubbelten Haaren und ungeschminkt ihrer Mutter bei der Gartenarbeit half – doch sie würde ihn für immer hassen, wenn sie wüsste, dass er sie so gesehen hatte.

„Anne liebt Paul“, „Paul liebt Anne“ – beide hätten sich eher die Zunge abgebissen als zuzugeben, dass in diesen Schmierereien vielleicht ein ganz kleiner Funken Wahrheit steckte.

 

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Versprechen

von Jana, Lesezeit < 5 Min.

Als sie klein war, hielt Tom jedes seiner Versprechen: Dass keine Monster in der Dunkelheit unter ihrem Bett waren. Dass nichts passieren würde, wenn sie sich traute mit dem Fahrrad den Berg hinunterzufahren. Dass er seine Schokolade mit ihr teilte, wenn sie die Schuld für die kaputte Blumenvase auf sich nahm.

(Ihre Mutter hätte Tom sonst Hausarrest gegeben und er hätte nicht mit ins Fußballcamp fahren können. Bei ihr bedeutete Hausarrest, dass sie sich in Ruhe unter ihrer Bettdecke verstecken und ein Buch lesen konnte. Ihre Mutter hatte den Trick erst später verstanden.)

Als sie älter wurde, begann Tom jedes seiner Versprechen zu brechen: Dass er nach der Schule mit ihr spielen würde. Dass sie mit ihm und seinen Freunden mit zum See fahren konnte. Dass er in der nächsten Woche den Müll für sie raustrüge, wenn sie heute seinen Abwasch übernahm.

Als sie erwachsen war, machte Tom Versprechen, die er nicht halten konnte: Dass er ihre Eltern beruhigen würde, als das mit dem Studium nicht klappte. Dass er sie beschützte, falls ihr jemand würde wehtun wollen. Dass er den Kerl umbringen würde, als er die blauen Flecken an ihren Armen bemerkte.

Doch als sie 35 war, brach Tom das wichtigste Versprechen von allen: Dass er immer für sie da sein würde.

Sie wusste, er hatte das nicht gewollt. Es war der Lastwagenfahrer gewesen, der ungebremst bei Rot in die Kreuzung gerast war.

Und sie dachte an all die Versprechen, gehalten oder nicht, und fragte sich, warum es dieses eine war, dessen Bruch sie ihm nicht verzeihen konnte.

 

Faltenbalg-Land

von Jana, Lesezeit ca. 5 Min.

Sie ist müde, so müde. Sie hat Mühe, den Kopf gerade zu halten und ihre Tasche hängt wie ein Sack Zement an ihrem Arm, dabei hat sie diesmal gar nicht die „komplette Ausrüstung für die drohende Apokalypse“ dabei, wie Ben sie immer aufzieht. Eigentlich ist die Tasche fast leer, bis auf ihre Geldbörse, aber da ist nicht annähernd genug drin, dass es dieses Gewicht erklären würde. Der Banküberfall ist erst für nächste Woche geplant. Wenn nicht noch etwas dazwischen kommt. Es kommt immer etwas dazwischen.

Sie überlegt, sich zu setzen. Ein Platz am Fenster ist frei und er wirkt so einladend, obwohl sie ihren potentiellen Sitznachbarn bis zu Tür riecht und die Sitzfläche ein Farbmuster aufweist, als hätte sich schon mal jemand darauf übergeben. Noch bevor sie die Möglichkeit einer Pause für ihre schmerzenden Füße gegen die Befürchtung abwägt, bis zur Endhaltestelle durchzufahren, weil sie im Sitzen definitiv einschlafen wird – Gestank hin oder her – drängt eine Gruppe junger Männer an ihr vorbei und postiert sich so ungünstig in dem wenigen Raum, dass sie den Sitz nicht einmal mehr sehen kann. Sie zieht sich an die Seite zurück, zum Faltenbalg im Gelenk der Tram und lehnt sich dagegen, während sie interessiert das Schild liest, dass man das nicht tun sollte.

Warum eigentlich nicht?, fragt sie sich. Was soll schon passieren? Tramreisende von Faltenbalg verschluckt! Junge Frau wurde auf der Fahrt nach Norden in einer Kurve in die Falten des Gummischlauchs gezogen. Mitreisende versuchten noch, sie zu fassen, konnten jedoch nur ihre Handtasche retten. Der Schultergurt der Tasche hat den Rettungsversuch nicht überlebt, was bedauerlich ist, da es sich um eine abgewetzte, aber doch echte rote Burberry-Tasche handelt. Erzählt sie von besseren Zeiten im Leben der Frau? Ihr Inhalt kann diese Frage nicht beantworten. Auch nicht, ob die Frau mit Absicht die Hinweise übersehen und sich in die Gefahr gebracht hat, in den unbekannten Ebenen hinter dem Faltenbalg zu verschwinden. Wollte sie ihrem Leben entfliehen? Was könnte sie dazu bewogen haben?

Von der jungen Frau fehlt weiterhin jede Spur. Nur ihr Freund erhielt kürzlich eine Postkarte, die besagte, es ginge ihr gut. Ab und an wirke ihr neues Zuhause sehr gedrängt, während die Tage sich ungewohnt in die Länge ziehen können.

„Ich muss hier raus!“, brüllt jemand in ihr Ohr.

Ich schon an der Haltestelle davor, stellt sie zerknirrscht fest, doch wenigstens bahnt ihr der unhöfliche Mann einen Weg durch die Menge nach draußen.

Sie hat fast eine halbe Stunde Weg vor sich und gerade jetzt melden sich ihre schmerzenden Füße zurück. Im Faltenbalg-Land hätte sie es leichter. Da müsste sie einfach nur warten, bis sich alles wieder zusammenschiebt und schon wäre sie da. Kein Wunder, dass man davor warnt. Einmal in Faltenbalg-Land würde sie wohl nie wieder zurückwollen.

Ich bin die Hässlichkeit

von Carmen, Lesezeit ca. 5 Min.

Tu mir den Gefallen und denke spontan an etwas Hässliches…

Jetzt würde mich natürlich interessieren, was dir eingefallen ist.
Ist es etwas essbares, wie ein schleimiger, bräunlich-stinkender Spinatbrei?
Ist es eine Person, eine alte Hexe mit krummem Buckel, Höckernase, langen, knochigen Fingern, einer furchtbar schrillen Stimme, bei der dir die Haare zu Berge stehen und einem dermaßen irren Blick, dass du erleichtert bist, ihr niemals außerhalb eines Märchens zu begegnen?
Ist es eine Müllhalde, ein Plattenbau, das Armenviertel von Neu Delhi?
Oder ist es ein Gegenstand? Dieser eine kotzgrüne Rock mit der leuchtend rosa Schleife oder dieser Pulli, bei dem man sich fragen muss, ob dem Designer die Nähmaschine ausgerutscht ist.
Oder vielleicht hast du auch nur an Donald Trump gedacht. Ihn habe ich wirklich ganz besonders gesegnet.

Denn ich bin die Hässlichkeit. Ich bin vieles und viele sind ich.

Häufig denkt man, ich sei abstoßend, widerwärtig. Hassenswert sogar – daher kommt mein Name: Hässlichkeit – hassenswert…
Dabei bin das nicht ich, sondern mein Job. Mein Job ist es, dich zu warnen. Ich bin multilingual, international, global.
Du siehst eine Müllhalde – krankheitserregend, Vergiftungsgefahr, Verletzungsmöglichkeiten. Ich sage dir in jeder Sprache, die du verstehst: Geh weiter! Hier ist es gefährlich!
Eine Betonwüste in der Vorstadt: Geh weiter! Hier wirst du unterfordert und zu Tode gelangweilt dahinvegetieren.
Donald Trump: Renn!

Aber du wirst nicht laufen. Die Menschen laufen selten wenn sie mich sehen. Du bleibst stehen und starrst. Du widersetzt dich meinem Gebot. Ich stoße dich ab und du kommst näher, bleibst stehen, mitten auf der Autobahn. Ich schreie, laut und überdeutlich: „Geh weg, hier ist der Tod! Gefahr! Hopphopp! Schleich dich!“ Du versuchst, ein Selfie mit dem Unfallopfer zu schießen.
„Sooo ein hässlicher Unfall“, wirst du später genussvoll erzählen, „und dieses ganze Blut!“

Das ist das frustrierende. Meine Aufgabe ist es, dich zu warnen. Dir zu zeigen, wo es nicht sicher ist, weil Krankheit, Tod, soziale Ausgrenzung oder andere – nun ja hässliche – Dinge dich erwarten. Deine Aufgabe scheint es zu sein, dich gerade dann fasziniert nähern zu wollen.

Das liegt vielleicht an einem Geheimnis, das kaum jemand von mir kennt. Oder wusstest du, dass ich ein Zwillingskind bin? Meine Schwester ist die Schönheit, fast alles, was wir tun, tun wir gemeinsam. Sie ist meine größte Inspiration. Häufig ahmen wir uns sogar gegenseitig nach, ihre Ideale mache ich mir dann zu Eigen. Dann werden sie langweilig und abstoßend. Würdest du heute noch eine weiß gepuderte Perücke tragen wollen?
Gleichzeitig musst du dich mir nur oft genug widersetzen, bis dir etwas so vertraut vorkommt, dass ich nicht mehr wirke. Dann hat sie zugeschlagen. Wenn du jeden Tag mit diesem einen lieben Menschen redest, dass du nach einer Weile die ganzen schiefen Zähne, die seine Zahnlücken unterbrechen, überhaupt nicht mehr wahrnimmst. „Innere Schönheit“ argumentierst du dann.
Wie wahrscheinlich alle Geschwister streiten wir auch ab und an. Wenn dann so richtig die Fetzen fliegen, ist es ein Fall von Hassliebe. Für dich bedeutet das: Du kannst nicht mit. Du kannst nicht ohne.

Schlussendlich ist das Paradoxe an mir, dass ich, so sehr ich mich auch anstrenge, dich nie wirklich abstoßen kann.
Ich interessiere dich, ich bewege dich. Ich bin das Prickeln auf deiner Kopfhaut und das Jucken an deiner Oberlippe, wenn du dir vor Ekel die Nase rümpfen musst. Ich bin die Hexe, ohne die ‚Hänsel und Gretel‘ niemals zu Weltruhm gekommen wären. Ich bin der Frosch in jedem König. Ich bin das Streben in dir, dich zu verbessern. Ich bin der Wunsch, weg von diesem Ort. Was wäre der Ehrgeiz ohne mich? Wüsstest du, von was du träumen solltest, wäre nicht ich?
Ich bin der Motor der Welt.

Denn ich bin die Hässlichkeit. Ich bin Alles. Und Alle sind ich.

Eine Schreibübung zur Personifikation abstrakter Begriffe

Knoten

Ja, da war ich ein klein wenig erkältet, als ich diesen Text eingelesen habe. 😉

von Carmen, Lesezeit <5 Min.

Sie stoppte außer Atem, hockte sich hin und band sich die Schnürsenkel neu.

Knoten sind schon faszinierend. So ein einfacher Knoten mit zwei Schleifen kann jedes Kind. Naja, vielleicht nicht jedes Kind und … naja, vielleicht hat jetzt auch nicht jedes Kind die gleiche Technik wie ich, aber hey, so einfach und der Schuh hält. Tie the knot, sagt man das nicht so? Also im Englischen? Für Heiraten. Zusammenbinden, festbinden, zusammen, was zusammen gehört. Symbolisch jetzt, nicht in echt. Nur gespielt. Fesselspiele? Zusammen, was zusammen gehört, zusammen. Wären sie nun ohne Knoten getrennt? Kein Knoten, keine Heirat, unverheiratet, auseinander, nicht zusammen, auseinander, getrennt? Braucht es den Knoten, die Fessel, den Bund, die Schleifen? Ohne kann ich nicht laufen, Schuh offen, Schnürsenkel am Boden, Stolpergefahr. Ein Paar Schnürsenkel, ein Paar, das Paar ohne Knoten, Stolpergefahr, Achtung! Zubinden, zusammen, was zusammen gehört. Stolpere nicht über das Paar, liebes Paar. Jedes Kind kennt einen Knoten, sah schon offene Knoten, im Kindergarten lernt man Knoten. Seemänner kennen Knoten, leicht zu lösende, schwierige, komplizierte Knoten. Auf der ganzen Welt gibt es Knoten, alle kennen Knoten, alle kennen Knoten, alle. Kinder lernen keine Seemannsknoten im Kindergarten. Sie würden sich verknoten, verlieren, zu kompliziert. Fesselspiele im Kindergarten?
Denk doch nicht sowas! Hörst du wohl auf!

Augenrollend stand sie auf, sprang zweimal auf der Stelle und setzte ihre Joggingrunde fort.

Eine Übung zum Bewusstseinsstrom

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